Lebensuntüchtig

Heute ist ein Tag zum Reinschlagen. Die Straßen sind nicht geräumt und morgen droht ein unaufschiebbarer Termin in Strasbourg. Im Kasten ein Amtsbrief von Frankreichs Debilenversammlung Nr. 1, die ich so nenne, weil ich ein Jahr gebraucht habe, einen "Computerfehler" zu bereinigen. Und jetzt, nachdem endlich alles kapiert schien, fangen sie wieder von vorn an. Ich darf also wieder für Leute nebenjobben, denen das Hirn sichtlich in den fetten Hintern am Schreibtisch gerutscht ist, sprich Schriftwechsel führen. Und das Finanzamt schickt die Rechnung für die Wohnsteuer, die ich so gar nicht zahlen muss, aber Hauptsache kassieren, Rückzahlung kommt später. Also auch da noch hinfahren, wieder in eine andere Stadt. Telefonisch geht nichts in Frankreich. Sonst klüngelt das Call-Center mit dem Computer noch dickere Fehler aus.

Eine lose Bekannte würgt am Telefon ihre gesammelten Lebensbrutalitäten heraus, obwohl ich weder sie noch die Familie richtig kenne und so tief in blutige Innereien gar nicht hineinschauen mag. Ich muss eine komische Wirkung auf Menschen haben, im Zug erzählen sie mir von ihren Urahnen und vom letzten Kindergeburtstag - und ich finde das ja auch spannend, Schriftsteller sammeln Geschichten. Aber das geht eindeutig zu weit, die Verletzung ihrer Intimsphäre verletzt die meine. Sie wolle ja Therapie machen, aber der Mann weigere sich, der hat Angst, dass sie das stark mache. Soll ich ihr sagen, dass es da eine einfachere Lösung als Therapie gäbe? Ich sage ihr, ich müsse arbeiten. Keine Zeit. Das Telefon schnappt ein.

Und dann lese ich von einem, großer Künstler, ganz großes Genie, und alle sagen sie, der sei lebensuntüchtig von Anfang an gewesen. Seine Frau hätte sogar noch ihre Pelze und den Schmuck allein kaufen müssen, weil er gar nicht richtig wusste, wie man einkaufen geht. Und weil er sich aus solchen Sachen nichts machte, immer nur Arbeit, immer nur seine Kunst. Hat nicht richtig mit den Leuten geredet, vor Auftritten sei er stumm wie ein Fisch geworden, wo man doch, wenn man in die Öffentlichkeit geht, ruhig auch scherzen könnte und plaudern. Lebensuntüchtig wie die meisten Künstler.

Was ist ein lebenstüchtiger Mensch?
Ich stelle mir jemanden vor, der Spaß am Shoppen hat. Der zig Schuh- oder Autoläden mit Lust abklappert, in den Wartepausen eiligst Termine per Handy ausmacht, Sekretärinnen oder die Kinder ankeift, organisiert, macht. Lebenstüchtige beenden ihre Patnerschaften per sms vom neuesten Gerät aus. Amtskram ist einem solchen Menschen eine Freude, da kann man sich bewähren; zeigen, wie schlau man ist, wie man sich auskennt. Es denen mal so richtig zeigen. Ein lebenstüchtiger Mensch stellt punkt zwölf das Essen auf den Tisch und weiß sich zu benehmen. In Gesellschaft glänzt er oder sie mit Smalltalk, Gossip - und dem richtigen Therapeuten. So jemand hat es leichter mit komischen Anfragen, fremde Innenleben betreffend: Ich geb Ihnen die Karte meines Therapeuten, klasse Kerl, der hat noch jeden lebenstüchtig hingekriegt.

Ich habe immer Brot in der Kühltruhe. Falls es mal ausgeht und ich einen dieser Tage habe, an denen ich nicht herausgehen mag und keine Menschenseele sehen. Nicht, weil ich krank wäre, sondern weil ich solche Tage im Kreativrausch genieße. Abends habe ich dann viele Seiten geschrieben und das Gefühl, besonders intensiv gelebt zu haben. Heute wäre so ein Tag gewesen. Ich bin mit wunderbaren Ideen und Elan aufgestanden. Nun hängt mir die schreiende Dummheit der Amtsbriefe im Kopf, blockiert, weil ich solche Dummheit nicht fassen kann. Und weil ich reinschlagen möchte.

Stattdessen denke ich mir einen Krimi aus über einen, der Angestellte eines bestimmten Amtes quält und reihenweise umbringt, bis man feststellt, es war ein Computerfehler. Er, der Chef des Amtes, hatte die falschen Briefe bekommen und war darüber zum perversen Serienmörder geworden. Und dann stutze ich und sage mir: Hey, du schreibst doch gar keine Thriller, wirst du schon ganz meschugge?

Immerhin macht mich der Plot frei, mich wiederum hier frei zu schreiben, und dann gehe ich an den eigentlichen Text, Stunden zu spät. Und morgen kommt der verdammte Termin rein, der mich womöglich einen Arbeitstag kosten wird, weil ich bei den Wetterverhältnissen die Bummelbahn nehmen werde. Ich kann diesen Künstler, von dem ich lese, so gut verstehen! Wie soll man da noch Zeit haben, Pelze und Schmuck einzukaufen, wenn doch schon so viel Lebenszeitverschwendungen am Schreiben nagen, am Leben! Ich wollte schon immer lebensuntüchtig sein, schon als Kind. Das Leben selbst bestimmen, nicht von anderen bestimmen lassen. Amtsbriefe hassen und Einkaufen hassen. Kunst lieben. Die Tüchtigen, die frisst die Administration.

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