Schwarzjahr, Blaurausch

Immer diese Jahresrückblicke

Normalerweise schreibe ich für Freunde und Blogleser um diese Zeit einen "Jahresbrief", eine Art Rückblick und Ausblick. Seit einiger Zeit bemerke ich jedoch das How-are-you-Syndrom. Wer "how are you" sagt, will nicht wirklich eine Antwort. Wer "wie geht's" nuschelt, ist entsetzt, würde man ihm die Wahrheit sagen. Nichtssagende Begrüßungfloskeln sind daraus geworden, übrigens sogar im Französischen, wo das durchaus mal anders war. Auf den Ehrlichen, Kritischen drischt die harmoniesüchtige Meute dann ein, er hat sie aufgeschreckt, wolle ja nur jammern, verschwimme im Selbstmitleid. Selbstschutz, weil man ja beginnen könnte, ebenfalls die dunklen Dämpfe zu sehen, die aus den Gesellschaftsspalten wabern.

Schwarzjahr

Ich verzichte also in diesem Jahr darauf, die ganze Wahrheit zu erzählen, denn die letzten beiden Jahre waren aus unbeeinflussbaren Gründen für mich schwarz-schwarz-schwarz. Und nein, mit "DER Krise" hat das alles nichts zu tun, die Krise ist ja hausgemacht, hat sich vor vielen Jahren schon angekündigt, sogar in meinem zweiten Roman kommt sie vor und das ist lange her. Wir haben es einfach wie beim "how are you" gehalten: Weggeschaut, nichts hören wollen.Wir leiden an einer geistigen Krise. Aber wir haben - materiell und in Ruhmkategorien gemessen - weniger zu verlieren, als wir befürchten. Wir haben dennoch so viel wie noch nie zu verlieren: uns selbst!

Und genau das war Thema meines letzten Jahres: Völlige Anpassung an eine gesichtslose, austauschbare Norm für Erfüllungsgehilfen durch Selbstverleugnung - oder Ich-selbst-Bleiben und kraftzehrendes, verrücktes Schwimmen gegen den Strom mit unsicherem Ausgang. Zwar war noch keiner auf letzterer Seite des Stroms gewesen, aber alle erzählten mir, dort lägen abgrundtiefe Wasserfälle, tödlich.

In der harten Schule Polens in den frühen Neunzigern habe ich gelernt, was ich 2009 brauchte:
Wenn nichts mehr geht, ist es nämlich Zeit, Schluss zu machen. Schluss mit der Krisensituation. Wenn alle kopflos und sicherheitskonfus nach rechts rennen, überlebt man am besten, wenn man sich nach links schleicht, sein Ding macht und heftig improvisiert. Auch auf die Gefahr hin, dass man zunächst unsichtbar bleibt. Ich bin mit Pink Floyd großgeworden, wir haben The Wall mitgegröhlt, weil wir ans Abreißen von Mauern glaubten...

Der erste Schritt ins kalte Wasser war elend eisig. Aber wenn man einigermaßen aufmerksam lauscht, bemerkt man, dass man dabei nie allein ist. Da sind nicht nur die anderen Mutigen, die vorsichtig den Zeh ins Wasser tunken und Angst vor den angeblichen Wasserfällen haben. Wenn man einmal mit beiden Füßen im Nass steht, begegnen einem plötzlich seltsame "Naturereignisse", die einem Mut und Kraft geben. Besondere Menschen, die plötzlich auftauchen. Die richtigen Bücher zur richtigen Zeit. "Zu-Fälle".

Dann mein Projekt über die Ballets Russes - ich hätte Diaghilew umarmen können. Was hatte der Mensch geschaffen, bis auf die Nachwelt, nur weil er an eine Sache glaubte, sich nicht hineinreden ließ, dickköpfig war bis zum Eklat! "Ah Monsieur, das hat man noch nie gemacht, das ist unmöglich!", sagte man ihm in der Administration der Pariser Oper. Wem kommt dieser Satz nicht bekannt vor? Und dann verfielen sie dem Zauber des ganz Neuen, des Ungewöhnlichen, des Risikos. Nicht dass ich mich mit so einem vergleichen könnte, aber ein Vorbild dieser Art macht Mut, zumal der Mann die Kraft besaß, trotz persönlicher Armut Millionen zu bewegen. Warum schauen wir starr wie ein Rehkitz auf die Beutegeier, anstatt mehr Augenmerk auf Vorbilder und Mutige zu lenken?

Wenn man sich dann langsam an die Temperatur im kalten Wasser gewöhnt hat, kommt manchmal die kochende Wut - und das wärmt und spornt erst recht zum Schwimmen an. Wut macht mich trotzig: "jetzt erst recht" - und schließlich kreativ. Barrieren? Mit dem Kopf durch. Auf der anderen Seite stehen die Palmen...

So ein Schwarzjahr, das einen zwingt, die eigenen ausgetretenen Pfade zu verlassen und darüber nachzudenken, wie sicherheitsgeil man selbst schon verkommen ist, endet im Blaurausch. Gefährliche Sache. Es handelt sich dabei um eine Blickwinkelverschiebung, gegen die weder Brillen noch Laser helfen. Plötzlich sieht man alles in einem anderen Licht. Plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war und vieles steht auf dem Kopf. Man arbeitet sich mit letzter Kraft durch Stromschnellen und ist von Glück beseelt, weil man es geschafft hat. Soll der Wasserfall kommen, den fliegt man eben hinab.

Wie soll ich das erklären? Gewisse schwarze Zeiten bergen eine ungeheure Zukunftskraft. Wenn Vertrautes explodiert, macht das zunächst Angst - aber es befreit auch, es macht Platz für Neues, Erstarrungen geraten in Bewegung. Gewitter reinigen. Manchmal ist es besser, ein System implodiert schnell, als dass es langsam und unsichtbar über Jahre hinweg Schaden anrichtet. Schließlich haben wir Jahrzehnte Zeit gehabt, die Krise kommen zu sehen, haben fleißig an der Gier mitgearbeitet. Es gärt. Manches ist gefährlich. Eine instabile Situation kann immer kippen, aber sie ist lebendig. Ich habe das Gefühl, selten sind so viele Menschen ein ganz klein wenig aufgewacht. Man diskutiert, denkt nach. Weit werden die Wege sein, aus der Bequemlichkeit zu kommen. Viel wird noch zu bereden sein, aber manche handeln bereits.

Blaurausch

Warum Blaurausch? Weil mir in der Schwärze von 2009 in einer Ausstellung ein Zitat auf einer riesigen Wand ins Auge fiel:
"Wir werden aber nicht müde, es zu sagen und noch weniger müde, die neuen Ideen auszusprechen und die neuen Bilder zu zeigen, bis der Tag kommt, wo wir unseren Ideen auf der Landstraße begegnen."
Als dieser Satz veröffentlicht wurde, kämpften Künstler für das Überleben und Erwachen von Seelen gegen den "Alpdruck der materialistischen Anschauungen" - mit Kunst. Es kämpften Künstler ums nackte Überleben und um die Durchsetzung neuer Ideen gegen die etablierten, plüschig und miefig gewordenen Salons. Im Jahr darauf sorgte Nijinsky mit Choreografie und Tanz seines Faun für einen Eklat unter den Großbürgerlichen, den Angepassten, für den ersten Bühnenskandal der Welt. 1911 erschien obiger Satz von Franz Marc im neugegründeten "Blauen Reiter". Der Maler, der in der Kunst schnödem Materialismus Geistiges entgegensetzen wollte, hieß Wassilij Kandinsky.

Zeiten und Situationen ändern sich, aber Vergangenheit kann immer auch ein Spiegel sein für die Gegenwart, eine Reibungsfläche. Wir müssen nicht alle Fehler wiederholen. Wir können lernen. Lernen, wieder zu staunen und zu wagen, zu spielen und zu experimentieren.

Der Wasserfall auf der unbekannten Seite des Flusses war schon in der Vergangenheit nur eine Schimäre. Falsche Gefahren aufzubauen und Angst zu schüren, ist ein Machtmittel. Es hält die Leute klein und still, lässt sie kopflos re-agieren statt agieren. Es lenkt so schön von der Hauptsache ab. Solche Wasserfälle entpuppten sich durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder als Blendungen. Heute knallen sie gnadenlos durch die Medien auf uns herab: Schweinegrippe oder Klimakatastrophe, Web 2.0 oder zu schnürende Politikerpakete - wer blickt noch durch? Sollen wir denn noch durchblicken? Dürfen wir denn noch Zeit zum Querdenken haben?

Was würde passieren, wenn wir uns in Stille vor eine blaue Wand setzen würden, ohne Handy, ohne Internet, in Stille? Halten wir Stille noch aus? Haben wir noch Blau ins uns?

Auch das hat schon Franz Marc gesagt, dass es erst Zukunft gäbe,
"wenn die Modernität aufgehört haben wird, den Urwald der neuen Ideen industrialisieren zu wollen."
Mein Wunsch für 2010:
Nehmen wir unser Denken endlich wieder selbst in die Hand. Machen wir endlich mal wirklich BLAU (Mutige können das anklicken).

update:
Never waste a crisis - da denkt noch jemand BLAU.

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