Es geht auch ohne!

Angefangen hat alles in einer der angeblich schwersten Sprachen der Welt als dwutygodnik.com - jetzt ist, wie das bunte Cover verheißt, das Kleine schon ein Jahr alt und sollte seinen Schnuller ausspucken. Das hat es auch erfolgreich gemacht, finde ich: Dwutygodnik heißt jetzt Biweekly und erscheint auf Englisch, online. Ich möchte es allen ans Herz legen, die sich für Kunst und Kultur interessieren und die einen neuen frischen Blick auf die Welt schätzen. Der entsteht und wächst in Polen und mit polnischen Bezügen, aber keinesfalls in Nabelschau wie so viele andere Zeitschriften dieser Art anderswo in der Welt. Hier reibt man sich an der Welt, vergleicht, schaut über den Tellerrand und den Gartenzaun - und das tut der übrigen Welt gut, wenn sie sich da endlich mitreiben kann.

Die hellen Köpfe, die sich zweimal die Woche über Literatur, Theater, Film, Kunst, Musik und vieles andere Kulturelle auslassen, sind alles andere als Hobbyisten. Neben diesem Onlineprojekt arbeiten die Redakteurinnen und Redakteure für renommierte Zeitungen und Zeitschriften wie Elle, Tygodnik Powszechny, Gazeta Wyborcza, Polityka oder sie arbeiten fürs Fernsehen, als Operndirektor, Verleger, Philosophin, Buchautoren, Seefahrerin, Anthropologe, Filmkritiker oder Schauspielerin. Kurzum: Eine Mischung von Menschen, die man sofort bei sich zuhause für spannende Diskussionen um einen Tisch versammeln möchte.

Und warum machen sie sich die Arbeit für Kunst und Kultur und schaffen diesen "link with culture"? Die Antwort klingt verblüffend einfach:
"Culture is essential, because one can live without it. - Kultur ist lebensnotwendig, weil man ohne sie leben kann."
So frisch, ironisch und querdenkend sind viele Texte in Biweekly.

Ich finde, man kann von den polnischen Kolleginnen und Kollegen auch viel über den journalistischen und denkerischen Ansatz lernen. Da kommt z.B. Werner Herzog für eine Meisterklasse nach Warschau. Statt über das offizielle Gedöns mit all den Professionellen zu berichten, fragt Biweekly den großen Meister, was er all denen zu sagen hat, die nicht teilnehmen konnten und doch etwas von ihm mitnehmen wollen. Kann man wirklich ohne Script entwickeln? Was darf der Kameramann und welche Unterschiede gibt es zwischen Zelluloid und Digitalfilm? Was macht Werner Herzog anders?

"A as amateur" untersucht ein Kulturphänomen, das derzeit in Deutschland zu ablenkenden bis lähmenden Grabenkämpfen statt Kultur führt: die durch die neuen Massenmedien wie Internet wachsende Kultur der Amateure neben der von Profis gemachten. Der polnische Blick auf das internationale Phänomen liest sich weitaus leichtfüßiger und optimistischer, mit einem lächelnden Seitenblick auf die alten Amateure Einstein und Kafka. Und die Idee, dass Social Media jetzt vom Konsum endlich in die Kreation führen sollten, ist bestechend.

Einfach wunderschön zu lesen (wobei man vergisst, dass man gebildet wird) ist die Kolumne "Cocktail Arty" über die verrücktesten Partys der Kunstgeschichte. Diesmal ist die Fete dran, die als "Bankett für den Zöllner Rousseau" in die Geschichte einging, weil hier unter Picassos Anstiften Leute wie Marie Laurencin, Juan Gris, Fernande Olivier, Guillaume Apollinaire, Max Jacob oder Georges Braque ihre Gläser füllten. Heiß ging es her bei dieser Party zu Ehren von Henri Rousseau. Viele Darstellungen der Party habe ich bereits gelesen - diese ist die vergnüglichste - und irgendwann könnte man doch ein Partybuch... ?

Meine Empfehlung:
Biweekly - link with culture - die Kulturzeitschrift made in Poland
auch als RSS Feed zu abonnieren, bei Facebook und Twitter zu finden.

Dankenswerterweise entdeckt durch das deutschsprachige Polenmagazin - beide in meiner Rubrik "Statt Zeitung" als Dauerlink zu finden.

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