Babylon auf Kyrillisch

Wer Fremdsprachen gelernt hat, kennt das: Woanders werden Wörter manchmal anders ausgesprochen als geschrieben. Und manchmal werden Laute, die man gleich sprechen könnte, in unterschiedlichen fremden Alphabeten geschrieben. Man muss also entweder die Aussprache oder das Alphabet oder beides lernen.

Mit Eigennamen sollte es einfacher sein, könnte man meinen. Eine "Petra" wird im griechischen Alphabet z.B. mit genau den gleichen Vokalen und Konsonanten buchstabiert, nur ein klein wenig anders gefärbt gesprochen. Und auch wenn sie in kyrillischen Buchstaben leicht zur Lachnummer mit der Petersilie wird, lässt sie sich Buchstabe für Buchstabe übertragen. Es könnte alles so einfach sein. Aber wie ist das eigentlich umgekehrt? Ganz ehrlich: Es ist zum Fluchen. Es ist so sehr zum Fluchen, dass ich das schon dreisprachig mache.

Achtung, jetzt wird es kompliziert: Es gibt Sprachen, die übertragen Eigennamen möglichst genau nach Lauten, andere passen Namen an die eigene Sprache an. Deshalb steht auf Briefen aus dem Ausland nicht unbedingt "München", sondern auch mal "Munich", deshalb schreibe ich auf Umschläge immer beides: Vienne oder Wien. Bis hierher ist auch das noch zu packen, man muss eben die Namen in Fremdsprachen oft wie Vokabeln lernen.

Wie aufwändig das trotzdem manchmal wird, wenn Suchmaschinen nach Buchstaben und nicht nach Gehör funktionieren, erlebe ich bei der Recherche zu den Ballets Russes ständig. Die Eigenamen sind meist russisch - und immerhin kann ich Google Russland mit den Originalen beglücken - wenn ich auch die Übertragung mühsam dank falscher Tastatur "tricksen" muss. Aber es nützt mir wenig, meine Sprachkenntnisse reichen nicht für die meisten Unterlagen. Und weil die Deutschen erschreckend wenig Material zum Thema bieten, heißt es ausweichen: Französisch und Englisch sind die Sprachen, in denen das meiste Material vorliegt. Wie dumm nur, dass beide Länder kyrillisch Geschriebenes anders umsetzen!

Es geht dann manchmal recht schnell, man muss nur alles dreifach suchen. Den Strawinski und den Strawinsky mit dem Stravinsky, oder: Diaghilev - Diagilew - Diaghileff (letzteres die Originalschreibweise seiner eigenen Unterschrift). Manchmal funkt Google dazwischen und will einem weismachen, man habe sich vertippt, dann muss man beharren: Nein, ich will wirklich nur englische Seiten, obwohl mein Computer in Frankreich sitzt und ich auf Deutsch schreibe. So doof sind Suchmaschinen nun mal. Irgendwann hatte ich dann also jede Person dreifach nachgeschlagen und war zufrieden. Es hätte alles so schön sein können.

Nun gibt es aber ein Land auf dieser Erde, dem reicht die komplizierte Umsetzung aus fremden Alphabeten noch nicht. Dieses Land hat es nicht nur geschafft, die eigenen Bewohner durch diverse Rechtschreibreformen zu verwirrren, es bedient sich außerdem zwei verschiedener Umschriftsysteme fürs Russische. Manch einer hat vielleicht schon gestaunt, warum sich der Herr Tschechow, dem man in anderen Sprachen lediglich ein "s" stiehlt oder mal ein "v" gibt, auf seinen eigenen Werken manchmal als völlig Fremder erscheint. Dann schreibt man ihn nämlich wie Cevapcici, wobei die meisten Systeme, wie dieses Blog, das "c" mit dem umgekehrten Dächlein für die Würstchen gar nicht erst anbieten. Einen ähnlichen Spaß bereitet es, mit Westtastatur den Herrn Cevapcici-Tschechow in einer Suchmaschine eingeben zu wollen.

Aber diese "phonetische" Umschrift gilt in deutschen Landen als besonders wissenschaftlich und darum auch als besonders literarisch - selbst wenn sie von weiten Kreisen der lesenden Bevölkerung ignoriert wird. Kaum einer würde sich wohl ein Buch kaufen, in dem es um einen unbekannten Herrn namens Puskin geht, der ebenfalls dieses Cevapcici-Dächelchen trägt, diesmal auf dem "s". Und kaum einer, der bewusst diese verquer wirkende Neuschreibung kauft, wird den tatsächlich dort stehenden Zischlaut des Originals mit korrekter Zungenstellung in der Mundhöhle bilden können oder wollen. Dabei könnte man den Herrn Puschkin so schön in die Suchmaschine eingeben und würde sogar auf Mr. Pushkin kommen. Ich will jetzt gar nicht davon reden, dass auch die Rückübertragung ins Russische zumindest mir unmöglich wird. Als ich das kyrillische Alphabet lernte, gab es noch keine Cevapcicis hinter dem Eisernen Vorhang.

Na, wer hat bis hierher folgen können? Diejenigen ahnen vielleicht, dass das alles noch gar nichts ist. Dass es noch viel schlimmer kommen kann. Und bis eben habe auch ich noch nicht geahnt, welche babylonische Zungenverrenkung entstehen kann in dieser herrlich mehrsprachigen Welt, in der eine Suchmaschine angeblich alle Sprachen spricht.

Da übersetze ich gerade einen Text vom Französischen ins Deutsche, in dem ein Spanier und eine Russin... Ganz genau, bei so viel Weltenbürgertum hört der Spaß auf. Der Spanier war zum Glück so richtig berühmt mit einem Nachnamen, sonst hätte ich ihn nicht identifizieren können. Denn mein Autor macht etwas, was selbst Franzosen nicht immer so deftig tun: Es übersetzt jeden einzelnen Vornamen ins Französische. Und da wird aus einem Juan zwar noch ein erkennbarer Jean, aber an mancher Stelle sollte man fast Spanisch können. Zum Glück hilft Wikipedia weiter, sie hat nur einen Fehler: Sie macht andere Namensfehler als mein Autor. Kurzum: Ich habe den Kerl identifiziert. Ich musste die korrekten Namen dann gegen Wikipedia recherchieren. Und darf ihn im deutschen Text mit seinen echten spanischen Namen nennen, unter denen ihn die ganze Welt kennt.

Jetzt hat mein Autor aber auch die Russin "verfranzösisiert", obwohl genau diese Russin eigentlich in Frankreich ganz normal umgeschrieben wird. Kein Problem, die Übersetzerin kann ja zum Glück laut lesen und hinhören ... ach, das müsste doch ungefähr so und so heißen... Eine Gegenprüfung bei Google Russland fördert den Originalnamen zutage, daraus wiederum findet die Übersetzerin die Schreibformen in anderen Sprachen.

Nur nicht auf Deutsch. Kaum jemand scheint sich in diesem Land für diese Frau interessiert zu haben. Google spuckt allerhand Schreibfehler aus: Die einen benutzen die englische Schreibweise, die anderen eine originalere französische, als die, welche mein Autor pflegt. Langsam, es wird noch schlimmer! Wir hatten ja im Deutschen diese beiden Schreibformen, bei denen es um die Wurst geht!
Ich will jetzt wirklich nicht ins Detail gehen, aber der Laut, den die eine Schreibweise zeigt, knackt anders als das Original. Und die ältere wäre eigentlich die neuere und ... Ba-by-lon!

Eines wenigstens hat die deutsche Doppelschreibweise von russischen Eigennamen gebracht: Man muss sich als Autor oder Übersetzer eigens im Buch für die Wahl einer bestimmten Schreibweise verteidigen und trotzdem all die Verwirrungen prüfen, bevor man sich dann strikt entscheidet (und der Verlag muss da auch noch mitmachen). Und bis man es so weit korrekt aufs Papier gebracht hat, darf man wie ich in wildem Sprachwirrwarr richtig laut fluchen.
Eins ist klar: Ich will meinen Tschechov wiederhaben, und zwar so lange, bis die Sprecher von Tschechow und die Sprecher von Čechov mir beweisen, dass ihre unterschiedliche Schreibweise zur perfekten Aussprache von Чехов führt! Und mit folgendem Herrn machen wir jetzt mal einen kleinen Zischlautwettbewerb, aber ich will die Nuancen genau hören: Puschkin - Puškin - Пу́шкин

So. Jetzt ist mir wohler. Auch wenn ich mich damit in der Zunft der Übersetzer vielleicht unmöglich gemacht habe. Aber die wissenschaftliche Umschrift erschwert es bei unbekannteren Namen einfach ungemein, internationale Recherchen anzustellen. Vor allem dann, wenn ein französischer Autor auch noch seine eigene Umschrift erfindet und die Übersetzerin mit der Doppelwahl der eigenen Sprache schlau werden muss, wen er wohl gemeint haben mag.
Es wird Zeit, dass Suchmaschinen hören lernen*.

Und was haben wir daraus gelernt? Eine Übersetzung vom Französischen ins Deutsche ist nicht immer nur eine zweisprachige Angelegenheit.

*Einige können das bereits, vor allem bei Genalogierecherchen. Leider sind sie zu speziell für Grundrecherchen dieser Art.

Kommentare:

  1. Muah! Schweig stille von dieser "wissenschaftlichen" Umschrift!
    Als ich die Cevapcici-Schreibweise (feine Worterfindung von dir) zum erstenmal sah, glaubte ich, es sei irgendein elitärer Firlefanz.
    (Ist es ja eigentlich auch)

    Deine Leiden kann ich bestens nachfühlen. Ich hab mich mal mit Marie Bashkirtseff herumgeschlagen - und weiß bis heute nicht, wie man den Namen wohl nun richtig schreibt.
    Eigentlich müßte sie ja ohnehin Baschkirzewa heißen - und wieso schreibt man im Deutschen den sch-Laut, für den wir ja eine altbewährte Buchstabenkombination haben, affigerweise mit der angelsächsischen sh-Kombination? Während die Franzosen selbstbewußt Baschkirtseff schreiben - mit sch. Und warum dieses pistolenschußharte Doppel-Eff am Schluß? Im Russischen ist das, wenn ich mich richtig erinnere, gar kein so "gepeitschter" Laut...
    Ach ja, elend ist des Übersetzers Leben.

    Dreifach gedonnerte Flüche und toi toi toi!
    Jan

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  2. Hach, Jan, tut das gut, von einem Kollegen zu hören, dass man nicht allein ist!

    Gestern war so eine Situation, in der ich anfing, an mir zu zweifeln, und glaubte, ich allein stellte mich wie der kleine Depp an. (Zumal die Cevapcici in Verlagen wie Suhrkamp oder C.H. Beck gang und gäbe sind). Aber dann platzt mein Sprachgefühl und ich kann mich mit einigen "Reformen" einfach nicht abfinden, weil sie linguistisch unlogisch scheinen (und synästhetisch richtig schmerzen können).

    Die Marie - die war ja auch mal in Baden-Baden... Und du schreibst sie in allen Sprachen richtig. Ich vermute, die angelsächsische Zischvariante hat sich zuerst durchgesetzt, weil sie vor Paris international viel gereist ist und weil ihre Tagebücher nach der Originalfassung zuerst ins Englische gingen? Vaslav Nijinsky ist auch so ein Fall, er schrieb sich ja polnisch Niezynski, mit Akzenten auf z und n - und bei seiner Schwester, die eine Nijinsk*a* ist, muss man auch ständig nach einer Nijinsky suchen. Oder Valery Gergiev, der pfeift auf Umschriftreformen und Regeln, will ein internationaler Star sein und schreibt sich also "angelsächsisch".

    Das "-eff" (Diaghilew unterschrieb Autogramme mit "Serge de Diaghileff") erkläre ich mir so (ohne es genau zu wissen):

    "-ova" spricht sich für einen Franzosen richtig. Steht aber das "v" am Ende, kommt im Französischen überhaupt keine Luft aus den Lippen, das wäre ein fast stummer Laut. Beim fremden -eff" dagegen ist man näher am russischen Laut. Kommt das dazu:

    Zur Zeit der Avantgarde hatte Paris (Frankreich überhaupt) ja so etwas wie eine russische Exklave und viele Emigranten wechselten die Staatsbürgerschaft. Nun gibt es hier wie in den USA ein Gesetz, dass man mit dem Nationalitätenwechsel auch seinen Namen einmalig einbürgern kann. Also entweder klanglich anpassen oder ganz auf Französisch bringen. Deshalb verbergen sich hinter vielen französisch aussehenden Künstlernamen Russen oder ist nur die französische Schreibweise gebräuchlich.

    Soll ich's nochmal kompliziert machen? ;-)
    In Sowjetzeiten gingen den Ballets Russes langsam die Tänzer aus. Deshalb wurden dann auch andere Nationalitäten aufgenommen, vorausgesetzt, sie legten sich einen russischen Namen zu. Der Schwindel war dann hinfällig, als man in den USA die erste schwarze Ballerina engagierte.

    Und noch ein Bonbon...
    In meinem Buch kommt eine gewisse berühmte, berüchtigte und schöne Natas(c)ha Rambova vor. Inbegriff der russischen orientalischen Mode in den 1920ern. Hin und weg von Nijinsky. Tja, das Mädel kam in Salt Lake City bei irischen Auswanderern zur Welt und hieß in Wirklichkeit klangfröhlich Winifred Hudnut!

    Danke fürs Mitfluchen - bei meinem Namedropper werde ich dein Toitoitoi noch kräftig brauchen (und mir tut jetzt schon der Lektor leid, der das alles noch einmal überprüfen muss).

    Hitzgrüße,
    Petra

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  3. Mir ist jetzt noch ganz schwindelig. Welche mühsamen Wege gilt es für dich zu bestreiten. Ich wusste gar nicht, bis auf die russischen, dass Namen so vielfältig sein können. Oh weh! Nicht, dass ich vorher schon Respekt vor Übersetzerinnen und Übersetzern hatte... Nun steigt er aber ins Unermässliche.

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

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  4. Nanana, nur nicht übertreiben mit dem Respekt. Solche Sachen sind zwar manchmal nervig, vor allem bei dem Zeitdruck in diesem Beruf. Aber im Grunde macht das Knobeln auch Spaß und ist eine Herausforderung - wahrscheinlich so, wie andere Leute stundenlang ein Schachbrett anmeditieren (das kann ich wiederum gar nicht).

    Und ich muss dazu sagen, dass mir in dem feinen Verlag, für den ich übersetze, schon vor dem Lektorat ein französischer Praktikant wunderbar hilfreich bei der Fachrecherche zur Hand geht.

    Ich selbst profitiere ungeheuer von solchen Knobeleien, man lernt eine Menge!

    Schöne Grüße,
    Petra

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  5. Jetzt erlebe ich die Steigerung: Eine gewisse Olga Koklowa (Ольга Хохлова) haucht sich wirklich im Rachen: Chochlowa. Aber die meisten Menschen kennen sie unter dem falsch geschriebenen Namen mit "k", weil die meisten Texte, die sie lesen, englisch sind. Konfrontiert man nun die Leser mit dem korrekten Namen, auf die Gefahr hin, dass sie die Frau nicht wiedererkennen?

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