Kisten, Keller und Koffer

Es heißt immer, im Internet gäbe es keine Privatsphäre. Ehrlich gesagt: Wer Geheimnisse hat, sollte diese auch offline in keiner Form festhalten und schon gar nicht nach dem Ableben ausgerechnet von Schriftstellern entrümpeln lassen! Ich weiß nicht, ob es mir wirklich gut tut, persönliche Papiere derzeit nicht einfach in große Kisten zu werfen, sondern neugierig zu lesen. Wenn ich sie jedoch nicht anschauen würde, dann weiß ich, sie liegen da, müssten nur gelesen werden - und so bin ich erst recht nicht mehr ruhig. Ich bin wohl krankhaft neugierig. Text und Fotos ziehen mich einfach magisch an. "Berufsbedingte Deformation" nennt das ein Freund.

Nun hat ja jede Familie ihre kleinen bis größeren Leichen im Keller und bekanntlich wird die immer gleiche Geschichte aus dem Mund von zwei Personen zu mindestens drei "Wahrheiten". Und wenn eine Geschichte gar nicht erzählt wird, bekommt sie etwas Geheimnisvolles, weil sich die Neugierigen bei vorhandenen Spuren fragen: Warum wird ausgerechnet diese Sache ausgelassen? In Emigrantenfamilien aus unterschiedlichen Ländern gibt es viele Leerstellen dieser Art. Leichen werden dann allerdings grundsätzlich nicht in Kellern, sondern in Koffern vergraben. Und die fallen eines Tages plötzlich dem einstigen Kind in die Hände, das sich frühzeitig für weiße Flecken auf Landkarten und für Grenzgängerei interessierte, als ahne es irgendetwas.

Manchmal sind solche Ahnungen hinterhältig. Weil sie einen überrumpeln können und eines Nachts plötzlich als Buchprojekt dastehen. In meinem Fall hieß das Projekt noch vor Jahren "Fluchten", hat inzwischen mehrfach Inhalt und Form verändert, krempelt sich ständig selbst um und nennt sich derzeit mit Arbeitstitel "Transit bleu" - vielleicht wegen der vielen - blauen - Zwischenräume. Die Koffermenschen darin schöpfte ich aus einem kindlichen Alptraum. In Variationen kennen ihn sicher viele Menschen: Man muss vor etwas flüchten, muss schnellstens aufbrechen und hat nur einen oder ein paar Koffer. Was steckt man hinein, was von einem Leben nimmt man mit ins nächste? Was ist "wertvoll"? Und wie das in Alpträumen so ist, schafft man es nie rechtzeitig vor der Abfahrt, die Koffer zu packen - oder sie brechen auf dem Bahnsteig auf, alles quillt heraus.

Der Alptraum ist Wirklichkeit geworden. Bis Monatsende muss eine Wohnung geleert werden und die Umzüglerin steht sozusagen mit dem kleinen Handkoffer vor mehreren zu verschiffenden Elefanten. Denk an dein belletristisches Projekt, sagt sie sich in den schlimmsten Minuten, du hast doch die Koffergeschichten erfunden! Ja, sagt dann ihre vernünftige Hälfte, aber das habe ich frei erfunden und im Roman kann man zaubern, Menschen ersinnen, auf die Reise schicken - man ist der kleine Schöpfergott, der die Strippen zieht. Man wird nicht gezogen! Wild habe ich herumgesponnen, habe einen Clan erfunden, der auf einem Schiff über den Atlantik tuckert, einen in Polen, einen in...

Halt! Man erfindet besser auch keine Geschichten, die den geringsten Berührungspunkt mit dem eigenen Leben haben könnten. Ich räume - und mir fallen mehrere Leben vom Auswanderungsdampfer in die Hände, insgesamt dreißig Jahre Schifffahrt, seit man sich Fotos leisten konnte. Die einen haben es so früh geschafft, dass die Mär von der wirtschaftlichen Flucht und dem Gelobten Land überlebte, die anderen schafften es nicht mehr und entwickelten eigene Mythen. Aber mit den Fundstücken zerplatzen eben diese Kindheitsmythen, alles war eigentlich ganz anders. Splitterndes Zelluloid, Fotos mit Brandflecken zeigen die Wirklichkeit hinter der Familienpropaganda. Oder ist es die Wirklichkeit des Fotografen? Aus einem anderen Karton fallen Briefe in Sütterlinschrift, Bleistiftgrüße von einem Fahnenflüchtigen, den die Bomben also doch nicht zerfetzt haben. Man hat ihn totgeschwiegen, zur Tretmine im Erzählschatz erklärt, aus unterschiedlichsten Beweggründen. Warum aber nicht gefeiert? Nun ist der Tote wieder aufgestanden.

Nichts Besonderes ist so eine Spurensuche, so viele Menschen des 20. Jahrhunderts haben Brüche dieser Art in ihrer Geschichte. Mit Vorfahren aus mehreren Ländern hat man eben noch mehr. Und wenn man dann selbst auch noch unbewusst die Tradition des Emigrierens fortsetzt, scheint es normal, dass Grenzgängerei zum Thema wird, dass sich ein Buchprojekt mit Koffergeschichten einschleicht.

Nicht mehr normal ist allerdings, was ich dann entdeckt habe. In jenem Buchprojekt habe ich, weil es sich dramaturgisch wie von selbst anbot und irgendwie juckte, eine dritte Person aus einem weiteren "exotischen" Landstreifen eingeführt. Endlich hatte ich das Gefühl, wirklich zu erfinden. Das hatte mit mir nun gar nichts mehr zu tun. Ich war frei. Freiheit fängt mit F an wie Fiktion.

Man sollte, wenn man einen Haushalt auflöst, vielleicht doch nicht in privaten Papieren herumstöbern. Man sollte vor allem nicht versuchen, in kyrillischen Buchstaben verschlüsselte Aufzeichnungen zu entziffern, die schließlich absichtlich verschlüsselt worden waren, weil keiner das lesen konnte. Nur hat diejenige, die sie notiert hat, ihrem Kind schon in der ersten Klasse kyrillische Buchstaben beigebracht. Und das ist im Laufe der vielen Jahre immer neugieriger geworden.

Es ist ziemlich brutal, auf diese Weise einem völlig erfundenen Familienzweig zu begegnen, den man sich lediglich aus dramaturgischen Gründen für ein Buch ausgedacht hatte, weil die anderen erfundenen Figuren so herrlich damit in Konflikt treten konnten. Den man sich mit Wonne ausgedacht hatte, weil er weit genug entfernt war, weil man sich dadurch selbst nicht verdächtigen konnte, Geschichten nur widerzukäuen.

Tja, da stehe ich nun; der Koffer, in dem ich mein Leben fein säuberlich verpackt wähnte, bricht auf. Irgendwie bin ich gar nicht mehr die, von der ich glaubte, ich würde sie sein. Von einer Minute auf die andere. Weil ein Teil der realen Ahnen erfunden oder zurechtgebogen war und der erfundene Clan aus dem Manuskript der echte ist. Oder weil man Bücher schreibt, um weiße Flecken zu füllen? Weil es sich im Leben immer rächt, wenn man Menschen ausradiert?

Was für ein bequemes Leben hätte ich haben können, wenn ich nicht als Kind Russisch gelernt hätte und womöglich Finanzbeamtin oder Sardinenfischerin geworden wäre! Nur einen Trost habe ich: Ein lieber Kollege will persönlich darüber wachen, dass ich das Buch auch schreibe. Er meinte, einen solch wahnsinnigen Plot sei ich allen Kofferträgern schuldig.

Kommentare:

  1. Das Gefühl,das Du beschreibst, kann ich nachvollziehen. Dein Text bringt es auf den Punkt, was ich bei den Haushaltsauflösungen im Verwandtenkreis empfunden habe. Da tauchten zwar keine verloren gegangenen Zweige der Familie auf, aber man hat das Gefühl, in fremden Leben herum zu wandern. Man stößt auf Fremdes und sieht sich selbst im Familienkontext anders.

    Seltsam!

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  2. "In Variationen kennen ihn sicher viele Menschen: Man muss vor etwas flüchten, muss schnellstens aufbrechen und hat nur einen oder ein paar Koffer. Was steckt man hinein, was von einem Leben nimmt man mit ins nächste? Was ist "wertvoll"? Und wie das in Alpträumen so ist, schafft man es nie rechtzeitig vor der Abfahrt, die Koffer zu packen - oder sie brechen auf dem Bahnsteig auf, alles quillt heraus."

    Kommt mir bekannt vor -nur musste ich immer einen Zug oder ein Schiff erreichen, oder Tasche und Koffer sind mit dem Zug davongefahren. Was du scheibst, erinnert mich an eine Haushaltsauflösung, die wir vor einiger Zeit machen mussten. Seitdem gären in mir geheimnisvolle Geschichten.

    Herzlichst
    Christa

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  3. Den Buhrufer würde ich gern zum Transportieren und Trösten einladen!

    @Christa
    Was wohl der Psychologe zu solchen Kofferträumen sagt? ;-) Immerhin scheint man darin etwas beweglicher zu sein als in den Träumen, in denen die Füße am Erdboden festkleben, während man Dr. Kimble spielt.
    Ich bin ja froh, dass auch andere überall Geschichten sehen. Ein Kollege widersprach mir gestern so schön, das sei keine Deformation, sondern die Neugier des Schriftstellers am Leben.

    @Sabine
    Ich bin froh, solche Einblicke von anderen zu bekommen, weil man im Ausnahmezustand doch nicht mehr so sicher über sich selbst urteilt. Eben das war mein erstes Gefühl: Darf ich das? Darf ich darin herumwühlen, lesen? Man tritt über die Grenze eines bei Lebzeiten wichtigen Intimbereichs, warum soll der im Todesfall plötzlich aufgelöst sein? Klingt vielleicht komisch, aber ich habe wirklich zuerst das Gefühl gehabt, ich täte etwas Unrechtes - bis ich dann auch auf die geschriebene Notiz stieß, dass das alles sehr wohl für mich bestimmt war.

    Auf der anderen Seite lesen wir nichts lieber als sehr Persönliches. Das fängt beim heimlichen Stöbern von Eltern in den ihnen verbotenen Tagebüchern ihrer Kinder an und hört da auf, wo wir posthum das gesamte Brief- und Tagebuchleben verstorbener Schriftsteller veröffentlichen. Diese Neugier nach dem Menschen hinter dem Schreiben - können wir ihn vielleicht noch besser kennen- und verstehen lernen?

    Und dann immer wieder die Frage: Warum nicht bei Lebzeiten? Woher kommt solches Schweigen, das sich manchmal über Generationen vererbt?

    In meinem Fall waren es ja nur ein paar ausgewanderte Leutchen in der Ahnenreihe, die ein bißchen Farbe ins Leben bringen. Aber im Bekanntenkreis habe ich Extreme erleben können. Da tauchten plötzlich bei extrem moralischen und frommen Familienvätern uneheliche Kinder nebst Müttern auf oder beim eigenen Sohn der Kuckuck als Vater.

    Ich denke, es gibt nichts Schlimmeres, als Kindern die eigenen Wurzeln vorzuenthalten oder darüber zu lügen. Kinder spüren das.

    Trotzdem könnte ich z.B. nie so weit gehen, aus solchen Fundstücken ein Buch zu machen. Der Plot, dass eine Schriftstellerin echte Personen erfindet, ist natürlich fantastisch! Aber alles andere hätte in der Öffentlichkeit allenfalls etwas zu suchen, wenn es sich um öffentliche oder historische Persönlichkeiten handelte. Und selbst da - ich habe z.B. beim Nijinsky genau dort den Schlussstrich gezogen, wo es noch Nachkommen betreffen könnte.

    Auch das, denke ich, gehört zum Beruf des Schriftstellers, die Fähigkeit, ziwschen den Öffentlichkeiten zu unterscheiden. (Selbst in Internetzeiten erzählt man nicht jedem alles.) Und so verschweigen wir alle...

    Fantastisches Buch zum Thema:
    Evan Imber-Black: Die Macht des Schweigens. Geheimnisse in der Familie, dtv


    Herzlichst,
    Petra

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  4. "Die Macht des Schweigens" habe ich gelesen, Petra. Was der Psychologe zu den Kofferträumen sagt, ist vielleicht weniger wichtig als das,w as einem selbst einfällt. Dazu schreibe ich noch was, denn dein Beitrag hat mich angeregt.

    Herzlichst
    Christa

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  5. Hallo Petra,

    ich hab gar nicht alles gelesen - noch nicht alles gelesen! Aber ich habe keine schriftlichen Zeugnisse, keine Fotos, keine offiziellen Unterlagen und auch keine Briefe weggeworfen.

    Manches zu lesen ging mir lange zu nahe. Du wirst lachen, das ging mir sogar beim Haushaltsbuch meiner Mutter so, wenn ich sehe, wie sie akribisch auch Kleinstbeträge aufgeschrieben hat, dann spüre ich förmlich, wie knapp es mit dem Geld damals war. Und welche Sorgen da sein mussten, zurecht zu kommen.

    Solche Dinge aufzuheben und zu lesen macht Versäumnisse deutlich, aber auch Lebensleistungen. Und deswegen wird erst mal alles aufbewahrt. Auch eine Uralt - Gabel, mit der wir immer die Salatsoße verklappert haben!

    :-)

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