Recherchesensation

Es ist das Ding, von dem Recherche-Junkies wie ich träumen: Man findet etwas heraus, was noch nie jemand vor einem herausgefunden hat. Obwohl es, wie man nach der Recherche glaubt, doch eigentlich offen auf der Straße herumlag.

Für einen kürzeren Artikel recherchiere ich seit ein paar Tagen etwas über Berühmtheit A, die schon ellenlang tot ist. Für kurze Artikel recherchiere ich natürlich sehr viel "schlampiger" als für ein Buch - sprich, es lohnt sich nicht, in die Tiefe zu gehen. Vor drei Tagen war alles fertig. Fein, Arbeit weglegen, die nächste...

Aber in meinem Kopf tickte eine Bombe. Wirre Assoziationen verdichteten sich zu Bildern, Erinnerungen, irgendeiner ollen Lektüre. Die Zündschnur führte in meine Bibliothek zu einem Buch mit angegilbten Seiten. Geschrieben von Berühmtheit B. Nichts davon hatte mit meinem Artikel zu tun, beide Berühmtheiten lebten nur ein paar Jahre gleichzeitig. Ich schlug den alten Schinken auf, zufällig irgendwo in der Mitte, das würde die Bombe schon entschärfen. Ich las eine Passage und die Bombe ging hoch. Was Berühmtheit B da beschrieb, in voller Fiktion, ähnelte meiner Berühmtheit A bis aufs Haar.

Ich irrte mich sicher gewaltig. A und B waren sich nie über den Weg gelaufen, lebten in verschiedenen Ländern, waren unterschiedlich alt, hatten unterschiedliche Berufe - und wenn, dann hätte das sicher irgendein bekannter Spezialist herausgefunden. Aber nein, A und B hatten - allen Spezialisten zufolge - nichts miteinander zu tun.

An diesem Punkt passiert, was Recherche-Junkies eben so passiert. Ich war gefangen wie Phil Marlow auf einer heißen Spur. Ich wollte es genau wissen. Ich hatte so ein Gefühl, ein völlig irrationales, komisches Gefühl im kleinen Finger, das mir sagte: Fiktion ist gut und schön. Aber kann Fiktion so genau einer Realität gleichen, die es zu jener Zeit gegeben hat? Haben Experten immer recht? Seit drei Tagen verbeiße ich mich in den Fall...

Heute vergaß ich sogar zu essen und trank zu viel Kaffee. Grenzte die Zeit auf zwei Jahre ein und heftete mich meinen "Verdächtigen" an die Fersen. Was hatten sie in diesen zwei Jahren getan? Wo waren sie gewesen, mit wem hatten sie gesprochen, sich Briefe geschrieben? Bis in ihre Urlaubsorte habe ich sie verfolgt. Und dann ist es passiert.

Wie manchen Filmkommissaren wurden mir plötzlich seltsame Umwege und Nebenrouten interessanter als das Offensichtliche. Ich las Menukarten, wanderte im falschen Land herum, las Briefe von Leuten über Dinge, die mit meinen beiden Berühmtheiten scheinbar nichts zu tun hatten. Meine Ausrede für die Zeitverschwendung war die übliche: Wer weiß, wie man solche Recherchen mal später brauchen kann.

Heute mittag war es so weit. Die schrägsten Nebenfäden verknüpften sich plötzlich zu einem roten Faden. Ich fand zwei Hotels, in denen beide Personen fast zur gleichen Zeit Station gemacht hatten. Ich fand andere Gäste. Und dann hatte ich ihn. Den Mann, den beide gekannt haben. Den Mann, der beider Freunde kannte. Den Mann, der sich mit Berühmtheit A herumtrieb und der sich mit Berühmtheit B Briefe schrieb. Es war eine der Personen, die jeder andere nicht beachtet hätte, weil er so scheinbar überhaupt nichts mit all dem zu tun hatte. Es war die Schlüsselfigur, die das Bild von A verändert.

Und wie das so ist bei Phil Marlowe, stolpert man nie nur über eine Leiche. Da lief ständig eine Frau durchs Bild, unter falschem Namen, die mal mit dem und mit jenem, aber nie mit den beiden... Ich tappte ihr neugierig nach. Frauen mit seltsamen Namen machen mich neugierig. Ich fiel über einen ihrer vielen Ehemänner. Und einen weiteren Hammer, Berühmtheit A betreffend.

Heureka-Effekt nennt das die Bewusstseinsforschung. Tja, jetzt sitze ich da mit meinem Heureka und das ist natürlich viel zu schade für einen Artikel. Wie war das noch gleich: Wer weiß, wozu diese Spaßrecherchen noch nützlich sein könnten?
Ich lege das jetzt in meinen Karton mit der Aufschrift "Hämmer, die auf Veröffentlichung warten". Und gehe erst mal tüchtig etwas essen. Endorphinrausch macht hungrig.

Kommentare:

  1. AAahhh! Du machst mich rasend, Petra!

    Wie kannst du einen derart spannenden Detektivroman erzählen.... ohne Auflösung!!?

    Wenigstens eine klitzekleine Andeutung, ja? Obwohl... ich glaub, die Dame kann ich erraten :)

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  2. Hehe, Jan, du weißt doch, das ist wie beim Staatsanwalt, wenn die elend neugierigen Journalisten kommen: Über schwebende Verfahren gibt's keine Auskunft! Schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

    Aber mit der Dame liegst du garantiert falsch. Ich hab das hier räumlich und zeitlich etwas verbogen. Wegen der allzu Neugierigen. ;-)

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  3. Hi Petra,
    das ist wirklich toll und wehe, wehe, du lieferst uns nicht irgendwann einmal die Auflösung hier oder in Form eines Buches.

    Leider habe ich auch schon das umgekehrte erlebt, nämlich, dass man glaubt einer Sensation auf der Spur zu sein und weitere Recherche lässt das alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen...

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  4. Ich verspreche hoch und heilig, dass das veröffentlicht wird. Ich weiß nur nicht genau, ob ich mich dann noch an diesen Beitrag erinnere... einfach alles von mir lesen? (Das war jetzt die frechste Schleichwerbung der Woche).

    Ja, der umgekehrte Fall ist eigentlich die Norm, deshalb klopfe ich alles drei- und vierfach ab. Und nicht allein. Beim Rosenbuch z.B. hatte ich noch zwei eisenharte Kritiker, die jede Aussage von mir umdrehten. Was dann immer noch nicht vor Irrtum schützt.

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  5. Nun, wenn es um Autoren und Romanfiguren geht, fällt mir nur ein passabler Weg ein:

    Essay schreiben, in (wissenschaftlicher) Literaturzeitschrift veröffentlichen (Gibt auch ganz gutes Geld), und damit einen Diskurs entfachen. Anderen die Möglichkeiten geben, darauf aufzubauen oder es sogar zu widerlegen!

    Vielleicht schafft deine Entdeckung es ja bis zum universitären Bildungsstandard? :)

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  6. Marco, zum universitären Standard fehlt mir das, was Forscher haben: Unendlich viel Zeit und genügend Geld. Ich würde zehn Jahre in Archiven verstauben, um für meinen "Indizienprozess" zwingende Beweise zu finden, etwa einen verschollenen Brief, den alle übersehen haben, weil die Kisten so voll sind.

    Aber dagegen gibt es ja den Beruf des Schriftstellers: Wir dürfen frech behaupten, spielen, herausfordern. Damit sich die Fachleute auf uns stürzen und rufen: Einfach frech, was die sich da erlaubt! ... und dann heimlich still und leise ihren Doktor mit der Idee machen.

    So werde ich es halten in Anbetracht meiner knappen Zeitressourcen und der fehlenden Forschungsgelder.

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