Sibirien, Frankreich, Schweiz und USA

Eigentlich wollte ich heute Nikolai Lilins "Sibirische Erziehung" (Suhrkamp, siehe Rubrik "Madame liest") besprechen, das ich gestern ausgelesen habe und für ein sehr wichtiges Buch halte. Aber dazu müsste ich etwas geordneter ausholen und ein paar politische Gegebenheiten erklären, also wird das auf einen Tag mit mehr Zeit verschoben. Sibirien gibt's dafür in der TAZ, wenn auch der "Aushilfhausmeister" unter "Regionalkrimi" in seiner Blogserie etwas völlig anderes versteht als der gemeine Buchhandel. Seine Serie über "True Crime Stories" ist aber lesenswert und beleuchtet diesmal das nicht nur literarische Verbrechen in der Zeit der Sowjetunion und danach.

Mich lässt sein Artikel mit den Rezensionen doppelt nachdenklich zurück: Echte Missstände und politische Doppelbödigkeiten hätten wir ja auch im eigenen Land, aber dort hat sich der Regionalkrimi bekanntlich als Hilfsliteratur der Tourismusbranche mit starkem Fluchtcharakter etabliert. Nicht wenige davon entstehen nicht aus einem gesellschaftskritischen Antrieb heraus, sondern als Auftragsarbeiten von Verlagen: "Mach uns mal was Nettes zu Karlsruhe / Berlin / Hinterdödelshausen". Vielleicht geht es uns einfach zu gut. Vielleicht müssen Autoren aber auch nur einfach eines Tages vor so viel Eskapismus flüchten - nur wohin?

Bleiben wir in der Kälte des Schnees: Künftig lassen sich nicht nur Verbrechen zumindest in der Schweiz leichter online recherchieren. Mehrere Schweizer Archive haben sich zusammengeschlossen und stellen ihr Material online. Damit werde ich jetzt endlich auch eine französische Realsatire los, die ganz und gar nicht erfunden ist. In Frankreich hat der Staat nämlich einst eine Steuer dafür gewidmet, dass sämtliche Archive digitalisiert würden. Und dann hat irgendwer in diesem Staat die Archivabgabe umgewidmet, um damit die allbekannten Rond Points, den Kreiselverkehr, zu bauen. Wer beobachtet, dass diese Kreisel wie die Pilze aus dem Boden schießen, der weiß um den Zustand mancher Archive Bescheid.

Von der Kälte, aus der die Spione kommen, hinein in die Hitze des Gefechts: In den USA ist alles, was Bücher betrifft, natürlich immer extra hot. Und drum steht der gemeine Autor als Spezies in einem solchen Buchmarkt unter enormem Bestsellerdruck. Bestsellerformeln gibt es bekanntlich viele (und irre viele aus den USA), bisher hat noch keine funktioniert, aber vielleicht klappt es ja mit Pamela Redmond Satrans Vorschlag in der Huffington Post: "How to turn Your Blog Into a Bestselling Book".

Bei ihren zehn Lernpunkten bin ich hin und hergerissen zwischen der Erkenntnis, was ich mit diesem Blog alles falsch mache, und eine verstohlenen Grinsen, weil ich die Vorschläge fast schon für Satire halten könnte. Aber nur fast. Menschen, die Bestsellerformeln verkaufen wollen, glauben bekanntlich so fest an ihre Erleuchtungen wie ein Guru, der Gelder für einen Rolls Royce einsammeln möchte. Auf der anderen Seite - "§2 copy the masters" hat zumindest Helene Hegemann zu Ruhm verholfen.

§ 3 Find a great name: yeah, cronenburg. Was sonst.
§ 7 Marry, don't clone. Wenn ich jetzt für mein nächstes Buch nicht nur auffallend oft über Russland schwätzte, sondern auch noch jeden zweiten Tag über Ballett und das Silberne Zeitalter und Bühnenbauten und Avantgarde und Bourgeoisie, wie viele Leser würden dann noch mein Rosenbuch kaufen? Drum
§ 11, made by myself: be stromlinienförmig. Vielseitige Menschen haben Probleme mit der webimmanenten Persönlichkeitsspaltung.

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