Schrottschreiber

Leserinnen und Leser wird es freuen: Weltbild wirft eine Million (in Worten!) Bücher für einen Euro auf den Markt. Man möge, der besseren Vorstellungskraft wegen, ein Regal in der eigenen Bibliothek durchzählen und hochrechnen, wie viele Regalmeter Bücher da mit vollen Händen verramscht werden! Eine Million Bücher, die auf gut Deutsch kein Schwein mehr braucht, vielleicht nie gebraucht hat.

Zugegeben, die Aktion ist wahrscheinlich billiger als Altpapierschreddern. Und die letztendliche Entsorgung der wertlosen Schmöker zahlen dann die Endkunden mit der Müllgebühr, falls sie nicht so schlau sind, sich des geschriebenen Mülls bei der nächsten karitativen Einrichtung zu entledigen. Aber welches Altersheim nimmt heutzutage noch freiwillig Papier, mit dem sich schon vorher niemand den Hintern abwischen wollte? Wer lässt sich noch freiwillig Bücher schenken, wenn Bücher schon im Handel verschenkt werden?

Geiz ist geil. Ganz besonders geil finde ich bei dieser Aktion, endlich diejenigen die Altware Buch entsorgen zu lassen, die dafür sorgen, dass es diese verdammte Ware überhaupt gibt: die Leserinnen und Leser. Diese Spezies ist überhaupt schuld an der Misere, dass die Stapel an den Kassen und auf den Büchertischen immer gigantischer in die Höhe wachsen. Gebt es ihnen, gebt es ihnen tüchtig. Damit sie fett und faul beim nächsten Mal die Kassenstapel noch höher wachsen lassen. Denn das kapiert auch noch der dümmste Alphabet: Früher hat man gewartet, bis ein Hardcover als preiswertes Taschenbuch erscheint. In Zukunft wartet man, dass ein Buch als Ein-Euro-Klopper verramscht wird.

Und nicht weinen, liebe Kolleginnen und Kollegen von der prekariatsgefährdeten Schriftsteller-Front. Seht das mal so: Eure (meine?) Bücher hätten die sowieso weggeschmissen. Schrottschreibe für die Schredderpresse. Schweineteuer und umweltbedenklich. Denkt mal nur an die Sondermülldeponien mit DDR-Büchern bei Leipzig - was ist aus den Altlasten dort geworden? Ein Literaturinstitut. Alles wird gut.

Rechnet euch das doch mal ganz realistisch aus: Die Vorschüsse sinken eh. Bei so einem Markt und mit Krise und weil wir alle zusammenhalten müssen und so, gibt's irgendwann gar keine Vorschüsse mehr. Tantiemen gibt's auch nicht, weil die Bücher ja immer schneller verschreddert werden. Seien wir mal ehrlich: Da schafft Tante Erna bei BoD höhere Auflagen. Also Herzblut. Der echte wahre Schriftsteller schreibt wegen des Herzbluts und des Fließens und des Flows und so. Doch nicht für Geld! Aber woher denn, wer sind wir denn.

Hat nun der Schriftsteller sowieso kein Einkommen mehr, erreicht er stattdessen bei "Weltbild" die super gigantische elephantös-pyramidale Auflage seines Lebens. Endlich wird das arme Schwein gelesen! Davon haben wir doch immer geträumt, wenn wir die riesigen Altpapierstapel an der Buchhandelskasse neidisch betrachtet haben.

Jetzt kommt der große Coup: weil wir kein Geld haben, beantragen wir Sozialhilfe. Und weil wir mit unseren Büchern heutzutage eh nix mehr verdienen, rechnet uns die Sozialhilfe den Nebenjob nicht an. Wir können also lustig weiterschreiben bis in alle Ewigkeit und sind versorgt. Oder doch nicht so ganz. Deshalb - Achtung, jetzt kommt's - bemühen wir uns um einen Ein-Euro-Job (vielleicht demnächst bei Weltbild?)

Rechenaufgabe für die ganz Schlauen:
Ein Schriftsteller ohne Sozialhilfe verdient 3,5% vom Nettopreis eines Ein-Euro-Bestsellers (Taschenbuch) und will mit einem Kollegen, der als Ein-Euro-Jobber in einem Buchlager arbeitet, ein Brot kaufen. Wer von den beiden schreibt trotzdem weiter?

Kommentare:

  1. Darf ich den Buhruf an die richtige Stelle weiterleiten? ;-)

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  2. Jemand aus der Branche meinte bei Twitter zu meinem Beitrag, wer in dieser Liga mitspiele, sei doch eh schon tot.
    R.I.P.

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  3. Die werden beide weiterschreiben, es gibt ja sogar Leute, die fürs Verlegtwerden Geld bezahlen. Lassen Sie mal Buchhändler in die Immobilienbranche einsteigen, Stellplatz pro Buch soundsoviel Euro. Wetten dass das funktionieren würde?
    Mir tuts um die Antiquariate leid, die sind sicher bald geliefert.
    Gruß, Karl

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  4. Es mag sein, dass die Liga tot ist, dass die Antiquariate tot sind und dem Rest auch schon ganz übel ist.

    Ich habe wirklich keine Ahnung davon und bin auch schon so alt, dass ich keine Kraft mehr habe, den Tod einer Form des Handels hinauszuzögern, aufhalten zu wollen, oder ihn mit anderen Handelsformen zu kombinieren.

    Es geht meines Erachtens auch gar nicht darum, eine Entwicklung aufzuhalten, die in unserer Gesellschaft so unendlich viele Abhängigkeiten hat, dass ein unangepasstes, unverändertes Fleckchen Erde einfach zur von der Außenwelt abgeschnittenen Insel wird. Sei es der kleine Buchladen oder die Schreibstube eines Autors.

    Wer nicht 'mitmacht', wird immer einsamer werden.

    Auch die Tante-Emma-Läden sind ausgestorben. Die Tanten, die ihren Laden unverändert den Kindern vererbt haben, haben den Tod des Geschäftes gleich mit in die Erbschaft gepackt.

    Die Tanten, die noch genug Kraft und den Willen hatten, sich der Entwicklung anzupassen, haben ihren Kindern Reisebüros oder Versicherungsagenturen vererbt, in denen aus Nostalgie die Besucher noch Sahnebonbons bekommen.

    Darum haben die oben erwähnte Liga und die Antiquariate eine gute Überlebenschance, wenn sie die 'Entwicklung' der Wirtschaft rechtzeitig einbeziehen und nicht als Tante-Emma-Antiquariat weiterleben wollen.
    Es wird immer ein Interesse daran bestehen, kulturelle Werte zu erhalten und damit zu handeln - nur in einer anderen Form.

    Dass die 'Entwicklung' in den Augen vieler Menschen einen Verlust von Kultur und anderen Werten der Menschheit darstellt, ist gar keine Frage. Eine Umgewöhnung, die innerhalb einer Generation erlebt wird, ist sicher nicht einfach. Aber wir haben mit der Geburt keine Verträge oder Lizenzen unterschreiben müssen, die uns keine Flexibilität einräumen, oder ein Reiseverbot erteilen, das Jammertal zu verlassen.

    Ich habe in letzter Zeit viel AutorInnen erlebt, denen ich zutraue, auch die Chance und Möglichkeiten zu erkennen, die sich mit jeder Entwicklung bieten.
    Die Chefin dieses Blogs zähle ich auch dazu! ;)

    Gruß Heinrich

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  5. Find ich jetzt eher undramatisch: Gibt es als "modernes Antiquariat" schon seit jeher - Weltbild hievt es nur ins Internet und wird Miese damit machen (Porto!). So what?

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  6. @Karl:
    Ihr Zukunftsmodell ist auf dieser Erde längst Wirklichkeit! Ich kenne die deutschen Konditionen nicht genau, aber in Frankreich liegen die potententiellen Bestseller auf dem Bestsellertisch, weil der Verlag sie dorthin bezahlt hat.
    Hand aufs Herz, wann haben Sie das letzte Mal in einem richtig schönen Antiquariat "13 Hamburger Käserezepte für übergewichtige Blonde" gekauft oder "Kindervampire wollen auch mal"?

    @Anonym
    Stimmt, der Unterschied zur bisherigen Realität ist nur dieser. Aber jetzt wird's nicht mehr verstohlen gemacht, sondern bekam auch reichlich Presseecho.
    Das bestätigt dann nicht nur die Schnäppchenjägerkultur, in der geistige Güter und Arbeit nichts mehr wert sind. Es zeigt jetzt offen Misswirtschaft. Eine Million ist eine Zahl, über die auch Controller nachdenken sollten.
    Ums mal frech zu sagen: Wir haben diese Bücher nie gebraucht. Brauchen wir deren Autoren noch?

    Und genau das wurde ich gestern auch gefragt, ob mir etwa die Trauben zu hoch hingen, schließlich sei ich auch schon verramscht worden. Brutal genug, wenn es einen trifft, aber mit solchen Aktionen in breiter Öffentlichkeit wird man dann vielleicht noch eher mit dem Finger auf Autoren zeigen: Die ist auch dabei.

    Übrigens amüsiere ich mich eigentlich übers Großverramschen (deshalb juckte auch die Glosse in den Fingern). So wie ich meine zwei verramschenden Verlage überlebt habe, überleben wir Autoren immer irgendwie. Wer keine großen Summen verlieren kann, ist mutiger...
    Und wer in Zukunft nach Verramschung seine Rechte wieder zurückbekommt, wird eine Menge neuer Möglichkeiten haben!

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  7. Heinrich, Sie bekommen einen Extrabeitrag - dafür, dass Sie mich zum Nachdenken gebracht haben!
    Gruß,
    Petra

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  8. http://matthias-mala.de28/4/10 13:46

    Verramschen gehört bei der Überproduktion an Titeln zum Alltag der Verlage. Hat man als Autor keine ausreichende Garantie vereinbart – und das hat man meistens nicht – zahlt man drauf. Was Weltbild abzieht, ist noch gelungener, statt zu makulieren wird geramscht. Die Kosten für Makulierung liegen zwischen 50 Cent bis 1 €. Da ist es allemal besser, als billiger Jakob nochmal Werbung zu machen. Die Weltbildaktion wird ja medial hübsch verbreitet. Hätte Weltbild für eine gleichartig erfolgreiche PR-Kampagne eine Agentur beauftragt, hätte das einen ansehnlichen Betrag gekostet. So aber spart man sich noch Geld auf dem Rücken der Autoren. Schlau die Pfaffen!
    Herzlichen Gruß
    Matthias Mala

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  9. Keine ausreichende Garantie als Norm?
    Das überrascht mich doch schwer. Ich kenne, einschließlich mir, in meinem Umfeld keinen einzigen Autor, der einen Vertrag ohne Garantievorschuss abschließen würde. Ausnahme: Kleinverlage, Lyrik etc.
    Kenne ich die falschen Leute?

    Allerdings beobachte ich, dass die Vorschüsse gerade bei Massenware in den letzten Jahren massiv sinken. Ich erinnere mich an Zeiten, als man von zwei Büchern pro Jahr überleben konnte.

    Herzliche Grüße!

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  10. Liebe Frau Cronenburg,
    mit der üblichen Garantie ist ja nicht mal die Hälfte der Arbeitszeit für ein Buch bezahlt. Wird also der Titel zu früh verramscht, hat Autor draufgezahlt.
    Ja, an die guten alten Zeiten, als man mit zwei Büchern im Jahr über die Runden kam, erinnere ich mich auch. Aber es waren auch jene Zeiten, wo es noch Verlegerpersönlichkeiten gab und keine Containt Manager.
    Sonnigen Abendgruß
    Matthias Mala

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  11. Lieber Herr Mala,
    gestern hätte ich Ihnen noch geantwortet, man könne in dem Metier nicht in Arbeitszeit rechnen, sonst würde man verrückt.
    Heute finde ich einen Teil meiner Arbeitszeit für andere bei einem Liquidator berechnet und stelle fest, die Arbeitszeit eines Autors und Texters ist LEBENSzeit.
    Gibt's bittersüße Sonnengrüße? Dann sende ich die...

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