Schüttelfrost und großes Kino

Nie wieder will ich hören, Schreiben sei keine Arbeit! Nach zwei Stunden reiner Schreibzeit habe ich Schüttelfrost, schrecklichen Hunger und bin völlig erschöpft. Angefangen hatte es wohl damit, dass mich Tschaikowsky heute Nacht höchstpersönlich durch eine Stadt mit riesigen klassizistischen Bauten und einem breiten Fluss führte (Schuld hat Klaus Mann als Bettlektüre: "Symphonie pathétique"). Vorausgegangen war dann ein Wald- und Wiesenlauf, bei dem ich ausnahmsweise nicht auf Vogelsang lauschte, sondern auf Gustav Mahlers Symphonie Nr. 5 (mit Guiseppe Sinopoli als Dirigent, zum Sterben schön) und die Musik Zbigniews Preisners (Soundtrack zum "Doppelten Leben der Weronika", zum Sterben schön).

Zuhause eplodierte ich förmlich: eine Eingebung, fieberhafte Suche nach einem Gemälde, einem Zitat, dann Entwurf von ganz großem Kino. Ein Russe aus Paris inszeniert am Lido von Venedig die letzte Szene seines ganz persönlichen Kultbuchs, Thomas Manns "Tod in Venedig", erinnert sich am Strand ans Leben und die große Liebe, die ein französischer Maler auf immer festgehalten hat - in Kirschrot. Er inszeniert nicht nur sich als Aschenbach, sondern weiß, dass er sterben wird - in eben jenem Hotel am Lido.

Ein anderer Russe weilt derweil in Deutschland oder Frankreich, früher einmal hat er für den am Lido gearbeitet und im nächsten Jahr wird auch er Venedig besuchen. Immer wieder träumt er von Inszenierungen, obwohl er eigentlich malt. Und er schreibt ein Libretto für das Vergehen vom Rot in den Tod...
Originaltext 1926:
"Das Rot ermattet. ... Das ganze Bild dreht sich wie ein Rad - in Geschwindigkeit zunehmend. Peitschenknalle werden hörbar. Immer lauter, schneller. Die Farben und die Laute rasen wild. Ein Schuss. Alles wird dunkel und still."

Für den Russen am Lido zerfällt sein Liebesbild in Kirschrot, er stirbt an unbehandeltem Diabetes. Die Farben und die Laute rasen wie wild. Alles wird dunkel und still.

Scharfer Schnitt, Pathos-Ende. Der Rückblick auf die Faszination einer Epoche zwischen Paris und Petersburg, München und Moskau, Berlin und Wien beginnt.
Und ein neues Genre von Sachbuch, das sich wahrscheinlich einbildet, ein Film zu sein, zu tanzen und zu komponieren.

Derweil tritt die Autorin ab, köchelt sich einen doppelten (dreifachen?) Espresso und versucht, mit dessen süßer, bitterer Schwärze vom geballten Sterben herunterzukommen (das Adagietto von Mahler MUSS aber noch einmal dröhnen). Ich hab ganz vergessen zu sagen, dass sich der Mann am Lido auch noch leibhaftig an Tschaikowsky erinnert...

Ich schwöre, dass ich Klaus Mann morgen in die Bibliothek zurückbringen und heute abend besser Donald Duck lesen werde. Jeden Tag hält man solches Schreiben nicht aus. Falls man nichts mehr von mir hört, habe ich mich in der russischen Bibliothek einschließen lassen. Was haben wir eigentlich für ein Jahr?

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