Das schickt sich nicht

Ich habe als Kind oft Bücher von uralten Frauen geschenkt bekommen. Eins davon fiel mir kürzlich wieder in die Hände. Es ist eine dieser Mädchenerziehungsgeschichten aus der Zeit um 1870, als Frauen noch sittsam und still zu sein hatten und das Lesen von echter Literatur als gefährliche Krankheit im weiblichen Hirn galt. Die edle Spenderin lehrte mich damals, wie man perfekt Biedermeiersträuße bindet, um durch die Blume Botschaften zu übersenden - und ich liebte das Buch, weil es mich lehrte, wie man richtig Blumen trocknete. Aber es war auch urkomisch und fremdartig, weil dem kleinen Mädchen, vor allem wenn es neugierig und erfinderisch wurde, ständig ein seltsamer Satz gesagt wurde: "Das schickt sich nicht!"

Ich begriff schnell, was es bedeutete und dass ich in einer Zeit lebte, in der Frauen sich das Recht nahmen, dass sich endlich auch Unschickliches schickte. Irgendwann kamen Zeiten auf, da kam es dann nur noch auf Schickes an. Hülle vor Inhalt - wer konnte, gründete eine Frauenzeitschrift. Den Satz "das schickt sich nicht!" hörte ich zum Glück in meiner gesamten Laufbahn nicht. Wenn nicht diese Zeit gekommen wäre, in welcher der Schick umgekippt wäre und Männlein wie Weiblein sich plötzlich verhielten wie beschickert. Wie kopflose, fremdgesteuerte Voodoohühner rannte alles durcheinander. Und da war er plötzlich wieder, dieser Satz. Mitten im vermeintlichen Chaos, das ein kreatives hätte werden können, schrien sie plötzlich im Chor: "Das schickt sich nicht!"

Die Fallstricke der Sicherheitsbewahrer liegen seither überall herum. Es schickt sich nicht für Blogger, etwas über Journalismus zu sagen - und es schickt sich für Journalisten nicht, zu bloggen. Es schickt sich nicht, unerreichbar zu sein oder stolz echte Falten in die Kamera zu recken.  Es schickt sich nicht, gegen Trends angehen zu wollen und auch nicht, "das eigene Ding" durchzuziehen. Bald wird es sich nicht mehr schicken, einen eigenen Kopf zu haben. Aber in diesem Jahrhundert betrifft das nicht nur noch formbare Mädchen, sondern Alt und Jung, Mann und Frau.

Zufällig unterhielt ich mich gestern mit einem Kollegen über die Unschicklichkeiten, als etablierter Autor mit dem "Prüfsiegel" des "echten" Verlags womöglich selbst ein Buch basteln zu wollen. Es ist eine Gratwanderung zwischen der Affenschande von Müllproduktionen und der Ausrede: "Guckt mich doch an, ich bin doch echt!" Noch schickt es sich nicht.

Da fiel mir die Zeit mit jenem Mädchenbuch von 1870 wieder ein. Damals bastelte ich daumennagelgroße Büchlein mit Lesebändchen und prächtigen Einbänden und Seiten aus besonderem Papier. Um meine kleinen Sprüche hineinschreiben zu können, musste ich die feinste Feder falsch herum halten, damit der Schriftzug haarfein wurde. Ich glaube, ich habe jeden im Bekanntenkreis einmal mit einem solchen Büchlein beschenkt und wollte am liebsten eine Fabrik für schöne Minibücher aufmachen, wenn ich groß war. Und so überkam mich gestern wieder die Bastellust...

Aber die Arbeit rief. Ich übersetzte wieder fleißig, wie jeden Tag. In diesem Buch basteln sie auch gerade. Durchgeknallte Typen, die von sich selbst glauben, schreiben zu können; Farbenkleckser, Anarchisten, Lautmaler. Kurzum, das gesamte Pack, das bei den etablierten Zeitungen plötzlich ins Outsourcing gerät, weil es sich nicht anpassen will oder weil man Stellen streicht. Einige wagen sich anderswo in die Öffentlichkeit, werden ausgebuht, mit matschigen Dingen beworfen; manchmal kommt es zur Schlägerei zwischen Publikum und Ausstellendem und es fällt auch schon einmal ein Schuss.

So sehr sich diese Typen abrackern, die keiner will, so sehr vergeuden sie obendrein Zeit. Fast könnte man meinen, es wären die ersten Blogger gewesen, so schnell werden da Zeitungen und Zeitschriften gegründet und gehen wieder ein, weil die Leser fehlen. Oder weil die Leser die Zeitschrift nicht finden, wenn der Buchhandel sich mal wieder weigert, sie aufzunehmen. Einer von ihnen meldet sein Kleingewerbe ab, meldet sich arbeitslos und gründet die Zeitschrift von seiner Unterstützung. Er sammelt andere Hungerleider um sich, man bettelt, klaut und schreibt und malt und diskutiert bis zum Umfallen. Manche sind so auf Schreib- und Produktionsdroge, dass sie sich die verrücktesten Tricks einfallen lassen, um nicht zum Militär zu müssen.

Die selbstgemachten Blätter und Blättchen gehen oft so schnell ein, wie sie gegründet wurden. Manche Zeitschrift erscheint in einer einzigen Ausgabe. Manche "Schmierer" arbeiten gleich für mehrere Hobbyprodukte, doppelt genäht hält besser - und die Kreativität schäumt so, dass sie dringend unters Volk muss. Die ordentlichen Bürger lachen über den Billigkram oder verurteilen seine nichtkonformen Inhalte. Die etablierte Presse schreibt Schmähartikel und Pamphlete über die Hobbyisten mit den Möchtegernzeitungen. In scheinbar unbeobachteten Momenten greifen die Bürger jedoch mit spitzen Fingern zu und lesen heimlich - man will ja informiert sein, welch zersetzendes Geschreibsel von diesem Geschmeiss kommt, das schreibt und malt, ohne die Lizenz und das Prüfsiegel zu besitzen.

Heute werden die Originalausgaben dieser Blätter hoch gehandelt, vor allem, wenn sie nur eine geringe Auflage hatten. Die bitter armen Kerls, die sich das letzte Geld vom Mund abgespart hatten, um sich eine Werbeaktion für ihre Texte zu leisten, wären mehr als überrascht, würden sie den Auktionspreis für ihre damaligen Schandtaten erfahren. Mancher von ihnen hat es nie in einen "ordentlichen" Verlag geschafft. Mancher von ihnen ist an seinem Leiden für die Kunst, an elender Armut, Hungern und Frieren und Krankheit frühzeitig zugrunde gegangen. Alle haben den Satz "das schickt sich nicht" ein Leben lang gehört. Keiner hat sich darum geschert. Jetzt erst recht, haben sich viele gesagt.

Unwahrscheinlich viele von ihnen sind unsterblich geworden. Autoren wie Max Jacob, Apollinaire oder Tristan Tzara. Maler wie Henri Matisse, Modigliani oder Juan Gris. Sie haben in veräucherten Kneipen zusammen gesoffen, haben gemeinsam abstruse Zeitungen und Zeitschriften gebastelt und alles dafür getan, ans Publikum zu kommen. Auf "Das schickt sich nicht" haben sie gepfiffen, auf Sicherheit und die Stapel in der Buchhandlung auch. Sie haben für ihre Kunst auch schon mal die Faust eingesetzt und seltsame Netzwerke gebildet. Irgendwann soffen auch reiche Mäzene und Kunstbegeisterte mit. Und heute nennt man das die Avantgarde.

Was ich damit sagen will? Irgendwie liegt mir in unserer Zeit zu viel 1870 in der Luft. Irgendwie haben wir heute alle Möglichkeiten, in relativer sozialer Sicherheit schöpferisch tätig zu werden. Irgendwie haben wir alle Werkzeuge und technischen Möglichkeiten. Was aber tun wir? Sitzen in rauchfreien Kneipen oder im Internet, bilden uns ein, "social" in den "media" Netzwerke zu bilden - und dröhnen uns doch nur mit billigem Informationsfusel zu. Und wenn es uns dann trotzdem gelingt, den Kopf mit der Schere darin zu heben, murmeln wir unseren beschickerten Saufkumpanen zu: "Das schickt sich nicht!"

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