Existenzgründung auf Europäisch

Deutschland - Polen - Frankreich

Würde ich diesen Beitrag als bezahlte Journalistin schreiben, wäre das Folgende nur Veranschaulichung und Unterfütterung füt einen korrekt recherchierten und vor allem aktualisierten Artikel, womöglich mit Tipps und Adressen in Informationskästen bereichert. Weil ich das Ganze jedoch nur in einer kleinen Pause hobbyartig in die Tasten haue, bleibe ich unverschämt subjektiv, mit Tunnelblick.

Heute ist es also passiert. Ich war auf einem Amt, habe noch einmal eine Handvoll Kopien auf den Schreibtisch geworfen - wobei die Bearbeiterin meine Kopien genauso wenig verstand wie ich ihr Formular, in dem kein Raum für meinen Spezialfall vorgesehen war. Aber ich war in Frankreich, da kann man herumfragen und diskutieren, dann kommt eine Notiz zur Unverständlichkeit dazu und es ist vollbracht: Ich habe die Existenzgründungsphase hinter mir. Die Ich-Weiß-Nicht-Wievielte.

Existenzgründung in Frankreich als "auteur-artiste", ganz am Anfang machte ich das mal in Deutschland mit einem Presse- und PR-Büro und im damals noch nicht zur EU gehörenden Polen war ich so verrückt, gleich eine GmbH zu gründen (Medienagentur), oder wie es dort heißt, eine S.p. zoo. Neben dem Stolz, die Administrationen dreier Länder überlebt zu haben, ist ein Rückblick angebracht.
Ist es eigentlich überall gleich, eine Existenzgründung in die Wege zu leiten? Gibt es besonders schlimme Amtsschimmel oder Länder, die freundlicher zu Selbstständigen sind?
Wie schon gesagt, objektiv kann ich das gar nicht vergleichen. Nicht nur, weil die Unternehmensformen sich unterschieden, sondern weil auch die Geschichte inzwischen einiges überholt haben dürfte. Besonders selbstständigenfreundlich habe ich Deutschland allerdings nie empfunden.

Gemeinsamkeiten in allen Ländern

Sprachkenntnisse

Egal, in welchem Land man eine Existenz gründet, man sollte vorher die Sprache ausreichend beherrschen, um Formulare, Gesetzestexte, Amtsinformationen und Ähnliches zu verstehen und sich im Zweifelsfall selbst ausreichend ausdrücken und verteidigen zu können. Man wird dadurch nicht nur sehr viel ernster genommen, man macht sich vor allem nicht von falscher Beratung abhängig und kann sich selbst helfen. Vor allem im Elsass sollte man sich nicht davon verleiten lassen, dass "Elsässisch fast Deutsch" sei und manche Behörden, wie z.B. die Industrie- und Handelkammer in Strasbourg, einen mehrsprachigen Service anbieten. Letzteres ist vor allem als Einstieg für Geschäftsleute oder Handwerker aus dem Ausland gedacht. Ersteres ist auf Behördenebene Illusion, denn da ist Französisch Amtssprache.

Richtig schmerzhaft gelernt habe ich das, als ich im vergangenen Jahr von einer Behörde fast ruiniert wurde und selbst herausfinden musste, dass diese einen Computerfehler mit tragischen Folgen gebastelt hatte. Ich musste eine staatliche Schiedsstelle anrufen und habe gegen die Behörde gewonnen. Ohne fließend Französisch zu sprechen und mir die entsprechenden juristischen Texte besorgen zu können, wäre ich voll aufgelaufen.
Natürlich kann man anfangs Dolmetscher bemühen oder Personen als Hilfe mitnehmen. Leider verleitet das dann so manche Amtsperson dazu - egal in welchem Land - den Ausländer nicht ganz für voll zu nehmen. Und wie will man nachher mit Kunden umgehen?

Gepflogenheiten

Bevor ich derart "offiziell" in einem anderen Land einsteige, sollte ich mich ausgiebig mit den Gepflogenheiten menschlichen Miteinanders vertraut machen. Oberste Priorität: Lernen, wie man auf Menschen, auf Menschen in Behörden zugeht, auf welche Weise man Wünsche äußert, wie man etwas dringlich macht, wie man protestiert oder korrigiert.

Das klingt einfach und selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele Deutsche laufen z.B. bei französischen Behörden auf und verstehen gar nicht, warum "die sich so blöd anstellen oder nichts tun". Was ist passiert? Der deutsche Antragsteller hat einfach wie in Deutschland kurz und knapp gesagt, was er will, womöglich in leicht bellendem Befehlston - oder er druckst vor dem Amt herum und hat Angst. Im ersten Fall fragt sich der Franzose, warum der Kerl so unverschämt und unpersönlich auf ihn zugeht, als sei er eine Maschine - und bläfft zurück. Im zweiten Fall fragt sich der Franzose: Was will er denn eigentlich, warum ist er zu mir gekommen, wenn er nicht weiß, was er will? Es würde jetzt zu weit führen, Einzelheiten zu erklären, aber zur Existenzgründung im Ausland gehört interkulturelle Kompetenz: Wie funktioniert eine Kontaktaufnahme, wie verhandelt man, wie verkauft man, was deklariert man wann und wie etc. Darüber gibt es Bücher und in vielen Ländern Kurse. Aber das ersetzt nicht die Lehre durchs Leben. Die sollte man jedoch nicht bei den eigenen Landsleuten im Ausland machen, sondern bei Einheimischen - sonst landet man in Vorurteilen und Pauschalismen.

Hilfreich in Sachen Gepflogenheiten ist außerdem, sich genau zu informieren, wo in welchem Land geschmiert werden kann, geschmiert werden muss oder auf keinen Fall geschmiert werden darf - und womit und wie. Das kann von einem Lächeln über die Schachtel Pralinen bis hin zu Bakschisch reichen. Es ist ein existentieller Unterschied, ob sich die polnische Finanzbeamtin der frühen 1990er (!) nach Nugatgenuss engagiert - oder ob sie einem auf Monate die Geschäfte unmöglich macht, weil man der einzige Anständige ist, der Predigten gegen Korruption hält. Übrigens: Den einzigen Fall, wo ein Behördenangestellter mit barem Geld geschmiert werden musste, erlebte ich in Deutschland.

Die Grundfrage

Auch ein Lehrstück: Existenzgründen im Ausland sollte man nur dann, wenn man in diesem Land wirklich seinen Lebensmittelpunkt hat, wirklich dort leben UND arbeiten will. Falls man nicht nur eine Offshore-Adresse für die Milliarden braucht ... All die Steuerflüchtlinge, Aussteiger auf Zeit und "Ach-ist-das-billig-hier"-Grenzwechsler geben meist nach wenigen Jahren auf. Wer nicht mit ganzem Herzen und ganzer beruflicher Kraft dabei ist, hat auch selten Erfolg - und die wahren Netzwerke entstehen im Land, nicht im Netz...

Naivität

Im Nachhinein finde ich es hilfreich, ein wenig naiv zu sein, ans Beste zu glauben und nicht allzu viel von dem zu ahnen, was auf einen zukommt. Hätte ich das wirklich auch nur geahnt, hätte ich in keinem der drei Länder eine Existenzgründung auch nur angedacht! Sich mit gesundem Optimismus durchwurschteln, improvisieren können und einen Schritt vor den anderen setzen - dann gelingt es. Die Grundschritte sollte man natürlich schon kennen.

Amtsschimmel

Das Schlimmste im Leben eines Bürgers ist die Administration - wahrscheinlich weltweit. Deshalb wird sie in jedem Land beschimpft, durchschaut sie keiner in keinem Land wirklich und macht sie international Alpträume. Nur die Alpträume sind etwas unterschiedlich. Ob man sich da arrangieren kann und mag, hängt wahrscheinlich mit der eigenen Mentalität zusammen und einer gewissen Bereitschaft zum Chaos.

Die Unterschiede

Nationale Unterschiede gibt es natürlich schon - über die man sich ebenfalls vorher informieren sollte. Die betreffen vor allem die Kosten, etwa bei Firmengründung; die Steuern und Sozialabgaben sowie das gesamte Sozialsystem - und den Formularaufwand. Unterschiede gibt es vor allem für freie Künstler: Frankreich und Polen (auch Irland, habe ich mir sagen lassen) behandeln sie sehr viel unterstützender als Deutschland, auch finanziell und steuerlich gesehen.

Manche Schritte erscheinen aufwändig und kompliziert, anderes funktioniert wie im Traum. So brauche ich für ein Mikrounternehmen in Frankreich lediglich eine Erklärung und eine Unterschrift beim Finanzamt und habe innerhalb von 24 Stunden sämtliche Firmenunterlagen im Briefkasten. In Polen hat die Einlage für eine GmbH damals nur 4000 Zloty gekostet, das waren umgerechnet um die 2500 DM - das kann heute natürlich ganz anders aussehen. In Frankreich zahle ich als Künstler Sozialabgaben nicht pauschal und nach Schätzung, sondern nur vom tatsächlichen Gewinn, dafür zahle ich aber auch in eine Rentenkasse und in die Arbeitslosenversicherung. Das kommt vor allem Kleinverdienern und saisonal arbeitslosen Künstlern (z.B. Schauspielern) zugute.

Außerdem können in manchen Ländern Verträge und Firmengründungen nur geschlossen werden, wenn der Antragsteller entweder ausreichend die Sprache versteht oder einen zugelassenen Dolmetscher mitbringt - das kostet Geld.

Mein Fazit heute:
Ich bin froh, nicht nach Deutschland zurückgegangen zu sein. Trotz aller Schwierigkeiten fand ich es im Rückblick einfacher, weil ich mit sämtlichen Behörden diskutieren und mir helfen lassen konnte. Einmal habe ich eine Beraterin mit Donnerschall zum Teufel geschickt und dafür die beste nur denkbare als Ersatz bekommen.

Es war fürchterlich aufwändig, über einen sehr langen Zeitraum beraten und begleitet zu werden, weil ich ständig über jeden Schritt Auskunft geben musste und sehr genau Buch führen. Ich musste sogar Rechenschaft darüber ablegen, wenn Verlage sich auch nach Monaten Manuskriptprüfung nicht entscheiden konnten - unverständlich in Frankreich. Das erhöhte den psychischen Druck ungemein. Ich habe sehr oft geflucht und mir ein Land gewünscht, das einen völlig allein im Regen stehen lässt. Vor allem dann, wenn ich mit inkompetenten und unlustigen Behördenangestellten zu tun hatte, wie es sie seit dem derzeitigen Präsidenten immer häufiger gibt.

Im Rückblick weiß ich es allerdings zu schätzen. Es hat mir nämlich eine Disziplin in der Buchführung antrainiert und mich vor allem gelehrt, dass man auch eine künstlerische Existenz nicht ins Blaue gründet oder "einfach mal Kunst macht". Ich war dadurch gezwungen, langfristiger zu planen und mir Gedanken um Zukunftsfähigkeit zu machen, obwohl ich ja "nur" Künstlerin bin. Ich habe gelernt, dass man die Kunst nicht verletzt, wenn man sich trotzdem als Ein-Frau-Unternehmen begreift und wirtschaftlich arbeiten muss. Ich habe gelernt, dass sich Künstler in Frankreich ganz anders, viel breiter und gekonnter vermarkten als in Deutschland - und sich ständig fortbilden können. Und dass keiner auf die Idee käme, seine Existenz von Buchverlagen abhängig zu machen!

Und ich habe nicht zuletzt von dem Staat profitiert, in dem ich jetzt meine Existenz gegründet habe: Mit finanziellen Beihilfen in der Anfangsphase und mit einer absolut professionellen Künstler-Unternehmensberatung, die vom Conseil General finanziert wird. Letztere dürfte es nicht in ganz Frankreich geben, das Elsass ist nach Paris sehr privilegiert in der Infrastruktur. Ganz von alleine wäre ich weder auf die Ideen gekommen, die jetzt meinen Beruf bilden, noch hätte ich gewusst, wie ich sie unter einen Hut bringe.
Jetzt bin ich frei, eine Beratungssitzung noch, wie das Äquivalent der Künstlersozialkasse genau funktioniert, und ein letztes Formular - und dann bin ich in der Folge an jedem einzelnen Fehler alleine schuld.

Ich würde es jederzeit wieder machen, aber nicht in jedem Land dieser Erde und nicht gleich schon wieder.

Kommentare:

  1. Fehlt eigentlich nur noch Russland. Oder?

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  2. Dann müsste ich ja schon wieder zur deutschen Botschaft... eine immer wieder traumatische Erfahrung (in jedem Land)...

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