Die (De)Konstruktion von Magie

Ich nehme an, mein gestriger Beitrag hat hauptsächlich zu zwei Reaktionen geführt:
  • Oje, jetzt driftet sie aber komplett ab!
  • Irre, wie funktioniert das bloß?
Diejenigen, die sich letzteres gefragt haben, sind auf einer heißen Spur. Und die anderen will ich nicht im Regen stehen lassen, sondern erklären, wie es funktioniert. Schriftstellerei ist leider eine der Künste, die zahlreiche Behinderungen hat. Sie ist - im Gegensatz zu Musik, Tanz oder Bildender Kunst, international nicht ohne Übersetzung zugänglich. Und stellt den Autor auch innerhalb der eigenen Sprache eine große Herausforderung: Wie übertrage ich Emotionen, Gefühle auf die Leser? Wie sage ich Unsagbares? Wie drücke ich beim Leser aufs Knöpfchen, damit er sich aufregt, freut, sich wundert, traurig wird - oder einfach nur mitgeht? Noch viel schlimmer wird das beim Sachbuch: Wie fasziniere ich die Leser, wie mache ich hölzerne Sachinformationen lebendig?

Im Einleitungssatz habe ich den Fehler aller Anfänger gemacht: Der Autor sagt klipp und klar, welche Emotion eine Figur hat. Wie dumm! Denn der Leser empfindet dabei allenfalls Gleichgültigkeit: Sie ist halt aufgeregt, na und? Solch einen Humbug kann man dann wirklich nur noch mit einer humorvollen Brechung durch einen berühmten Buchtitel abmildern, aber selbst das hat Kalauerqualitäten.

Dann aber passiert etwas im Text. Seltsame Synchronizitäten ereignen sich. Auf geheimnisvolle Weise gibt es Überschneidungen zwischen einer 100 Jahre alten Geschichte, einem Konzert in der Zukunft und einem Projekt der Autorin, die in diesem Fall ja die Protagonistin ihres eigenen Beitrags ist. Schon gehen wir dieser Protagonistin auf den Leim, sind vielleicht irgendwie emotional angerührt und würden nur zu gern wissen, wie die Frau das dauernd macht, dass sich Fiktion und Leben so überschneiden. Hätte ich nur berichtet, dass ich aufgeregt sei, weil ich heute abend in eine Operngala gehe, wäre der Beitrag kein Bit wert gewesen. Aber dieser seltsame magische Moment hat dazu beigetragen, dass er so oft gelesen wurde, wie kaum ein inhaltsreicherer Beitrag sonst.

Ich bin gemein, ich verrate jetzt, wie das geht. Es handelt sich um eine Konstruktion von Magie. Dazu brauchen wir folgende Zutaten:
  • Eine Autorin, die sich intensivst mit der Geschichte der Ballets Russes und der Avantgarde beschäftigt hat.
  • Sie liest deshalb gerade die Biografie von Diaghilew.
  • Die Ballets Russes gingen aus dem Marijnsky Theater hervor.
  • Gergiev ist Chefdirigent und Leiter des Marijnsky Theaters.
  • Das Marijnsky hat das 100jährige der Ballets Russes gefeiert.
  • Das Programm des heutigen Abends nimmt Highlights von Diaghilews ersten Programmen in Paris auf.
  • Wagner ist kein Zufall: Diaghilew hat das "Gesamtkunstwerk" nicht nur erträumt, sondern umgesetzt.
  • Die Autorin folgert: Mit diesem Abend wird ein Kreis geschlossen. Diaghilew wünschte sich zeitlebens vergeblich eine Tournee nach Russland und eine Anerkennung durch das Marijnsky. Und den Wagner gibt's als Hommage an das Gastland dazu.
Langweilig geworden, das Wunder, nicht wahr?
So ungefähr würde sich eine Sachbuchrecherche lesen. Ähnlich kleinteilig und langatmig lesen sich aber wahrscheinlich auch Autorennotizen zu einem Krimi. Was ist der Trick bei der Umsetzung?

Jeder macht das anders, Patentrezepte gibt es nicht. Ich persönlich recherchiere zunächst, was das Zeug hält. So lange, bis der Kopf nicht mehr mitmacht. Dann sind nämlich endlich alle Zensoren und Hindernisse mundtot gemacht und das wahre Hirn kann denken - was einige Kollegen gern als Intuition oder Musenkuss bezeichnen. Kurzum: Ich entwickle ein Feeling für meinen Stoff, er lebt und mein Gespür dafür verfeinert sich. Ich lebe mit diesem Stoff. Dadurch fokussiere ich meine Wahrnehmungen, was in heißen Arbeitsphasen für Unbeteiligte fast zwanghaft wirken kann: Ich sehe auch scheinbar nicht damit zusammenhängende Dinge in einem neuen Licht, im Licht meines Themas.

Plötzlich fallen mir Dinge auf, die keiner bisher so gesehen hat oder vielleicht gar nicht sieht. Ich bin fasziniert, mich packt die Leidenschaft. Ich veranstalte wilde Kopfspiele, kombiniere scheinbar Unkombinierbares, schreibe neue Plots für die Realität oder spiele Realität mit der Fiktion. Ich denke nach: "Was wäre, wenn..."
Aber auch in diesem Stadium empfiehlt es sich nicht, den Text schon zu Papier zu bringen. Es würde ein "Hach bin ich aufgeregt, weil..." daraus oder "Protagonistin A war aufgeregt". Wir wollen ja den Lesern nicht vorschreiben, was er zu fühlen hat, wir wollen, dass er von selbst fühlt. Der Leser selbst soll auf die Abenteuerreise.

Jetzt kommt der magische Trick ins Spiel. Ein Autor weiß grundsätzlich sehr viel mehr als der Leser - er weiß alles, bis zum Ende des Buchs. Jetzt muss ich mich selbst zurücknehmen, rückwärts bis zu diesem Zeitpunkt, als ich selbst fasziniert staunte. Was hat dieses Staunen verursacht, welche Information, welcher Schritt hat mich umgeworfen? So schreibe ich das auch: Ich enthalte dem Leser zunächst all meine Informationen vor. Er soll in meine Rolle schlüpfen können, als ich noch unbewusst staunte. Ich gebe ihm kleine, wohldosierte Päckchen von Text, ganz anders dosiert und beschrieben als für mich - denn der Leser kennt die Materie nicht. Und dann mache ich das wie an Weihnachten. Ich stelle ein besonders verführerisches Textpäckchen hin und begleite ihn beim Auspacken. Womöglich verzögere ich das Auspacken sogar noch, um die Spannung zu steigern.

Im gestrigen Beitrag habe ich das wegen der Kürze ein wenig von hinten aufgezäumt, indem ich gleich das Knallbonbon hingelegt habe. Es gibt unterschiedliche Techniken von Supense. Würde ich das Gefühl weitertreiben wollen, könnte ich mir den Lohengrin greifen, der an diesem Abend auch erklingt. Warum bitte ausgerechnet Lohengrin? Und dann würde mir mein eigener Schauer über den Rücken wieder einfallen, als ich eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte mit Musik aus Lohengrin sah und bemerkte, dass sie irgendetwas mit einem Ballett von Nijinsky gemeinsam hatte. Dann würde mir meine Ergriffenheit einfallen, als ich herausfand, dass sich Nijinsky und Charlie Chaplin kannten.

Dem Leser würde ich zunächst genauso wenig verraten wie hier, würde ihn nur langsam anfüttern. Erst wollte ich Emotionen hervorrufen und dann das erzählen, was geradeaus erzählt vielleicht nur eine hölzerne trockene "Sach- und Fachgeschichte" wäre. Ich denke, das ist eines der großen Geheimnisse von sogenannten "erzählenden Sachbüchern", wie sie meisterhaft beherrscht werden im angelsächsischen und französischen Raum. Die Franzosen nennen das "partager les emotions" - und das ist genau das, was man gemeinsam bei einem guten Konzert oder Theaterstück anschließend zelebriert: Man teilt seine Emotionen miteinander. Es lohnt sich, aufmerksam zu lauschen, wie die Leute das machen. Sie sagen nicht nur: "Das ging mir ans Herz." Sie sagen eher: "Erinnerst du dich an dieses teuflische Glissando in der ersten Geige, wie zart das zuerst kam und dann..." Und erst wenn der andere sich lebhaft erinnert, spricht man explizit über die Gefühle.

Gut, das erklärt natürlich nicht, warum man zur rechten Zeit auf die richtigen Situationen oder Menschen trifft, die sich mit dem eigenen Denken dann so verkoppeln, dass einem wieder völlig neue faszinierende Aspekte aufgehen. Aber ein bißchen Magie und Geheimnis brauchen wir Schriftsteller doch auch...

Kommentare:

  1. Och Petra,

    ich kann doch jetzt nicht meine ganzen Texte in die Tonne schmeißen so kurz vor dem Abgabetermin... :-/

    Hätteste den Blog nicht vor nem halten Jahr schon schreiben können?

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  2. Ha ha Haaaalt!!!
    DU schreibst ein Fachbuch. DU hälst dich brav an die Fakten. Rumspinnen in deinem Themenbereich is nich...

    Außerdem ist Herumspinnen ziemlich ungesund, ich breche gerade fast zusammen vor Vorfreude, während ich mich für das Highlight aufbretzle. Und werde wahrscheinlich auf der Fahrt dahin verschmachten, bevor ich verdampfe...

    Ich glaube, wenn du dein Buch so unterhaltsam schreibst wie deine kürzeren Texte, kann nicht mehr viel schiefgehen.

    Toitoitoi wünscht Petra

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