Püppi oder Pippi?

Manchmal gibt es Untersuchungen in den Medien, wo man sich fragt, ob die Leute einfach nichts Dümmeres zu tun haben, der Volontär wieder den Füllartikel vergeigt hat oder die Welt noch zu retten ist. "Der Freitag" hat diesmal statt zum Volontär zum Guardian gegriffen (Crossmedia? Crossposting?) und bringt den nicht ganz lachstofffreien Selbstversuch von Viv Groskop an ihren drei- und sechsjährigen Kindern. Früher waren ungenehmigte Versuche an lebenden Menschen noch nicht gestattet, heute testet man an zwei Kindern weltweit Feminismus aus. Ist das eigentlich noch ein SELBSTversuch?

Es geht um Erwachsenenüberlegungen, die wahrscheinlich Kinder- und Jugendbuchautoren längst zum nächtlichen Zähneknirschen bringen, weil ja auch Lektorinnen meist LektorINNEN sind (wo bleibt in Verlagen die Männerquote?) und kürzlich erst dieser unsägliche deutsche Verlag kleine rosa Prinzessinnen züchten wollte. Viv Groskop möchte das Gegenteil, Feminismus ab Fünf, und Pippi Langstrumpf ist auch dabei, wenn es darum geht: Mit welchen Büchern infiltrieren wir unsere Kinder zur perfekten Ideologie? Zuchtmittel Text. Den sogenannten "Test" gibt's hier.

Mich lässt er kopfschüttelnd zurück. Ich komme aus jener Generation, die dank ihrer vorkämpfenden Muttergeneration Anfang der Achtziger noch einmal richtig militant auf die Straße gehen konnte gegen schreienden Sexismus (auch gegenüber Männern) und eine schreiend ungerechte Lohn- und Karriereverteilung unter den Geschlechtern (da haben wir sichtbar versagt). Unser Traum war eine Menschheit, in der man sich auf Augenhöhe und mit gleichen Chancen begegnen konnte, als Mensch. Emanzipation, also Befreiung, war immer auch eine Befreiung der Männer von ihren Zwängen. Natürlich kämpften wir dafür, dass die vergessene, damals nicht offen stattfindende Frauengeschichte endlich wieder belebt wurde, dass Gegengewichte entstanden. Aber auch wenn wir gern über unser eigenes Geschlecht Bücher lasen, so doch vornehmlich dann, wenn die Hauptfigur ein MENSCH war.

Da stehe ich nun, heute zufällig im lila Pulli, im Geist Feministin im Ursinn nach wie vor - und überlege, ob es nicht endlich wieder an der Zeit wäre, auf die Straße zu gehen. Ich bin nämlich so eine, die Pippi Langstrumpf verehrt hat und ich würde zuallererst Pippi von den blöden eingebildeten Erwachsenen befreien wollen, die sie zum ideologischen Futter degradieren wollen. Ich habe mir damals verkehrtherum Nägel in die kurzen rothaarigen Zöpfe gesteckt, Sommersprossen hatte ich sowieso, und dann ging es mit der Straßenclique zum "Sachensuchen." Egal ob Männlein oder Weiblein, Anführer waren die Gewinner im Bogenweitschießen, Robin Hood als Fernsehserie lässt grüßen. Pippi, das war nicht Emanzipation vom Nachbarsjungen, das war Emanzipation von Erwachsenen, die uns sagen wollten, wie wir zu sein hatten. Brauchen wir nicht eher mehr Kinder- und Jugendbücher, die Kinder für voll nehmen in ihrer eigenen Welt und ihnen diese Befreiung verschaffen?

Laut all dieser komischen Untersuchungen müsste ich völlig verquer sein. Ich habe die Bücher der unmöglichen Enid Blyton ohne Schaden verschlungen (und die Frau dahinter interessiert mich bis heute nicht), ich konnte mich mit Asterix identifizieren, reiste mit John Silver auf die Schatzinsel und wollte damals natürlich Pirat werden. Mein Geschlecht war mir dabei immer reichlich egal, warum sollte ich darüber nachdenken? Das war ähnlich doof, wie darüber nachzudenken, dass Piraten Kriminelle seien. Wenn ich Pirat werden will, werde ich Pirat. Ich habe mich im Lauf der Jahre mit einer ganzen Menge charaktervoller Männerfiguren identifiziert und langweile mich heute noch tödlich über Frauenbüchern. Natürlich verschlang ich die Biografien besonderer Frauen, aber in diesem bemühten "Wir brauchen keine männlichen Maler, Frauen malen auch toll" habe ich mich nie wiederfinden können. Ich würde auch heute als Frau lieber mit dem Vorbild Obama als mit dem Vorbild Merkel Präsidentin werden wollen. Ich möchte behaupten, ich bin in den Achtzigern deshalb auf die Straße gegangen: auf dass endlich Menschheit in ihrer gleichwertigen Vielfalt einkehre.

Und jetzt ist mir wieder nach Demonstrieren. Ich würde gern in Lektoraten eine Männerquote einführen, damit die Auswahl von Manuskripten nicht mehr allein in Frauenhand liegt und auch Männer endlich wieder lesbare Bücher präsentiert bekommen. Dafür würde ich ein paar von den männlichen Profitrechnern an den Schalthebeln der Macht gern mal durch Frauen austauschen und sehen, was passiert. Ich würde das riesige Lügengebäude mit den Pseudonymen aufdecken wollen, damit endlich öffentlich wird, wie viele Männer Herz-Schmerz-Schmalz unter Frauennamen schreiben und wie viele Frauen bei ernsthaften Themen einen Männernamen brauchen, um ernstgenommen zu werden. Ich würde auf Spruchbändern publizieren, für wie blöd manche Buchmacher die Frauen unter den Leserinnen halten und für wie analphabetisch die Männer. Das wäre doch mal Emanzipation!

Und dann würde ich die männliche Hauptfigur im Roman wieder einführen. Quote, meine Damen, Quote. Denn mich erfüllt es als freie, selbstständig denkende Frau mit Grauen, wenn ich massenweis austauschbar die sogenannte "starke" Frau vor mir habe, die über hunderte Seiten zwischen den karge Mahlzeiten im buntgeschönten Mittelalter lustig und anschaulich vergewaltigt wird, um am Schluss doch nur wieder dem Märchenprinzen an die breite Brust zu sinken und fröhlich und alle sexuelle Unbill vergessend ein Kindlein nach dem anderen gebärt. Ich will mich nicht identifizieren mit starken Weibern, die glauben, zur Menschwerdung gehöre das perfekte Führen einer Lanze und die Fähigkeit, dem nächsten Speerträger schmachtend in die Arme zu sinken.

Da haben die Männer uns offensichtlich viel voraus - die haben wahrscheinlich am eigenen Leib gelernt, wie verachtenswert Krieg und Gewalt sind. Ja, meine Damen! Neuere Branchenuntersuchungen zeigen, dass Krimis für Leserinnen immer perverser und blutrünstiger werden müssen. Schauen Sie sich mal an, was Ihre nette Nachbarin von nebenan teetrinkend liest, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Da werden die Leichenteile in der Küche herumgeschoben und Schwiegerväter ermordet, dass es eine Pracht ist, Serienkillerkitzel, perverse Schweine. Als Truman Capote den ersten Tatsachenroman um einen Mord an einer ganzen Familie schrieb, stürzte sich die entsetzte Welt noch furienhaft auf ihn. Heute erledigen das freundliche Skandinavierinnen mit weißen Manschetten zwischen Hauptgang und Nachtisch. Und die Leserinnen, hauptsächlich Frauen, lassen sich damit ein wenig die Füße kitzeln...

Kurzum: Wir brauchen wieder Menschen in Büchern. Richtige lebensvolle Menschen, die nicht in Schubladen einzuordnen sind, die sich nicht ideologisch korrekt benehmen und sich vielleicht auch nicht so oft überlegen, ob sie Frau oder Mann sind und wie sie sich denn nun für oder wider verhalten sollten. Die solch eine Lebensgröße besitzen, dass sie Frauen wie Männern etwas zu sagen haben.

Und sollten Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht prädestiniert sein, solche Menschen zu schaffen? Ein guter Schriftsteller kann sich nicht aufs Geschlecht ausreden, auch nicht auf Alter und sonstige Zustände. Wir müssen uns in ALLE hineinversetzen können, in Kinder und Sterbende, Männer und Frauen, Böse und Gute, Verrückte und Normale, Menschen eben. Diese Fähigkeit nennt man Empathie. Und die geht uns verloren, wenn wir nur noch Abziehbilder schaffen oder Geschlechter ideologisch aufladen - sei es in die eine oder andere Richtung.

Huch, hätte nicht gedacht, dass ich mich auf mein Alter noch einmal so ereifern kann. Und das als Frau in Hosen...

Kommentare:

  1. Citronella14/12/09 13:42

    "Ich würde gern in Lektoraten eine Männerquote einführen, damit die Auswahl von Manuskripten nicht mehr allein in Frauenhand liegt"

    Es wäre dringend an der Zeit! *seufz*

    Vor allem würde ich aber auch eine Altersquote einführen! Ein erfahrener Lektor, eine gestandene Lektorin, die alle Tücken und Schlichen des Berufs kennen, ruhig und souverän sind.... ausgestorbene Spezies, wie es scheint.

    Dafür überall hilflose Mädels, frisch den akademischen Windeln entschlüpft, die sich in dieselben machen, wenn es um irgendeine Entscheidung geht.....

    Verzeihung, daß ich meinen Namen lieber nicht nennen mag.

    Citronella :)

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  2. Kein Problem, Citronella, ich muss ja auch manchmal der Journalistin in mir Zügel anlegen, damit sie die Autorin nicht um Kopf und Kragen redet ;-)

    Aber die Journalistin meint gerade, so habe das mit den Zeitungen auch angefangen, da hieß es noch Outsourcing und Generation Praktikum. Ich habe mir einmal vor ein paar Jahren den Spaß gemacht, einen Angestelltenjob zu suchen und bekam gesagt, das könne ich spätestens ab 33, 35 vergessen.

    Eine Chefin einer Zeitarbeitsfirma brachte es klar auf den Punkt:

    1. Erfahrene Fachkräfte kosten mehr Geld.
    2. Erfahrene Fachkräfte lassen sich nicht alles bieten und haben gelernt, den Mund aufzumachen.
    3. Erfahrene Fachkräfte haben manchmal eigene Ideen und können auch Fehler des Chefs / der Chefin analysieren. Und ganz schlimm: Sie entscheiden sogar selbst.

    Als ich noch jung war, gab es im Management Strömungen, flache Hierarchien, Kreativität und Risikobereitschaft zu fördern... Tja. Mir tun diese jungen Leute leid, die eigentlich nur gemolken werden und das natürlich auch spüren.

    Ich muss allerdings sagen, es gibt auch äußerst positive Beispiele - vom Lektorat meines Elsass- und meines Rosenbuchs träume ich heute noch. Und solche Lektoren vergisst man sein Leben nicht. Das waren auch Verlage, die sich um ihre Bücher und ihre Autoren kümmern.

    Und ich kenne nicht wenige Autoren, die auch nie genannt werden wollen, die inzwischen ihre eigenen Lektoren mitnehmen oder guten Lektoren in andere Verlage folgen.

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  3. Also, you have to move with the times.

    Demos finden jetzt im Internet statt, vielleicht auch via Twitter. Wir Facebook generation demonstrieren jetzt gegen viel Wichtigers - dass die Erde nicht waermer werden darf, fuer die soziale Gerechtigkeit,gegen Studiengebühren. Das machen wir ganz bequem per Mausclick bevor wir die Szene hitten.

    Who the .... is Pippi Lang....also in der letzte Cosmo habe ich gelesen..

    Ausserdem sind wir ja alle gleichberechtigt und individuell. Ich kann doch auch machen was ich will und ich kann ja jede Woche lesen was ich anziehen muss. Und das neue Casting Magazin (www.casting.de) gibt mir auch geile Tips wie ich ganz locker berühmt werden kann.

    Also ich finde es total cool wie geil alles heute ist, jeder kann ja heute etwas schreiben und nicht ihr alten grufties. Und der Obama, der hat doch sooooo süüüüße Ohren. Zum knudeln.

    Verstehe garnicht was sie da wollen Frau van Cronenburg? Wer liest denn schon den Freitag? Schreiben die wirklich was wichtig ist?

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  4. http://www.faz.net/s/Rub510A2EDA82CA4A8482E6C38BC79C4911/Doc~E86CC3D78F3E545DC89A79FF204B01407~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_aktuell

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  5. Jetzt hätte ich das beinah ernst genommen ;-) Klang so wunderschön eingängig ... herrlich.
    Ich glaube dann an vollendete Emanzipation, wenn mir Verlage nicht mehr sagen, sie hätten das Manuskript gekauft, wenn ich ein Mann wäre - mehrfach passiert...

    (Diese langen URLs funktionieren hier nicht)

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