Die Harke im Kopf

In einem Kommentar zum letzten Beitrag schreibt Simona einen denkwürdigen Satz:
"Im Alltag verwischen die Fußspuren von Intuition und Inspiration ganz schnell, wenn Angepasstheit und Marktorientierung drüber trampeln."
Und weil sie nach einer Harke dagegen sucht, will ich einfach mal die Geschichte von einer Harke erzählen, meiner Harke im Kopf. Ich bin ja eine, die aus Versehen ins Buchgeschäft geriet. Eigentlich Journalistin, saß ich eines Tages mit zu viel Material für einen Artikel da und ließ mich fragen: Warum machst du nicht einfach ein Buch daraus? Der schnelle Erfolg verführte mich, ich gebe zu, ich wurde schließlich käuflich. Für brave Marktorientierung winkten ein dicker Zwei-Buch-Vertrag in einem großen Publikumsverlag - und die anschließende, unerklärliche Schreibblockade. Ich verkaufte gut, hatte mehrere Bücher am Laufen und merkte trotzdem nicht, wie unglücklich ich war. Weil sich immer noch nicht das aus mir herausschrieb, was in mir drängte. Stattdessen ließ ich mir von allen möglichen Leuten sagen, dass ein wenig Anpassung an den Markt nicht schade, dass man eben Trends bedienen müsse, wenn etwas aus einem werden soll. Irgendwann brodelte das derart in mir, dass ich das Bücherschreiben beinahe aufgegeben hätte.

Ich hatte jedoch sehr viel Glück mit harten Kritikern. Mit KollegInnen, die mir gründlich den Kopf wuschen und mir Stellen im Buch zeigten, die verrieten, dass ich auf ganz anderen Gebieten Stärken hatte. Mein Glück waren ehrliche Menschen, die erkannten, was schief lief. Eine Yellowpress-Agentin vergesse ich nie, bei der ich mich - des Zasters wegen - mit Schicksals- und Liebesgeschichten beworben hatte. Die Absage kam prompt und deftig: Meine eingereichten Schmonzettenversuche seien hart am Kabarett und ich sei komplett unbegabt für Herzschmerz. Jahre später lernte ich sie zufällig persönlich kennen und sie beglückwünschte mich zum Rosenbuch mit den Worten: "Zum Glück sind Sie noch rechtzeitig vernünftig geworden!" Wir begossen dann gemeinsam die beste und wertvollste Absage meines Lebens.

Eine andere unvergessliche Begegnung war der freie Lektor einer Agentur, der mich unerbittlich und über Wochen hinweg einen Sachtext hat überarbeiten lassen und mit dem Finger in sämliche meiner Weichteile und Schwächen stach, bis ich heulend aufgeben wollte. Ich habe ihn in Gedanken alles geheißen. Ich war Journalistin, was wollte der Mann denn noch! Jedes einzelne Wort auf der Goldwaage! Es kam nie zum Vertrag, aber ich habe die letzte Version für mich ganz allein noch einmal überarbeitet. Heute weiß ich, dass man auf diese Art Autoren zerbrechen kann.

Aber ohne diesen brutalen Kritiker hätte ich nie gelernt, wie einem Flügel wachsen, wenn man sich über die eigenen Grenzen treibt - bis zur Erschöpfung. Ein Schauspieler hat mir später einmal erklärt, der Mann habe eine Technik draufgehabt wie bei der Stanislawski-Methode im Theater: den Akteur so vollkommen zu demontieren, bis er nackt und bloß sich selbst gegenüber steht, sich selbst ausgeliefert ist. Als ich dem Lektor die perfekte Fassung mailte - zusammen mit einer Absage, dass dies nicht die Art des Schreibens sei, die ich suche und die mir entspricht, beglückwünschte er mich. Endlich hätte ich einen Blick für mich selbst. Hätte er mir das Gleiche geraten, hätte ich es nicht von innen heraus entwickelt, meinte er.

Behutsamer war dann mein späterer Agent, der irgendeine geheimnisvolle Art hatte, mich endlich das machen zu lassen, was ich schon immer machen wollte, ohne dass ich so recht davon wusste. Von ihm habe ich gelernt, dass es diesen "anderen" Markt gibt, der in Autorenforen fast nie vorkommt, weil er Eigen-Sinn lehrt und kauft. Und Eigen-Sinn kann man bekanntlich nicht im Dutzend verworkshoppen. Dafür gibt es keine Instant-Ratgeber.

Wie aber wird man eigen-sinnig, wie findet man sich und sein ureigenes Schreiben, wie bleibt man sich treu?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob man dazu nicht auch besondere Fähigkeiten braucht. Oder irgendeinen Ausschaltknopf.

Mir haben Menschen geholfen, die Kenner und Könner der Materie waren und mir gehörig den Marsch bliesen, wenn ich von meinem eigenen Weg abkam. Kritiker, die an meiner Substanz kratzten und mich an Grenzen trieben - die aber genau wussten, warum sie das taten. Mir kommt dabei immer das Ballett in den Sinn. Es ist wichtig, fürs Publikum alles zu geben. Aber wenn es auf die fachliche Kritik ankommt, wenn es darauf ankommt, mit blutenden Füßen doch noch einmal auf Spitze zu gehen, dann helfen weder Zuschauer noch Presse, dann ist allein der Choreograph interessant und der Dienst an der Kunst.

Nachher, wenn man einmal über den wunden Punkt hinaus ist, wird es relativ einfach. Plötzlich gerät man an andere Eigensinnige, macht Projekte mit Eigensinnigen, wird von Eigensinnigen gelesen - und stellt beim Kauf von Verbandsmaterial fest: da laufen noch andere mit blutenden Füßen herum... Natürlich hätte man es im Varieté mit Foxtrott viel einfacher. Aber kann man gut werden, wenn man ständig gegen den eigenen Rhythmus tanzt?

Ob das als Harke hilft, wenn man laut sagt, dass ernsthaftes Schriftstellern einer der verrücktesten, schmerzhaftesten, beglückendsten, brutalsten, schönsten und fordernsten Berufe ist? Und dass Menschen, die mit Märkten arbeiten, bekannt werden und Profit machen wollen, vielleicht besser Manager werden sollten?

1 Kommentar:

  1. Liebe Petra, das hast Du jetzt davon: http://blog.donci.de/2010/06/geharkte-schmugglerwege.html

    Merci ;-)

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