Wollschwein seziert

Gestern berichtete ich noch von Selbstvermarktungs-Kooperativen und Barry Eislers Entschluss, künftig alles allein in die Hand zu nehmen, da stolpere ich über einen ebenfalls sehr lesenswerten Artikel von Laura Miller in "The Salon": Author, sell thyself. Sie macht etwas ganz Raffiniertes - sie zeigt, dass es in der Buchbranche nie eindeutige Antworten und Wege gibt.

Formal erreicht sie das, indem sie zwei Erfolgsautoren von ein und demselben Verlag diametral gegenüberstellt und ihre Wege vergleicht. Amanda Hocking wurde durch selbstverlegte E-Books mit Eigenmarketing zur Millionärin und hat jetzt einen Vertrag beim Traditionsverlag St. Martin's Press unterzeichnet. Sie hat in ihrem Blog eindrucksvoll gezeigt, wie erschöpft sie vom Eigenmarketing ist. Vom neuen Verlag erhofft sie sich, dass er ihr die Werbearbeit abnimmt und vor allem bessere Bücher macht. Die ihren litten beispielsweise unter unzureichendem Lektorat.

Ausgerechnet von St. Martin's Press ist aber Barry Eisler gegangen, der eine halbe Million Dollar ausschlug, um künftig alles selbst zu machen. Er glaubt daran, dass auch Selbstverleger professionelle Cover oder Lektorate in Auftrag geben können und in Sachen Eigenmarketing sehr viel mehr tun als ein Verlag. Laura Miller wagt einen Vergleich der extrem unterschiedlichen Wege und kommt zu einer spannenden Frage: Wo bleibt eigentlich noch die Zeit zum Schreiben?

Mich erinnert die Diskussion um Veröffentlichungswege an die unzähligen Diskussionen, die ich führen musste, als ich mich sehr früh selbstständig machte. Jeder kennt die Argumente. Der Angestellte wundert sich, wie man all die Sicherheit aufgeben kann. Der Entrepreneur wundert sich, wie ein Angestellter heutzutage an Jobsicherheit glauben kann. Der Angestellte will seinen festen Feierabend und Planbarkeit - der Entrepreneur wird wahnsinnig, wenn jeder Tag gleich verläuft, und arbeitet zunächst in Selbstausbeutung. Man muss für das eine wie das andere schlicht geschaffen sein, so viel man sich sonst auch beibringen mag.

Ich behaupte, bei BuchautorInnen ist das nicht anders. Wer nicht für die Selbstständigkeit geschaffen ist, wer es scheut, zum Ein-Mensch-Unternehmen zu werden, sollte tunlichst die Finger vom Selbstverlegen lassen. Wer jedoch mehr Fähigkeiten in sich vereint als nur das pure Schreiben, wer Experimente liebt und unternehmerischen Geist besitzt, der wird womöglich auch irgendwann selbst mehr bewegen als ein Verlag das innerhalb seiner Sachzwänge leisten kann. Und natürlich kann der "angestellte" Schriftsteller eines Tages entlassen werden und der unternehmerische Schriftsteller scheitern. Ohne Risiko keine Literatur.

Vergessen wir aber nicht das Mittelfeld. Amanda Hocking und Barry Eisler gehören zu einer absoluten Minderheit auf dieser Welt, die man an den Fingern abzählen kann. Viel schlimmer sieht der Alltag aus. Schauen wir auf all die begabten und minder bekannten AutorInnen, die es in einen Konzernverlag geschafft haben, nur um festzustellen, dass die Vertreter vor dem Buchhändler keine dreißig Sekunden pro Buch haben. Die erkennen müssen, dass es Pressearbeit, die ihren Namen wirklich verdient, nur für die Spitzentitel gibt. Dass ein gutes Buch einfach auf den Markt geworfen wird - friss oder stirb - und nach manchmal sechs Monaten schon wieder verramscht wird, weil der Profit die Lagerkosten nicht einspielt.
Und was ist mit dem Heer der AutorInnen in engagierten, wunderbaren kleinen Verlagen, die einfach nicht die finanzielle und personelle Kapazität haben, sich um jede mögliche Werbeaktion selbst zu kümmern? Da war es schon immer gang und gäbe, dass sich die AutorInnen für ihre Bücher auch selbst engagieren.

Mag sein, dass sich eine Hocking oder ein Eisler tatsächlich diametral entgegengesetzte Wege aussuchen können. Otto Normalautor im deutschsprachigen Raum kann das nicht. Er wird entweder das Glück haben, in einem Verlag mit absolut fähiger Öffentlichkeitsabteilung gelandet zu sein, der mehr als nur Spitzentitel betreut (so etwas gibt's tatsächlich). Oder er wird zur Masse der anderen gehören. Die kann entweder wie beim Roulette zuschauen, ob das Buch Erfolg haben oder gleich vergessen wird. Oder sie kann, muss etwas für dieses Buch tun. Dann sind wir aber wieder bei der Gretchenfrage, die nicht nur Millionäre betrifft: Wann bitte schreiben wir eigentlich unsere Bücher?

Ganz ehrlich: Wäre ich Buchmillionärin, ich wüsste, wie ich mir die Zeit dazu verschaffe - ob mit oder ohne Verlag. Ich hätte dann nämlich längst richtig Geld ins Lektorat und in eine eigene PR-Frau investiert. Und kommt nicht auch die kleinste Werbung - und sei es nur durch Lesungen - in Sachen Abverkauf wieder zurück?

Ich dachte einmal, mit einem freien Beruf ohne festen Feierabend käme ich nie dazu, Bücher zu schreiben. Heute habe ich drei Berufe in Selbstständigkeit, schufte noch viel mehr und schreibe immer noch Bücher. Ich glaube nicht, dass es an der Frage Verlag oder Selbstverlag liegt, ob man den Hintern hochbekommt. Das muss man einzig und allein mit dem eigenen inneren Schweinehund und den eigenen Kräften ausmachen. Letztere schwinden dann, wenn ich in einem Umfeld arbeiten muss, das mich unzufrieden macht und frustriert. Die Faktoren und wie man sie abstellen kann, sind so unterschiedlich wie die Autoren selbst. Aber wer Literatur schaffen will und kann, der tut das auch, in jedem System.

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