Put-Downs und Pump-Ups

Ich wollte schon immer mal so eine sprachvernichtende Schlagzeile, pardon, Headline, producen. Wenn mir dabei nicht alle followen können, auch egal. Schlagzeilen sind ja heutzutage nur Antörner (Onturner?), also mehr Aufputschmittel als intelligent. Ich wollte eigentlich sowieso etwas ganz anderes erzählen...

Auch Genies haben es schwer. Und weltberühmte Schriftsteller mussten sich über ihre Werke manchmal wirklich ätzende Kritik oder Ablehnung anhören. Der Examiner zitiert die grausligsten Vorwürfe in einer höchst vergnüglichen Serie: Teil 1 / Teil 2. Wer dabei denkt, es handle sich bei den Kritikern um anonyme Fäkalienschreiber, der irrt gewaltig. Da tummeln sich Größen wie George Bernard Shaw oder Mark Twain, die für ihr loses Maul bekannt sind, aber auch so angeblich höfliche und wohlanständige Namen wie Lord Byron, Charlotte Bronte und ... nein, eigentlich hatten sie alle ein loses Maul, wenn es um Kolleginnen und Kollegen ging.

Das soll aber nicht dazu verleiten, sich auf dem eigenen, vermeintlichen Genius auszuruhen! Fürs Nähen am Hornhautmantel ist es jedoch ein ebenso feiner Übungsstoff wie Umberto Ecos Kurzgeschichte, in welcher er Lektorenabsagen für Werke der Weltliteratur erfand (die so erfunden gar nicht waren, sondern dem geähnelt haben dürften, was er mit "Der Name der Rose" erlebte). Und zugegeben: ein kleines hämisches Schweinchen steckt in uns allen, sonst wäre solcher Lesestoff nicht so spaßig!

Im zweiten Teil geht es nicht um Dance-Partys, aber irgendwie um Tanz und eine Menge Luft und langen Atem. Ab morgen hat die unermüdliche, nicht aufgebende (jetzt erst recht) Autorin sich selbst einen neuen Job zugewiesen. Nicht, dass es mir an Arbeit fehlen würde - aber das mache ich jetzt ganz für mich selbst. Ich arbeite mein Nijinsky-Hörbuch in eine Printversion um. Dumm ist nämlich, dass der Text mit knapp 80 Normseiten viel zu kurz für ein Buch wäre, selbst wenn man es mit zahlreichen Bildern versieht. Ein, zwei Kapitelchen mehr könnten also nicht schaden. Und an Stoff fehlt es mir wahrhaftig nicht!

Aber das ist gar nicht so einfach, weil das Werk bereits absolut rundgefeilt und perfekt war. Hier das schriftstellerische Skalpell anzusetzen, fühlt sich an, als schneide man ohne Betäubung in lebendiges Fleisch. Man kann einen Text nicht einfach "aufpumpen" (doch, kann man wahrscheinlich in anderen Genres, da flickt man einfach ein paar Landschaftsbeschreibungen oder eine Kußszene ein?). Wo kann ich das perfekte Gleichgewicht aufbrechen? Wo würde ich nur für unnötige Längen sorgen? Gibt es Themenbereiche, über die noch keiner geschrieben hat oder die alle brennend interessieren?

Und dann sind da die Ängste. Ich muss meinen Text in Trance oder irgendeiner schreiberischen Beseeltheit seltsamer Art verfasst haben. Da sind Klänge und Formulierungen, wie sie unmöglich von mir stammen können. Allein die Passagen über Strawinsky kommen mir fremd vor, das muss der reine Synkopenrausch gewesen sein, der sie hervorbrachte. Wie soll ich jetzt die zusätzlichen Texte in genau diesem Stil weiterschreiben? Werde ich je reproduzieren können, was mir in die Tasten lief? Wo nehme ich die Sprache her? Mein einziges Hilfsmittel derzeit: exzessiv und immer wieder Strawinsky hören. Vielleicht war es das... ? Hoffentlich, denn an meinem Samowartee möchte ich mich im Frühling nicht unbedingt berauschen müssen.

Ich habe eine Menge Angst vor allem Möglichen in dieser Übergangsphase - seltsamerweise am meisten vor mir selbst. Ich habe nämlich Angst davor, das bisherige Niveau nicht mehr zu erreichen, an meinem eigenen, perfekt und monatelang zurechtgefeilten Text zu versagen, die rechten Worte nicht mehr zu finden. Dagegen verschwinden sämtliche Bedenken, dass ich für ein gedrucktes Buch noch keinen Verlag habe, weil ja alles ganz anders geplant gewesen war. Ich lebe gesunden (???) Größenwahn: Der Nijinsky wird erscheinen, ganz sicher. Versprochen.

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