Am Nullpunkt

In regelmäßigen Zyklen glauben Menschen, die Zeiten stünden besonders schlecht ("früher war alles besser"), die Menschheit lebe am Abgrund und demnächst platze der Planet wie ein Ballon auseinander. Viel interessanter als die Apokalypsen, die sich so vortrefflich in alle Richtungen missbrauchen lassen, sind jedoch die wirklichen Umbruchzeiten. Aber kann man die spüren, wenn man mittendrin sitzt? Kann man, während alles den Bach herunter zu gehen scheint, Zukunft erdenken? Ein paar arme Irre versuchen auch das mit schöner Regelmäßigkeit in der Geschichte - und es gelingt ihnen vielleicht sogar deshalb, weil sie wirklich oft arm sind und darum nicht viel im alten System zu verlieren haben: Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle - oft im Verein mit Philosophen, Wissenschaftlern und anderen Denkern und Forschern.

Die letzte, aus unserer Sicht massiv spürbare Zeitenwende geschah um 1900. Die Belle Époque, die "schöne Epoche", war überfettet und feist in die Jahre gekommen, übersättigt feierte man schließlich einen Lebensstil, der den Untergang zum ästhetischen Moment hochstilisierte: Fin-de-siècle, das Jahrhundertende, Jahrtausendende, Zeitenende. Nie mehr sonst haben genau in dieser Zeit derart viele Künstler und Intellektuelle Trotz, Anarchie und Aufstand geübt wie damals - und das grenzübergreifend von Paris bis Moskau und schließlich über den großen Teich. Es entstand eine brodelnde Kunst-Kultur, eng verknüpft mit dem Leben, die wir heute als Avantgarde kennen. Ihre große Blütezeit ging erst mit den 1920ern zu Ende. Die Avantgarde veränderte die Welt: Sie erprobte neue politische Ideen, neue Rollenverhältnisse. Sie setzte sich mit den Lebensveränderungen durch Maschinen, Massenmedien und Elektrifizierung auseinander. Doch idealistische Bewegungen sind stets verführbar. Von West bis Ost versackten diejenigen, die einst zum großen Weltenumbruch angetreten waren, im Faschismus, der auch sie erstickte.

Seit meiner Schulzeit bin ich von der Avantgarde fasziniert, aber erst mit der Öffnung zum Osten und in den letzten Jahren stehen zunehmend mehr russische Texte in Übersetzungen zur Verfügung. Weil die Avantgarde, die in Paris ihr internationales Zentrum hatte, ohne die russische Avantgarde (das "Silberne Zeitalter") nicht denkbar war, ist diese Gesamtschau so wichtig. Für mich wird das Thema immer spannender, weil sich so viel über unsere eigene Zeit und unser Reagieren darauf lernen lässt. Manchmal wirkt jene Zeit wie ein Spiegel. Ein paar Buchtipps habe ich dazu, einige fürs "breite" Publikum, andere fürs fachliche Vertiefen.

Ursula Keller / Natalja Sharandak: Abende nicht von dieser Welt. St. Petersburger Salondamen und Künstlerinnen des Silbernen Zeitalters, AvivA-Verlag

Eine Sammlung von Portraits berühmter Russinnen von Sinaida Gippius über Anna Achmatowa bis Natalja Gontscharowa, die sich nicht nur spannend liest, sondern sehr gut das Phänomen künstlerischer oder literarischer Salons beschreibt - und deren Wirkung auf Bildung, Kultur und Frauenrollen. Die kleinen Keimzellen in den Privathäusern waren revolutionär und die Emigrantinnen exportierten ihre Ideen schließlich auch nach Paris.

Karl Schlögel: Petersburg. Das Laboratorium der Moderne 1909-1921, HC bei Hanser, TB bei Fischer

Das opulente 700 Seiten starke Werk ist ein gut lesbares Fachbuch und das Standardwerk überhaupt. Es zeigt die eindrucksvolle Petersburger "Laborküche" von Künstlern, Architekten und Utopisten, die in dieser Stadt um die Jahrtausendwende nach neuen Ausdrucksformen und "Weltenideen" suchten, bis Oktoberrevolution und Krieg dazwischenkamen und viele Denker in die Emigration trieben. Für mich aufregend wie ein kulturgeschichtlicher Krimi - und nachdenklich machend für alles, was uns derzeit umtreibt und verunsichert.

John E. Bowlt: Moskau & St. Petersburg. Kunst, Leben und Kultur in Russland 1900-1920, Paperback bei dtv

Bowlt ist zur Zeit der Kenner der russischen Avantgarde, an seinen Büchern kommt kein Forscher und kein interessierter Laie vorbei. Zum Glück schreibt er absolut verständlich bis unterhaltsam und ist spürbar mit Leidenschaft beim Thema. Dieser Band, der in einer Reihe mit Büchern über Wien, Berlin und München steht, ist überreich bebildert, aber nicht nur ein Augenschmaus. Auch weniger Beschlagene in Sachen Kunst erahnen hier, wie Kunst sich auf Gesellschaft und Politik, aber auch Unterhaltung und Wirtschaft auswirkt und unsere Welt lebbar und verstehbar macht. Wer begreifen möchte, wie der Mensch der Moderne "modern" wurde - hier lässt sich das in Wort und Bild nachvollziehen.

Elizabeth Wilson: Bohemians. The Glamorous Outcasts, Tauris Parke Paperbacks, London

Viele gute Bücher werden leider nie übersetzt. Dieses ist in zweifacher Hinsicht gut: Die Autorin schreibt in einer Anschaulichkeit und Leidenschaftlichkeit, das man schon im Vorwort ständig Sätze unterstreichen möchte, weil sie so wunderbar und treffend sind. Und trotz aller Lockerheit schafft sie es, dem Phänomen der Bohème zwischen Paris, London, New York, Berlin, München und Kalifornien kulturwissenschaftlich genau nachzuspüren. Ein großer Verdienst dieses Buchs ist es, dass sie bei der Frage nach den Ausgestoßenen der Avantgarde nicht stehenbleibt, sondern immer auch fragt, ob es in späteren Zeiten ähnliche Bewegungen gegeben hat. Wie werden Künstler und Intellektuelle zu Außenseitern einer Gesellschaft und wie verändern sie sie? Das "Land Bohemia" scheint variabel zu sein, aber noch nicht tot...

Groys / Hansen-Löve / von der Heiden (Hrsg.): Am Nullpunkt. Positionen der russischen Avantgarde, Suhrkamp Wissenschaft

Das fast 800 Seiten starke Taschenbuch ist im wahrsten Sinne ein "Klopper". Die Sammlung von zum Teil erstmals übersetzten Originaltexten der russischen Avantgarde hat manchmal einen Apparat von Endnoten, der länger ist als der Originaltext, sich aber genauso interessant liest. Sicher spannend, immer wieder einmal einen Text herauszupicken und auf sich wirken zu lassen, aber ohne Vorkenntnisse über unterschiedliche Kunstbewegungen vom Futurismus bis Suprematismus kein wirkliches Vergnügen. Es handelt sich eben um ein wissenschaftliches Fachbuch, eine Textsammlung. Wer sich darauf einlassen kann, wird wahre Schätze des Denkens ausgraben und in eine Zeit blicken, von der wir im Westen fast nichts wissen.

Die Verführbarkeit zu Utopien, die verstiegenen Zukunftsideen mögen für uns heute teilweise fast lächerlich und grotesk wirken. Aber so lustig da manche Idee wirkt, bleibt einem das Lachen im Halse stecken, weil sich Stalinismus, Terror und Diktatur bereits darin zeigen. Es ist faszinierend, wie sich Intellektuelle damals Gedanken um neue soziale Systeme oder eine Reise zum Mond machten, um Volksbildung oder neue Medien, die weltweit in Echtzeit Menschen kommunizieren lassen könnten. Genauso erschreckend ist es aber auch zu sehen, wie Denker in Zeiten der Unsicherheit und Umbrüche zu vermeintlicher Sicherheit streben, zu faschistischen Ideen und Kontrolle. Wenn es nicht wirklich anstrengend zu lesen wäre, würde ich "Am Nullpunkt" zur warnenden Pflichtlektüre empfehlen.

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