Millionärsmärchen

Immer öfter habe ich das Gefühl, mein Blog dient als Ideengeber für die sogenannten Qualitätsmedien. Am 12. Februar brachte ich das Märchen aus dem Land der Tellerwäscher um die selbstverlegende Autorin Amanda Hocking - nun hat es endlich auch der SpOn entdeckt. Und natürlich erschreckend reißerisch und unkritisch aufgemacht. Ach, was werden sich die Hobbyisten jetzt wieder Geld und Ruhm zusammenträumen!

Die Journalistin und Qualitätsbloggerin bleibt lieber beim guten alten Journalismus und warnt eindringlich vor überzogenen und weltfremden Hoffnungen. Amerika ist nicht Deutschland, ein ohnehin längst bekannter J. A. Konrath ist nicht Tante Erna Meier und von Nichts kommt nichts.

Die vom Spiegel besungenen Superseller unter den "Indies" haben nämlich einiges gemeinsam:
  • absolut professionell gestaltete Bücher
  • gefragte Themen
  • eine enge Kundenbindung und eine eigene Fangemeinde
  • ein Händchen für Buch-PR und Social Media
Natürlich schwappt der Trend demnächst über den Teich. Natürlich braucht man keinen Verlag, um erfolgreich Bücher zu veröffentlichen. Aber man braucht genau das, was das herkömmliche System früher einmal umfassend für alle Autoren selbstverständlich zur Verfügung stellte:
  • Fachwissen oder Fachleute für die Buchherstellung (von C wie Cover über L wie Lektorat bis S wie Satz)
  • einen absolut fähigen Vertrieb (hier werden die Distributoren andere das Fürchten lehren)
  • Gekonntes Marketing und Buch-PR
  • Leserbindung, Leserbindung, Leserbindung
  • Rezensionen und Medienecho
  • einen Markt (sprich, es muss erst einmal einen nennenswerten E-Book-Markt geben)
Spezielle Hürde in Deutschland wäre das "Schmuddelimage", das zwar bei LeserInnen und sogar Verlagen fällt, aber im Feuilleton und Buchhandel immer noch vorherrscht. "Indies" schaffen es in den seltensten Fällen gedruckt in den Buchladen und in die Medien nur, wenn sie wie Amanda Hocking Traumauflagen erreichen. Man könnte natürlich frech daraus folgern, dass sich das Feuilleton bald auch warm anziehen muss.

Eine andere freche Schlussfolgerung von mir: Hätten Verlage in den letzten Jahren ihre Autoren wirklich gepflegt und Talente wie früher aufgebaut, hätten sie all diese Leistungen nicht nur für Spitzentitel gegeben, würden ihnen heute nicht Autoren wegrennen. Es sind ja längst nicht mehr irgendwelche Möchtegerns ohne Grammatikkenntnisse, die ihre Bücher selbst machen - sondern zunehmend Leute, die mit etwas Geduld einen Verlag finden würden oder sogar längst einen haben. Es sind nicht mehr nur die Trendschreiber, wie das beim SpOn so schön populistisch erscheint, sondern vor allem Autoren, die Ungewöhnliches, Eigenes und Neues außerhalb der Buchhandelsketten-Erwartungen schreiben. Und genau das sollte der Branche langsam zu denken geben. Oder auch nicht.

Die Zeiten für Autoren sind besser als vor ein paar Jahren. Es macht nur verdammt viel Arbeit und kommt nicht über Nacht!

update
@tiniaden hat mich dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass SpOn auch ein Interview mit Amanda Hocking geführt hat. Das führt das Millionärsmärchen etwas ad absurdum, weil die Autorin offenbart, dass sie nicht weniger geschuftet hat wie jede andere erfolgreiche Autorin auch: Seit neun Jahren suchte sie nach einer Literaturagentur, seit acht einen Verlag.

Lesenswert ist Amanda Hockings eigenes Blog. Die Autorin scheint gut geerdet zu sein und räumt mit dem Märchenglauben auf, den SpOn und andere propagieren:
"Traditional publishing and indie publishing aren't all that different, and I don't think people realize that. Some books and authors are best sellers, but most aren't. [...] This is literally years of work you're seeing. And hours and hours of work each day. The amount of time and energy I put into marketing is exhausting. I am continuously overwhelmed by the amount of work I have to do that isn't writing a book. I hardly have time to write anymore, which sucks and terrifies me."

Kommentare:

  1. Danke für diesen guten Kommentar. Leider wird bei Berichten wie auf SPON unterschlagen, daß es sich um Einzelfälle handelt und das Klischee von "Tellerwäscherbuchautor zum Millionär-Erfolgsbestseller" bedient - eben eine romantische Geschichte. Jedoch sieht die Wirklichkeit ein bißchen anders aus. Ohne Zweifel gibt es eine Chance, im Selbstverlag erfolgreich zu sein (im Sinne von bekannt, berühmt und viel gekauft/gelesen). Nur funktioniert es nicht über Nacht und per Zufall. Die Schwierigkeiten haben Sie ja in Ihrem Beitrag angedeutet. Hinzu kommt noch im geschilderten Fall, daß ab einem bestimmten Zeitpunkt große, einflußreiche Medienhäuser die Geschichte aufnahmen und so der Erfolg sich dann einstellte. Also ganz ohne Hilfe ging es eben dann doch nicht ;-).

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  2. Hallo Petra,

    aber natürlich ist Dein Blog ein Ideengeber! Und ein Grübelgeber, zumindest für mich - aber im positive Sinne. Mein Erstling fragt mich inzwischen wöchentlich, ob er denn nun ein verlags- und buchhandelskettenkompatibles Erzeugnis wird, oder eben gerade nicht. Wie die Kleinen so sind, einmal will er das Eine, dann wieder genau das Andere, und zwischendurch, in seinen ganz uneinsichtigen Momenten, da will er alles sofort und auf einmal und aufn Arm.

    Immer wieder finde ich hier im Blog dann Anregungen, die diese Diskussion mit meinem Erstling bereichern. Dafür will ich jetzt auch mal einfach "Danke" sagen.

    Liebe Grüße, Simona (@doncish)

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  3. @Wenke Richter
    Sehr empfehlenswert und jetzt verlinkt: Amanda Hockings Blogeintrag von gestern. Die Frau steht sehr realistisch mit beiden Beinen auf dem Boden und räumt mit allen Illusionen auf. Und sie zeigt, dass vor dem Erfolg knallharte Arbeit und Durchhaltekraft steht.

    @Simona
    Es freut mich immer wieder, wenn ich Menschen zum Nachdenken oder auf Ideen bringe!
    Was die lieben Erstlinge betrifft, habe ich (und da stehe ich recht alleine da) nur einen einzigen Rat:
    Schreibt euren Text ohne irgendwelche Rücksichten, frei, spielerisch und experimentell voll aus dem eigenen Bauch heraus. Denkt dabei weder an Verlage noch an Märkte. Es ist nämlich eminent wichtig, sich selbst erst einmal zu finden und eine eigene "Schreibpersönlichkeit" zu entwickeln. Nur mit der kann man langfristig bestehen.

    Das heutige Ratgebergedöns legt Autoren viel zu früh Ketten und Korsetts an. Oft schon, bevor man überhaupt einen eigenen Stil entwickelt hat. Und diese Schere im Kopf bekommt man später kaum mehr los.

    Alles andere, Bewerben oder Verkaufen, findet in einem völlig anderen Hirnteil statt - und das kann man machen, wenn der Text fertig und unendlich oft zurechtgefeilt wurde. Dann, wenn man glaubt, das Beste gegeben zu haben.

    Nutzt die Freiheit, wild herumspinnen zu können. Alles ist möglich. Denn diese Freiheit wird mit der Zeit schwinden. Und nur diese Freiheit gibt einem nach mehreren Büchern noch die Kraft, vom eigenen Schaffen einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Was will eigentlich ich? (nicht: Was erwarten andere von mir?)

    Allerdings gebe ich zu: Meine Methode birgt im Gegensatz zu Ratgeberversprechungen die Möglichkeit fulminanten Scheiterns. Was meiner Meinung nach zu einer ausgeprägten Autorenpersönlichkeit dazu gehört.

    Also lass deinen Kleinen einfach erst mal groß und moppelig werden ;-)
    Schöne Grüße,
    Petra

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  4. Schön, wir Ihr hier redet :)
    Lieber Gruß von Michael

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