Stolzgeschwellte Detektivin

Ich hatte kürzlich von den Übersetzerfreuden berichtet, wenn es um die Schreibweise von Eigenamen geht, die aus kyrillischen Buchstaben in lateinische umgesetzt werden müssen. Ich übersetze zwar ein Buch aus dem Französischen, aber da kommen gerade Russen vor. Es lief alles relativ problemlos, aber dann stutzte ich an prominenter Stelle. Irgendetwas stimmte nicht. Noch konnte ich den Finger nicht darauflegen, war mir aber fast sicher, dass der Autor irrte. Verwechselte er womöglich jemanden? Oder gab es zwei Personen mit gleichem Namen, den im Originaltext und einen anderen, der mir bekannt war? Irrte ich selbst? Nennen wir den betreffenden Mann, der mich so verwirrte, Herrn S. Ich hatte das Gefühl, ihn ganz anders zu kennen.

In solchen Fällen recherchiert man den Text nach, wie das auch ein Fachlektor machen würde. Ich frage mich ernsthaft, wie das in Zeiten vor dem Internet zu schaffen war! Doch diesmal schien ich trotz Technik auf dem Trockenen zu sitzen: Ein Russe dieses Namens existierte zumindet für Google nicht. Seltsam, denn das Ereignis, um das es ging, war ein einigermaßen berühmtes. Natürlich probierte ich alle möglichen Schreibweisen aus. Nichts. Leere Suchmaschinenseiten! Dann erweiterte ich die Suche, indem ich nur den Nachnamen eingab, auch auf die Gefahr hin, von Basketballspielern über Internetaliase bis zu Firmeninhabern überschwemmt zu werden. Der Nachname war so unüblich nicht.

Bingo. Schon auf der ersten Seite machte ich einen Herrn S. aus etwa der richtigen Zeit aus. Er trug sogar den richtigen Vornamen. Dumm nur, dass er vier Jahre älter war als der Herr S. meines Autors und scheinbar einen völlig anderen Beruf hatte! Aber etwas gefiel mir an diesem Herrn S. Er kannte die Beteiligten, die im französischen Buch vorkamen, garantiert persönlich. Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen. Denn das berührte eines meiner Spezialthemen. Gab es ihn etwa doppelt?

In diesem Fall kommt einem normalerweise das Russische entgegen, denn der immer genannte Vatersnamen hilft beim Unterscheiden. Ein Sergej Iwanowitsch Maslow ist nie derselbe wie ein Sergej Sergejewitsch Maslow. Wenn das doch nur die Texte bei Google gewusst hätten... Mein Herr S. tauchte ohne Vatersnamen auf "witsch" auf. Und der Vatersname im zu übersetzenden Bestseller? Hoppla, der endete auf -o!

Was war ich blind gewesen. An diesem Namen stimmte etwas nicht. Der Name in der Mitte war auch ein Nachname! Ein Russe ohne Vatersname, dafür mit zwei Nachnamen? Mein Ehrgeiz als Detektivin war geweckt. Ich weiß nicht mehr, wie viele Namenskombinationen und verrückte, auch absichtlich falsche Schreibweisen ich eingab. Aber irgendwann fragte mich die Suchmaschine, ob ich mich womöglich verschrieben hätte und schlug eine andere Schreibweise vor. Plötzlich war ich im Ergebnisparadies!

Was war geschehen?
Der französische Autor oder der Lektor des Verlags hatten einen falsch getippten Namen hinterlassen, genauer gesagt, ein "r" geschrieben, wo ein "v/w" hätte stehen müssen. Da hatte ich einen eindeutigen Nachnamen. Und wurde frech, ließ bei der nächsten Eingabe den Nachnamen, den der französische Autor für einen solchen gehalten hatte, einfach weg. So wurde aus meinem Herrn S. plötzlich ein Herr I.

Und in dem Moment schaltete Google dann endlich auf Suchergebnisse aus Russland, in kyrillischen Buchstaben. Zum Glück reichten die Sprachkenntnisse noch für einen Enzyklopädieeintrag. Ich war von Anfang an auf der richtigen Spur gewesen! Mein vermuteter Herr S. mit dem anderen Alter und dem anderen Beruf war genau der richtige, nämlich eigentlich der Herr I.! Nun auch komplett mit Vatersnamen zum Beweis. Und das Wort für Pseudonym konnte ich dann auch noch entziffern, das war also das S. gewesen!

Der Autor hatte also folgendes gemacht:
Vorname + vertippter Nachname + Pseudonym
+ falsches Alter + falscher Beruf

Das sind dann die Momente, wo die Übersetzerin eine höfliche Fußnote schreibt.
Und sich heimlich fürchterlich ins Fäustchen lacht, denn der echte, richtige Herr S. alias I. wird womöglich in meinem nächsten Buch vorkommen. In dem dann, sollte es je als Lizenz verkauft werden, andere Übersetzer dicke Hunde finden werden, weil der Mensch nicht perfekt ist und ein Buch auch nach mehreren professionellen Korrekturvorgängen Fehler haben kann. Nur sollte man nie zweimal denselben machen.

3 Kommentare:

  1. Sehr schön! So kann es also gehen. Ich habe auch kürzlich russische Namen studiert und war einigermaßen verwirrt. Welch ein Glück, dass der Vatername Auskunft gab.
    Was mich oft stört, sind die Unterschiede in der Schreibweise aus dem kyrillischen. Prokofiev, Prokofieff, Prokoviev, alles schon gelesen.
    Bei manchen Künstlern weiß man ja, wie sich selbst schrieben, dann kann man sich daran halten. Bei anderen improvisiere ich wild drauflos.
    Liebe Grüße,
    Nikola

    P.S. Vielleicht wir Ihr Herr S. oder Herr I. ja ein Detektiv wie Sie?

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  2. Schön wäre es, Nikola, wenn man sich an die Schreibweise halten könnte, die die Künstler selbst benutzt haben! Bis man dann von nicht ganz so bekannten Leuten eine CD aus England sucht, eine Aufnahme aus Frankreich oder ein Gemälde, das in Italien hängt... Deshalb schimpfe ich ja so auf die deutsche "wissenschaftliche Umschrift", die findet man nämlich garantiert in keinem Land sonst.

    Kommt dazu, dass ich mich in einem Buch gut begründet auf eine durchgehende Schreibweise festlegen muss - mit Ausnahmen von der Regel, wenn Menschen international unter einer ganz bestimmten Schreibweise berühmt sind.

    Aber ich will nicht jammern, ich hab noch keinen getroffen, der meinen Namen auf Anhieb richtig schrieb! ;-)
    Und wenn ich es recht bedenke, bin ich froh, dass ich keinen Herrn Müller oder Meier ausfindig musste.

    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Aber auch ein Herr Meier, Meyer, Mayer, Maier wahrt seine Eigenheiten. *zwinker*
    Ja, Nachnamen sind schon ein spezielles Kapitel. Was ich manchmal für Anrufe bekomme - das glaubt mir kein Mensch!
    Liebe Grüße,
    Nikola

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