Trau dich? Trau dich!

Falls mich jetzt jemand beim Prokrastinieren erwischt: Ich brauche das. Ich bin im Moment so überarbeitet, dass mich Bloggen entspannt, als sei es Urlaub (sagt eine nach zwei Stunden Faulenzia in der Sonne). Zudem ist das meine Art, mich gewissen Plänen zu nähern, für die ich im wahren Leben nie den Mut aufbringen würde. Ich schreibe mir sozusagen die eigenen Vorhaben schön. Ich bilde mir ein, wenn ich etwas öffentlich mache, nimmt mich das auch in die Pflicht.

Man liest das ja überall, dass Künstler in modernen Zeiten endlich Eigeninitiative entwickeln und viel mehr selbst erledigen sollten. Weil auf die anderen plötzlich kein Verlass mehr ist - und weil Seth Godin und Amanda Hocking der lächelnde Beweis sind, dass Erfolg nur hat, wer den Hintern hochbekommt. An dem Hintern ist ja etwas Wahres dran. Aber wo am eigenen Hinterteil hört die Künstlerpflicht auf und fängt die Selbstüberschätzung an? Was ist gerechtfertigt, was vermessen? Wann wird der Künstler zum nervigen Bittsteller und wann zum sympathischen Kontakt? Ich habe diesbezüglich schon Künstler beraten. Auf mich selbst höre ich selbstverständlich nicht.

Als ich einer Freundin erzählte, dass ich jetzt langsam sehr konkret ans Marketing für mein Nijinsky-Buch gehen müsste, weil mir der Vorteil der begeistert das Buch auslegenden Buchhändler fehlen wird, fiel mir plötzlich das Herz in die Hose. Vor einem Jahr fühlte sich diese Aufgabe noch wohltuend theoretisch an und mir gelang es, mich als Privatmensch irgendwie davon abzuspalten. Im wahren Leben bin ich nämlich die mieseste Selbstverkäuferin, schüchternste Klinkenputzerin und hasse nichts mehr als Akquise. Bisher hatte ich dafür immer andere Menschen, die das unblutig für mich erledigten - oder leider auch in den meisten Fällen eben nicht erledigten. Jetzt muss ich selbst ran.

Prokrastiniert habe ich bis zum letzten Augenblick einen sogenannten Blurb. Ein sehr bekannter Mensch hat vor über einem Jahr mein Buch gelesen und war - nach Hörensagen - begeistert gewesen. Leider weiß ich das nur vom Hörensagen und kann dann solche Sachen nicht zitieren. Ich muss ihm mein Manuskript noch einmal schicken (wie peinlich), ihn fragen, ob er einen Satz für mich hätte, den ich zitieren darf (wie bettlerisch). Und was, wenn sich dann herausstellt, dass das Hörensagen nur eine Ente war? Seit Wochen verzweifle ich an dieser Mail, habe mir aber jetzt ein Limit gesetzt.

Aus meinem Umfeld bekomme ich nur zu hören, dass ich deppert, viel zu schüchtern, dumm und nicht mutig genug sei. Das sei doch das Normalste der Welt. Also kommt zum Aufschieben und zur Mutlosigkeit noch etwas Lähmendes hinzu: Ich mache mir Selbstvorwürfe. Dass ich nicht so tough und frech und mutig und geschickt wie die anderen bin, für die es das Normalste der Welt ist, bekannten Leuten Bittbriefe zu schicken, die wahrscheinlich in Bittbriefen dieser Art ersticken. Wird der eine Satz denn das Buch wirklich besser verkaufen? Ich muss mich zu so etwas überwinden, zwingen, geradezu peitschen. Sollte ich lernen, endlich "normaler" zu werden?

Mit Firmen aus der Nicht-Verlagswelt habe ich weniger Probleme. Wo Business und Auslesekapitalismus herrschen, kann ich mitspielen. Sie wollen nichts von mir, aber ich hätte vielleicht eine Idee, wie wir gemeinsam etwas erreichen können. Lassen Sie uns eine Win-Win-Situation schaffen. Klare Regeln, jeder macht's, das kann ich auch. Für solche Momente besitze ich sogar ein stinklangweiliges Kostüm.

An Ideen mangelt es jedenfalls nicht. Die nötige Leidenschaft, herumzuschwärmen, ist ebenfalls vorhanden und hat sich durch die Arbeit eher verstärkt. Dumm nur ist an meinen Ideen, dass ich persönlich ein paar Kontakte knüpfen müsste, wie ich sie mir im wahren Leben nicht einmal im Traum einfallen ließe, geschweige denn zutrauen. Da sitze ich dann wieder gespalten und rede mit mir selbst. Das eine Ich ist begeistert: "Die Idee ist so verstiegen und verrückt, dass sie einschlagen muss! Trau dich!" Das andere Ich zieht eine Flunsch und jammert: "Weißt du noch, wie deine Mutter dich immer davor gewarnt hat, wie Tante Else zu werden?!" Tante Else ist Familienmythos. Im Krieg vererbte sie der Familie einen Silberschatz, den man '45 bei den Russen gegen alle nur erdenklichen Annehmlichkeiten eintauschte. Tante Else war von Beruf Hochstaplerin. Das begeisterte Ich widerspricht: "Das ist kein Hochstapeln, so geht das Geschäft, alle machen das so. Trau dich!"

Und wieder nölt das alltagsgraue Ich herum: "Ich kann doch nicht so tun, als hätte ich ein Restaurant in den USA eröffnet, wenn ich nur eine Hot-Dog-Bude betreibe!" Meine Onkels und Tanten in den USA haben das gekonnt und sind so tatsächlich noch zum Restaurant gekommen. Oder sollte ich mir etwas von meinem Großvater abschauen? Der hat laut Legende seine Schulzeugnisse gefälscht und ist zum Hoteldirektor aufgestiegen. Aber irgendetwas läuft falsch mit mir. Meine Familie hat es von Anfang an gewusst: Wenn ich Künstlerin würde, wäre ich endgültig das schwarze Schaf. Einfach untauglich fürs Leben, diese brotlosen Verrückten...

Der Blick auf die Chuzpe der anderen hilft nicht, er lähmt eher. Als die Hochstaplergene in den Reinkarnationskreislauf gelangten, war ich noch nicht gezeugt. Aber eines weiß ich: Ich werde weder Psycho- noch Verkaufsseminare belegen, um aus mir etwas zu machen, was ich nicht bin. Ich weiß, dass ich eine lausige Verkäuferin bin. Aber ich glaube, genau das könnte meine Stärke sein! Dieses Wissen gibt mir nämlich die Kraft, es nicht so zu machen, wie "man" das macht, wie alle anderen das machen. Dieses Versagen birgt einen Vorteil: Ich kann die bleiben, die ich bin, ich werde mich nicht plötzlich verwandeln, nur weil Marketing eben sein muss. Ich habe nur in der nächsten Zeit etwas mehr Arbeit und Mühe als alle anderen.

Ich notiere mir meine Ideen. Die besten. Die verrücktesten, gewagtesten, verstiegensten.
Dann mache ich mir zu jeder Idee eine Checkliste. Auf der einen Seite notiere ich in Rosarot: Wie genau könnte man diesen Wahnsinn Schritt für Schritt ins Leben holen und real machen? Was müsste ich dazu tun, wen bräuchte ich dazu, in welchem zeitlichen und finanziellen Rahmen wäre es machbar? Auf der anderen Seite der Liste steht in Grau geschrieben, was ich spontan an meiner Idee am dämlichsten und unerfüllbarsten finde. Was jeden vernünftigen Menschen davon abbringen müsste. Natürlich fängt Rosarot immer ganz oben an. Kleiner wird man nachhher automatisch.

Dann folgt der Kampf der Giganten: Rosarot gegen Grau. Grau ist von Natur aus negativ, nörglerisch und selbstmitleidig. Rosarot muss Grau beweisen, warum alle Ausreden unmöglich gelten können und warum der Weg machbar ist. Grau zeigt Rosarot, wo es aufpassen muss. Die Endliste schreibt Rosarot. Schritt für Schritt: wie ich, die arme eierlegende graurosa Wollmilchsau, vorgehen muss.

Vor dem Umsetzen eines jeden Punktes braucht es dann all diese kleinen Tricks, die man auch gegen Lampenfieber unnütz anwendet. Erst wenn das Adrenalin flutet, weiß ich, ich habe es angepackt. Für abgearbeitete Punkte gibt es selbstverständlich eine kleine Belohnung und Verschnaufpause. Und für jedes "Ich trau mich nicht" halte ich die härtesten Drohungen aus der persönlichen Horrorkiste bereit. Die Kassiererinnen dieser Welt mögen es mir verzeihen: Ich drohe mir immer damit, dass das langweilige Kostüm für immer im Schrank bleibt. Nichts mit Essen im Palais Gagarin - Aldi an der Kasse wäre dann die Alternative! Man möge mir dieses persönliche Horrorszenario wirklich verzeihen - ich kann nämlich nicht rechnen. Nur das Abitur wiederholen zu müssen, wäre noch schrecklicher!

So hole ich also tief Luft und benutze meinen rosaroten Kopierstift als Stilett gegen mein graues Ich. Ich kann weder rechnen noch verkaufen, aber Ideen umsetzen. Und Leidenschaft zeigen. Ob ich es damit wirklich schaffe, morgen diese Mail zu schreiben? Und dann all die anderen Ideen anzugehen?

Kommentare:

  1. Ich kann dich beruhigen, die Angst vor der Ablehnung haben wir alle. Erst zögert man und zögert man und dann prescht man in Verzweifelung so los, dass es schon wahnwitzig ist. Es gibt keine Alternative. Entweder du tust es oder du läßst es. Die Antwort hast du schon gegeben. Umsetzen!

    LG

    Henny

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  2. "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es" - war das nicht Erich Kästner? Also, mach es so, wie du es kannst und wie es dir auch noch ein wenig Spaß macht, Petra!

    Herzlichst
    Christa

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  3. Oh Petra, war das jetzt zu hart?
    Tipp. Manchmal trinke ich vor einem ungeliebten Telefonanruf ein Glas Rotwein. Oder zwei. Das hilft gut.
    Hilft eigentlich immer.

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  4. Jawoll, Medames, wird gemacht!

    @Henny: Keine Angst, Feuer unterm Hintern angefacht mag ich lieber als Beschwichtigungen à la "du musst das doch nicht". ;-)
    Angesichts Nijinskys sollte ich es ja eher mit Wodka versuchen?

    Es prostet mutig Petra

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  5. hicks, reiche das s in den Mesdames nach...

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  6. Liebe Petra,

    da sieht man mal wieder, wie sich die Wahrnehmung beim Lesen verschiebt. Ich traue Dir vieles zu, aber bestimmt keine Unsicherheit/Schüchternheit.:)
    Mir hilft es immer zu überlegen, was schlimmstenfalls passieren könnte. Dann stelle ich meist fest, dass ich gar nichts zu verlieren habe, außer ein wenig Stolz und ein paar Flaumfedern.
    Schick die E-Mail ab und beiße hinterher in den Handballen!
    Toi, toi, toi!
    ('Take my advice, I don't need it anyway' - was Du beschreibst, kommt mir leider sehr bekannt vor. *schäm*)

    Liebe Grüße
    Nikola

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  7. Textvorschlag:

    Sehr geehrter Herr Sowieso,

    man hat mir vor ca. einem Jahr erzählt, Sie hätten mein Nijinskybuch gelesen und seien begeistert gewesen. Wie schön! Das hat mich gefreut und hat mir Mut gemacht.

    Was aber, wenn das überhaupt nicht stimmt!? Ich stelle mir vor, Sie hätten es gelesen und es hätte Sie gelangweilt. Wie furchtbar!! Oder Sie hätten es gar nicht gelesen und könnten daher weder begeistert noch gelangweilt sein... Nicht ganz so furchtbar, eher traurig.

    Sei es, wie es wolle: Das Buch ist jetzt fertig und wenn Sie ein bis zwei Blicke hineinwerfen und mir ggf. ein paar öffentlichkeitswirksam zitierfähige Sätze dafür zur Verfügung stellen würde, dann würde ich mir - ganz unliterarisch gesagt - ein Loch in den Bauch freuen.

    Viele Grüße
    Ihre PvC

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  8. Liebe Nikola,
    zunächst verändert Verschriftlichung die Realität ja ganz leicht - und irgendwie klingen alle gleich laut. Genau deshalb empfehle ich vorsichtigeren Menschen Social media zum Einüben, weil das einfach anders wirkt als auf der Bühne.

    Und du weißt als Schreibende ja selbst, dass sich Autoren schriftlich auch selbst inszenieren. ;-)

    In dem Moment, in dem ich so einen Beitrag für andere öffentlich schreibe, liegt neben meinem Computer längst die To-Do-Liste, ist die Angst überwunden. Und ich mache mir typische Autorengedanken: Gibt's da draußen jemanden, dem es ähnlich gehen könnte, könnte das hilfreich sein, und wie schreibe ich es, damit kein pädagogischer Zeigefinger müffelt und die Sache nicht zu trocken nach Zehn-Punkte-Anleitung klingt?

    Ich nehme dann als Opfer mich selbst, mach mich ein wenig über die eigenen Ängste und Dellen lustig, in der Hoffnung, dass sich Leute mit ähnlichen Problemen aufgemuntert fühlen (und weil es ganz gesund ist, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen). Will sagen: Das bin zwar wirklich *ich*, aber im Moment des Veröffentlichens ist die Sache natürlich bereits reflektiert. Sonst könnte ich nicht so darüber schreiben und würde irgendeinen Psychobrei absondern. ;-)

    Oder anders gesagt: Würdest du mich auf der Bühne erleben, würdest du dir wahrscheinlich nicht ausmalen können, dass die gleiche Person vorher vor Lampenfieber schier eingeht ;-)
    Fortsetzung folgt...

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  9. Eine Anmerkung zu "man hat doch nichts zu verlieren außer Stolz":

    Doch, man kann sehr viel verlieren mit dem einen Tropfen zu viel Marketing! Bei Twitter kann man die blutigen Anfänger (meist BoD-Autoren) sehen, die sich jede noch so kleine Chance nehmen, indem sie zu knallig, zu exzessiv werben und die Selbsteinschätzung meilenweit über dem angebotenen Produkt liegt. Das törnt nicht nur ab, sondern wird von den meisten Menschen als Störung oder sogar Belästigung empfunden.

    Das richtige Gleichgewicht in der Selbsteinschätzung zu finden und mit der richtigen Form der Kommunikation zu verbinden, ist eine hohe Kunst. Und die ist umso schwerer, wenn man PR für sich selbst machen muss (ideal wäre ein Fremder).

    Kommt etwas anderes hinzu, das Richard K. Breuer in seinem Blog immer wieder deutlich vorexerziert: Wenn ich aus irgendeinem Grund bei einer Eigenproduktion nach Partnern, nach Mitspielern suche, geht das nicht aus dem Bauch heraus mit Selbstüberwindung. Ich muss mich für jeden Ansprechpartner sehr genau vorbereiten. Nicht überlegen: Was habe ich für ein tolles Buch in der Hand! Sondern überlegen: Was hat dieser Mensch davon, dass ich ihn belästige? Was habe ich dem zu geben?

    Je nach Situation kann man hier nicht nur ein wenig Stolz verlieren, sondern u.U. sogar einen Ruf, Geld oder anderes.

    Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um ein bißchen Eigenwerbung, wie man das unterstützend für seinen Verlag machen würde. Hier geht es um die Etablierung eines Produkts in einen Markt, in dem einige wichtige Hauptspieler nicht mitmachen oder nicht vorhanden sind z.B. stationärer Buchhandel, z.B. Lizenzverwertung etc.)

    So habe ich auf meiner Liste durchaus Punkte, die ich nicht einmal allein anpacken kann, wo ich mir Hilfe suchen muss. Allein diese Ideen reichen für ein paar graue Haare mehr ;-)

    Schöne Grüße,
    Petra

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  10. Sabine, melde dich bitte mit Gehaltsvorstellung in meinem Büro, wenn ich reich genug geworden bin! :-)

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  11. Och Petra, solche Kleinigkeiten dichte ich doch für Dich gerne auch umme....

    ;-)

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  12. Nanu, ein Schritt vorwärts, zwei zurück.
    Generell. Sicher ist es so, dass jeder, der etwas vorhat, genau überlegen sollte, inwieweit er sich seinem Leserkreis öffnet. Und die Ausgeschlafenen, so nenne ich sie mal, haben schon längst alle Kommunikationsstrategien ausprobiert, um die Wirkung zu ermessen. Aber etwas zählt, an dem keiner vorbeikommt. Man muss authentisch wirken, und meistens bekommt man es nicht hin, wenn das Wesentliche der Persönlichkeit nicht berührt wird. Nichts halte ich für abtörnender, als Leute zu erleben, die nicht nur profillos sind, sondern auch jene, die in ihren Meinungen und Emotionen keine konsistente Linie rüberzubringen vermögen. Das sind mir sich selbstüberschätzende und solche, die sich um Kopf und Kragen reden, allemal lieber.

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  13. Henny, es kann sein, dass du mich missverstanden hast? Da ich auch für andere hier Tipps gebe, mache ich manchmal vielleicht allzu deutlich die Gefahren und Fallstricke deutlich. Das bedeutet für mich natürlich nicht automatisch, auch nur einen Schritt zurück zu gehen. ;-)

    Du triffst - auch für professionelle PR - absolut ins Schwarze mit der Authentizität. Das ist auch eins der großen Geheimnisse von Charisma (s. Nijinsky).
    Authentisch zu sein bedeutet aber nicht, dass man sich vor der Öffentlichkeit nackt ausziehen muss - das geht durchaus mit Überlegung. Und wenn ich behaupte, Schriftsteller inszenierten sich und ihre Realität ständig selbst, so widerspricht das auch nicht der Authentizität. Das ist eine Lebenswahrnehmung. So, wie ich in Leuten am Nebentisch im Restaurant nicht "Leute" wahrnehme, sondern potentielle Romanfiguren...
    Wir reden da vielleicht von unterschiedlichen Dingen?

    Übrigens kann Selbstüberschätzung in der Belletristik sogar manchmal das Image befördern - beim Sachbuch ist sie tödlich.

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  14. Jeder inszeniert sich öffentlich, nicht nur ein Schriftsteller. Und jeder versucht dabei, ein möglichst positives / cooles / kmpetentes /erfolgreiches Bild von sich zu vermitteln.

    Wenn jemand schlau ist, dann ist das auch noch authentisch. Allerdings "selektiv authentisch" und das ist dann TZI (Themenzentrierte Interaktion) und von Ruth Cohn. Was in Kurzform besagt: Alles, was Du sagst, sei wahr. Aber sage nur das, was Du vor Dir und Deinen Zuhörern verantworten kannst und womit Du weder sie noch Dich selbst überforderst.

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  15. Stimmt, hast recht, Social media sind ja der beste Lehrstoff in Sachen Selbstinszenierung. Ich dachte nur, Schriftsteller litten besonders an Berufsdeformation ;-)

    Treffend, diese TZI, vor allem der erste Grundsatz. Ich habe z.B. im Blog den Wahlspruch: Mein Privat- und Innenleben ist für die Öffentlichkeit absolut tabu. Ausnahme: All das, was ich ohne Erröten und Magengrimmen auch morgen in der Zeitung lesen könnte oder in einem Buch schreiben würde.

    TZI halte ich für einen wichtigen Schutz, gerade im Internet.

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  16. Nun, kein Schritt zurück, seitwärts, du bist so schnell umgeschwenkt. ;-)
    Ich überlege immer wieder, ob es so ist, dass man in einer Sache sein kann und zugleich außer ihr. Und ich würde es verneinen. Du liebst einen Menschen und beobachtest dich in dem Moment dabei, geht nicht. Du kannst im Restaurant sitzen und am Nachbartisch die Leute „studieren“, sprichst du mit ihnen, bist du in der Interaktion und du wirst nicht dauernd nachdenken, wie du dich richtig verhältst. Im Internet hast du ja eine zeitliche Verzögerung, kannst dich schön inszenieren ohne gestört zu werden, mit dem Nachteil, dass die Leute um den Abstand wissen.

    Schönen Abend

    Henny

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  17. Doch, man kann sehr viel verlieren mit dem einen Tropfen zu viel Marketing! Bei Twitter kann man die blutigen Anfänger (meist BoD-Autoren) sehen ...
    Nicht nur bei Twitter. Ich stolpere allenthalben über wahnsinnig peinliche Selbst-"PR". Der Grat zwischen "Schüchternheit" und daher rührender Unfähigkeit zur Selbstvermarktung und absolut peinlicher Marktschreierei scheint in der Tat sehr schmal zu sein.

    Ich hab damit schon extreme Probleme mit meinem kleinen Forenprojekt, bei dem ich nicht einmal meine eigenen Texte oder meine eigene "Leistung" anpreise. Alles, was eine halbe Nummer zu groß scheint, ist schon beinahe tabu - zu groß die Gefahr, als dumme, kindische Wichtigtuerin zu gelten.

    Auf der anderen Seite lese ich dann Sache wie, Frauen seien selbst an ihren Misserfolgen schuld, weil sie eben meistens zu feig seien.

    Stimmt das? Sind "wir" feiger als Männer? Meiner bisherigen Erfahrung nach ist es eher so, dass die dümmliche Dreistigkeit männlicher Nichtskönner für normal gehalten wird, während eine Frau schon wirklich verdammt gut sein muss, damit man sie nicht für eine blöde Tussi hält. Aber wahrscheinlich ist das nur ein schiefer Blick auf die Realität. :-/

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  18. @Henny
    Das Internet ist auch ganz schön missverständlich und interpretierbar! ;-) Ich glaube, du interpretierst "Inszenierung" als etwas Künstliches, Gewolltes? Für mich ist es eine Art zu Erleben - und ich weiß von vielen Schriftstellern, dass sie das kennen. Wenn mir z.B. gestern die Tränen nach einer Opernarie liefen, so war das insofern inszeniert, als ich gerade zu diesem Zeitpunkt diese Arie mit dieser Bedeutung auflegte und eine Zeitreise begann. Ich habe das Ding weder absichtslos noch zufällig angehört. Das nenne ich z.B. "inszeniertes" Leben.

    Ich weiß nicht, ob "man" innen und außen gleichzeitig sein kann - ich glaube, ich kann es. Ich glaube sogar, dass diese Fähigkeit zur Perspektivenverschiebung Kunst erst möglich macht. Das ist auch weniger ein Studieren oder reines Beobachten, schwer zu erklären...

    Ich habe ein paar Anfänger-Schauspielkurse mitgemacht. Da habe ich gelernt, dass ich im Spielen authentisch reagieren muss und die Emotionen der Rolle natürlich durch eigene, vorhandene "Emotionserinnerungen" befeuere. Jeder spielt Wut anders, weil er sie anders erlebt. Trotzdem - und das ist der nur paradox scheinende Widerspruch - ist das auf der Bühne nicht mein Alltags-Immer-Ich. Mit dem Kostüm ziehe ich ein anderes Ich an, mit dem einen Schritt nach vorn bin ich in einer anderen Welt. Und das "wahre Ich" kontrolliert.
    Das geht nicht nur auf der Bühne.

    Es gibt die Momente, wo das verschmilzt - etwa beim Schreiben, wenn ich mich hinter einer Figur selbst völlig auflöse. Und natürlich denke ich beim Gespräch mit Freunden nicht über meine Handhaltung nach. Bei einem Verhandlungsgespräch jedoch sehr wohl.

    Was ich damit sagen will: Das im Blog bin schon ich und keine verstellte Maske. Aber eben hinter dem Öffentlichkeitsfilter. Den halte ich nicht nur für legitim, sondern für überlebenswichtig.
    Huch, ist das schwierig, sowas schriftlich zu erklären...

    Schöne Grüße,
    Petra

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  19. Du schreibst, Petra:

    "Ich weiß nicht, ob "man" innen und außen gleichzeitig sein kann - ich glaube, ich kann es. Ich glaube sogar, dass diese Fähigkeit zur Perspektivenverschiebung Kunst erst möglich macht. Das ist auch weniger ein Studieren oder reines Beobachten, schwer zu erklären..."

    Jeder, der professionel als Leiter von Gruppen aller Art, beratend oder gar therapeutisch tätig ist, kann das - der sollte und müsste es können. Jede seriöse Therapieausbildung beinhaltet den kontrollierten Wechsel von Innen und Außen.

    Von daher ist diese Diskussion, wer sich wo, wie und mit welchem Ergebnis "inzeniert" für mich eher eine theoretische. Selbst grenzenlose Authentiziät ist Inszenierung, wenn ich diesem Individuum nicht die grundlegende Fähigkeit absprechen will, sich selbst zu steuern.

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  20. @Gudrun

    Zunächst hat das mit dem Geschlecht nichts zu tun, denke ich. PR will gelernt sein wie jeder andere Beruf! Im Zweifelsfall gibt man solche Arbeiten besser an Fachmenschen.

    Es ist einmal nicht jeder für diese Tätigkeit geschaffen. Und zum anderen ist es auch für PR-Profis das Schlimmste, sich selbst zu vermarkten. Normalerweise macht man das unter Profis gegenseitig mit Kollegen. Von Autoren wird hier also eigentlich Unmögliches erwartet oder sie überfordern sich selbst. Wenn sie dann scheitern, können sie in den meisten Fällen nichts dafür. Es lehrt sie keiner. Und vielen Kreativen fehlt auch die Denke, die man dazu braucht.

    Da wird oft schlicht Geld auf dem Rücken der Ahnungslosen gespart. Wenn ich für einen Verlag die Pressetexte schreiben muss, weil die Pressestelle versagt, wozu brauche ich dann einen Verlag? Wenn ich als Selbstverleger glaube, es genüge, ein Buch zu schreiben, täusche ich mich - denn dann bin ich Verlag. In beiden Fällen ist der Autor nicht unbedingt ein PR-Ass, warum auch?

    Für den kleinen Internetbereich, wo das Geld fehlt, kann man im Web schon jede Menge Tipps und gute Vorbilder finden, aber das ist auch Arbeit, Recherche und Experiment. Im Internet gelten andere Regeln als bei Annoncen oder bei Flyern - man wirbt indirekt. Durch Informationen, durch Kommunikation, indem man etwas "gibt", Lesernutzen bietet ... Für größere, wichtige Projekte würde ich jedoch nicht an guten Textern oder PR-Leuten sparen.

    Es ist wie beim Buchcover oder beim Lektorat. Wo kann ich sparen und wo spare ich an der falschen Stelle?

    Und ja, auch wenn man es nicht pauschalisieren kann, Frauen sind häufiger als Männer dazu erzogen, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen oder nicht geradeaus zu sagen, was Sache ist. Sie sind nicht feige, sie denken anders, nämlich in sozialen und thematischen Zusammenhängen. (Und es gibt jede Menge Frauen und Männer, die in keine Schublade passen).

    Es hilft solchen Frauen nicht, wenn man sie zum "Vermännlichen" antreibt, denn die billigen Jakobs sind ja auch in männlicher Version nur peinlich. Ich würde eher mit dem Verständnis des Umfelds operieren (Börsenmaklerinnen müssen anders funktionieren als Metzgerinnen oder Verlegerinnen), mit dem eigenen Selbstwertgefühl und unterschiedlichen Kommunikationsformen. Letztere kann man schlicht trainieren. Sabine hier könnte sicher einiges dazu sagen...

    Übrigens sind sehr viele Frauen in Public Relations tätig und erfolgreich, sehr viel mehr als in der Werbung. Sie scheinen für diese indirektere, nachhaltigere Form also ein Händchen zu haben. Aber nicht jede/r hat ein Händchen für PR...

    (Ich mach das bei mir selbst auch nur, weil ich früher ein PR-Büro für andere hatte. Sonst wäre das nach Design und Lektorat der erste Posten, der rausging.)

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  21. Hach Sabine,
    wenn ich dich hier nicht hätte! Du bringst mein hilfloses Geschwurbel so herrlich klar auf den Punkt.

    Aber ich glaube schon, dass das nicht alle Menschen gleichermaßen nachvollziehen können.
    Ich sah das an der Nijinsky-Biografie - der war ja Meister in diesem Rollenschlüpfen unter vollkommener Selbstkontrolle. Und alle haben nachträglich interpretiert: Na klar, der war schizophren, dass er ständig neben sich gesessen hat und sich beobachten konnte.

    Dabei war er genau da psychisch absolut gesund und stark, weil er die Selbstkontrolle hatte. Und er war vollkommen er selbst...

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  22. Wenn ich die Diskussion hier noch einmal anschaue, frage ich mich, wie die Frage nach der Authentizität zur "Traute" hereingerutscht ist ;-)
    Ich hab mich getraut (danke allen Beflüglern). Absolut authentisch und grauenhaft inszeniert. Sogar die Daumen habe ich mir selbst gedrückt.

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