So viele Leben, so viele Grenzgänge

Ich bin erlöst. In dem zu übersetzenden Buch ist endlich der Erste Weltkrieg vorbei, keine militärischen Spezialwörter oder Waffenvokabeln sind mehr nachzuschlagen, es herrscht Frieden. In Trümmern dagegen liegt eine Art Vor-Europa, eine einst kosmopolitische Welt, in der es zumindest bei den Kunstschaffenden kaum Denkgrenzen gab zwischen dem äußersten Westen in Frankreich bis ins ferne Russland im Osten. Nie mehr hat sich die gemeinsame Kulturarbeit von diesem Wahnsinn erholt. Wir Generationen von heute können nur träumen vom goldenen Zeitalter einer europäischen Avantgarde, die so wild lebendig unerhört Neues schuf, weil sie ständig nationale, kulturelle und künstlerische Grenzen überschritt. Hundert Jahre später versuchen Politiker und Leiter von Kulturinstitutionen sich an einem französisch-russischen Kulturjahr, aber die Künste reißen schon lange nicht mehr die Massen mit, taugen kaum noch als bahnbrechende Aufreger.

Wir sind Gezeichnete. Dieser jüngeren Vergangenheit, die so entfernt scheint, können wir kaum entgehen. Friedlich wirkt auf uns zwar die kleine Welt im näheren Umkreis, in der wir unseren festen Platz gefunden zu haben scheinen. Doch wir bräuchten gar nicht die Exotik von Mittelalterromanen, um zu begreifen, aus welch gebrochenen Lebenslinien wir oft selbst stammen. Mitten in Europa ist kaum einer, was er scheint; haben die Vorfahren immer wieder Grenzen überschritten, Nationalitäten gewechselt: freiwillig, zufällig oder gezwungenermaßen.

Eigentlich bräuchten wir überhaupt keine Bücher, wenn wir nur zuhören könnten, was uns die Alten zu erzählen haben. Die Biografien von Menschen der letzten hundert Jahre sind mit das Spannendste, obwohl sie im Eigeninteresse oder aus Selbstschutz so gern verbogen und vergessen werden. Früher erzählten die Alten noch den Jungen. Früher gab es die Geschichtenerzähler in Familienclans, die die Geschichte lebendig hielten. Auch ich hatte solch eine Großtante, die als Einzige und der Sprachen kundig die Zweige aus den USA, dem Westen und dem Osten in Europa lebendig und zusammen hielt. Mit ihrem Tod trennten sich die Familien womöglich für immer. Und wenn man einmal wissen will, wie das einst mit dem und dem war, dann ist da keiner mehr, der sich erinnert - und man kann nur noch das Internet befragen, Geschichte recherchieren.

Das Weiterleben nach dem Tod geschah früher in den Erzählungen an langen Winterabenden vor dem Ofen. Solange jemand in solchen Geschichten eine Rolle spielte, war er nicht wirklich tot. Und die Nachfahren konnte sich selbst an den Erzählungen reiben oder spiegeln: Hätte ich es genauso gemacht? Wie hätte ich gehandelt? Was kann ich heute anders tun? Was will ich nie erleben müssen? Was kann ich daraus lernen? Was dürfen wir nie vergessen? Was für eine Zukunft erträume ich mir?

Mich faszinieren solche Menschengeschichten, Menschenleben. Vielleicht ist es dieses Bedürfnis, wenn Schriftsteller von sich sagen, sie wollten etwas Bleibendes schaffen, warum sie dann immer wieder von Menschen erzählen müssen. Einem Buch hört man auch ganz anders zu als der Oma von nebenan. Nicht jede Geschichte aber eignet sich für ein Buch, die der Verwandtschaft bis zum Überdruss bei jedem Familienfest immer und immer wieder erzählt wird. Da muss man schon ein Händchen haben, ein gutes Auge fürs Erzählbare. In meiner Bekanntschaft kannte ich auch so einen, dem die Kinder und Enkel genervt den Mund verboten, weil er alles tausend mal erzählte. Ich als Außenstehende war fasziniert von diesem reichen Leben voller Begegnungen mit Berühmtheiten, voller bedeutender geschichtlicher Ereignisse, für die niemand sonst Interesse zu haben schien. Niemand hat es festgehalten. Er starb - und mit ihm starb sein reiches Wissen.

Deshalb fasziniert mich der Beruf von Matthias Brömmelhaus, der vom normalen Buchmarkt kaum wahrgenommen wird: Er ist Biograf. Aber im Unterschied zu den marktgängigen und massentauglichen Biografien von Berühmtheiten und Promis kümmert er sich um die "ganz normalen" Leben. Er hat in seinem Blog "schreibtäter" wieder frische Bücher ausgepackt und ich kann ihm versichern, dass solche Geschichten wahrscheinlich um vieles haltbarer sind als mancher "ordentliche" Bestseller.

Nicht umsonst verzeichnen Genealogieportale und entsprechende Suchmaschinen im Internet Millionenzuläufe. Wer würde nicht gern die oft um viele Ecken laufende eigene Geschichte kennenlernen? Vor allem dann, wenn die Grenzgänger im Kopf auch noch immer wieder über die Landesgrenzen wechselten!
Meine Übersetzertätigkeit begann mit einem Theaterprojekt, das aus Interviews mit Betroffenen entstanden war, also aus dem Leben heraus. "Grenzen" beschäftigt sich mit den Erlebnissen und Gefühlen von Menschen, welche die wechselnden Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland im Elsass kennengelernt hatten, aber auch die eiserne Grenze zwischen BRD und DDR und die einst so exotisch wirkende Grenze zwischen Deutschland und Polen. Winzige Ausschnitte von Lebensgeschichten aus dem Alltag, die erhellende Schlaglichter auf unsere Geschichte, unsere Befindlichkeiten und Vorurteile werfen.

Vor kurzem habe ich durch Zufall in Nele Tablers Blog "karnele" eine solche Erinnerungsgeschichte entdeckt. Sie erzählt von den Grenzerfahrungen ihrer beiden Großmütter, die typischer kaum sein könnten für das Europa vor dem Ersten Weltkrieg - und den Folgen danach. Da treffen sich Osten und Westen und Links und Rechts vom Rhein in einer humorvoll-bodenständigen Art, bis der Krieg die Selbstverständlichkeiten zerstört, Freunde zu Feinden macht und Fremdes schafft; weil das, was man nicht kennt, einem verdächtig wird. Ich habe ihre Grenzschmuggeleien mit Schmunzeln und Freude gelesen. Und kann ihr berichten, dass die komischen "Kannibalen" in Petersburg neuerdings sogar über eine Ausweitung der Visafreiheit nachdenken, weil europäische Touristen gewohnt seien, einfach so mit ihren Papieren über die Grenzen zu wechseln.

Viel und hart wird noch an einer solch offenen Welt auf nationaler Ebene zu arbeiten sein. Fast noch härter scheint mir jedoch die innere Arbeit: bis die Grenzen in den Köpfen fallen, bis sich Menschen einfach als Menschen begegnen. Deshalb sind Lebensgeschichten so wichtig - vor allem, wenn man dadurch über die gegenseitigen Vorurteile und Klischees miteinander lachen kann. Über unsere Lebensgeschichten lernen wir uns näher kennen - und ist es nicht gerade das, was wir Fremden im Zug zuerst anvertrauen wollen?

Und deshalb war es auch gar nicht so schlimm, dass ich allerhand Granatsplitter aus Spezialwörterbüchern ziehen musste, denn gerade dieses zu übersetzende Buch zeigt, wie faszinierend, bunt und gegenseitig befruchtend das Leben werden kann, wenn Menschen zu Brücken-Köpfen werden - wie das einst Tomi Ungerer, der elsässische Kosmopolit und Künstler angeregt hat.

8 Kommentare:

  1. Wenn ich an einer Privatbiografie arbeite, frage ich mich häufig: Wie wird sie wohl in der Familie, im Freundeskreis aufgenommen werden? Der Rezeptionsgeschichte eines solchen Buches über die Generationen nachzuspüren - das wäre interessant und zugleich eine Herausforderung. Die aufmerksamsten Leser, das konnte ich inzwischen herausfinden, sind die Enkel. Während die Kinder die schon -zig Mal gehörten Geschichten des Vaters über Kriegs- und Aufbaujahre nicht mehr hören mögen, ist die nächste Generation fasziniert. In der Lebensgeschichte des Opas wird eine untergegangene Welt lebendig, mit der man selbst auf geheimnisvolle Weise doch noch verbunden ist. Menschen brauchen vor allem die Geschichten ihrer Großelterngeneration für die eigene Verortung. Deshalb ist es so wichtig, in Familien eine Erzähltradition aufrecht zu halten und die Geschichten nach Möglichkeit zu dokumentieren. Die Möglichkeiten dazu gibt es schon jetzt und in der Zukunft wird es noch viel leichter werden.

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  2. Stimmt, ich finde auch die Geschichte umso spannender, je weiter sie zurückgeht - weil man umso weniger weiß. Ich habe ein Foto, auf dem meine Ururgroßmutter, Urgroßmutter und Großmutter (letztere vielleicht knapp 3 Jahre alt) stehen, da bekomme ich jedesmal Gänsehaut, wenn mich die Generationen anblicken, die älteste Frau Anfang des 19. Jahrhunderts geboren! Wenn die alle erzählen könnten, denke ich dann.

    Es heißt ja, dass man mehr von der Großelterngeneration erbt als von den Eltern - auch in dieser Hinsicht kann man überraschende Entdeckungen machen und sich selbst besser kennenlernen, weil man etwas von einer anderen Seite sieht.

    Neugier, die mich schon lange plagt: Wie geht man als Biograf eigentlich mit Verdrängungen und auffallenden Geschichtsklitterungen um, oder mit Fakten, die von unterschiedlichen Familienmitgliedern völlig diametral erlebt werden?

    Das Extrem habe ich gerade selbst durch einen Nachlass erlebt. Die Original-Fundstücke erzählen eine völlig neue Geschichte, die vieles in Frage stellt, womit ich aufgewachsen bin. Ich empfand das im ersten Moment als existentiell, als wäre ich plötzlich nicht mehr diejenige, die ich glaubte, zu sein. Und da wird es wichtig, nachzuforschen, da wäre eine Biografie so schön...

    Kam gestern eine gute Doku (sat3?) über die Kinder von Leuten, die den Hamburger Feuersturm erlebt hatten. Erschreckend, welche psychischen Folgen das familiäre Schweigen und Verdrängen bis in jüngere Generationen hinterließ. Da wurde der Hunger spürbar, mehr über die Geschichte zu erfahren, darüber zu reden - das hatte schon therapeutische Qualitäten.

    Deshalb hoffe ich, dass weiter erzählt werden wird, wenn schon nicht am Ofen, so doch wenigstens in Buchform oder im Internet (da gibt es ja jede Menge Zeitzeugen-Datenbanken)

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  3. Sie haben völlig Recht, das Erzählen an sich ist oft schon Therapie. Ich erlebe das immer wieder bei den stundenlangen Interviews zu einer Biografie. Meistens kommt irgendwann der Punkt, an dem sich der Erzähler öffnet und oftmals erfahre ich dann Dinge, über die noch nie gesprochen wurde.

    Wie gehe ich mit Verdrängungen und Geschichtsklitterung um? Zunächst einmal liefert wohl jede Biografie eine völlig einseitige Sicht auf die geschilderten Ereignisse. Das muss man wissen und letztendlich auch akzeptieren. Bei historischen Ungereimtheiten versuche ich in der Regel, mit dem Erzähler darüber zu sprechen. Das bin ich meiner Ausbildung schuldig. Oft ist der Erzähler dann überrascht, dass er sich geirrt haben könnte und relativiert zumindest seine Aussage. Ich habe es aber auch schon erlebt, dass jemand starr an seiner Sicht der Dinge festhielt, weil genau das die Krücke war, die ihm einen Umgang mit den Ereignissen überhaupt möglich machte. Ich solchen Fällen bleibt dem Biografen nichts anderes übrig, als zu schweigen.

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  4. Im Zuge des Themas "echte und wirklich spannende Biografien" möchte ich gerne auf das Buch "Normans Geheimnis" von Norbert Heinrich Holl hinweisen.
    Es ist eine autobiografische Gesichte, an der ich mehrere Jahre mitgearbeitet habe und die nun endlich in 2009/10 einen würdigen Verlag fand.
    Mich persönlich hat diese Geschichte sehr berührt und der Autor ist mir zu einem guten Freund geworden.
    Davor dürfen sich alle Promi-Biografen der Gegenwart erst einmal verneigen und schämen für lüttliche Inhalte :)
    (ein bisschen Schleichwerbung ist schon dabei, nutzt aber nur dem Autor, ich schwöre ;))

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  5. Kleiner Tipp aus dem Graswurzelmarketing: Schleichwerbung kommt noch charmanter, wenn man nicht nur diese absetzt. ;-)

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  6. Als ich meine Großeltern als eigenständige Menschen wahrgenommen habe und nicht als Madams Oma und Opa, war es so gut wie zu spät etwas zu erfahren.
    Nur wenige Dinge weiß ich und das bedaure ich.
    Deshalb stelle ich meiner Mutter heute ganz andere Fragen und es bleibt spannend.
    Mein Vater ist leider sehr früh verstorben und ihm Grunde habe ich ihn - haben wir uns - gar nicht richtig gekannt.

    Und irgendwie wird es auch meinen Kindern so gehen, dass sie mich nie wirklich kennen lernen, weil Kinder permanent um sich selbst kreisen.

    Vor einiger Zeit habe ich erfahren, dass ein Onkel von mir neben seiner Ölmalerei auch Geschichten geschrieben hat. Dieses Wissen hätte mir als Kind u. auch nicht als Jugendliche etwas genützt, aber ich würde gerne meine Finger um alte Skripte schließen. Es hieß, niemand konnte seine Handschrift lesen haha - und ich weiß nicht, ob seine Kinder überhaupt etwas aufbewahrt haben.

    Die Kreativität in meiner Familie ist umstandshalber unterdrückt worden. So viele brachliegende Talente ...

    Und was alte Fotos angeht ... oft, wenn ich nach Dland fliege, krame ich alte Fotokisten durch ... winzige schwarzweiß Fotos mit weißen Rändern - beinahe größer, als das Bild selbst - herrlich.

    Ich glaube für Familiengeschichte interessiert man sich erst dann, wenn man irgendwas über dreißig, Anfang vierzig u. aufwärts ist.

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  7. Das ist sehr wahr, die Sache mit dem Alter und dem Interesse!

    Es sei denn, es ist exotisch genug. Wir gingen als kleine Kinder mit Lust zur Großtante, die uns von unseren Cousins und Cousinen was-weiß-ich-wievielten Grades in den USA erzählte, das war spannend, weil so anders. Als ich groß war, erfuhr ich dann, wie viel davon Einwanderermärchen war und wie die Realität aussah. Wieder eine neue Geschichte...

    Ach, und die Sache mit der Kreativität, das kommt mir bekannt vor! Ich komme aus einer Familie, in der Künstler als schwarze Schafe totgeschwiegen wurden oder mit einem anderen, bürgerlichen Lebenslauf versehen. Da hätte es mir als Kind schon geholfen, all das zu entdecken, was ich jetzt entdecke, anstatt ständig das Gefühl zu haben, ein von der Fee vertauschtes Wechselbalg zu sein! ;-)

    Ich denke, Aufschreiben hilft, falls die Fragen der Kinder erst spät kommen. Und sei es noch so scheinbar nebensächlich. Ich erbte z.B. einen Satz Terminkalender voller Fieberwerte, Familienkrankheiten, Schultermine etc., der irgendwie auch Geschichten erzählt. So erfuhr ich, dass mein Vater zum Rektor zitiert worden war, weil ich meinen Eltern vorgeflunkert hatte, wir hätten eine Woche Sonderferien. Ich war lustig zuhause geblieben und hatte mein Schulschwänzen natürlich völlig verdrängt!

    Das mit den alten Skripten ist immer so eine Sache... Originalschriften sprechen unerbittlich oft eine andere Wahrheit als die erzählte oder erinnerte. Und ob man dann zu dem Zeitpunkt reif / stark genug / bereit ist, mit dieser womöglich anderen Wahrheit umzugehen? Ich kenne Leute, die auch nach Originalbriefen von Verwandten bei der Familienlüge blieben. Matthias Brömmelhaus hat das in seinem Blog "schreibtäter" gerade eindrücklich beschrieben. Im Idealfall sind Originalfunde natürlich eher Ergänzung.

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  8. Oh ja, exotische Auswanderer gibt es in meiner Familie auch - und wie ich die Ohren als Kind aufgesperrt habe, um ja keine Erzählung darüber zu verpassen :-)

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