Eiskalter Grusel

Wunschtraum: Filme machen, Bücher schreiben, Hörbeiträge senden, Publikum haben, Geld verdienen, Rechnungen bezahlen können.
Ich hatte darüber heute ein interessantes Gespräch mit jemandem aus der Branche, dessen These mich jetzt noch in eiskalten Grusel treibt.

Gegenthese: Jeder veröffentlichte Film findet sich kurze Zeit später auf der yubeltube, diesem Sammelsurium von wild und frech kopierten und zusammengestückelten Videos. Alles, was irgendwie elektronisch aufzubereiten ist, wird sofort von naiven Kopierern oder skrupellosen Piraten im Internet verschenkt, verzockt, ob das Bild, Ton oder Schrift ist. Ja, auch Printbücher werden massenhaft eingescannt und in Piratenbörsen verschenkt. (Und ich verschone jetzt jeden Betroffenen mit den wahren Geschäftsergebnissen sogenannter Verschenkaktionen von Verlagen, sonst kaufen sich die Autoren gleich Teer und Federn).

Und jetzt kommt es: Geil ist allein schon der kostenlose Besitz. Die Befriedigung der Gier, Dinge aufzubereiten und in die Welt zu blasen - um wiederum Dinge aus dem Internet aufzusaugen. Kostenlos. Eine Gesellschaft im Tauschorgasmus. In der allerdings im Gegensatz zur echten Tauschgesellschaft sich nicht diejenigen bereichern, die zuerst gegeben haben, pardon, beklaut wurden.

Alptraum: Stell dir vor, du produzierst Bilder, Musik, Texte oder alles zusammen oder noch etwas. Und da draußen gibt es nur noch eine Verschenkgesellschaft.

Mein Gesprächspartner glaubt, dass dieser Punkt jetzt schon nicht mehr umkehrbar sei.
Also frage ich mich: Müssten dann nicht neue, andere Überlebenskonzepte für Urheber und Kreativschaffende her? Wenigstens so lange, bis wir Wohnungen und warme Brötchen kostenlos im Internet herunterladen können? Was tun? Wie könnten Alternativkonzepte aussehen?

Ich werfe zur Diskussion in den Raum (hat noch wer Ideen?):
  • Werke im Erstabverkauf in nicht herunterladbare, befühlbare, materielle Formen stecken, die man wie Brötchen kauft und unbedingt haben muss.
  • Zwangsabgabe Kultur zur Finanzierung eines Grundgehalts für Urheber, die ihre Werke dann verschenken.
  • Jedes Dorf, jede Stadt leistet sich pro Kopf soundsoviel Filmemacher, Radiomacher, Autoren etc., die die Einwohner gemeinsam durchfüttern wie früher den Dorfschamanen. Für besondere Leistungen gibt es Schweinehälften und schwarz gebrannten Schnaps.
  • Künstler geben Aktien auf ihre Werke aus und zocken sich erst mal gesund.
  • Der Staat gibt Zwangsanleihen für Kultur aus.
  • Sponsoring durch die gesponserte Autoindustrie oder gerettete Banken.
  • Die kunst- und kulturfreie Gesellschaft. Endlich frei. Ohne dieses überflüssige Gedöns. Und dann pirateln wir die Piraterie von der Piraterie von der Piraterie...
Zu dumm, daraus wird dann wahrscheinlich wieder Kunst.

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