Globales Shopping

Es gibt keine bessere Medizin gegen einen Virus als Recherchefieber und das Kramen in fremden historischen Fotoalben. Außerdem kam heute ein erster Grobentwurf fürs Nijinsky-Cover, den ich sofort gekauft hätte, wenn der Gestalter sich nicht ausgerechnet auf das schönste, aber leider auch teuerste Foto gestürzt hätte. Nun muss es der arme Mensch mit einer billigeren Rechteversion versuchen und ich hoffe, ich habe ihm nicht jegliche Inspiration dadurch geraubt. Es ist aber auch vertrackt, wenn die Wahl eines Motivs rund 600 Euro mehr ausmachen würde, nur weil der Fotograf noch nicht lange genug tot ist. Fotografen von Nijinsky, so stelle ich fest, haben überhaupt eine grausig üppige Lebenserwartung gehabt...

Und so sitze ich heute vor dem Computer und sauge Fotos auf die Festplatte. Während ich hier tippe, kaufe ich gerade in New York ein, absolut begeistert über die Möglichkeiten, international in Sammlungen, Museen und Bibliotheken fahnden zu können und per Mausklick das Foto zu erwerben. Übrigens sollte man das Gleiche erst gar nicht in Deutschland versuchen. Dort sind die meisten Sammlungen noch gar nicht digitalisiert und der Zugang mit fröhlichem Amtsschimmelwiehern einem Normalmenschen meist verwehrt. Wenn es ihn denn mal gibt, verlangen die Agenturen sogar frech Geld allein für das Durchwühlen der Datenbankminiaturen! Noch frecher begründet man diese Usancen mit dem Urheberrecht. (Ausnahme sind natürlich die Edelagenturen wie Getty, Corbis & Co., die aber so manches Budget übersteigen).

Was dazu führt, dass ich mein gesamtes Fotomaterial in den USA, England und Frankreich einkaufen werde. Nicht etwa, dass die es mit dem Urheberrecht lockerer nehmen würden. Auch hier muss ich Erklärungen ausfüllen, unterschreiben und mein Buch registrieren lassen. Ich kann jedoch kostenlos und ohne künstliche Schwellen Datenbanken überprüfen, ob sie überhaupt das Gewünschte anbieten. Und die Bestellung selbst ist mit einfachster Navigation zu erledigen. Ich muss lediglich auswählen, ob ich eine Fotokopie, einen Mikrofilm, ein digitales Foto oder sogar einen Papierabzug oder ein Poster möchte - und die Kreditkarte zücken. Und auch das muss man einmal sagen: Die Abdruckrechte in diesen Ländern sind für Kleinauflagen nicht nur sehr viel billiger als bei deutschen Stellen, sondern sogar billiger als bei der VG Bild und Kunst.

Wer die letzte Preziose sehen möchte, die ich in der Library of Congress ausgemacht habe, möge ins Nijinsky-Blog schauen... Dort habe ich auch eine historische Tonaufnahme von Fjodor Schaljapin als Boris Godunov ausgegraben. Das ist der damals weltberühmte Bassist, mit dem Sergej Diaghilew 1908 die russische Saison in Paris eröffnete. Nijinskys Schwester war unsterblich in den Mann verliebt.

Kommentare:

  1. Ich finde es irgendwie interessant das diese ganzen Aktivitaeten sich im anglo-amerikanischen Raum bewegen, die ganze E-Book Diskussion auch sehr stark sich in diesem Raum befindet, aber die Verfasserin diess Blogs in Deutschland "unsichtbar" geworden ist.

    Ich kann mir nicht vorstellen dass Deutschland unter mangelendem Pragmatismuss leidet - schliesslich boomt die Wirtschaft.

    Aber irgendetwas ist anders.

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  2. Kleine Anekdote:
    Ein Freund aus dem Bereich Film zappelte sich zeitlebens in D. ab, zermürbt von übergroßer Bürokratie (auch bei TV-Sendern, bei Fördervergaben etc.) Bei einem Dreh in New York erzählte er einem amerikanischen Bekannten von seinen Ideen und Sorgen.

    Der hängt sich ans Handy, redet länger und sagt dann: Morgen isst du mit Mr X zu Mittag, keine Widerrede. Und dann erzählst du das dem.

    Mr X kam völlig locker, bestand auf seinem Vornamen und entpuppte sich als ganz großes Tier bei Walt Disney. Wenn mein Freund es geschafft hätte, in D. *alles* stehen und liegen zu lassen, wäre es zur Zusammenarbeit gekommen.

    Ich glaube, es ist eine Kultur des Umgangs miteinander und des kreativen Arbeitens. Ob man in alten Strukturen verhaftet bleiben will, sich nach Perfektionismus und vor allem nach vermeintlicher (!) absoluter Sicherheit strebt.

    Ich habe den Eindruck, im anglo-amerikanischen Raum ist das alles freier, man macht einfach, fängt auch schon mal an, ohne genau zu wissen, wo es endet. Man kalkuliert viel schärfer ein, auf die Schnauze zu fallen. Steht dann wieder auf (Comeback ist nicht umsonst ein englisches Wort).

    Das ist verdammt unbequem - in meiner US-Verwandtschaft haben Leute auch plötzlich alles verloren, was sie hatten, staatlich gar nicht abgesichert. Aber sie wurden von anderen aufgefangen und sind wieder da.

    Eines der größten interkulturellen Probleme: Bestätigungskultur, Motivationskultur versus Problembewusstseinskultur, Kritikkultur. Fördert den Kreativen eigentlich eher Lob oder Verriss?

    Wirklich Neues und Weiterführendes entwickelt sich nur an den scharfen Reibekanten. Ich persönlich würde da sogar noch eher nach Osteuropa oder Asien schauen - nur dringen die Artikel darüber seltener zu uns.

    Und keine Angst, ich bin nicht mehr lange unsichtbar. ;-)

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  3. Zum Thema selbst:
    In Sachen E-Book tobt in D. grade die Diskussion um DRM, wegen des Urheberrechts und wegen der bösen Piraten. Kaum einen schert es, dass diese Bücher absolut kundenunfreundlich sind und Blinde sie nicht lesen können. Während man Paragraphen reitet, statt sich etwas einfallen zu lassen, sind andere schneller. Übrigens auch unter deutschen Verlagen. Da gehen einige zum weichen DRM (Wasserzeichen etc.) über.

    So ist das auch mit den Archiven / Datenbanken, in denen ich recherchiere. Woanders sieht man die Digitalisierung als Dienst am Wissenschaftler, am Rechercheur, und gesteht auch Leuten ohne Uniauftrag zu, recherchieren zu können. Und weil man da auch technisch weiter ist, lässt man sich zum Schutz vor Klau ein paar modernere Sachen einfallen. Man geht also nicht wie Google vor, indem man Urheber entmündigen will, sondern zeigt ganz klar die Grenzen.

    Beispiel ist das eingebundene Foto in meinem Nijinsky-Blog. Die Bibliothek bietet diesen Service kostenlos für Social Media an, bekommt dadurch mehr Rücklauf und geschützt ist das Foto trotzdem. V & A in London machen das noch prächtiger. In D. diskutieren manche Kultureinrichtungen noch darüber, dass man Bloggern doch nicht kostenlos Material anbieten könne...
    Andere wachen auf und werden dadurch bekannter.

    Das kommt alles. Es dauert halt nur länger.

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  4. Everything is possible, gibt es eine Erfahrung die mir gestern Abend passiert ist. Ich bin naechste Woche in England unterwegs um eine Mutter mit deren 2 Toechtern Land,Kultur und vorallem Sprache zu verinnerlichen. Ein Teil des Programs ist das die zwei Kinder einen halben Tag in der Schule meines Schwagers (er ist Schulleiter dort) verbringen sollen (und wollen). In der Vorabsprache lag es an mir die Wuensche zu sagen denn soweit es ihn betraf, war eigentlich alles moeglich. Es lag also an mir, den Rahmen zu definieren und nicht umgekehrt.

    Anders halt.

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