Die Stehaufmännchen kommen

"Wir sind Zeugen des größten Wendepunktes der Geschichte, im Namen einer neuen und unbekannten Kultur, die von uns geschaffen werden wird und uns doch auch hinwegfegen wird."
Dieser Satz, der in meinem Nijinsky-Buch vorkommt, ist in meinen Augen einfach atemberaubend. Er beschreibt auf den Punkt genau das Gefühl einer Zeitenwende, die sich so deutlich abspielt, dass sie nicht erst von Nachfahren und nachfolgenden Historikern wahrgenommen wird. Das Alte fällt, das Neue ist noch nicht sichtbar, wird aber unweigerlich folgen. Wie viele Ängste, wie viel Horror könnte man in einer solchen Situation empfinden, wo Privilegien, Altvertrautes und scheinbare Sicherheiten immer mehr Menschen entgleiten. Und dann kommt einer daher und sagt: Ich bin auch einer von diesen Dinosauriern - irgendwann wird es mich nicht mehr geben. Aber das, was jetzt kommt, was ich nur erahnen kann, was noch im Dunklen liegt, was unsicher scheint - das erschaffe ich mit.

Das Zitat stammt aus dem Jahr 1904 - Sergej Diaghilew hat es bei einer Ausstellungseröffnung in Sankt Petersburg gesagt. Vier Jahre, bevor er auf die Idee kam, weit über 1000 Kilometer entfernt von seiner Heimat bahnbrechend Neues zu schaffen. Er hat sich damals geirrt. Zwanzig Jahre nach der Premiere ging seine Truppe zwar unter, aber was er und die mit ihm arbeitenden Künstler erschaffen haben, wirkt bis heute nach. Er hat nicht als einziger so mutig gedacht.Viele Menschen, die wir heute als Teil der Avantgarde begreifen, hatten nicht nur überaus feine Antennen für die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die alles bisher Vertraute umwälzen würden. Sie arbeiteten bereits an etwas Neuem, als das Alte noch nicht endgültig gefallen war. Sie blieben ihren Visionen treu.

Heutzutage klingt das nach übertriebenem Pathos, wirkt der Blick auf "das große Ganze" als in der Rückschau historisch zurechtgedacht. Kann denn der Hamster, der sich hilflos im Rad dreht, den Mechanismus der Radaufhängung erkennen? Muss sich denn immer alles so grundlegend verändern? Kann ein Leben nicht auch in glatten, vorhersehbaren und sicheren Bahnen verlaufen? Zwei Auffassungen von Leben prallen hier unversöhnlich aufeinander. Da ist die Vorstellung von einem Lebensideal, das Sicherheit, Ruhe, Versorgung und Beständigkeit verspricht und doch immer wieder genau daran scheitert. Und auf der anderen Seite stehen diejenigen, die eine solche Vorstellung behäbigen, verkrusteten, ja sogar untergehenden Kulturen zuschreiben, weil sie selbst das Leben als steten Wandel begreifen. Und die doch immer wieder genau daran leiden. Die Geschichte ist erbarmungslos, indem sie scheinbar beiden widerspricht. Letztendlich wandelt sich zwar alles, wird aber die Kontinuität des Vergehens und Erstehens selbst zum Beständigen.

Manchmal gelingt es dem Hamster, in einem Moment des Atemholens einen Blick auf das Radgestänge zu erhaschen und die Mechanismen zu erkennen, die ihn rotieren lassen. Manchmal bekommt er einen kurzen Einblick in die Maschinerie, der zur Eingebung wird, wie sich dieses Rad beherrschen ließe. So viele Manifeste, Briefe und Texte der Avantgarde erzählen von den Ängsten und der Verwunderung über eine Zeit, in der Massenmedien, neue Maschinen, Massenfertigung und völlig neue Medien wie der Film alles Bekannte und Vertraute umzustürzen scheinen. Diaghilew war einer von denen, die sich nicht mit der sichtbaren Zukunft zufrieden geben wollten - er wollte ins noch Unsichtbare hinein erschaffen, scharte die ungewöhnlichsten Talente und Enfants Terribles um sich herum und hatte an seine Künstler nur eine einzige Forderung: Étonnez-moi, erstaune und überrasche mich!

Der Blick aufs Radgestänge vollzieht sich in den wenigsten Fällen derart bombastisch. Und wie oft interpretiert man angebliche "Zeichen" völlig falsch und gar nichts ändert sich. Aber dann fängt man doch an, nachzudenken...

In meinem kleinen Hamsterkäfig namens Buchbranche begegnet mir neuerdings ein Phänomen, das mich positiv überrascht. Inzwischen begegnet es mir oft genug, um an eine Entwicklung glauben zu können. In letzter Zeit tauchen in meinem Umfeld plötzlich wieder Kolleginnen und Kollegen auf, um die es sehr still geworden war. Es handelt sich fast durchweg um Autorinnen und Autoren mit einem Bruch im Karrierelebenslauf. Manche kamen nach einem Erstling nicht auf die Beine - aus den verschiedensten Gründen. Vielleicht versagte die Agentur, vielleicht tat der Verlag nicht genug für den noch unbekannten Schriftsteller, vielleicht war es auch einfach nicht das richtige Buch zur richtigen Zeit. Andere schufen mit ihrer sehr besonderen Art dagegen Bleibendes und sogar Aufsehenerregendes, manchmal sogar im Genre - aber dann wollten sie mit der Trendschreiberei nicht mehr mit, wollten beim eigenen Kopf bleiben. Allen ist etwas gemeinsam: Sie versuchten, sich selbst treu zu bleiben.

Wie viele Selbstzweifel werden sie ertragen haben in jenen Jahren des scheinbaren Leerlaufs. Wer kennt diese Fragen nicht: Bin ich nicht gut genug? Liegt es an mir? Tut es wirklich weh, wenn ich statt meiner Idee Vampirromane schreibe, solange Vampire en vogue sind? Sollte ich nicht dem Kollegen nacheifern, der jährlich ein Buch in Reihe vorlegt? Wenn meine Themen nicht ankommen, sind dann nicht einfach meine Themen schlecht? Wohlgemerkt - es handelt sich durchweg um Kollegen und Kolleginnen, die bewiesen haben, dass sie so schlecht nicht sein können, wie sie manchmal von sich selbst glauben. Aber es half ihnen auch dieses Wissen nichts. Irgendetwas hatte sich verändert. Selbst die besten Agenturen stöhnen über den eisigen Wind, der vor ein paar Jahren aufkam. Selbst die ganz großen Agenturen haben Autoren im Gepäck, die sie statt wie früher in zwei Monaten heute auch innerhalb von zwei Jahren nicht so einfach verkaufen. Die sie irgendwann sogar nicht mehr verkaufen wollen, weil sich so schwierige Kunden selten auszahlen.

Spätestens in diesem Moment trennt sich die Spreu vom Weizen. Nicht etwa durch das Kriterium der Verkäuflichkeit. Wirkliche Schriftsteller geben jetzt nicht auf. Sie machen weiter - sie müssen weitermachen. Aber haben sie mit ihrem eigenen Dickschädel denn überhaupt eine Chance? In heutigen Zeiten?

Mir ist, als stünde der Mechanismus des Hamsterrads eine Weile wie nackt da. Assoziationen zum Film Metropolis und seinen grandiosen Bildern kommen nicht von ungefähr. Plötzlich tauchen all diese Autorinnen und Autoren wieder auf - sie sind wieder da. Faszinierend dabei ist: Keiner von ihnen hat sich angepasst oder schreibt einem "Markt" entgegen. Sie sind sich treu geblieben. Die meisten haben während der Auszeit einfach die Kraft und den Zorn entwickelt, um ihr Profil noch mehr zu schärfen und noch genauer zu wissen: Das ist mein ureigenes Ding und ich weiß, dass es Menschen gibt, die das lesen wollen. Auch wenn mir alle anderen erzählen wollen, diese Menschen seien ausgestorben. Sie nehmen sich ihre Freiheit oder bekommen die Freiheit.

Doch hat sich etwas grundlegend geändert. Keiner von ihnen erscheint in einem Konzernverlag. Sie lächeln heute über den Anfängertraum, sich nur beim allergrößten zu bewerben, weil man ja sonst angeblich nichts wird. Wer hat nicht diesen Absageformbrief von Random House in der Tasche, der einem Jahre später die Schamesröte ins Gesicht treibt: Wie konnte ich blutiger Anfänger mich mit so einem mangelhaften Text bei einem Riesen bewerben? Heute könnten sie es. Heute haben sie das Zeug dazu. Aber sie tun es nicht. Ich finde diese Kolleginnen und Kollegen in literarischen Verlagen wieder, in inhabergeführten kleineren Verlagen, in Szene- oder Nischenverlagen. Und die ersten produzieren gleich selbst. Ein völlig anderer Markt, eine völlig andere Arbeitsweise - aber plötzlich stehen ihre Texte im richtigen Umfeld und gelangen so hoffentlich an die richtigen Leser. Es gibt darunter sogar den ein oder anderen Autor, dessen namhafte Agentur keinen Vertrag herbeischaffen konnte oder wollte - und dann genügen ein paar Anrufe des Autors selbst, um in einem völlig anderen Verlag unterzukommen.

Beim Beobachten dieser Kollegen fällt mir auf, dass sich noch etwas verändert hat. Ausgerechnet in einer Zeit, in der alles zum Massenmarkt und zur Marktkonzentration zu tendieren scheint, gründen immer mehr mutige Männer und Frauen Verlage. Sie wissen, dass Verlegen nicht reich macht und finanzieren sich oft quer. Wider alle Medienjammereien beginnen Sie, was angeblich out scheint. Sie veröffentlichen engagiert wunderbare Bücher von hochinteressanten Autorinnen und Autoren, mit Liebe hergestellt und mutig gegen die Trends gesetzt. Vielleicht aber füllen sie jetzt nur endlich die Lücke der unsichtbaren, der unentdeckten Trends? Vielleicht verkaufen sie endlich die Bücher, die dem Publikum die ganze Zeit fehlten?

Ein paar dieser jungen Verlage finden sich rechts in meiner Verlagsliste. Als aufsehenerregende Neugründungen fällt mir spontan die edition fünf ein und Das Wilde Dutzend. Es gibt noch mehr Verlage, aber diese beiden stehen prägnant für die Bandbreite dessen, was heute möglich ist. Die edition fünf verkörpert eher das, was man sich unter einem "normalen" Verlag vorstellt, setzt aber auf Autoren und Themen, die andere womöglich vorsätzlich versäumen. Das Wilde Dutzend geht allein schon in der Vermarktung und Aufmachung völlig neue wilde Wege. Auffallend ist, dass ich von beiden Verlagen weder im Buchhandel noch in herkömmlichen Branchenmedien gehört habe, sondern zuerst in Social Media. Anders als bei den herkömmlichen PR-Wegen haben mich beide Verlage durch die Persönlichkeiten hinter der Firma neugierig auf ihr Programm gemacht.

So sieht es aus, wenn man das Hamsterrad kurz anhält: Die Totgeglaubten sind alle wieder da, vielleicht stärker als je zuvor. Wer schreiben will und muss, der schreibt. Und gerade jetzt, gerade in der Zeit der ganz großen Dinosaurier, lassen sich einige vom Existenzgründen einfach nicht abhalten. Spannende Zeiten. Oder um mit Diaghilew zu sprechen: Da ist viel Raum für Überraschungen und Staunen. Aber wir müssen es anpacken, machen. Selbst auf die Gefahr hin, dass wir uns mit dem, was wir erschaffen, eines Tages selbst hinwegfegen könnten.

PS: Natürlich werde ich hin und wieder im Blog den ein oder anderen faszinierenden Autorendickschädel durch sein Buch vorstellen - auch wenn ich hier in diesem Zusammenhang keine Namen nennen mag.

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