Stille und Strawinsky

Seit gestern ist es soweit: Mein Fernseher, der sowieso nur noch aus einem schmalen Bildstreif besteht, bietet jetzt nur noch Hörspiel mit Lichteffekten. Vor diesem Moment habe ich mich gefürchtet, denn ich liebe Filme und gute Dokus, bin beruflich geschichtensüchtig und nachrichtenneugierig. Und als ich letztes Jahr endlich ARTE empfangen konnte, öffnete sich eine neue Welt. Gleichzeitig verdünnisierte sich jedoch bald das Bild...

Und das hat einen eigenartigen Effekt, wenn dem Bildmedium plötzlich die Bilder ausgehen. Man schaut genauer hin, hört anders zu. Ich sah mir plötzlich lieber ausgesuchte Filme von DVD auf dem Computer an. Denn was im Fernsehen lief, das waren echte Hörspiele. Nicht etwa offenherzig für Blinde produziert, sondern für Deppen, denen man erklären muss, was sie zu sehen haben. Für die irgendwelche Heinzelmännchen immer primitivere Masterplots aus der Retorte erstellen, damit die kleinen Deppen auch ja erkennen: Das ist ein Krimi. Egal, wenn man die Ermittler nicht mehr sehen kann, sie variieren nur noch in winzigen Einzelheiten, wie sie auch eine Drehbuch-Software schafft. Was nicht mehr variiert, ist die Filmmusik. Wiedererkennungswert total. Selbst mein Hund erkennt Familienschmalz per Ohr. Klangfarbe XY? Eine deutsche Vorabendserie. Supermarktsgedudel, wahrscheinlich auch aus der Retorte.

Ich will hier nicht mit Medienkritik langweilen. Nur so viel: Das Fernsehen hat mir den Ausstieg nach und nach erleichtert. Nachrichten beziehe ich schon lange lieber aus Hintergrundsendungen im Radio, etwa bei SWR 2 oder France Info und aus Onlineausgaben internationaler Zeitungen. ARTE lässt nach Sparmaßnahmen fatal nach. Ich werde endlich von ISDN auf eine schnellere Internetverbindung umstellen müssen. Denn die Doku über die Wissenschaft in der Sowjetunion habe ich mir mit Spannung angehört, so etwas wollte ich nicht missen. Mich hat erschreckt, dass das Buch von Bulgakow, das ich kürzlich empfahl, so erfunden nicht war.

Zugegeben, die Bequemlichkeit fehlt. Nach arbeitsreichem Tag müde nur einen Unterhaltungsknopf drücken zu müssen. Um dann aber immer öfter festzustellen, dass auch Zappen nichts bringt, dass die Unterhaltung nicht mehr unterhält, sondern nervt und ungute Gefühle vermittelt. Dass Fernsehjournalismus immer mehr zu einem Spiegel für eine offensichtlich völlig durchgeknallte Gesellschaft wird, die den Schritt zurück in die Stille nicht mehr schafft und vielleicht zuerst einmal überlegt, bevor sie labert. Was habe ich breit grinsen müssen, als ich vorhin einen Blogbeitrag von Frank Peters (der hier so schöne Kommentare schreibt) las: "What do you desire?" Unbedingt lesen! Er schreibt über Massenmedien und das Machtspiel mit der Angst - und über ein Umsteigen in die Stille.

Man könnte über dieses Thema endlos philosophieren. Verknüpft mit der Doku von gestern über den Stalinismus kann man nämlich durchaus schon Parallelen zwischen offener Propagandamaschinerie und modernen Massenmedien ziehen. Propagiert werden heute eine Pandemie nach der anderen (cui bono?), Krisen, die so bedrohlich sind, dass Steuerzahler um Milliarden gemolken werden, und Krisen, die dann nicht mehr bedrohlich sind, weil man die Steuerzahler wieder beruhigen muss (cui bono?). Die Liste ließe sich weitertreiben.

Wir leben nicht in einem Terrorsystem, aber in einem System der Angst. Ich kenne Menschen, die krank wurden an den Kriegen in der Welt. Würden sie einem historischen Abriss glauben, der zeigt, dass nicht die Zahl der Kriege gestiegen ist, sondern die Zahl der Berichte über Krieg? Ich kenne Menschen, die fürchten den Untergang des Abendlandes. Warum lesen die keine Bücher über die ungeheuer wertvollen kulturellen und religiösen Befruchtungen in der Geschichte des Abendlandes von außen? Auch Klimwandel haben zwar Menschen nicht immer überstanden, wohl aber die Erde. Wenn man keine Angst hat, bestellt man sie sich per Knopfdruck: Waldsterben, Vogelgrippe, Schweinegrippe, und neuerdings sogar Kleinigkeiten wie "böse" Ebooks und Twitter oder das Verlieren von "Freunden" auf Facebook. Kann man das alles wirklich abschalten?

Man kann, man muss aber wollen. Frank Peters erzählt von einem feinen Film: "Into Great Silence" - über das Leben in einem Schweigekloster. Als ich gestern meinen Fernseher abschaltete, noch ein wenig mit den Ängsten eines Drogenabhängigen behaftet (werde ich künftig wirklich wissen, was wichtig ist? Wie bringe ich elend lange Winterabende durch, an denen ich zu müde bin?), schaltete ich das Radio ein. Irgendwer, der mir irgendwie bekannt vorkam, redete mit einem Orchester, man hörte den Taktstock, die Musiker übten. Ratatatata und tam und tam ... was sollte ich mir bitteschön eine Orchesterprobe anhören? Aber das schätze ich so an diesem Sender: dass er mich mit Dingen konfrontiert, die mich zuerst nicht interessieren, die mir aber dann die Welt weiten.

Plötzlich musste ich lauter stellen. Da war etwas. Zuerst eine Klangfarbe, dann Rhythmen. Während der Mann sich abrackerte, dass die Tempi saßen, öffnete sich mir eine Welt. Da war ich schon einmal, da bin ich monatelang spazierengegangen, in Farbenrausch und Faszination. Mir kamen die Ballets Russes vors Auge. Ich verschwand wieder in der Zeit der Avantgarde und hörte diesen Puls einer Zeit, als man Maschinenklänge und Geschwindigkeit im Rausch der Kunst verehrte, als man mit Massenmedien neue Wirklichkeiten schuf und Sehnsucht bekam. Sehnsucht nach dem Blick in ferne und fremde Welten, nach Abenden mit Märchenwelten und Sinnesfreuden. Und als man der bitteren Armut, der Hektik, dem Geschrei der Zeitungen etwas entgegensetzte, um das Menschsein zu behalten: Schönheit.

Erst nach der Sendung erfuhr ich, dass ich einer Originalprobe von Igor Strawinsky zugehört hatte und nicht umsonst den Mann instinktiv wiedererkannte, mit dessen Arbeit ich ein Jahr nun "lebe". Und diese Erkenntnis war wie ein Sog, ein Fahrstuhl durch ein Jahrhundert. Wie viel war in diesem Mann und mit seiner Musik geschehen seit Le Sacré. Und wie verblüffend modern und aktuell ist dieses von Nijinsky choreografierte Ballett um die Jungfrau, die sich für den Erhalt der Menschen buchstäblich zu Tode tanzt. In einer schmerzenden Schönheit.

Wenn ich mir das Angstkarussell von heute so anschaue, dann kommen mir eher Assoziationen zu mittelalterlichen Totentänzen, propagiert von durchgeknallten, ideologisch verblendeten Geißlern, die Sado-Maso-Religiosität als Allheilmittel gegen die Ängste propagierten. Die Angst mit dem Schmerz austreiben, weil man sonst nicht mehr fühlt? Potenzspiele der Mächtigen? Welche Welten liegen da dazwischen zu Le Sacré. Die Russen hatten damals unter anderem den großen Erfolg, weil sie dem geschwindigkeitsgestressten Publikum ihre ganz eigenen Räume von Mythen und Spiritualität öffneten. Rückzugsgebiete der Stille in Schönheit.

Nijinsky rühmte man, einen Sprung zu beherrschen, den vor ihm kein Ballett-Tänzer der Welt bewältigte: Er blieb scheinbar ganz weit oben in der Luft stehen und kam langsamer zurück, als er aufgestiegen war. Die Massenmedien von Europa bis in die USA stürzten sich auf das Genie, den Weltstar, begierig, die Technik zu erfahren. Diese Technik musste sich doch beschreiben, analysieren, womöglich nachahmen lassen? Nijinsky soll ganz bescheiden gelächelt und sinngemäß erklärt haben, er mache eigentlich gar nichts Besonderes. Er halte einfach nur kurz inne.

Gucktipp:
Fast 100 Jahre zwischen der rekonstruierten Fassung von Le Sacre nach der Choreografie Nijinskys von 1913 - und Strawinsky meets Led Zeppelin in Berlin 2009.

Kommentare:

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