LITERATUR (Gennadij Gor)

Ich habe gestern keinen Fußball geschaut. Aber kurz beim Zappen den Bruchteil eines Interviews aufgeschnappt, in dem ein älterer Herr sinngemäß sagte: "Man fragt die Menschen doch auch nicht, warum sie atmeten. Schreiben ist wie Atmen!" In dem Moment schaltete ich den Fernseher aus und griff zu einem Buch, das mir den Atem dann gehörig verschlug.

Da schreibt einer so atemberaubend klar, treffsicher und meisterhaft differenziert; in einer Sprache, die man Wort für Wort auf der Zunge zergehen lässt und am liebsten jeden Satz noch einmal goutieren möchte und nach dem Buch das gleiche Buch noch einmal. Da schafft einer hochunterhaltsame, mitreißende und doch philosophische Literatur, die mit einzelnen Worten an der Existenz kratzt, an der Realität - und in atemberaubender Einheit von Form und Inhalt die Gewohnheit an diese Realität umkippt. Winzige Kleinode von Erzählungen, die den Blick fürs Sein schärfen, indem sie alles bisher Gesehene umkippen, brechen oder über seltsame Denkpfade zum Ursprung zurückführen.

Es ist eins von den Büchern, die sich tief einbrennen, die man über Jahre hinweg immer wieder anders lesen wird, die trotz ihrer Zeitbezogenheit zeitlos sind. Da sind Bilder und Figuren, die sich nachts bis in die Träume einschleichen, weil sie so lebendig sind, die dort ihr Eigenleben führen, unvergesslich auch am Tage, als habe man sie seit Jahren gekannt. Dabei sind die Erzählungen oft winzig, sie leiden nie an überflüssigen Wörtern, stattdessen lädt der Autor seine Wörter mit vielen neuen Inhalten auf.

Fast banal klingen die Inhalte vom Maler, der einem Menschen mit einem abstrakten Gesicht begegnet und einen Provokateur sucht; vom Künstler, der immer nur ein einziges Sujet behandelt, bis es ein seltsames Eigenleben führt - oder von einem Mietshaus, das zu einem Katalysator für unangepasstes Verhalten werden soll. Als Phantastik gilt, was der Autor in seinen Geschichten anstellt, aber es ist weit mehr: Mit seinen Kunstgriffen überwindet er schriftstellerisch Zeit und Raum. Manchmal wird einem fast schwindlig davon, dass einem durch ein paar Worte der Boden unter den Füßen schwindet.

Atemlos, wie mich das Buch macht, atme ich doch zwischendurch sehr tief durch, weil ein ganz bestimmtes Wort hier wieder Bedeutung erlangt. Weil es wieder seine ganze Mächtigkeit und Brillanz zeigt. Das Wörtchen Literatur.

Lesetipp:
Gennadij Gor: Das Ohr. Phantastische Erzählungen aus dem alten Leningrad, Friedenauer Presse
in einer meisterhaften Übersetzung aus dem Russischen von Peter Urban und einer bibliophilen, künstlerischen Aufmachung von Horst Hussel, die Sammlerherzen höher schlagen lässt.

Kommentare:

  1. Sodele, die Bestellung ist raus. Mal sehen, ob es sich auch bei mir tief einbrennt? Danke für den Hinweis!

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  2. Olala, das ist immer so eine Sache mit den Rezensionen...
    Das Buch ist sehr speziell (nichts für den Schnellimbiss) und ich weiß mindestens fünf Leute, die es nicht mögen würden.

    Ich denke, man kann am ehesten etwas nach Rezensionen kaufen, wenn man den Geschmack des Kritikers etwas besser kennt und der sich einigermaßen mit dem eigenen deckt. Oder wenn man sich total überraschen lassen möchte.

    Es gab mal einen Filmkritiker, bei dem konnte ich nach einem Lob blind ins Kino gehen. Und ich weiß, dass ich bei einem gewissen Literaturkritiker die von ihm gelobten Bücher grundsätzlich nicht zu kaufen brauche...

    Deshalb freut es mich natürlich umso mehr, wenn meine Rezensionen möglichst viele meiner LeserInnen verführen, denn dann weiß ich, dass ich auch noch andere Perlen für sie habe!

    Bin sehr gespannt, wie du es finden wirst!

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  3. Das war auch eine Bauchentscheidung und ich bin selbst ganz gespannt. Falls es dich beruhigt: Ja, ich bin absolut bereit, mich überraschen zu lassen und hatte noch diesen Geschenkgutschein, der musste eh weg ;-)

    Deine Rezension hat mich jedenfalls neugierig gemacht und nachdem der DeLillo gerade durch ist geht es halt am Montag mit Gor weiter. Ich werde gern berichten!

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  4. Liebe Petra,

    endlich ist das Buch da! Nachdem durch - wie ich zwischenzeitlich erfahren habe - eigenes Verschulden meine Buchbestellung versandtechnisch verspätet zu mir kam, habe ich nun gestern endlich mit dem Lesen angefangen. Zunächst die ersten beiden, "Malerei" und "Fenster".

    Der Zutritt fiel mir schwer. Nach Piercy war das sehr reduziert-wortgewaltig und zunächst wurde ich dauernd von der Außenwelt abgelenkt (Katzen, Menschen, Wahl des Bundespräsidenten auf ARD...). Ich musste mehrfach wieder von vorn anfangen. Holprig war das, aber schon gleich die ersten Sätze hatten mir das Gefühl gegeben, dass es sich lohnen könnte.

    Ich bin dem Phantastischen generell zugetan und fand dieses abstrakte, nach allen vier Seiten abgeschlossene Gesicht in der Tram faszinierend. Sprache und Satzbau sind für mich, die ich meistens deutsche oder englischsprachige Literatur lese, ungewöhnlich (besonders Satz 2 und 5 der ersten Geschichte). Genossen habe ich aber z.B. die schönen Anleihen aus der Arbeitswelt (S. 5, "von den Bildern Picassos herabgestiegen, um zum Dienst zu fahren" und S. 8 "Seine Vorstellungsgabe, der er freien Lauf ließ, ging keiner geregelten Arbeit nach"). Als ich erstmal drin war, las es sich wunderbar.

    Ich bin also sehr froh über dieses kleine (sehr schön gemachte) Büchlein, das mir jetzt schon Inspiration ist - vielen Dank also, für Deinen Hinweis!

    Liebe Grüße, Simona

    PS: Ich scheine momentan sehr empfänglich für Buchempfehlungen. Muss daran liegen, dass ich eigentlich schreiben, und nicht lesen sollte... Diese hier las ich auch mit Interesse: http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6401555/, Bjarte Breiteig, Von nun an. Kennst du das zufällig?

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  5. Liebe Simona,
    danke, dass du deine Leseerlebnisse mit uns teilst, spannend zu sehen, wie andere Menschen das gleiche Buch erleben.

    Ich hätte vielleicht dazu sagen sollen, dass Gennadij Gor die Leser mit Haut und Haaren verlangt, den muss man wirklich in voller Ruhe zelebrieren - ich kann ihn auch als Bettlektüre nicht alle Tage lesen. Und ja, das merkt man gleich beim zweiten Satz, den auch ich dreimal mindestens lesen, dann langsam verstehen musste! Ich nenne das bei mir "Türsteher-Sätze": Sie zeigen mir, welche Art Ton und Klang ein Buch haben wird, worauf ich mich einstimmen muss.

    Aber das hat mit der russischen Sprache nichts zu tun, dieses Voranstellen eines Adjektivs, dem er fast Nebensatzqualität gibt, ist einfach nur ihm sehr eigen. Und natürlich bis heute gewagt.

    Genauso wie die Wortwiederholungen bis fast an die Schmerzgrenze scheinbarer Redundanz, wo er neue oder mehr Bedeutungen hinzufügt - dem immer gleichen Wort. Das ergibt eine Art hypnotischen Sog, der mich übrigens an Leonid Zypkins "Ein Sommer in Baden-Baden" erinnert, obwohl der seinen Sog wieder anders schafft. Beide haben eine unwahrscheinlich musikalische, durchkomponierte Sprache. Und darum auch geniale Übersetzer (Peter Urban: Gor, Alfred Frank: Zypkin).

    Aber - vergiss das nicht, es ist die Sprache des Übersetzers, die du liest. Diese Möglichkeiten hat die deutsche Sprache (das Original im Russischen kann völlig anders aussehen).

    Auch darum empfehle ich gern Bücher, die einmal nicht aus dem angelsächsischen Kulturkreis stammen. Wir lesen allzu häufig ein Deutsch, dass von der Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt. Dabei gäbe es so viele sprachliche Facetten mehr (selbst im Amerikanischen, siehe Jonathan Safran Foer). Man kann unwahrscheinliche Dinge tun, ähnlich wie Gor, und noch viel gewagter!

    Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich beim Lesen von Urbans Nachwort die sehr viel größeren Schwierigkeiten des Verstehens hatte. Das mag einerseits daran liegen, dass mir viele Namen in dieser blöden wissenschaftlichen Schreibweise plötzlich unbekannt schienen, andererseits daran, dass er vieles an Wissen voraussetzt.

    Das anderer Buch kenne ich nicht, werde aber neugierig nachschauen!

    Danke,
    sagt Petra

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  6. Kleine Anekdote noch zu den "komischen Sätzen":

    Bei meinem ersten Roman hatte ich eine ähnliche Technik in der Selbstmordszene zu Anfang eingesetzt: drei nackte Adjektive, die für einen ganzen Halbsatz standen, und jeweils einen Satz eröffneten.

    Ich habe so viel Prügel dafür bezogen (da springen uns ja gleich die Leserinnen ab ... und mehr), dass ich ganz brav volle, stinknormale Halbsätze gebildet habe und nur ein trauriges, einsames Partizip aus Trotz unterschmuggelte. An dem haben sich dann die Leserinnen gerieben.

    Das ist ein ganz typisch deutsches Phänomen: Unsere Sprache erlaubt diesen ungeheuren Reichtum, dieses Spiel. Aber in der Unterhaltungsbranche hat man so vernagelt den Hass aufs Adjektiv inhaliert, dass man sie am liebsten alle löschen würde - anstatt darauf zu achten, dass sie, richtig eingesetzt, auch einen Sinn haben könnten. Dafür spielt man dann um so verrückter in der Hochliteratur, wo man darf, aber nicht selten die endlich freigelassene Form den Inhalt überrennt.

    Diese abstruse Teilung von Literatur gibt es in anderen Kulturen glücklicherweise so nicht. Und da kann man sich eine Menge abschauen.

    Natürlich ist es sinnvoll, gerade in einer Literatursparte, in der es überflüssige Adjektive wie junge Hunde regnet, diese einschränken zu wollen. Das Leben steckt im Verb. Aber es ist genauso sinnvoll, ein Adjektiv / Adverb zum Star zu machen, wie das Gor meisterhaft zelebriert:

    "Vor dem Hintergrund der morgendlichen Fensterscheibe war das Gesicht noch deutlicher. Hoch, schaukelte es im Rhythmus der Trambahn, es schaute." [...]
    "Abstrakt, war es blutleer, unpersönlich, war es kontemplativ, selbstständig, war es nicht die Fortsetzung des unter ihm befindlichen Rumpfes, sondern schien dem Rumpf wie ein Hut aufgesetzt."


    (Aus Gennadij Go: Das Ohr, Malerei S. 5)

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