Live vom Tatort

Leute, vergesst den Tatort heute Abend! Euer Leszek STEHT an einem Tatort, live, ganzheitlich, mit Thujabeduftung. Zum Glück. Es ist ein grüner, ein idyllischer Ort mit Vogelsang, Sonne und einem arschkalten Eiswind.

Während ich an Reihe 7 entlang schlappe (vorher habe ich mich in Feld B, Reihe 58 und Reihe 8 in Feld H völlig verlaufen), während ich also da entlang schlappe... Also ich will mich für die Sprache heute entschuldigen, wie gesagt, das ist alles live ins Mikro gequatscht und wird von der Spracherfassung abgetippt, während ich gegen diesen arschkalten Wind... Das hatten wir schon. Punkt, streichen.

In Reihe 7 kommt mir der Gedanke an Ursula. Ursula ist gut beieinander, wie man bei euch sagt, und eine lustige Witwe. Jedenfalls war sie das, bis sie auf der Vergrabung ihres Alten eine Thuja ausgraben musste, weil die komischen Bestimmungen bei euch große Baumpflanzungen auf Leichen nicht zulassen, wegen der Wurzelung im Fleisch und so. Wie also die gute Ursula gräbt und gräbt und gräbt, sieht sie niedliche weiße Perlchen im Humus. Es ist Sommer, Ursula findet die Perlchen schön und die Thuja fällt und in den Wurzeln leuchten noch mehr Perlchen. Weil hier vielleicht Kindergarten mitlesen, erspare ich euch Einzelungen und erzähle nur, dass die arme Ursula nachher vom Arzt gar nicht mehr loskam.

Hätten sie sie mal gleich zu uns in die Rechtsmedizin geschickt, da hätte ihr sogar der Praktikant, welcher bin ich, sagen können, was Sache war. Bei so einem propperen Stück Fleisch sind die Perlchen nämlich erst richtig in Aufwachung geraten und haben in Aufwallung nach Atzung geschrieen und sich gewurmt. Grabt nie ohne Socken in Sandalen auf Grablegung! Erst haben sie eine Hobelung machen müssen wegen der vielen Hornhaut an der Ferse. Alles entzündet schon, was Leichen nicht passieren kann, die spüren auch nichts wie Ursula. Zwei Totenwürmer haben sie ihr tief innen aus dem Fuß gepult, lecker vollgefressene Kerlchen!

Das kann unserer Leiche heute nicht passieren. Sie haben sie erst suchen müssen. Auf dem Parkplatz von Magenweilers Stadtfriedhof steht ein völlig verbeultes Auto quergestellt. Darunter fanden sie eine zerquetschte Handtasche und einen einzigen lila Pumps, völlig intakt, ich hab gleich Eifonfotos gemacht:


Keine Tote, keine Fahrerin. Mir ging natürlich sofort die Muffe in Sausung, als ich den Schuh sah. Erinnert sich jemand an Hauptkommissarin Kugler? Vorgewölbte Neugierigkeit, Allergen gegen Haustiere und zieht mit Stilettos immer Schleimspur und Blut durch den Tatort? Natürlich habe ich in Feld B Reihe 58 erst einmal das GPS herausgeholt und mich orientiert und danach die Kollegen vor Ort angerufen, ob das hoffentlich nicht unsere hochverehrte... Ist sie nicht, brüllt der Scheff ins Telefon, und ich soll die Handtasche und den Pömps mitbringen, das hätten sie vergessen in der Eile. Ich hätte aber keine Plastiktüten bei mir, schrei ich zurück. Aber du wirst doch noch irgend ne Alditüte im Auto haben, brüllt der Scheff gegen den arschkalten Wind, und wenn nicht, dann machste es wie im Film, im Tatort, und grapschst das Zeug an. Wir hammja deine Abdrücke.

Das lass ich mir nicht zweimal sagen und bis in Reihe 8 Feld H habe ich die Handtasche auseinandergenommen und wertvolle Hinweise gefunden: Einen Lippenstift "Salamirot", ein von der Telekomm deaktiviertes Handy, drei vollgerotzte Taschentücher aus Billigzellstoff, ein Autogramm vom Papst, eine Einladung zum Grillfest in Reihe 7 Feld A und die Taschenbuchausgabe einer Doktorarbeit von irgendeinem komischen Adligen. Hätte ich nicht mir selbst eine Durchkramung der Tasche angeordnet, hätten wir nie erfahren, wer der Mörder ist!

Jetzt bin ich beim Ende von Reihe 8 mit der Absperrung angelangt, wo der Scheff und die Kollegen einen Auftstand machen, das man nichts wiedererkennt. Überall Zahlenmarkierungen und unser durchgeknallter Fotograf, der letztens seine Frau unbedingt mit einem Messer in der Brust zum Geburtstag ablichten wollte, welchselbige ihn dann noch vor der Tortenanstechung verlassen hat. Keine Kommissarin zu sehen. Wenn man die Weiber in den höheren Stellungen mal braucht, hocken sie daheim und geben irgendwem die Brust. Ok ok ok ... es ist Sonntag. Aber wenn der Praktikant schon anschwirrt, dann kann die Quotentante doch erst recht, oder?

Arschkal... sorry, hatten wir schon, aber das pfeift heftiger als jedes Schwein! Und ein verdammt mieser Anblick. Ihr Deutschen mit eurem Verkompostierungswahnsinn! Die entsorgen ja sogar noch die eigene Großmutter nur ökologisch psychodynamisch veganisch wertvoll. Seit die mit ihrer Mülltrennung so rumspinnen, haben wir in der Rechtmedizin eine Tierhaltung, dass uns vor militanten Tierschützern graut! Wir halten die Jungs und Mädels mit den Krabbelbeinchen ja in Petrischalen oder in Massentierhaltung in engen Gläsern, bevor wir sie sezieren und zerquetschen. Sag mir, welches Krabbelbein aus deiner Oma kommt und ich sag dir, wann sie ins Gras gebissen hat und ob sie vorher den Müll getrennt hat und wer den Müll runtergetragen hat. Jajaja, das ist unfein. Aber so machen wir uns Durchhaltung, mit Witzespucken. Guckt doch selbst:


Keine Oma. Keine Perlchen ohne Beinchen, also noch ganz frisch. Nackte Finger auf Thuja. Nackte Leiche mit einem einzigen lila Pömps und verdammt noch mal ohne Handtasche! Wenn die Kugler endlich von ihrer Sonntagsbeschlafung kommt, werde ich sie hinweisen, was ich kombiniere: Papstautogramm und Tatort Friedhof! Wenn man da nicht auf Verzwickung kommt. Aber der Scheff brüllt mich her und zeigt, dass Haufen mit Astschnitt und Thuja seitlich als Grillstelle benutzt wurde. Der Pömps ist angekokelt und stinkt nach verbranntem Leder um 300 Euro. Ich kombiniere: Der Papst ist Ablenkung. 300-Euro-Pömps und eine adlige Doktorarbeit, das riecht doch nach High-Society, nach Politikerverkungelung!

Die Frau ist definitiv nicht hier gestorben, schimpft der Scheff, weil ihm das mehr Arbeit macht. Die ist auf dem Parkplatz von neuen Winterreifen überfahren worden. Seht ihr das Profil quer über dem Bauch? Profil abnehmen, brüllt er und ich rühre brav meinen Gips an und grinse. Ich habe den Fall nämlich schon fast gelöst. Das Feuer in der Thujabehaufung war kein Grillfest. So zünseln Umweltschweine. Zu faul, das Zeug zur Deponie zu bringen oder in die Kompostierung. Brennen und sengen einfach mit mords CO2.

Das ist die Lösung: Heimlicher illegaler Emmissionshandel auf dem Magenweiler Stadtfriedhof im Tausch gegen vatikanische Ablässe. Zuerst hatten sie den Kerner vorgeschickt, das Zeug heimlich in Afghanistan zu vertickern. Plötzlich waren alle Hühnereier mit Dioxin vergiftet. Und ist mal jemand aufgefallen, dass man gleichzeitig nichts mehr von Gammelfleisch gehört hat? Also diesem Zeug, an das nicht mal mehr die Leichenwürmer gehen. Das gibt natürlich zu denken. Wenn die Kugler nicht gleich kommt, habe ich den Fall gelöst. Ist doch alles verdammt auffällig so in Reihung, nicht wahr?

Ich tippe auf Krieg zwischen der Gammelfleisch-Mafia vom Hindukusch und der Mozarella-Mafia aus Napoli, die sich den Emmissionshandel aufteilen wollen. Irgendwer hat bei der Show nicht mehr mitmachen wollen oder es ist einem die Schweinegelatine für die Frisur ausgegangen...

Ich hab's!!! Das Auto auf dem Parkplatz! Hat der Scheff einfach übersehen. Ich wette und ich sage mit Bekräftigung, dass jemand ganz übel etwas vertauscht hat. Zuerst Motorenöl im Ei, im Hühnerfutter. Und im Tank des Tatwagens schwappt garantiert Biosprit aus biodynamischem Anbau in der Dritten Welt! Das isses, das ist die Spur, Leute. Weltverschwörung. Alles nur Show. Irgendwer hat den ganzen Plot abgeschrieben, wahrscheinlich vom Verteidigungsminister, der wiederum von Wikileaks geklaut hat, dessen Anführer aber vom Verteidigungsminister geklaut hat - und schon haben wir einen biodynamischen postmortalen brillantinehaltigen Kompostierungskreislauf.

"Das iss'n Wurmfortsatz!", brüllt der Scheff und hebt seine Pinzette ins Licht. Vielleicht war auch alles ganz anders. Live weiß man das ja nie so genau. Ich verspreche, ich bleibe dran, sonst wäre ich nicht der Praktikant. Leszek Chrząszczyk aus Brojenie, wo noch echte Bisons echtes Wodkagras grasen und hinter jeder Pfütze Langweilichkeit wohnt.

1 Kommentar:

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