Ent-Täuschungen

Manchmal hat man den Eindruck, bei der Vernetzung von Blogs entstünden Straßen mit Nachbarn. Da kann man sich dann auch von Balkon zu Balkon etwas zurufen und die zufälligen Passanten auf bunte Häuser aufmerksam machen, die sie noch nicht kennen. Eins davon ist das "Schreibteufelchen", wo "Rabenblut" gerade kommentiert:
"Ich finde es erschreckend, dass veröffentlichte Autoren so desillusioniert sind."
Dieses Erschrecken passt ein wenig auf eine Entgegnung aus einem anderen bunten Haus zu meinem Arbeitspensum bei "Heinrichs Blog", das sei "worcaholic".

Wie ist das denn nun mit den veröffentlichten Autoren?

Ich kann natürlich nicht für andere sprechen, aber ich denke, es passieren im Lauf der Jahre zwei Dinge:
1. Jede Arbeit, auch eine Berufung, entwickelt irgendwann Routinen und fühlt sich nicht immer toll an. Davon weiß der Pfarrer ein Lied zu singen, wenn er abends noch ein Trauergespräch unterbringen muss; so geht es dem Metzger bei der 1001. Blutwurst; das fühlt ein Lehrer, wenn er an einem schlechten Tag vor der Rasselbande steht. Warum soll es Schriftstellern anders ergehen? Schriftsteller sind Menschen, die mit Menschen zu tun haben - ergo auch mit jeder Menge Bockmist, rasender Dummheit und sonstigen Widrigkeiten des Lebens. Und dazu stehen sie ständig unter ungeheurem Druck: dem eigenen Erwartungsdruck und dem der anderen. Herumschrauben kann man nur an ersterem.

2. Wie in allen Bereichen des Lebens verliert auch ein Schriftsteller irgendwann seine Unschuld. Er wird erwachsen, verliert naive Vorstellungen. Und weil es sich um eines der härtesten Geschäfte überhaupt handelt - so wie alle Künste - geschehen einem auch ziemlich bald die ersten Katastrophen, bei denen es sich schnell erweist, wer das Zeug zum Durchhalten hat und wer nicht. Darwinismus im Haifischbecken - das ist Schriftstellerei. So geht es aber auch der Tänzerin, die Ballerina werden möchte; dem Klavierspieler, der Solopianist werden möchte; dem Maler, der entdeckt werden möchte. So geht es aber auch dem Metzger, der mit seinem Blutwurstrezept eine Firma aufbauen will. Man gibt sich ganz, oder man geht unter.

Ich finde, genau dafür ist das, was nach außen als "Desillusion" erscheinen mag, sehr gesund! Sicher, man kann sich mit zu viel Zweifeln natürlich zerstören. Aber Enttäuschung ist immer auch eine "Ent-Täuschung" - und wer sich nicht selbst täuscht, hat das Zeug dazu, mit den Beinen auf dem Boden zu bleiben und die eigenen Schwächen und Stärken genauer einschätzen zu können. Also noch professioneller zu werden. Die meisten Anfänger scheitern daran, dass sie von der dauerhaften Selbstüberschätzung nicht mehr herunterkommen (wollen).

Nun geschieht durch die wachsende Zahl von veröffentlichten Autoren im Internet, durch Foren und Blogs zum Thema, jedoch etwas, was es zu meinen Anfängerzeiten nicht gab: Wir erleben sozusagen in Echtzeit die Enttäuschungen der Autoren mit. Manche gehen sogar so weit, Anfängern zu raten, immer brav vernünftig alles ordentlich nach den Erfahrungen der Veröffentlichten zu machen. Ein ganzes Genre von Ratgeberliteratur wird zur Gelddruckmaschine, weil die noch nicht Veröffentlichten glauben, der Erfolg komme mit dem Vermeiden von Fehlern und dem Befolgen von Regeln. Ich halte davon gar nichts.

Im Gegenteil, ich rate jedem, der es sich noch leisten kann (weil vertraglich ungebunden), sich schreiberisch zunächst so viel Wahnsinn, Unvernunft, Blödsinn, Fehler und Scheitern zu gönnen wie nur möglich. Sich alle Zeit der Welt zu nehmen, allen Spaß, den das Schreiben machen kann, jede Freiheit. Diese wunderbare Zeit der "Kindheit" und Unschuld wird nie wiederkehren. Aber sie ist die Zeit der Lehre, des Experimentierens, des Findens der eigenen Stimme und Themen. Die meisten "Braven" schneiden sich viel zu früh von diesen inneren Quellen ab und müssen sich dann eines Tages, mitten im Getriebe von Arbeitsanforderungen und Öffentlichkeit, mühsam selbst wieder finden. Und das tut weh und gelingt nicht immer, weil es dann vielleicht auch gegen äußere Widerstände läuft.

Es mag ein Adel für die eigene Arbeit sein, wenn auf einem gedruckten Buch ein Verlagsname steht - aber dieses Vergnügen ist ein zweischneidiges, wenn man bedenkt, dass das gleiche Buch, vielleicht unbeworben auf den Markt geworfen, schon drei Monate später verramscht werden kann. Veröffentlicht zu werden ist ein zweifelhaftes Vergnügen - veröffentlicht zu bleiben die eigentliche Herausforderung. Aber ist das ein Ziel, das Ziel?

Diese Freiheit im Kopf erlange ich nur, wenn ich mir sagen kann: Ich muss nicht veröffentlicht werden. Ich muss keinen Vertrag unterschreiben. Aber ich muss dieses Buch schreiben, koste es, was es wolle. Ich kann gar nicht anders. Es muss einfach aus mir heraus. - Und seltsames Wunder: Solche Projekte, sofern sie dann auch wirklich gut geschrieben sind, finden auch meist irgendwann einen Verlag.

Ich möchte den teilweise größenwahnsinnigen Blödsinn in meiner Autorenlaufbahn nicht missen. Natürlich habe auch ich geglaubt, man müsse sich beim größten Giganten zuerst bewerben und der warte nur auf den absoluten Bestseller der Nation. Auch ich habe also einen freundlichen Formbrief von Random House in meiner Sammlung, für ein absolut peinliches Manuskript, in dem es um Drachen und Reisen an "Drachenorte" ging. Hätten mir damals ältere Kollegen bereits Vernunft und Regeln angeraten, wäre mein erstes Buch nie entstanden, denn so ein Drache krauchte auch auf dem Odilienberg herum. Nach dem Größenwahnsinn setzte das Denken ein - die Desillusion: Ich hatte begriffen, warum RH der falsche Verlag war und meine Idee Überarbeitung brauchte.

Hätte ich danach nicht absolut größenwahnsinnig daran geglaubt, dass die Menschheit nur auf dieses Buch warte und mein Lieblingsverlag auch, hätte ich mich nie dreimal hintereinander bei eben diesem Verlag beworben (das tut "man" nicht). Wäre ich nicht desillusioniert worden, hätte ich nicht die ungefähr 750 Seiten umgearbeitet in logischere, etwa 190 neue Seiten. Und hätte nicht bei eben diesem Wunschverlag den Vertrag unterzeichnen können.

Meine naive Selbstüberschätzung, mein lustig vorpreschender Glaube an die Buchwelt haben mir die Kraft und Energie gegeben, scheinbar Unmögliches wahr zu machen. Nur durch Unvernunft und gegen alle Regeln habe ich es geschafft, gegen die Spötteleien meiner Umwelt diesen Riesenklops Begeisterung nach und nach in ein lesbares Manuskript umzuarbeiten. Weil ich durch Unfälle und Scheitern, durch die Desillusion, gelernt habe, worauf es ankam.

Natürlich bin auch ich immer wieder harsch enttäuscht worden. Ich habe z.B. gelernt, dass Verlage schneller untergehen können als mancher Autor. Ich kämpfe gegen Routinen, muss harte Arbeitsbedingungen überleben und mache mir über manches, was man nicht laut erzählen kann, mit Kollegen in schwärzesten Sarkasmen Luft. (Und ich weiß, dass Verlagsmitarbeiter mindestens genauso Abstruses mit Autoren erleben). So desillusioniert manches in einem Blog klingen mag, wo man aus der Laune heraus berichtet, so begeistert kann man trotzdem Illusionen nachjagen. Die Kunst ist wohl, sie in die Realität zu holen?

Ich werde bald wieder an einem Buch schreiben, von dem ich glaube, dass die Welt darauf gewartet hat... Ich werde wieder daran glauben, dass ich mein Bestes gebe. Es wird mir piepegal sein, ob ein Verlag danach greift, weil ich es schreiben muss, so nötig, wie ich atme. Aus dem gleichen Grund weiß ich im Innern, dass es veröffentlicht werden wird. Aber eben nur, wenn ich es schaffe, wenn ich gut genug bin. Nur, wenn es mir gelingt, diese Begeisterung zu übertragen. Dazu brauche ich die eigene Begeisterung, dazu muss ich spinnert sein dürfen - selbst bei Sachbüchern. Denn wenn das Manuskript nichts taugt, dann war's das.

Vielleicht ist es das, was einem beim Verlust der Unschuld passiert: Der Verlag selbst ist nicht mehr das eigentliche Ziel, sondern ein "Kompetenzzentrum" für die technische Umsetzung, ein Geschäftspartner. Ein Solopianist braucht einen Konzertbetrieb um sich herum, ein Maler Galeristen.
Das eigentliche Ziel muss viel tiefer liegen, wenn man durchhalten will - und es ist bei jedem Autor wohl ein anderes, fern allen Marktgeschehens, fern aller Ratschläge. Es darf sogar durchaus verrückt klingen. Nur verrückt machen darf ich mich nicht lassen.

Kommentare:

  1. Ein sehr tröstlicher Artikel. Ja, ich danke ganz herzlich für diese Entdeckung des Positiven! Man muss nicht gleich in der Bundesliga spielen wollen, weil man gerne kickt. Und man muss auch nicht vom Literatur-Nobelpreis träumen, nur weil man gerne schreibt. Aber ich denke auch an Ihr "Think big!"
    Ich muss einfach dieses Buch schreiben? Ja, genau so sollte es sich anfühlen! Eine Geschichte soll mich drängen, mich verzweifeln und wieder jubeln lassen, mich zum Träumen und zum Staunen bringen. Danke.
    Liebe Grüße,
    Nikola

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  2. Liebe Petra,

    eine der seltenen Gelegenheiten, dass ich Ihnen widersprechen kann:

    Dieses Erschrecken passt ein wenig auf eine Entgegnung aus einem anderen bunten Haus zu meinem Arbeitspensum bei "Heinrichs Blog", das sei "worcaholic".

    Ich habe nicht gesagt, dass Sie ein Workaholic sind. Ich habe lediglich Ihrer Frage noch eine dritte Antwortmöglichkeit hinzugefügt. Wenn Sie fragen, ob das von Ihnen Beschriebene Sturheit oder Disziplin ist, kann ich das nicht beurteilen. Sie hätten auch fragen können: Sturheit, Disziplin oder Arbeitswut? Auch dann würde ich mir nicht anmaßen, eine Auswahl zu treffen. (Nur wenn in den vorgegeben Antworten auch "Professionalität" vorgekommen wäre, hätte ich das bedenkenlos angekreuzt!

    Gruß Heinrich

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  3. Ah, lieber Heinrich, nun klärt sich das Rätsel (hatte unten leider schon kommentiert, bevor ich das hier las)! Das liegt wohl an meiner dämlichen Überschrift, die gar nicht als Frage gedacht war, sondern sagen wollte, man braucht eigentlich beides. Worcaholism braucht man im Gegenteil dazu nicht, weil man solche Jobs nur schafft, wenn man ein gutes inneres "Energiemanagement" hat.

    Und natürlich - das hat Christa in ihrem Blog schon öfter beschrieben - können Freiberufler recht leicht in den Burn Out geraten. Da nimmt nur keiner Rücksicht, da muss man selbst auf sich Rücksicht nehmen...

    Nehmen Sie das Missverständnis bitte nicht krumm, den Vorwurf, ich sei ein Worcaholic, bekomme ich nämlich öfter. Vornehmlich von Leuten, die nach einem gemütlichen Tag um 16 Uhr die Bürotür hinter sich zuschlagen ;-)

    Schöne Grüße,
    Petra

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  4. Nikola,
    das freut mich, wenn's aufbaut - dafür war es gedacht (ich wollte mal etwas Ähnliches bei "Rabenblut" kommentieren, aber die Programmierung mag mich nicht. ;-))

    Klar, "Think big" hilft schon, man muss sich ja irgendwie fordern. Ich habe nur die Erfahrung gemacht, dass man von allzu abgehobenen Träumen schnell frustriert wird, weil das ja unmöglich klappen kann (Beispiel: Nobelpreis). Manchmal träumt man auch einfach das Grundverkehrte und steht sich damit selbst im Weg (Beispiel: Traum vom Publikumsverlag, wenn man viel besser in einen Independent passen würde).

    Ist nicht ganz einfach, so zu träumen, dass es nicht zu Dauerfrustrationen führt ;-)
    Ich mach das bei einem neuen Projekt so, dass ich mein Können in bester Tagesform als Maßstab nehme und da noch eine richtige Herausforderung draufsetze, die ich eigentlich nicht beherrsche, aber im Lauf des Projekts lernen kann, wenn ich mich tüchtig anstrenge. Und dann träume ich mir noch etwas Verrücktes, Schönes dazu, wo ich nicht traurig wäre, wenn es nicht klappte.

    Bei meinem Rosenbuch war das der Ehrgeiz, in der recht geschlossenen Gesellschaft von Baden-Baden eine Lesung im Rosengarten zu bekommen. Zwei Jahre habe ich daran gearbeitet, engagiert zu werden. Ein Unwetter machte mir dann einen Strich durch die Rechnung, vom Rosengarten wurde die Lesung in die Schriftstellervilla verlegt, aber auch das war unvergleichlich.

    Schöne Grüße,
    Petra

    PS: Übrigens darf man mich im Internet auch duzen, ich sieze meist Leute, die das wollen, ganz Fremde oder welche aus der Branche etc.

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  5. Liebe Petra (ich nehme das Duz-Angebot jetzt einfach mal an, auch wenn es an jemanden anderes gerichtet war), vielen Dank für die immer wieder notwendige Entmythisierung des Veröffentlichtwerdens. Als "Unveröffentlichter" kämpft man allerdings ständig um die Anerkennung als Autor, selbst wenn man wie ich schon seit Jahren vom Schreiben lebt. Immerhin habe ich es geschafft, in die Künstlersozialkasse aufgenommen zu werden. Damit bin ich offiziell und mit Brief und Siegel "Autor und Schriftsteller. Ganz ohne Verlagspublikation. Trotzdem: Wer kein Buch mit Verlagslogo auf den Tisch legen kann, ist nach Meinung der Mehrheit eben doch kein "richtiger" Autor und auf gar keinen Fall ein Schriftsteller. Er ist ein Lohnschreiber! Kling wie ein Schimpfwort und soll es auch sein. Letztendlich könnte mir das egal sein, denn jede meiner Biografien findet aufmerksame Leser - wahrscheinlich manchmal sogar mehr als so manche lieblos gemachte und unbeworben Verlagsveröffentlichung. Und mein Verdienst liegt auch über den Hungerhonoraren, die Verlage den Autoren zubilligen.
    Gleichwohl haben die meisten Kolleginnen und Kollegen, die oft sehr erfolgreich in den verschiedenen Nischen des Literaturbetriebes arbeiten, ein Manuskript in der Tasche, mit dem sie bei Verlagen hausieren. Quasi als Marketingmaßnahme und um endlich nicht immer mühsam erklären zu müssen, warum man sich zu Recht Autor nennt.

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  6. Lieber Matthias,
    hat die Allgemeinheit immer recht? ;-)

    Grundsätzlich ist die Berufsbezeichnung "Autor" in Deutschland nicht geschützt, so kann sich jeder nennen, der Texte "urhebt", ob er die auf Klopapier pinselt, in die Schweinzüchterzeitung schreibt oder sonst etwas anstellt.
    Über den "Schriftsteller" kann man streiten - ich persönlich ordne den eher der Belletristik zu.

    Und genau wegen des ungeschützten Berufsbegriffs nennen sich dann auch die schwärzesten Schafe so, die Möchtegerns in den Zuschussverlagen am lautesten und Leute, die nicht einmal einen Satz geradeaus schreiben können. Ich fürchte, genau das führt dann dazu, dass die Allgemeinheit irgendeine Art "Qualitätssiegel" sucht, eine Art "Lizenz zum Schreiben". Ergo die seriösen Verlage.

    Und diese Unterscheidung wird dann unsauber, denn gerade bei den Verlagen gibt es ja ebenfalls Lohn- und Auftragsschreiber. Ich habe das mit den Geschenkbüchern unter dem Pseudonym Viola Beer auch gemacht - da werden Titel bestellt, zu dem und dem Thema. Bin ich als Viola ein schlechterer Mensch?

    In Frankreich ist das wieder anders: Dort bin ich behördlich geprüfte "auteur-artiste", was mir einen Sonderstatus zubilligt, den ich beweisen muss - und der mir z.B. das Texten in nichtkünstlerischen Bereichen, etwa in einer Werbeagentur, nicht so einfach erlaubt. Und nur der "auteur-artiste" darf sich "écrivain", Schriftsteller nennen, nicht aber der andere "auteur". Also fragt einen kaum jemand, ob man wirklich Autor ist, sondern eher, was man denn so schreibe.

    Aber würde sich einer, der hobbymäßig auf der Blockflöte tutet, ernsthaft Musiker nennen? Würde sich eine, die abends aus Spaß ein paar Farben auf Papier kleckst, weil sie zum Wandern keine Lust hat, Malerin nennen?

    Solange man sich so über einen Begriff streiten kann, sollte man ihn als Urteil oder Verurteilung von außen auch nicht ganz ernstnehmen, oder? Ein ernsthafter, professionell arbeitender Biograf, so vermute ich mal, ist ja wahrscheinlich noch weit mehr als nur Autor, weil er sich auch mit der Produktion auskennen muss?

    Ich schäme mich sogar manchmal für die Berufsbezeichnung, weil sie in manchen Kreisen sogar Synonym für Dreck sein kann. Ach, keinen ordentlichen Beruf geschafft!

    Ich denke, das Bild des Autors wird sich in Zukunft wandeln, weil sich die herkömmlichen Veröffentlichungswege wandeln - wobei auch da die Qualität über die Verkäufe entscheiden wird.

    Ich würde jedoch nie jemandem raten, nur als Vorgabe mit Manuskripten hausieren zu gehen, wenn diese nicht wirklich zum Veröffentlichen geeignet sind. Das spricht sich in der Branche, die ein Dorf ist, nämlich ganz schnell herum! Irgendwann, wenn's mit dem Veröffentlichen in Verlagen gar nicht klappt, sollte man auch ehrlich zu sich selbst sein und sich und anderen nichts vormachen.

    Übrigens verdienen sich sehr viele etablierte Schriftsteller ihr Geld nebenher als "Lohnschreiber" - ich bin auch so eine. Mit drei ungeschützten Berufsbezeichnungen, für die man sich heutzutage schämen muss ;-)

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  7. Diese verwischten Berufsbezeichnungen haben sicher auch damit zu tun, dass Schriftsteller eigentlich Quereinsteiger sind. Im Gegensatz zu anderen Ländern, werden deutsche Autoren schlicht von der Muse geküsst und nicht ausgebildet. Andererseits kokettieren auch manche Erfolgsautoren damit, nur "Schreiberlinge" zu sein. Das finde ich ungerecht, denn gerade hatte ich beschlossen, diese Bezeichnung für mich zu verwenden.;-)
    Liebe Grüße,
    Nikola

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  8. Stimmt sicher, Nikola. Aber den Journalisten z.B. gibt's auch in Deutschland als Ausbildung, sogar auf drei verschiedenen Wegen (Volontariat, Journalistenschule oder Studium) - und trotzdem darf sich auch die Hausfrau so nennen, die ihr Taschengeld mit einem Beitrag aus dem Gesangverein aufbessert und den freien Berufsjournalisten die Honorare kaputt macht. (Nichts gegen Hausfrauen, ist nur ein sehr typisches, weil häufig vorkommendes Beispiel). Da liegt einiges im Argen...

    Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, sage ich meist nur, ich schreibe. Und wenn mich jemand, der kein Kunde ist, fragt, was meine Qualifikationen seien, sage ich gern: "Ich hab nichts anderes gelernt." ;-)

    Schöne Grüße,
    Petra

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  9. Liebe Petra,
    wenn Sie den Vorwurf, ein Workaholic zu sein häufiger bekommen, meinen diese Menschen sicher den umgangssprachlichen Begriff und nicht, dass Sie krank sind!

    Wikipedia: Im täglichen Gebrauch verwendet man das Wort Workaholic oft für Menschen, die zwar viel arbeiten, aber noch weit davon entfernt sind, das Verhalten eines Süchtigen aufzuweisen. Richtige Workaholics sind krank.

    Aber auch ich lerne durch solche Missverständnisse, Titelzeilen nicht kommentarlos zu ergänzen. ;)

    Gruß Heinrich

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  10. "Im Gegenteil, ich rate jedem, der es sich noch leisten kann (weil vertraglich ungebunden), sich schreiberisch zunächst so viel Wahnsinn, Unvernunft, Blödsinn, Fehler und Scheitern zu gönnen wie nur möglich."

    Das sehe ich zwar auch so, aber es drängt sich mir die Frage auf: Woher weiß man dann, dass man den Zeitpunkt erreicht hat (im stillen Kämmerlein), einen guten Text produziert zu haben?

    Spielt nicht immer eine Selbstüberschätzung mit - was ich gar nicht negativ meine - vielleicht sollte man dann lieber sagen: eine gesunde Portion Selbsteinschätzung? Nur wie oder woran misst man dann die Selbsteinschätzung?

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  11. Lieber Heinrich,
    machen Sie sich bloß keinen Kopf um solche nebensächlichen Missverständnisse! Das passiert im schriftlichen Medium und ist nicht schlimm.

    Aber das Etikett "krank" bekommt man tatsächlich öfter - viele Menschen können nicht verstehen, dass man IMMER schreibt, auch wenn man nichts tut, dass man sozusagen schreibend die Welt erlebt. Einfaches Beispiel: Man geht ins Restaurant, genießt das Essen und den Abend, wirkt wie ein ganz normaler Mensch. Aber drei Monate später landet eine ganz typische Geste des Tischnachbarn in einem Roman.

    Schöne Grüße,
    Petra

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  12. Bonjour Madam,

    ich glaube, das muss man mit der Zeit lernen. Ich kann nur erzählen, wie das bei mir war, andere mögen anders funktionieren.

    Am Anfang, wenn man noch ganz allein ist, ist das wie beim Hausaufgaben machen. Man kann ungefähr sehen, ob man die "Aufgabe" bewältigt hat, ob man in Topform war oder gehuddelt hat. Dazu kommt der intensive Vergleich - viel lesen. Wie machen es die ganz Großen, wie würden die so einen Dialog aufbauen etc. Viel Analyse: Warum wirkt meine Figur so blass und die von Twain so lebendig, was mache ich falsch?

    Irgendwann braucht man aber Kritik von außen. Am wenigsten bringen Freunde und Bekannte, weil die es sich entweder nicht verderben wollen oder auch getrübten Blick haben. Ideal sind starke Leser oder Leute vom Fach. Viele suchen sich in Autorenforen "Testleser". Aber ganz wichtig: Das sollten Leute sein, die sich mit meiner Art Text beschäftigen. Wer historische Romane schreibt, sollte sich keine Testleser suchen, die sich damit nicht auskennen. Wer Literatur schreibt, geht an Testlesern aus der Unterhaltungsbranche zugrunde und umgekehrt.

    Ich habe mich einmal zeitweise mit Testlesern fast kaputt gemacht, weil die gar kein Verständnis für meine Art Sachbücher hatten. Hat lang gebraucht, bis ich merkte, woran es lag. Und: zu viele Köche verderben irgendwann den Brei.

    Wenn man dann glaubt, sein Bestes gegeben zu haben, muss einfach die Bewährung bei Fachleuten kommen, sprich, das Bewerben. Je erfahrener man wird, desto weniger braucht man Testleser.

    Ich habe am meisten gelernt von begründeten Absagen (nicht den Formbriefen), dem Agent, den Lektoren, harschen Kritiken, auch vom Scheitern. Und ich habe zwei, drei unerbittliche, harte Privatkritiker mit Adleraugen, die mir Saures geben, wenn ich es brauche. Und bei Lesungen kann ich austesten, was wie wirkt, natürlich unter Vorbehalt, weil das keine statistisch relevante Gruppe ist.

    Ach ja: Von positiver Kritik lerne ich gar nichts ;-) Die tut aber natürlich der Seele gut.

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  13. Noch ein Anekdötchen: Man sollte sich nicht einbilden, nur weil man einen schreibenden Beruf hat, Bücher verfassen zu können. Als ich mit Belletristik anfing, bekam ich aus einem Verlag ernsthaft gesagt: "Journalisten können keine Romane schreiben." Punkt.

    Ein Schauspieler hat mir dann mal gesagt: Die haben irgendwie recht. Dafür brauchst du eine ganz andere Denke. Und du musst dich wahrscheinlich nicht hinsetzen und schreiben, sondern dich erst freischwimmen.

    Was dieses Freischwimmen bedeutet, erahne ich erst heute langsam.

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  14. Dann mache ich ja nicht allzu viel verkehrt :-)

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