Geheimzeichen

Alles ist gerade so schön wunderlich weihnachtlich und selbst Erwachsene tun so, als würden sie an den buckligen Weihnachtsmann von nebenan glauben. Kennen Sie das: Sie ahnen nichts Böses, parken zufällig mal perfekt ein und plötzlich landet eine grüngepunktete Feder auf ihrer Windschutzscheibe? Einfach so, ohne vorher anzuklopfen. Ein Zeichen? Aber bitteschön wofür? Für die nächste Vogelgrippe eine Warnung oder einfach nur eine Einladung, das Leben einmal federleicht zu nehmen?

Ich hörte heute im Radio von einem, der Akupunktur an Geigen setzt, meine Nachbarskinder glauben aus irgendeinem verrückten Grund immer noch, dass Schneemänner Karottennasen haben müssten - und dann gibt es diese Leute, die alles in Kreisen sehen, also auch ohne Alkohol; ich meine, denen kann man vor die Füße pfeffern, was man will, es kommt Beziehungssalat heraus. Du hast vergessen, Öl einzukaufen - vielleicht geht in deinem Leben doch nicht alles wie geschmiert, wo hakt es denn? Du hast Atembeklemmungen gehabt? Nimmt dir der Typ vielleicht die Luft?

Ich glaube ja nicht an solchen Kram. Das heißt, ich glaube, dass man aus allem Verbindungen konstruieren kann. Jemand, der schon früh morgens vom Chef eine Rüge erfährt, sollte sich überlegen, wie tief er heimlich vor dem Frühstück mit dem Finger in den Honigtopf fährt. Und wenn es plötzlich regnet, bin ich doch eindeutig selbst schuld, weil ich 1. den Regenschirm vergessen habe oder 2. den Regenschirm mitgenommen habe. Ich glaube an die Willkürlichkeit von Zeichen und ihre künstlerische Verrücktvernetzung.

Also habe ich vorgestern zum Spaß einen Roman geprobt, den ich garantiert nicht schreiben möchte. Weil der Probetext in Venedig spielte, legte ich Gustav Mahler auf. Nix mit Zufall. Ich weiß ja noch, was meine Finger tun. Aber genau mit dem letzten Punkt in Venedig dödelte diese verdammte Visconti-Stelle los... Ich machte noch einen Punkt. Kein Entrinnen. Der Text war und blieb, Mahler dödelte. Also las ich noch ein wenig im Romanstoff herum... las über Boris Godunow... (nein, das ist nicht der Typ, der kürzlich illegal im Nachbarhaus untergekommen ist, sondern ein Typ, den ein gewisser Mussorgsky...)

Ablenkung. Twitter. Jemand ballert mir das Buch eines Petersburger Schriftstellers entgegen. Jemand anderes bewirft mich mit Petersburger Bahnhofsbildern, dass es eine Reiselust ist. Ich nehme mir vor, endlich in Baden-Baden Prospekte mitzunehmen, immerhin treten mir dort die Petersburger auf die Füße und brummen die Billigflieger über meine Birne. Dann sage ich mir: Nein, es darf nicht sein. Nein, ich will nicht. Und können kann ich schon gar nicht. Ich werde NIE einen verdammten Roman schreiben, der teilweise im verdammten Petersburg spielen würde.

Aber man ist ja Perfektionist. Also drucke ich mir gestern den Probetext für das garantiert nicht zu Schreibende aus und finde ihn gar schauerlich. Klasse, erlöst. Feierabend. Ratzfatzweg! Doch irgendein Schweinehund in mir greift trotzdem noch mal hin, fängt an zu korrigieren, umzuschreiben. Findet Gefallen, Melodie. Nebenher läuft das Radio, weil ich eigentlich nicht arbeiten wollte. Lekoriere diesen Kram von diesem Typen, der einmal Boris Godunow...

Im Radio knödelt ein Bass. Außergewöhnlich gut. Außergewöhnlich russisch. Ich werde aufmerksam, vergesse meinen Text und bin gebannt. "Sie hören heute... blablabla... Boris Godunow in einer historischen Aufnahme mit.... erinnernd an den großen Schaljapin.".

MERDE. Ich denke tatsächlich in Großbuchstaben. Mit diesem blöden Schaljapin hat alles angefangen, was ich nicht anfangen will. Ums Verrecken nicht, blöd müsste ich sein. Aber die haben kein Erbarmen, dudeln ihren Boris in den Äther und ich komme nicht an den Ausschaltknopf, weil ich einen Text lektoriere, den ich nie schreiben will und an dem eigentlich nur Boris Godunow schuld ist.

Was mach ich jetzt? Kann mir mal bitte jemand diese grüngepunktete Feder aus dem Gesicht nehmen? Kennt jemand ein Gegenmittel? Sozusagen eine Antipest gegen Petersburger Viren und venezianisches Sterbegedöns? Kann ich irgendwo schnell eine Ausbildung zur Beamtin machen oder mich impfen lassen?

Eben, das ist es. Hätte ich nicht Radio gehört, hätte mir Boris nicht in die Ohren gedröhnt. Ich hätte diesen dämlichen Text korrigiert und einfach weggeworfen... Stattdessen liegt er jetzt da. Aufdringlich wie ein russischer Bass. Zu Hilfe! на помощь!

Kommentare:

  1. Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch eine "anstaendige" Ausbildung machte, aber (grins) den Traum hatte einen grossen Roman zu schreiben, den ich auch "probegeschrieben" hatte, fragte ich Michael Ende, der zufaellig fuer ungefaehr 2 Minuten in mein Leben eintrat, was ich machen sollte.

    "Einfach weiterschreiben" antwortete er.

    Was empfahl die Dame bei der Kuenstlerberatung?

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  2. Was Mr Doorman dazu sagen wird, ist ja wohl klar. Und sogar Onkel Vladimir hätte Tränen in den Augen vor Rührung, wenn ...

    PS: Brauchen Sie noch weitere Zeichen? Dann rufe ich Svetlana an. Die versteht man zwar nicht, wenn sie spricht, aber sie hätte bestimmt auch Freude an Ihrer Geschichte.

    PPS: Oder noch ein Zeichen? Ich habe mich vor einer Woche für einen Crashkurs in Russisch angemeldet. Ohne Witz.

    PPPS: Achten Sie beim nächsten Besuch bei der Dame von der Künstlerberatung darauf, ob sie eine Babuschka auf ihren Schreibtisch hat. Könnte ja ein Zeichen sein, gell ;-)

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  3. Das ist aber harter Tobak, gleich von zwei Seiten! Und als ich dann auch noch auf Zappadongs Blog (unbedingt lesen, Link rechts im Menu) erfuhr, wer Onkel Vladimirs Chauffeur ist... das nimmt ja Ausmaße an!

    PS: Da die Dame von der Künstlerberatung um meinen Kühlschrank besorgt ist, würde sie abraten und mich einsperren lassen.

    PPS: Russischkurs, auweia. Gefährlich. Das kriegt man nie mehr aus dem Körper. Bei mir hat das auch ganz harmlos angefangen: zuerst mit russischen Bilderbüchern, später tauschte ich kyrillische "Geheimzettelchen" mit meiner Mutter, dann schrieb ich irgendwann ein Hörbuch über einen verrückten Russen und jetzt hat's mich komplett erwischt...

    PPPS: Ich habe eine echte Babuschka vom allerersten Besuch des Moskauer Zirkus im Westen (hieß es damals), wohin man die Clownsnase von Volontärin zum Berichten geschickt hatte. "Du stehst doch auf Theater und bunte Farben", meinte Cheffe.

    PPPPS: Wie krieg ich jetzt den Michael Ende aus dem Ohr? (Haben Sie eigentlich auf ihn gehört?)

    PPPPPS: Beim letzten, bisher nur angedachten Projekt haben auch alle Ja geschrieen.

    PPPPPPS ???

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  4. PPPPPPPS: gehoert ja, umgesetzt nein. Irgendwann wurden meine Bilder politischer Alltag. Das Langweilt.

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  5. Eine kleine Argumentationshilfe:

    http://a-j-k.net/

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  6. @Ajku
    Was für eine geheimnisvolle, in Bildern verführerische Seite (herrlich der Lenin auf dem Samtdeckchen in der Toilette...)

    Ich habe gerade bemerkt, dass das mit dem Schnell-mal-Hinfliegen nicht so einfach ist, obwohl ab 25 Euro möglich. Ich müsste auf eine deutsche Botschaft (Vermeidungsfaktor nach dauerschlechten Erfahrungen 1000 von 1000). Dann doch lieber Mariinsky im Festspielhaus...

    @Frank Peters: Das kommt mir bekannt vor...

    @alle
    Das überzeugt mich trotzdem nicht. ;-) MICH muss das Thema beißen und machbar muss es auch irgendwie sein. Übrigens würde es nicht nur in Petersburg spielen, der gute Mann reist ziemlich herum... Es kämpft weiter...

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  7. So schnell kann's gehen: Das Projekt ist endgültig verstorben. Weil eben so ziemlich das gleiceh Projekt auf Englisch erschienen ist, verkauft sich ziemlich gut und wird in den großen Zeitungen gelobt. Und der Autor ist kein Noname, sondern internationaler Spezialist vom Fach. Also nur noch eine Frage der Zeit, dass ein deutscher Verlag die Lizenz kauft.

    Und was das Schlimmste ist: Der Autor fängt das Buch genauso an, wie ich begonnen hätte. Manchmal reifen Ideen leider fast gleichzeitig auf der Welt und der Schnellere gewinnt. So ist das eben in diesem Beruf.

    Habe ich mir mal wieder VIEL Arbeit gespart...

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  8. Das VORFALLENDE, jenes uns erst ZU, dann AUFFALLENDE, uns manchnmal schmerzhaft AUF DEN KOPF und - noch schlimmer! - TIEF IN UNSER DENKEN FALLENDE treibt gerne Schabernack mit uns. Ich kenne das nur zu gut. Jedoch: Ich weiß nicht, was soll das beDEUTEN!

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  9. Das gefällt mir - dazu schreibe ich mal extra etwas!

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