Gegen "ordentliches" Verlegen entschieden

Seit heute ist es amtlich, was mit meinem restlos vergriffenen und im Antiquariat immer teurer werdenden Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" passieren wird. Bei Hanser wird gerade der Brief für den Rechterückfall an mich getippt - und ich bin immer noch und schon wieder begeistert, wie angenehm und einfach man mit diesem Verlag reden kann, auf Augenhöhe, was heutzutage nicht selbstverständlich ist. Einer meiner Lieblingsverlage.

Dass ich einmal so entscheiden könnte, wie ich mich entschieden habe, hätte ich vor Jahren nicht von mir gedacht. Der Verlag hatte mir nämlich angeboten, das Buch bei Taschenbuchverlagen anzubieten und tatsächlich liegt es auch schon bei einem zur Prüfung. Ich weiß, dass mich einige KollegInnen wahrscheinlich für wahnsinnig halten, so eine Chance auszuschlagen. Ich werde das Buch trotzdem selbst veröffentlichen, dem Sonderfall geschuldet, den es darstellt. Warum aber lohnt sich in meinen Augen für so eine Drittauflage ein Verlag nicht?

"Ein Verlag prüft" heißt gar nichts. Wenn man Glück hat, beißt von zehn Prüfenden einer an. Vielleicht auch von zweien einer. Aber die Prüfzeiten dauern immer länger, Programmverantwortliche schieben Entscheidungen qualvoll lang hinaus. Wenn es gut läuft, vergeht ein Jahr. Bis das Buch dann gedruckt wird und ins Programm kommt noch einmal ein knappes Jahr, dann ist es wirklich veraltet (2004 erschienen) und vor allem: vergessen!

Taschenbuchverlage kalkulieren mit Masse und schnellem Erfolg, Nische interessiert nicht. Mein Buch war die ganzen Jahre sehr erfolgreich, aber für Auflagendimensionen mit vier Nullen ist es ebenfalls zu alt, zu bekannt, zu oft verkauft. Dort, wo ich es vermarkten kann, kauft man keine Taschenbücher. Ich könnte die schnelle Verramschung schon riechen - und was dann? Dann wäre es nicht vergriffen aus Erfolgsgründen, sondern verramscht, Müll. Die Leser können nicht erkennen, warum. Damit wäre das Buch gemeuchelt.

Und das wichtigste Argument: Ich brauche die dritte Auflag am besten vorgestern, denn ich musste schon wieder zwei Lesungen absagen, weil ich keine Bücher mehr anbieten kann. Publikumsverlage sind jedoch riesige Maschinen und darum auch träge. Man ist ein Nümmerchen unter Tausenden. Und weil sie so goße Maschinen sind, können sie auch unmöglich meine Sonderwünsche erfüllen, nämlich das Buch über meine Europaarbeit links und rechts vom Rhein auch außerhalb von Buchhandlungen zu vermarkten. Dazu braucht es kleinere, flexiblere Strukturen. Die Wahl wäre allenfalls ein kleinerer Regioverlag - aber da überzeugt mich keiner und die mich einst überzeugten, sind eingegangen an der Marktkonzentration.

Kurzum, ich werde das Buch nun selbst produzieren und auf den Markt bringen. Wegen meiner derzeitigen Überlastung wird das zwar länger dauern als gedacht (zuerst geht die "richtige" Arbeit vor), aber ich denke, ich verspreche nicht zuviel, wenn ich sage, dass "Elsass" rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft zu haben sein wird - nicht nur in Buchhandlungen!

Kommentare:

  1. Ich freue mich darauf, Petra! Und ich finde deine Entscheidung goldrichtig-daraus kann man nur lernen.

    Herzlichst
    Christa

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  2. Liebe Christa,
    ich hoffe nur, dass die Leute nicht zu pauschal davon lernen - dieses Buch ist natürlich ein Sonderfall! Man sollte bei jedem Einzelfall genau abwägen, worauf es einem ankommt und was man geboten bekommt.
    Geheimtipp: Das A und O für den Erfolg ist der Vertrieb!

    In meinem Fall können das Verlage gar nicht leisten, denn ich überlege ja auf dem Buch aufbauend, mit einer französischen Kollegin eine deutsch-französische Edition herauszubringen, wobei uns das Know-How von Fachleuten zur Verfügung stünde. Alleine wäre so etwas nie zu leisten, auch nicht, wenn man viel kann. Und wir wissen natürlich genau, dass wir dann auch "Verlag" SIND - mit der entsprechenden Zusatzarbeit und Finanzierungsfragen.

    Wenn morgen ein Verlag sagte, wir sind bereit, zweisprachig zu verlegen und eure unkonventionellen Vermarktungspunkte einzubeziehen, ließen wir den sofort machen. Aber allein an der Zweisprachigkeit und internationalen Verfügbarkeit der Bücher hapert es bei denen, die wir uns angeschaut haben. In F wie in D.

    Sonderfall ist außerdem, dass Buch und Namen seit Jahren gut etabliert sind und ich regelmäßig damit auftrete (sogar angefragt werde, nach sechs Jahren immer noch) und auch über Veranstalter verkaufe. Das bedeutet, je schneller es wieder verfügbar ist, desto eher wirkt noch die Werbung nach.

    Wenn jemand jedoch sich selbst UND ein Buch, ein belletristisches womöglich, erst bekannt machen muss, dann würde ich an dessen Stelle dreimal überlegen, ob ich mir all diese Zusatzjobs zumuten wollte und überhaupt auf Profiniveau ausfüllen kann. Dann doch lieber die Energie in Bewerbungen stecken!

    Ich werde meine weiteren "frischen" Projekte natürlich unbedingt Verlagen anbieten.
    Aber das "freie" Bücherbasteln ist natürlich sehr viel flexibler als alles, was man bisher vom Büchermachen kennt und darum für alles interessant, was sehr speziell und "anders" ist.

    Mir würde heute nicht mehr dasselbe passieren wie im letzten Jahr, dass mich Leute nach einem freien Auftrittsprogramm händeringend um Texte zum Thema bitten - heute hätte ich sie gebunden dabei und würde signieren!

    Herzlichst,
    Petra

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  3. das ist wohl eine radiohead-in-rainbows-situation.

    die band, die lange jahre bei emi war, hat (übrigens genau während der frankfurter buchmesse) 2008 ihr album zum kostenlosen download angeboten (mit spendenoption), wochen später eine hochpreisige selbstvertriebene special-edition versendet und erst einige wochen später reguläre cd/lp-versionen über den üblichen musikvertriebsweg (label, plattenladen) in den verkauf gebracht.
    nicht ganz zu unrecht haben neider und vertreter der musikindustrie haben damals kritisiert, dass radiohead erst durch das "system musikindustrie" zu den internationalen superstars geworden seien – und ohne ihre bisherige karriere durch diese aktion kaum beachtung gefunden hätten.

    ähnlich ist hier jedenfalls, dass solche veröffentlichungs-wagnisse und der verzicht auf etablierte strukturen (marketing und vertrieb) oft nur dann gelingen, wenn es die erfolgsgrundlage gibt, von der sie auch in ihrem kommentar schreiben.

    ich habe ihr buch als buchhändlerin oft verkauft! ich kann mir vorstellen, dass es in "ihrer" fassung funktioniert. ich hoffe, dass es klappt.

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  4. Willkommen Blaugraufrau (ich finde diesen Namen herrlich!)

    Das freut mich aber. Ganz ehrlich - ich mache mir keine Illusionen, Verkaufszahlen wie bei Hanser werde ich nie und nimmer erreichen. Ich werde es auch nicht ganz so schön als HC produzieren können, weil sonst der Endverbraucherpreis zu hoch wird.

    Aber das ist jetzt einfach ein spannendes Experiment auf Zeit, weil das Buch natürlich irgendwann schon "altert". Ich sehe es als persönliche Backlist - und da ist natürlich klar, der Erfolg kam durch Hanser und den Buchhandel. Der hoffentlich zweite (?) wird auf meiner Europaarbeit aufbauen, also völlig anderer Sektor.

    So viel oft über das System und die Branche geschimpft wird, ich glaube nicht an Alternativen in der nächsten Zeit. All die Autoren, die als Selfmade-WoMen in Social Media oder Medien gepriesen werden, sind entweder Eintagsfliegen oder vom Fach, sprich Journalisten, Leute mit bekannten Namen, Werbefachleute etc. Und viele haben einen verlagsähnlichen Apparat hinter sich.

    Im Internet oder beim Selbstverlegen muss man sich als Hänschenklein erst einmal zwischen Tonnen von Müll sichtbar machen - und ernstzunehmende Empfehlunginstitutionen mit großer Reichweite wie Feuilleton oder Buchhändler gibt es - noch - nicht. DEN Job wollte ich nicht von Null auf machen müssen, nicht einmal bezahlt...

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  5. Hat eigentlich jemand die steile These bemerkt, die ich hier aufstelle? Ich bin selbst erschrocken.
    Nicht der Inhalt macht den Erfolg eines Buchs aus, sondern die Fähigkeit von Verlag, Vertrieb und die Medien.
    Was sagt man dazu...

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