Granatenmäßig

Zeitlebens habe ich mich gefragt, woher das badische Adjektiv "granaten" kommt. Wenn ein Badner zuviel von der Sonne verwöhnten Wein geschluckt hat, bekommt er am nächsten Tag z.B. einen "granatenen Kater". Bisher dachte ich an ein polnisches Lehnwort, denn dort heißt "granatowy" schlicht blau, dunkelblau. Gestern jedoch habe ich die etymologische Bedeutung des Wortes am ganzen Leib gespürt, Sprachertüchtigung statt Leibesertüchtigung. Ich stand also im Badischen vor dieser Ein-Frau-Entrümpelungsaktion fremder Wohnungsinhalte, die man schönfärberisch Haushaltsauflösung nennt, und fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben absolut ohnmächtig. So ohnmächtig, wie es einem nicht einmal ein supergranatener Kater bescheren kann.

Spontan kam mir eine Vision: Mitglieder von Mafiaorganisationen unterschiedlichster Nationen, die sich bis aufs Blut bekämpfen, suchten ein Übungscamp. Gemeinsam rückten sie an, allerhand Granaten in der Hand - und nahmen mir damit die Arbeit ab. Atomisieren statt Mülltrennung, ein Loch statt eines Haufens, wusch - und weg. Und ich konnte endlich wieder meinem ganz normalen Beruf nachgehen. Granatenmäßig einfach. Granatenirregut.

Doch plötzlich fiel mir aus einem Haufen Müll ein kleiner Haufen entgegen, der mir verdächtig bekannt vorkam. Ein schlaksiger, sichtlich überforderter Kerl steht mit den Hacken am Abgrund, wo der leere, düstere Raum in wolkigen Himmel mündet. Titelbild einer Schülerzeitung, gestaltet von einer gewissen Petra Dingens, die wegen der textlichen, sehr satirischen Inhalte dann beinahe von der Schule geflogen wäre. Und darunter das, was angeblich und ganz sicher seit Jahrzehnten verschollen und verloren war: Manuskripte meiner ersten schreiberischen Gehversuche. Bis hin zur selbstgehefteten, auf dem 24-Nadel-Drucker gefertigten Zeitschrift "tatz" für Hundeliebhaber. Jugenduntaten, in irgendeinem Müllhaufen konserviert.

Völlig überrascht hat mich die vierseitige, professionell gestaltete Zeitung im Originalformat, die sich "Dialog. Ein Informationsblatt für Chefredakteure" nannte - und eigentlich meine Bewerbung um ein Zeitungsvolontariat war. Ich wusste zwar noch, dass ich das gemacht hatte. Der Mannheimer Morgen sagte mir damals prompt ab mit den lyrischen Worten: "Wir können Ihre Bewerbung leider nicht berücksichtigen, weil sie in unseren DIN-A-4-Ordnern nicht abheftbar ist." Mit welcher Chuzpe ich mich beworben hatte, war mir neu.

Da gibt es auf der Titelseite ein Sommergewinnspiel für Chefredakteure: "Preisaufgabe - Sie machen einen Gesprächstermin mit P. Dingens aus. Erster Preis: Wer am schnellsten reagiert, gewinnt eine neue Mitarbeiterin!" Darüber steht, mit Passfoto "Das aktuelle Interview", das ich mir eigens zur Montage hatte setzen lassen, Computer waren damals noch ein Traum für Normalbürger. Frecher Titel des Interviews: "Volontariate, dünn gesät?" Und wie fängt dieses Machwerk an:

"Arbeitsamtvermittlung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Regierungsprogramme - das sind Schlagwörter der heutigen Arbeitssuche. Die meisten müssen sich jedoch weiterhin direkt beim Arbeitgeber bewerben. Wir sprachen deshalb mit Petra Dingens, 24, die bei Ihnen eine Anstellung als Redaktionsvolontärin sucht."

Der Frechheit nicht genug. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, bei genau der Zeitung unterzukommen, die mir schon zweimal (!) abgesagt hatte (aufgrund von diversen Mitarbeiterunfällen, wie ich später erfuhr). Dingens erzählt dann im Interview, wie sie für diese Zeitung frei im Feuilleton geschrieben habe.

Darauf der Interviewer: "Sie haben dann kein Volontariat begonnen?"
Petra Dingens: "Leider erhielt ich auf meine Bewerbungen nur Absagen, man meinte, es gäbe keine freien Stellen." Folgt Aufzählung weiterer freier Mitarbeiten...
Interviewer: "Wie soll es nun weitergehen?"
Petra Dingens: "Meine Arbeit bei Zeitung X ... betrachte ich als ein gutes Erfahrungsfundament, diese "Von-Zeit-zu-Zeit"-Arbeit befriedigt mich jedoch auf Dauer nicht. Ich bewerbe mich deshalb hiermit nochmals um ein Volontariat, um das Handwerk des Journalismus endlich richtig zu erlernen und ausüben zu können."

Tage später war ich beim Bewerbungsgspräch, überzeugte einen als extrem hart verschrieenen Chefredakteur und bekam den Ausbildungsplatz - froh, nicht beim Mannheimer Morgen engagiert worden zu sein.

Nicht abheftbar, die Frau. Viele Jahre später bekam ich meinen ersten Buchvertrag auf die gleiche Art. Zwei Absagen vom Wunschverlag waren mir nicht genug, ich bewarb mich dort ein drittes Mal. Und prompt hatte ich Glück: Der dauerbesoffene Lektor war entlassen; die Nulpe, die Newcomer aus Hass grundsätzlich ablehnte, ebenfalls - und mein Manuskript wurde endlich gelesen. Frechheit siegt. Oder nennt man das besser Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit?

Warum ich das alles hier aufgeschrieben habe? Ganz einfach: Ich mache mir damit Mut. Mangels effizienter Mafiaverbindungen rede ich mir damit ein, dass ich dieses fettfleischige Mammut von Haushaltsauflösung einfach auch nur dreimal anpacken müsste. "Und alles löste sich in Wohlgefallen auf und wenn sie nicht gefallen ist, schreibt sie noch heute..."

Vielleicht tröste ich mich auch nur damit, dass ich dank der Sisyphusarbeit bei 30 Grad im Schatten Manuskripte fand, die nur noch in meiner Erinnerung zu existieren schienen. Und einen alten Koffer obendrein, mit dem mir unbekannte Personen auf Deck Drei des Dampfers Independence nach New York geschippert sind. Das ist der Koffer für mein irgendwann wieder zu belebendes Auftrittsprogramm, der Koffer aus meinen Heimlichmanuskripten derzeit... Jetzt könnte ich nur noch jemanden brauchen, der sich auf das Ding draufsetzt, damit ich es endlich zubekomme. Oder sollte ich damit auf die Insel schippern - weit weg von allem?

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