Im Namen der Kunst

Bei einer Freundin hängt Picassos gezeichnete Eule als Kunstdruck an der Wand. Natürlich bleiben die Kommentare nicht aus: "Das kann doch jeder, Kinderkrakel!" Drückt man dann demjenigen Stift und Papier in die Hand, ist es wohl doch nicht so einfach, diese "primitiven" Linien auch nur halbwegs zu kopieren. Der ertappte Kunstverächter brummelt dann: "Das ist doch nur Kunst, weil der so einen großen Namen hat!" Hoppla - war das nicht umgekehrt?

Viele Menschen glauben tatsächlich, Kunst finde nur unter großen Namen statt. Und deshalb werden fleißig Tempel dafür geweiht, wohin dann die Pilgerströme fließen, zu Mammutschauen und Namensschlachten. Auch der Kunstverächter, der Picassos Eule nicht kopieren kann, horcht ehrfürchtig auf, wenn aus dem städtischen Museum von Paris nicht nur ein Picasso gestohlen wurde, der Dieb erlangt bei ihm fast mehr Respekt als der Maler. Und dann überlegt er vielleicht: Hat man wegen der Krise am Personal gespart? An Alarmanlagen? Seine Kunsttempel will er nämlich behalten, der Bürger. Wegen der großen Namen. Und manchmal tragen sogar die Tempel selbst große Namen.

Aber wie ist das nun in der Krise, wo man allenthalben davon redet, Kunst und Kultur würden kaputt gespart? Warum tun denn die Künstler alle so, als ginge es ihnen schlechter? Sollen sich doch erst mal einen Namen schaffen? Drei Mal schauen wir auf Europa in all seinen Extremen, drei Mal auf den Umgang mit Kunst und Kultur in der "Krise":

Istanbul, Türkei

Europa endete einst am Bosporus, noch hat es die Türkei nicht in die Europäische Union geschafft, aber der Fall "Kulturhauptstadt Istanbul" beschäftigt jetzt sogar das europäische Parlament. Nicht etwa, weil das Label "Kulturhauptstadt" eine einmalige Chance zu Stadt- und Kulturentwicklung wäre und jede Menge westlicher Kunsttouristen erwartet werden.

Wenn Gelder von Politikern verteilt werden, sind Kunst und Kultur Aushängeschilder, Ausdrucksform von Offiziellen - das ist überall so. In Istanbul hat man aber schnell herausgefunden, welche Kunst man nicht mehr haben will: die Musik der Roma. Ein neuer Django Reinhart wird garantiert nicht aus der Türkei kommen, allenfalls von dort flüchten. Tausend Jahre sind die Roma in Istanbul ansässig, für Fahrende eine lange Zeit. Ihre Musik, ihre Musikkneipen haben Zeiten und den Ort geprägt, der selbst wie Musik klingt: Sulukule.

Jetzt werden sie vertrieben, im großen Stil. Bagger machen ihre Behausungen platt. Spekulanten und Politiker lassen Menschen enteignen. 3500 Menschen, welche die Mieten in den neuen Behausungen nicht werden bezahlen können. "Museumsstadt" nennt man das größenwahnsinnig, um nicht mit den Bestimmungen des Weltkulturerbes der UNESCO in Konflikt zu geraten. Das "osmanische Reich" soll in Puppenstubengröße wiedererstehen - als Villenviertel für die Superreichen. Auch so kann man Gelder für eine Kulturhauptstadt umwidmen, fantasiereich ist das schon. Aber wem oder was dient diese Kultur?

Sofia, Bulgarien

Wer Lewitscharoff gelesen hat, wird sich jetzt fragen: Wer fährt schon für Kunst und Kultur nach Bulgarien? Premierminister Borisow würde demjenigen eins pfeifen. Er hat nämlich erkannt, dass große und gut gemachte Museen Kulturtourismus fördern und ergo einem Staat Geld einbringen. Leider vergleicht er dabei seine Hauptstadt mit Florenz, träumt von teuren Eintrittsgeldern und Millionen kunstbegeisterter Ausländer.

Und deshalb soll das eigentlich arme Land Bulgarien jetzt mit Kunst klotzen, ein echter Louvre soll her und der wird, falls einmal fertig gestellt, immerhin ein Drittel vom Pariser Louvre ausmachen. 25 Millionen Euro soll das Prestigeobjekt kosten, in dem man alle bisherigen Museen zusammenfassen will. 15 Millionen will man selbst aufbringen - für den Rest hofft man auf Subventionen. Europa könnte ja etwas beisteuern.

Derweil sind nicht nur die archäologischen und kuturellen Schätze außerhalb der Hauptstadt in einem jämmerlichen Zustand, nicht zu reden vom Fehlen jeglicher Infrastruktur, die Reisende anlocken könnte. Sie sind womöglich in einem solch erbärmlichen Zustand, dass noch keiner auf die Idee kam, sie zu stehlen - selbst da bedient man sich in besseren Strukturen. Museumsleiter, Künstler, Restauratoren - sie alle klagen über ihre Arbeitsbedingungen, über die fehlenden Mittel für die Erhaltung. Und seit zwanzig Jahren hat man in Bulgarien keine Kunst mehr angekauft. Von im Lande lebenden Künstlern redet erst gar keiner - gibt es die überhaupt? Wie werden sie gefördert, wo stellen sie aus, welchen Austausch gibt es? Noch ist der bulgarische Louvre ein spinnerter Politikertraum, aber im Zeitalter der Subventionen weiß man ja nie. Aber wem oder was dient dieser Kunstüberbau wirklich?

Paris, Frankreich

Dass die Stadt trotz aller Abstriche in den letzten Jahren weltweit ein ganz großes Kunst- und Kulturmekka ist, bleibt unbestritten. Millionen strömen in die Museen und Galerien, Einheimische wie Touristen - und immer mal wieder Kunsträuber auf der Suche nach der Crème de la Crème. Und ausgerechnet in einer Zeit, in welcher Frankreichs Staatshaushalt am Boden röchelt, in welcher die Bürger Angst haben, vor dem was kommt - oder ob überhaupt noch etwas kommt, eröffnet der lächelnde Präsident ein zweites Centre Pompidou in Metz. Die Besucher strömen, die Presse jubelt, das Ausland ist beeindruckt.

Hoppla, Metz, wo liegt denn das? Es liegt in der tiefen Provinz für den Pariser, auf der Strecke zwischen Sarkozy und Merkel, mehr zu Merkel hin. Es liegt genau dort, wo Sarkozys neue Gesetze den Rotstift ansetzen uund wieder die Oberhoheit von Paris zusichern. Denn in all der staatlich verordneten Freude ging unter, dass die mühsam errungene Entscheidungsfreiheit der Regionen über Kunst und Kultur neuerdings wieder beschnitten wurde. Was wollen denn diese regionalen Politiker, Metz wurde doch so reich beschenkt!

Und da war noch etwas. Vor nicht allzu langer Zeit standen Touristen beim Pariser Centre Pompidou vor verschlossenen Türen. Tagelang. Das gesamte Personal hat nämlich gestreikt und nicht nur dort. Dabei ging es nicht um Lohnerhöhungen, sondern darum, dass es mit der neuen Gesetzgebung Kunst und Kultur ans Eingemachte geht, ans Personal, an die Arbeitsbedingungen. Noch in der Woche vor der Eröffnung des Centre Pompidou in Metz gingen Angestellte in Kunst und Kultur und Künstler gemeinsam im ganzen Land auf die Straße. Sie protestierten gegen die Erlasse der Regierung, die kommunalen und regionalen Kulturveranstaltungen und Kunstschaffenden die Luft abdrehen werden. Aber wer redet schon von Sparplänen, wenn ein neues Giganteum der Öffentlichkeit übergeben wird? Selbst das Feuilleton in Merkels Landen spart die Hintergründe zur Finanzierung verschämt aus. Wem oder was dient gigantische Kunst großer Namen, wenn man Kunst dort aushungert, wo sie entsteht?

Sind wir noch nicht arm genug für brodelnde, lebendige, widersprüchliche, sich ständig erneuernde Kunst und Kultur? Oder liegen wir nur gut in der Zeit, jetzt die großen Mausoleen für morgen zu schaffen?

Kommentare:

  1. Die Mausoleentheorie wird vermutlich stimmen.
    Es war doch ähnlich beim Pyramidenbau. Da wurde auch geklotzt und nicht gekleckert, oder bei vergoldeten U-Bahnstationen und Kirchen, oder ....

    Das muss ja nicht bedeuten, dass jeder Bürger und Kleinkünstler davon profitiert. Also alles wie immer!

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  2. Das würde bedeuten, dass wir wenigstens "eine schöne Leich" abgäben, über die man irgendwann Gruselfilme drehen kann. ;-)

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