Das böse Wort mit D

Spontan habe ich heute nach dem Frühstück bei der Aktion #schoenesWort ein Wort getwittert, das mir seit Tagen auf der Zunge liegt: Demut. Ich konnte gar nicht so schnell weiterklicken, wie Protest aufkam. Einige fanden das angesichts der Weltsituation völlig daneben. Mir ist natürlich bewusst, dass das Wort Demut gerade in Machtstrukturen oft mit Fehlbedeutungen aufgeladen wurde - und dass es jede Menge falscher Demut gibt. Aber was kann das Wort dafür, wenn Menschen es nicht verstehen? Oder wenn sie ihm die Schuld für Dinge geben, die Menschen Menschen antun?

Ich will hier keinesfalls predigen. Wer mich kennt, der weiß, ich habe einmal Theologie und Judaistik und ein bißchen Religionswissenschaften studiert, aber ich bin auch genau deshalb aus der Kirche ausgetreten. Ich habe die masochistischen oder noch schlimmer, die heuchelnden falschen Demütigen kennengelernt, die sich sozusagen mit der Geißel auf die eigene Brust klopften, um zu sagen: Schaut, wie überaus bescheiden und demütig ich bin, viel besser als ihr, viel gottgefälliger! Und ich habe stille, in sich ruhende Menschen in Klöstern erlebt, die Demut als Dienst am Mitmenschen verstanden und - statt viel zu reden - einfach selbstlos handelten.

Mein erstes Demutserlebnis hatte ich jedoch vollkommen unkirchlich und weltlich als Kind im Garten. Es war schwarze Nacht und wir beobachteten Sternbilder. Die ganz großen konnten wir schon finden und uns am Himmel orientieren, hell leuchteten ihre Sterne. Wie eine ordentliche Landkarte schien das "Himmelszelt", übersichtlich und behaglich. Aber je mehr ich schaute, desto mehr Sterne tauchten auf, desto mehr Winzlinge leuchteten immer kräftiger. Schon ließen sich innerhalb der Sternbilder so viele neue Lichter erkennen, dass die Landkarte in ihren Grenzen zu verschwimmen begann. Es war, als würde sich der Himmel mit jeder Sekunde mehr weiten. Das Zelt hob ab. Das war ein Wunder von unzählbar vielen kleinen Diamanten im Nichts, ein überirdisch schönes Flackern.

Ich werde diesen Moment nie vergessen - und ich kann ihn in manchen Nächten in der absoluten Stille wiederholen: Plötzlich hatte ich das Gefühl, nicht ich würde die Sterne beobachten, sondern die Sterne würden mich beobachten. In dem Maße, mit dem ich den Himmel zu dehnen schien, verlor ich selbst an Größe. Nun war ich nur ein kleines Kind. Aber ich schrumpfte zuerst auf Sternenpunktgröße und schließlich zum Staubkorn. Das kosmische Staunen, das mich dabei erfüllte, war so grandios, dass es mir den Atem nahm. Ein Staubkorn mit Allgefühl. Ich fühlte mich nämlich plötzlich als Teil des Ganzen. Ich konnte zwar nicht erfassen, was dieses "Ganze" sein sollte, aber ich fühlte mich unendlich geborgen und in mir ruhend. So klein und dumm und winzig ich da stand, zu irgendetwas musste ich nütze sein, sonst würde ich nicht auf einem dieser Planeten herumwuseln. Irgendwie würden ganz viele Staubkörner zusammen auch einen Stern bilden können und vielleicht ein wenig Licht abgeben - aber dazu mussten sie erst einmal wissen, wie klein sie wirklich sind.

Man braucht für dieses Urgefühl der Religio (= Rückbindung) keine Religion. Bergsteiger kennen es genauso wie Piloten, man kann es auf dem Meer erleben oder in der Wüste. Die Natur ist eine gute Lehrerin. Demut nennt man diesen Gegensatz zum Hochmut. Solche Demut rückt einen im Weltzusammenhang wieder an den richtigen Fleck, zeigt dem Menschen den Platz in der Natur. Wir wollen die Wüste, das Meer, die Berge, das All bezwingen und glauben, alles sei machbar. Aber wer das je allein mit reiner Menschenkraft versucht hat, wird plötzlich ganz klein schrumpfen. Die Natur ist größer als wir. Diejenigen mit der Hybris, die gar nicht Demütigen, werden manchmal vom Berg abstürzen, manchmal den Berg zerstören. Das Gefühl des Aufgehobenseins kennen sie nicht. Die anderen werden vielleicht über ihre Kräfte gehen, vielleicht scheitern. Aber sie haben die Möglichkeit zu lernen, wie die Staubkörnchen namens Mensch mit dem Berg, statt gegen den Berg leben könnten. Teil eines großen Ganzen zu sein, der Natur, des Kosmos - das bedeutet auch, dass ich dafür Sorge tragen muss, meine Umwelt hege und pflege. Jedes Staubkorn ist dafür verantwortlich, was mit dieser Erde geschieht - und in der Summe hätten wir Sternenkräfte...

Ich denke in den letzten Tagen sehr viel darüber nach, warum in einem der entferntesten Länder von Japan eine solch panische, oft kopflose Aufgescheuchtheit losbricht. All dieses zynische, menschenverachtende Besserwissertum, dass seit Tagen in den Kommentarspalten der großen Zeitungen regelrecht ausgekotzt wird ... Ich verstehe es nicht. Wenn jemand panisch reagieren müsste, dann doch die direkt Betroffenen? Wie viele verächtliche Worte kursieren stattdessen über die ach so stoischen Japaner und ihre Wahrnehmung von einem Ganzen vor dem Individuum. Würden wir im Ernstfall - der hoffentlich nie eintreten wird - denn nur unseren eigenen Hintern retten? Oder würde unsere dünne Kruste Zivilisation wie vor Jahren in New Orleans schon mit einem Wirbelsturm zerbröseln?

Alle Erklärungsmodelle, die ich mir für dieses Phänomen der Hysterie zurechtgelegt hatte, überzeugen mich letztendlich nicht: Kommt die derzeit vom Ausland wieder belachte German Angst durch mangelnde Bildung zustande, durch fehlende Empathie oder durch Hybris? Was lässt die Leute so durchdrehen, obwohl sie weit, weit weg im Warmen und Sicheren auf ihren Sesseln sitzen?

Ich habe keine Antwort auf meine Fragen und muss zugeben: diese Hysterie macht mir Angst. Im Moment frage ich mich, ob es etwas mit dem Verhältnis zur Demut zu tun haben könnte. Irgendwo und irgendwann muss sie manchen verlorengegangen sein. Irgendwie wollen sich viele nur groß und stark und mächtig fühlen. Alles im Griff. Alles machbar. We are the kings und Schwäche gilt nicht. Es gibt da offensichtlich ein großes Problem mit der Hybris. Dem Hochmut.

Für dieses Kinderallgefühl, dieses Aufgehobensein des Winzlings und Kraftsaugen aus den Sternen, für das Urvertrauen, braucht es Besinnung. Die Schwärze aus unseren Fernsehern und Bildschirmen schlägt uns derzeit fast nieder. Vielleicht wäre es nicht übel, in der nächsten sternenklaren Nacht den Mut aufzubringen, sich endlich einmal wieder der Schwärze des Kosmos zu stellen. Das ist allerdings nicht ganz ungefährlich. Das Gefühl da draußen in der Natur hat nämlich schon so manchen völlig verändert. Es kann ein heilsamer Schock sein, wieder auf sich selbst zurechtzuschrumpfen.

Kommentare:

  1. Sehr schön. Danke!

    "Man braucht für dieses Urgefühl keine Religion" Stimmt, nur ein bisschen Vertrauen (oder auch Glauben) ;-)

    "Würden wir im Ernstfall - der hoffentlich nie eintreten wird - denn nur unseren eigenen Hintern retten? Oder würde unsere dünne Kruste Zivilisation wie vor Jahren in New Orleans schon mit einem Wirbelsturm zerbröseln?"

    Sehr interessant, dass du das ansprichst. Dieses Thema wurde gestern auf der Buchmesse im Rahmen der Buchmesse Akademie der Uni Leipzig diskutiert. Zerstört die Katastrophe die Zivilisation? Es gibt leider keine eindeutigen Antworten auf diese Frage. Solange einige Menschen die Katastrophe überleben, wird immer an das angeknüpft was vorher da war. Es gibt keinen Punkt Null, an dem man neu anfangen kann. Also die Zivilisation als solche wird nicht zerstört.

    Dazu gibt es eine Zeitschrift der Uni Leipzig. Behemoth - Journal on Civilisation. http://www.behemoth-journal.de/

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  2. Liebe Frau van Cronenburg,
    auch ich sage Danke für diesen Text. Auch ich kenne die Abneigung der "modernen" Menschen gegen das Wort Demut. Sie verwechseln es mit der alltäglichen Erniedrigung, der sie sich unterwerfen. Ihre Abneigung aber macht sie zu Gebeugten. Der Demütige hingegen bleibt aufrecht.
    Darum dehne ich abschließend das Unverständliche und sage:
    Ohne Demut gibt es die Segnung der Liebe nicht.
    Schönes Wochenende
    Matthias Mala

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  3. Liebe Petra,

    ich konnte das bei Twitter nicht mehr finden, aber nachdem ich deinen Blogbeitrag gelesen habe, kann ich nicht verstehen, arum das zu Unmut gefürt haben soll. Dein beitrag spricht mir aus der Seele, ich erlebe es ganz genauso, und wenn ich in einer der nächsten Nächte zum Sternenhimmel hinaufschauen werde, denke ich ganz gewiss an das, was du geschrieben hast!

    Herzlichst
    Christa

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  4. Hallo Petra,

    auch von mir ein Dankeschön für diesen Beitrag. Im übrigen verstehe ich nicht, was die Leute mit dem Begriff "Demut" überhaupt haben. Für mich bezeichnet er in erster Linie das Wissen um die Tatsache, dass ich kleines menschliches Würstchen zwar wichtig und einzigartig, aber keineswegs der Nabel der Welt bin.


    Und dieses Bewusstsein ist ja sooo aufregend und verdammenswürdig nicht, oder?

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  5. @alle
    Ein Freund meinte, es gäbe zwei Möglichkeiten für die harsche Abwehr gegen das Wort Demut: 1. Gewisse extreme christliche Kreise, die das Wort in kleinhaltender Bedeutung für sich gepachtet haben und jeden Laien verachten, der das anders sehen könnte - oder 2. Leute, die den Sinn des Wortes schlicht nicht verstehen oder nicht richtig hinlesen. Weil die Schreckensrufe bei Twitter kamen, tippe ich auf Nr. 2. Matthias Mala hat das schön beschrieben.

    @dialogtexte
    Danke für den Tipp. Das führt auch zur spannenden Frage, was wir unter Zivilisation verstehen - das ist ja mehr als Technologie und Fortschritt.
    Was mich erstaunt hat, ist, dass es tatsächlich kulturelle Unterschiede gibt, "Zivilisation" (oder eher zivilisatorische Werte) zu bewahren.

    In New Orleans brach unwahrscheinlich schnell rohe Gewalt aus, die Menschen plünderten und vergewaltigten in einem unvorstellbaren Ausmaß. Was Menschsein ausmacht, schien durch die Katastrophe vergessen.
    Wir können zwar nicht hinter die Fernsehbilder schauen, aber in Japan scheint das völlig anders zu sein, obwohl die Menschen unter gleich zwei Katastrophen leiden. Wir wissen natürlich nicht, was passieren würde, wenn sie über das Ausmaß der Katastrophe besser informiert wären - aber waren das die Menschen in den USA?

    Vor diesem Hintergrund frage ich mich tatsächlich, wie eine Nation, die sich so lautstark selbst bemitleidet und hysterisch reagiert, obwohl gar nicht betroffen, im Ernstfall reagieren würde. Ich hätte Angst...

    Es gibt offensichtlich einen starken Zusammenhang zwischen dem Bewusstsein / der Wahrnehmung einer Gesellschaft von Individuum und Ganzem - und dem Erhalt gewisser menschlicher Werte in Extremsituationen. Nachdenkenswert...

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  6. Liebe Petra,
    ich vermute, die Demut hat sich früher zusammen mit anderen menschlichen Eigenschaften und Gefühlen in einem "gesunden" Verhältnis befunden.
    Da ist sie selbst denen nicht unangenehm aufgefallen, die sie nicht verstanden oder nie erfahren haben.

    Heute überwiegen Geldgier, Machthunger, Egoismus, Feigheit und andere niedere Instinkte. Da ist die Demut plötzlich ein Außenseiter, eine Minderheit.
    Wie die Menschen mit Minderheiten umgehen, erfahren wir auch auf anderen Gebieten.

    Mich wundert deshalb ein ablehnendes Verhalten gegenüber der Demut nicht so sehr.

    Aber Matthias Malas Erklärung hat mir sehr viel besser gefallen, als meine eigenen Gedanken, die ich aber ab und zu auch aussprechen muss.

    Gruß Heinrich

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  7. Lieber Heinrich,
    sprechen Sie unbedingt!
    Wissen Sie, was ich mich immer wieder frage (das passt zum Nachdenken über Zivilisationen): Ist "die" Menschheit wirklich schlechter geworden?

    Wie wird ein Mensch zur Zeit der Feldzüge eines Alexanders des Großen Machthunger, Gier, Egoismus und Feigheit um sich herum empfunden haben? Wie ein Sklave im Römischen Reich? Wie der Tagelöhner im Mittelalter? Oder um ganz nah zu kommen: Wie war das mit den lieben Nachbarn im Dritten Reich und später im Stasistaat?

    Könnte es nicht sogar sein, dass sich die Menschheit global noch nie so viele Gedanken gemacht hat wie früher - um entfernte Kriege am anderen Ende der Welt, um Unterdrückung in fremden Staaten, um Naturkatastrophen und menschengemachte, um Systemfehler und um Werte?

    Medien und Internet liefern uns Echtzeit-Informationen aus der ganzen Welt, über die wir früher überhaupt nicht verfügten. Wie sehr das unser Erleben verändern kann, sehen wir im Vergleich zu Staaten, wo die Bevölkerung diesen Anschluss nicht hat, wohl aber ein Bombardement mit Propaganda. Schwieriger ist es, die eigenen Informationen nach Propaganda zu durchforsten, und sei sie noch so "harmlos".

    Wie ist unsere Welt aber nun wirklich? Ist das Bild vom schlechter werdenden Menschen vielleicht auch Propaganda? Und von wem? Oder ist es eher ein Märchen, dass ein Mensch seine niederen Triebe sogar hinterfragen kann?

    Eine Antwort habe ich natürlich nicht...
    Schöne Grüße,
    Petra

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