Lebenswege

Ich muss heute einen Lebenslauf verschicken. Ratlos sitze ich vor meinem Computer, auf dem mindestens zehn Dateien "Lebenslauf" gesammelt sind. Keine passt so richtig, ich werde den elften abfassen müssen. Ist das nicht ein wenig zuviel des Guten? Aber unlängst meinte eine französische Freundin, ich solle doch auf der Webseite endlich auch einen ordentlichen für französische Kunden abfassen. Was wir in Deutschland für wichtig halten, interessiere in Frankreich weniger, wo man sich außerdem knapp in Stichworten fasst. Und manches, was als Biografie in meinen Büchern abgedruckt sei, erscheine wie Apfelmus, so ganz ohne Qualifikationen und Meriten.

Kann ein einzelner Mensch so viele Leben haben, dass man Apfelmus daraus kochen könnte? Als Buchautor: ja. Verlage wie Leser interessieren sich allenfalls bei Sach- und Fachliteratur für Studienabschlüsse. Sonst ist eine andere Frage viel wichtiger: Was prädestiniert ausgerechnet diesen Autor dafür, dieses Buch zu schreiben? Warum soll er passender oder fähiger sein als ein anderer? Welche Persönlichkeit kaufe ich da ein?

Wer also immer die gleiche Art Bücher schreibt, ist fein heraus. Und wer kein allzu langweiliges und stromlinienfömiges Leben geführt hat, findet genug Stoff, um seinem Leben immer wieder einen neuen Schwerpunkt zu verleihen. Vor allem Versager und Berufsabbrecher sind im Vorteil. So kann man seinem Krimiselbst den Hilfsarbeiterjob als Kloputzer im Fünf-Sterne-Hotel zuordnen und für die Liebesromane das Praktikum in der Partnervermittlungsagentur aufblasen. Nicht dass beides gelogen sein müsste - es passt nur jeweils besonders gut zum Buch - aber in den seltensten Fällen fürs Arbeitsamt.

Mein zum Glück von mir getötetes "Alter Ego" Viola Beer hat mal in Archäologie gemacht. Nicht gelogen, denn immer, wenn mir die Theologie auf die Nerven fiel - und aus Interesse sowieso - ging ich bei den Archäologen fremd. Nur hatte ich diese Intermezzi längst vergessen, bis der Verlag auf mich zukam: "Finden Sie doch mal für die Viola was Schönes, was die Petra nicht hat." Also spaltet man sich auf, je älter, desto besser für die Materialfülle. Nur eines sollte man tunlichst vermeiden: die Floskel "Lebt mit Mann / Frau..." Auch in Zeiten der Verramschung sind Bücher oft langlebiger als Lieben.

Das reicht, könnte man meinen. - Beileibe nicht! Denn die Biografie, die ich für die Bewerbung beim Verlag schreibe, unterscheidet sich noch einmal heftig von der eher werberisch abgefassten im Buch. Eine Bewerbungsbiografie muss herausschreien: "Sieh, mein ganzes Leben hat zwangsläufig in diesem Buch münden müssen - kein anderer auf dieser Welt ist so prädestiniert für dieses Herzenswerk wie ich. Schau, mit welchen feinen Sächelchen du nachher bei der Presse angeben kannst! Du kannst dieses Buch nur von mir haben."

Natürlich ist es hilfreich, für ein Elsassbuch ins Elsass emigriert zu sein - und das kommt dann auch so heftig an, dass die Presse einen gleich zur eingeborenen Elsässerin macht. Die lesen ja bekanntlich nicht immer so genau hin. Und so wird aus einer Journalistin, die auch frei veröffentlicht, ganz schnell eine Publizistin, was ebenfalls ein verzeihlicher Flüchtigkeitsfehler ist, diese Berufsbezeichnung ist ja bekanntlich wie ein Schwamm. Irgendwann schwirrt mir selbst der Kopf und ich muss haarscharf nachdenken, wer ich nun eigentlich bin, in welchen Proportionen und Wertigkeiten. Vielleicht schreiben deshalb so viele Schriftsteller ihre Memoiren. Um sich selbst wieder mühsam zu rekonstruieren.

Aber bevor ich so weit bin, muss ich mich einem Aspekt meines Lebens widmen, der bisher nur wenige interessiert hat. Ich kann also wieder von vorne anfangen. Und jedes Mal schwöre ich mir von Neuem, endlich im Zeitalter der Datenverarbeitung einen ellenlangen Lebenslauf im Baukastenprinzip zu erstellen. Dann könnte ich meine Persönlichkeit durch Copy & Paste erschaffen. So viele Aspekte ruhen noch unbenutzt in der Kiste: der Studentenjob in der Siebdruckerei, der Hilfsarbeiterjob im Landschafts- und Gartenbau, die Episode als Zimmermädchen in Brenners Park Hotel... Vielleicht sollte ich endlich den Brummi-Führerschein machen? Das kommt gut bei moderner Belletristik. Und wie war das mit den Ballets Russes ... bin ich nicht als Vierjährige über den Hof getanzt und habe mir vorgestellt, ich sei Barbie?

Es ist nicht leicht, aus sich selbst ständig irgendwelche Wundertiere abzuspalten. Ich komme mir manchmal vor wie ein uralter bemooster Karpfen im Teich der tollen Hechte. Und das alles nur, weil die da draußen nach Delikatessen gieren. Weil sie sich lieber einen Professor als einen Doktor angeln, lieber eine "bekannt aus Film und Fernsehen" Rampensau als eine Debütantin aus einem Eifelkaff, lieber einen Brummifahrer Kellner Türsteher Karatemeister als einen Postangestellten.

Und wenn's nicht klappt, wie so oft? Dann blubbert der Karpfen traurig Luftblasen durch den Modder und strengt sein uraltes Hirn an, welche Gräte dem Adressaten wohl jetzt wieder im Hals stecken geblieben ist. War das konstruierte Leben vielleicht doch nicht so gut? Hat man zu viel mit seinem Moos auf dem Rücken angegeben oder zu wenig auf die Schwanzflosse geachtet? War womöglich der Adressat nur überfüttert an "Gefillte Fisch" oder hatte er Weihnachten einen Kater gehabt? Gar nicht so einfach, so ein passendes Leben. Also fangen wir an:

"Die Autorin entdeckte früh, dass sie eigentlich ein Karpfen war. Einer ihrer berühmten Vorfahren, in Tschechien bekannt aus Film und Fernsehen, lebte in der Badewanne einer Filmfamilie und überlebte den weihnachtlichen Kampf . Bei einem Aufenthalt im Karpfentümpel lernte die Autorin fließend karpfisch und machte bald perfekte Karpfenaugen. In letzter Sekunde entging sie dem Beil des Fischhändlers, landete in einem Biotop und schrieb ein Buch, das gegen jeden Fischgeruch anstinken konnte..."


Petri Heil!

Kommentare:

  1. Wieder mal ein wunderbarer Beitrag. Ich habe mich direkt wieder erkannt :-)

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  2. Es hat sich doch wieder gelohnt!

    Ich lungere hier eine ganze Nacht, einen ganzen Tag vor PvCs Bloghütte herum und warte, dass sie auf den Balkon tritt. Ich bin schon zwei Mal von der Gendarmerie angesprochen und beinahe vertrieben oder gar verhaftet worden. Ich konnte mit Müh und Not glaubhaft versichern, dass ich nichts Böses im Schilde führe,keine Worte, Werke oder Lebensläufe stehlen will. Denn auch den Gendarmen ist bekannt, dass bei PvC eine Unmenge solcher Schätze lagern - sie bewachen PvCs Haus besser als die Bibliothèque Humaniste. .

    Ich bin froh, dass ich weder Lebensläufe noch Memoiren einreichen muss, denn ich würde meine Biografie nicht rekonstruieren können / wollen. Nicht, weil ich zu viele Talente habe, die ich im Leben schon anwenden konnte, sondern weil ich einfach zu viele Fehler mache, gerade bei solchen Betrachtungen und Analysen des eigenen Lebens.

    Ich mache ja schon beim Lesen grobe Fehler:

    Bei dem Satz:Vor allem Versager und Berufsabbrecher sind im Vorteil. habe ich gelesen, ..Versager und Berufsverbrecher ... und war etwas entsetzt! Was hat Pvc mit Berufsverbrechern zu tun gehabt? Wurde sie mal entführt, oder musste schon Schutzgelder zahlen? In der Verlagsbranche gibt es doch nur redliche und ehrliche Menschen! Die kann sie damit nicht gemeint haben.

    Ich werde weiter das Ohr an die Wand legen - dann werde ich es sicher bald erfahren! ;)

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  3. Werter heinrich11,

    da haben Sie sich doch trefflich enttarnt mit Ihrer Verleserei und dem Berufsverbrecher. Oder Sie haben, getrieben durch Ihr Unterbewusstsein, das Rätsel gelöst, warum die ebenso werte PvC so trefflich kurzkrimimäßig Blutiges und Grausliches aus dem Bildschirm fließen lassen kann.

    Werteste PvC, gestehen Sie!!!

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  4. Werte Sabine,
    ich stelle mit Freud(e) fest, dass Sie mich durchschaut haben und bitte Sie sehr, mich nicht zu verraten. Ich wasche dann mit der anderen Hand Ihre Leiche im Keller ;)

    Gruß Heinrich

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  5. Heinrich,

    bei dem Gedanken, dass Sie einhändig Leichen in meinem Keller waschen, graut mir dann doch leicht plagiatorisch vor Ihnen! Ich hätte schon erwartet, dass Sie das beidhändig tun.

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  6. Es ist doch wirklich schrecklich, was sich aus so einem armen alten Karpfen entwickeln kann, der harmlos und sprechend in der Badewanne schwimmt (wie hieß nur dieser wunderbare tschechische Kinderfilm?)

    Ob ich schon mit Berufsverbrechern zu tun hatte? Weiß man das immer so genau?

    Zählen die beiden deutschen Zollbeamten am Frankfurter Flughafen vielleicht dazu, die meine amerikanisch-französischen Hunde aus Polen nur gegen Bakschisch in den Transit gehen ließen, weil angeblich die international genormte Transportbox innerhalb von vier Jahren plötzlich gegen deutsches Recht verstieß?

    Habe ich mich womöglich beim Besuch eines Dostojewskij-Abends im Baden-Badener Casino an Geldwäschegeschäften beschmutzt? Oder bin ich verdächtig, weil ich wieder in ein granatenverwüstetes Restaurant ging, in dem fortan der Weg zur Küche mit Kalaschnikoffs gesichert wurde?

    Weiß ich, wie viele Berufsverbrecher hier mitlesen? Weiß ich, ob dem Herrn Heinrich mit seiner Gendarmerie nicht vielleicht ein sehr Freud'scher Lapsus herausgerutscht ist?

    Ich weiß nur eins: Die schlimmsten Morde geschehen in der Küche. Und die Leichen von dort in den Keller zu schaffen, ist jedes Mal eine elende Sauerei, egal, wie viele Arme und Hände ihnen der Mörder gelassen hat. Da hilft auch kein Putzen mit Rieslingessenz.
    Aber ich war's nicht. Ein gewisser Andreas hat sich direkt wiedererkannt.

    Bon appetit, meine werten Leserinnen und Leser!

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  7. Pan Tau hieß die Serie. Der Karpfen war namenlos!

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  8. NATÜRLICH!!! Meine Kultserie als Kind!

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  9. Eben gefunden: Die Folge mit dem sprechenden Karpfen hieß "Pan Tau und die schöne Bescherung". Unvergesslich!

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