Kein Zurück mehr

"Alles schreitet, nichts bleibt ... in diesselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und sind nicht", schrieb der griechische Philosoph Heraklit. Es gibt kein Zurück.

Ich habe heute ein Bild eines meiner Lieblingsmaler aufgehängt: Moskau I, von Wassily Kandinsky 1916 gemalt. Das Bild hat mich durch einige Umzüge und drei Länder begleitet. Wiederentdeckt habe ich es, weil mich etwas bei der Arbeit an meinem neuen Projekt an irgendwelche Farben erinnert hat. Kobaltblau in Gold und Gelb und Braun. Ich hatte das schon einmal irgendwo gesehen.

Als das Bild an der Wand hing, bemerkte ich, dass ich es verwechselt hatte. Da war noch ein Bild Kandinskys, das in meinem Leben eine große Rolle spielte. Es hing in Studentenzeiten in meiner Bettnische und immer, wenn mich etwas nervte oder traurig machte, ging ich in diesen Farben, in diesem Licht baden. Hier hatte ich dieses Blau und dieses Gold. Und nun kann ich es kaum erwarten, bis es morgen hell genug ist, um auf dem Speicher danach zu wühlen.

Dreimal in Farben gestiegen und nie waren es mehr die gleichen. Aber da ist etwas fühlbar, das allen drei "Farbflüssen" gleicht. Es steckt in meinem "Dingens", der Kandinsky gekannt hat, der vielleicht in ähnlichen Bildern "spazieren ging". Ich bin jeden Tag von Neuem erschlagen von der Intensität, mit der er mir vor Augen tritt. Das ist längst keine Figur mehr, die es zwar gegeben hat, die aber lange, allzu lange, tot ist. Dingens wird zu einem Bruder, dem ich Geheimnisse von mir verrate, damit er spricht. Das Schreiben wird zur Zwiesprache und verändert sich völlig.

Alles, was ich mit Verstand und Planung entwerfe, taugt allenfalls als Modell, als Idee einer Reihenfolge. Etwas wie Trance folgt danach, die Konturen zwischen Musik und Schrift lösen sich auf, der Text tanzt, steigert sich manchmal zu Atemlosigkeit vor der großen Fermate. Mit den Farben zwischen den Tönen kommen die Erinnerungen, und ich erschrecke, dass es die meinen sind, nicht angelesen, nicht von Dritten gehört. Da sind die, die ich scherzhaft "meine 101 Omas" nenne, ihre Wangen röten sich, sie fangen ebenfalls an zu sprechen.

Schon als sehr kleines Kind wuchs ich sozusagen mit einem ganzen Altenheim von Menschen auf. Ich fand es spannend, so viele Omas zu haben (Opas gab es darin kaum), die jede über noch mehr Geschichten verfügten. Geschichte in Geschichten, wie ich erst in später Schulzeit erkannte. Denn da waren Menschen, die drei Kriege erlebt hatten: den 1870er, den ersten Weltkrieg, den zweiten Weltkrieg. Die ganz Uralten, die schon in meiner Kleinkinderzeit wegstarben, waren Menschen, wie ich sie später nie wieder fand. Frauen, denen aus unendlich viel Leid und Mühen Humor und Liebe gewachsen war. Extravagante, sehr starke Frauen.

Da gab es die "Oma", die mich lehrte, wie man im 19. Jhdt. Biedermeiersträuße zu Geheimbotschaften band. Eine Rittergutsbesitzerin ließ mich im Glanz ihrer letzten Antiquitäten baden - und Kunst, überall an den Wänden Kunst. Eine war so ganz anders als unsere Mütter, sprach viele Sprachen und hatte die weite Welt in Koffern verpackt, die Länder dieser Erde in ein winziges Zimmer gepfercht. Uralte japanische Münzen mit Löchern, Elfenbeinschnitzereien aus Afrika, einen Seidenschirm aus Thailand und die Schiffspapiere aus den USA. Mit dem Millionär, bei dem sie Gouvernante war, wäre sie um ein Haar auf der Titanic mitgefahren.

Heute betrachte ich Fotos aus der Zeit, über die ich schreibe; manchmal finde ich den ein oder anderen schemenhaften, zerkratzten Stummfilm. Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Diese Menschen sind nicht tot. Ich habe Menschen aus dieser Zeit gekannt, ihre Geschichten leben fort in mir, ich sehe die Spitzenhandschuhe, die sich die Gouvernante für die Titanic gekauft hatte. Ich rieche die Küchen jener Zeit und spüre, wann die Farben in deren Alltag zerbrachen - um auf den Paletten der Maler nur um so mehr zu explodieren.

Manchmal gibt es Bücher, bei denen ist nach dem Schreiben ein Zurück in sich selbst nicht mehr möglich. Weil sie einen zurückwerfen auf einen selbst. Weil man mit den Abgründen und Tiefen des Sujets immer auch tief in sich selbst hinabsteigt, so tief, dass da manchmal nur noch Ahnungen von etwas sind, von dem man nicht weiß, ob es zum Glückstaumel oder zum Alptraum wird, wenn man es befreit. Man steigt als Schriftsteller in so ein Buch hinein und wird danach nie mehr derselbe sein. Ein Wissen, das erschreckt und fasziniert. So ein Buch verändert einen völlig, mit der Geschichte erfindet man sich ständig selbst neu und gerät in einen kaum zu beschreibenden Dialog. Wer werde ich nachher sein?

Es fühlt sich dann fast wie Trance an, wenn ich schreibe. Ich nehme dabei nicht einmal mehr meinen Text wahr und bin hinterher überrascht: War das wirklich ich? Habe ich das geschrieben? Ich kann mich kaum erinnern. Aber stattdessen erinnere ich mich an so vieles, an das ich mich theoretisch nicht erinnern dürfte.

Es ist, als schöpfe man Neues aus einer Erinnerung heraus, die man in dem Moment erfindet.

Solches Schreiben ist nicht bei jedem Projekt möglich (und nötig). Und wenn es geschieht, fühlt es sich an wie ein Wunder. Es ist dieses Mysterium, das man immer und immer wieder erwecken will, das in der Musik lebt, in der Malerei, das sich aber genauso hartnäckig verstecken kann.
In solchen Momenten kommt mir der Gedanke, dass Schriftsteller nicht körperlich in Flüsse steigen, sondern manchmal versuchen, all die vielen möglichen Flussvariationen einzufangen, zu sammeln. Eine Gnade fast, wenn es einmal gelingen sollte, dass eins der vielen Bilder vom Fluss dem echten Gewässer ähneln mag. Oder eine Melodie singt, die der Fluss in seinem Rauschen längst begraben hat.

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