Nachrichtensucht oder Käsemachen?

Warum werden an Ostern Lämmer geschlachtet und gegessen? Nein, nicht weil das Lamm für Jesus steht und Ostern dessen Auferstehung feiert. In den meisten Kulturen werden völlig religionsunabhängig Lämmer im beginnenden Frühjahr (und dann wieder im Herbst) geschlachtet, um an die Muttermilch zu kommen. Aus der macht man bekanntlich feinen Käse. Zuerst war also das Lämmerschlachten - später fiel Ostern zufällig auf die richtige Saison (auch noch von der Kirche verschoben, weil der alte Termin zum ersten Frühlingsvollmond zu heidnisch anmutete).

Die Frage nach dem Lämmerschlachten nutzt Frank Peters in seinem Blog, um gleich auch noch seine RSS-Feeds abzuschlachten, aus denen er seine Nachrichten bezieht. Und er fragt zu Recht, wie viel Information der Mensch brauche, um zu wissen, was die Welt umtreibt, und um wirklich neue Ideen oder Konzepte zu entwickeln (Stichwort Paradigmenwechsel). Ich finde die Frage so spannend, dass ich ihm hier als Journalistin eine ganz gemeine Antwort geben will, bei der wahrscheinlich sogar einige Kollegen aufkreischen werden:
Um neue Ideen entwickeln zu können, brauche ich überhaupt keine Nachrichten.

Nachrichten sind ganz nützlich, wenn es denn welche sind. Das habe ich am eigenen Leib erfahren, als ich eine Woche Medien-Totalabstinenz übte (währenddessen explodierte Tschernobyl), weiter brav Salat aß (angeblich kam die radioaktive Wolke nicht über den Rhein, weil französische Zöllner sie auswiesen) und mich an biologischen Pilzen und Wild aus Masuren gütlich tat (die polnische Presse verleugnete damals jeden Niederschlag). Die völlig unzensierten Nachrichten zweier Länder waren also genauso gut wie die Nachrichtenverweigerung. Hätte ich damals Zugang zu einem Internet von heute gehabt, wäre ich wahrscheinlich auf nicht viel mehr neue Ideen gekommen, nur besser verwirrt worden.

Journalismus kann aber durchaus dieses Umdenken befruchten, wenn er denn so noch stattfindet: In Hintergrundberichten, kritischen Reportagen, Bestandsaufnahmen oder sehr breit recherchierten Features. Dazu darf man allerdings nicht die Nachrichtenseiten abonnieren, sondern muss sich den Medien zuwenden, die solchen Qualitätsjournalismus noch bezahlen (mein persönlicher Tipp: Ich höre dazu viel SWR 2).
Nun bin ich ja auch noch Buchautorin. Da muss man ständig das Rad am besten neu erfinden (oder so tun als ob), Trends erfühlen, bevor sie da sind; wissen, was die Menschen umtreibt. Bin ich für diesen Beruf prädestiniert, weil ich Journalistin bin? Eine, die in Medien und Nachrichten badet und auch noch durchschaut, wie es dazu kommt, sollte doch vor Ideen sprühen?

Keinesfalls. Für neue Ideen brauche ich keine Nachrichten - es sei denn, ich plane den tagesaktuellen Sachbuchschmöker über Afghanistan. Aber selbst den kann ich zeitversetzt recherchieren. Wo aber bekomme ich meine Ideen her, wie schaffe ich es, umzudenken?

Es gibt da ein einfaches Rezept. Ideen bekommt man nämlich, wo man geht und steht - egal, was man macht. Man muss sie nur wahrnehmen, bevor sie vorbeigeflogen sind. Beim Scheuern einer maßlos verdreckten Pfanne kann eine Hausfrau durchaus philosophische Ideen von ewigen Kreisläufen, Sisyphusarbeit und der Vergeblichkeit diverser Putzfimmel entwickeln. Unser Großbauer weiß über die Sinnhaftigkeit menschlichen Handelns jede Menge wichtiger Dinge zu sagen, wenn er morgens um fünf Uhr über seine Brache läuft, die er nicht bestellen darf, um keine Subventionen zu verlieren. Wenn ich mich eine Weile neben einen Stammtisch setze, lerne ich alles über die Vergeblichkeit von Objektivität und sorgfältiger Recherche in der Presse angesichts menschlicher Dummheit und Engstirnigkeit. Und wenn sich mein Hund glücklich im Schlamm räkelt, sehe ich menschliche Bakterienpanik mit neuen Augen.

Noch etwas hat es mit den neuen Ideen und dem neuen Denken auf sich. Je mehr man nach einer Idee sucht, desto besser versteckt sie sich. Und was ist eigentlich neu? Gibt es wirklich noch etwas, das noch nie gedacht wurde? Müssen Lösungen immer neu sein? Wer historisch arbeitet, wird schmunzeln: so vieles ließe sich aus der Vergangenheit lernen. Altertumsforscher, Paläontologen - sie kommen oft auf die neuesten und bahnbrechendsten Gedanken für Gegenwart und Zukunft, indem sie sich nur mit der Vergangenheit beschäftigen.

Ich stelle es mir ganz schön anstrengend vor, ständig auf der Jagd nach einem Paradigmenwechsel zu sein, immer am Ball zu bleiben mit den neuen Ideen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man so etwas durchhalten kann - vor allem, wenn die Ideen aus dem Hinterhalt kichern und nicht hervorkommen wollen.

Als Buchautorin mache ich es mir extrem einfach. Ich bin nämlich einfach nur neugierig, sehr neugierig. Irgendwann begegne ich einem vagen Ding, das sich wie ein Mückenstich anfühlt. Der normale Mensch juckt sich. Der Schriftsteller ist etwas hypochondrisch und schaut genau hin: Wird das Hautbuckelchen rosa, weißlich oder gar bläulich? Was bedeutet es, wenn die Mücke genau über einem Haar sticht? Würde es anders jucken, wenn der Buckel breit verliefe? Anders gesagt: In dieser Phase bekommen wir den neugierigen Tunnelblick, werden zum allesfressenden Fachidioten.

Kleines Beispiel. Mein neues (belletristisches) Projekt heißt in meinem Kopf mit Arbeitstitel "transit bleu", weil mich Übergangssituationen und Zwischenräume interessieren und weil mir mein kleiner Finger sagt, dass Blau sehr wichtig sein könnte. Ich lese alles über Blau, sehe mir Blau an, denke über Blau nach, suche Blau in der Natur. Ich habe keine Ahnung, wo mich das hinführen wird, denn dabei kommen solche eigenartigen Dinge heraus wie mein letzter Beitrag über das Farbensehen. Natürlich weiß ich im Hinterkopf, dass ich etwas völlig Neues bieten muss - und sei es auch nur in der Kombination und Eigenart. Aber ich suche nicht bewusst danach. Ich frage nicht, was ich schreiben muss, um Trends zu bedienen. In dem Moment, in dem ich eine Antwort bekäme, wäre der Trend schon über den Höhepunkt hinaus.

Im Gegenteil: Ich denke sehr autistisch, egoistisch und geistig selbstbefriedigend nach. In dem Moment interessiert mich nicht, ob sich außer mir noch jemand auf dieser Welt für Blau interessiert. Ich bin mir einfach sicher, dass diese völlig a-soziale Art der Suche genau das hervorbringen wird, was viele Menschen eben noch nicht gehört haben. Was sie vielleicht gern lesen würden. Aber zuerst muss ich das im Treibhaus großziehen - ganz alleine. Viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Und die Bestätigung kommt meist umgekehrt und nachträglich: In der Begeisterung schafft man etwas, von dem man nachher erfährt, dass es unwahrscheinlich aktuell ist. Wenn man das weiterdenkt: Waren die Menschen, die bahnbrechend Neues schufen oder grundlegend umdachten, innerhalb des kreativen Prozesses wirklich "social"? Sie waren das vielleicht, wenn sie lebten und sammelten, erzählten, diskutierten. Aber der kreative Prozess selbst ist in der Regel das a-sozialste, was man sich nur vorstellen kann.

Kann man mit dem meiner Meinung nach völlig überschätzten Social Web also Ideen forcieren? Sicher kann man daraus Ideen oder Anregungen anderer beziehen. Aber innerhalb dieses Social Webs selbst umzudenken, das stelle ich mir so schwer vor wie ein literarisches Werk zu schaffen, indem man jeden Tag Vorabendserien im Öffentlich-Rechtlichen schaut.
Man kann das manchmal herrlich bei youtube sehen, wenn die Medien- und Netzwerkgurus ihre absoluten Hypes und Trends und Paradigmenwechsel und Neuigkeiten predigen. Ich sage bewusst: Predigen. Denn allzu oft passiert da nichts anderes als seit Hunderten von Jahren in der Organisation mit dem Osterlamm - nur die Wörter sind neu.

So, Mr Peters, jetzt habe ich Sie frech genug provoziert, geben Sie mir ruhig Saures! Kleinlaut muss ich wenigstens zugeben, dass ich von mir nicht glaube, jemals auf bahnbrechend neue Ideen zu kommen. Mein Weg ist eher der des Vergleichens und Hinterfragens von Ideen überhaupt. Die dürfen auch durchaus mal Patina haben.

Das entbindet mich natürlich elegant von der Aufgabe, eine wirkliche Antwort zu finden: Brauchen wir nun die Medien und Social Media, um auf neue Gedanken zu kommen oder reicht auch die verdreckte Bratpfanne? Oder käme die Welt auch weiter, wenn ab morgen planetenweit der Strom ausfiele? Noch schlimmer: Ist das "Weiterkommen" nicht auch nur ein Glaubenskonzept, eine kulturell geprägte Auffassung von Zukunft?

Mitdenken, Querdenken, Dagegendenken ausdrücklich erwünscht!

Kommentare:

  1. Inspiration is the blue smoke of a cigar.
    Muss erstmal nachdenken.
    Antwort folgt.
    Merci.

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  2. Nur nit huddle!
    Man kann auch alte Beiträge kommentieren, ich hab nur bei acht Tagen eine Moderation drin, damit mir keine Firma Spam-Bomben reinsetzt. Dann muss ich die Kommentare per Hand freigeben.
    Alle Zeit der Welt!

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  3. Nachrichten braucht man mitunter deshalb, weil sie einem zeigen, dass man das vermeintlich Neue schon vor x Jahren gedacht und gesagt hat.

    Das erzeugt so ein wohliges Gefühl, wie schlau man doch schon immer war....

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  4. Hmm, braucht man aber dafuer Journalisten?

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  5. Ja, dazu braucht man Journalisten und zu sehr viel mehr. Ich rede im Folgenden bewusst vom Ideal, wie ich es in der Journalistenausbildung gelernt habe. Ich bin mir bewusst, dass sich der Journalismus Vorwürfe gefallen lassen muss, weil er dieses Ideal auf weiten Strecken nicht oder nicht mehr einhält. Und ich rede hier NUR von ausgebildeten Journalisten (die Berufsbezeichnung ist in D. nicht geschützt).

    Am Anfang jeder Nachrichtenmeldung steht ein Journalist. In einer katastrophengeilen Welt nicht selten einer, der sehr oft in Krisen- und Kriegsgebieten Kopf und Kragen riskiert, unter nicht immer schönen Bedingungen lebt und übrigens auch schauen kann, wie er mit den psychischen Folgen der Arbeit klarkommt. Die interessieren die Welt nämlich noch weniger als die der Soldaten.

    Wozu diesen Journalisten bezahlen, wenn doch z.B. die Demonstrationen aus Teheran von Privat getwittert und gesendet wurden? Warum nicht einfach Handys an Bürger verteilen?
    Ein Journalist hat Kriterien gelernt, um Wahrheit zu überprüfen (was infolge neuer Technik und Fälschungsmöglichkeiten natürlich immer schwerer wird). Er teilt nicht kopflos mit, sondern prüft auf Propaganda oder absichtlich gestreute Falschmeldungen hin und unterhält in der Regel ein Netz verlässlicher Informanten.

    Ein Journalist ist (Ideal!) kritisch genug, nicht die Geschäftsberichte von Firmen und PR-Artikel abzudrucken, wie sie ihm untergeschoben werden, sondern zu hinterfragen. Und ob man das positiv oder negativ bewertet: Journalisten haben gelernt, nach festgelegten Kriterien den immensen Wust von Nachrichten, der gar nicht zu fassen ist, zu filtern. Leser können also von ihren Medien Entsprechendes erwarten - in der Brigitte werde ich andere Nachrichten über Afghanistan finden als bei den BBC.

    Beide Aufgaben, Erfassen und Auswählen - werden in Zukunft immer mehr im Teamwork gemacht, ersteres mit Augenzeugen vor Ort (wie schon immer), zweiteres mit den Lesern, die sich irgendwann ihre eigene Wunschzeitung zusammenstellen (und außerhalb der Wunschwelt doof bleiben werden).

    Noch wichtiger als das reine Nachrichtentickern (Agenturarbeit) sind aber die großen Fertigkeiten des Journalismus, nämlich die Hintergründe und Zusammenhäge zu erhellen oder Themen auf sehr breiter Basis zu recherchieren und aufzubereiten. Da gibt's eine Menge Handwerk zu lernen, das der Leser wahrscheinlich hinter journalistischen Texten gar nicht vermutet.

    Fortsetzung folgt...

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  6. Beispiel: Es ist ein Unterschied, ob ich ein emailgeführtes, dreifach abgenicktes Interview mit einem Firmenchef veröffentliche, der einen Umweltskandal seiner Fabrik schön redet - oder ob ich zu journalistischen Mitteln greife: Etwa, indem ich ein Liveinterview mit geschickter Gesprächsführung bringe, wo nicht schnell der PR-Berater eingreifen kann, indem ich die Kontrahenten ebenfalls zu Wort kommen lasse, indem ich Hintergründe liefere etc.

    Außerdem haben Journalisten auch in Spezialfächern Schreiben und Aufbereiten gelernt. Wer das nicht glaubt, schaue sich mal einen Wissenschaftsartikel etwa in der ZEIT durch und im Vergleich dazu den Fachtext eines Wissenschaftlers, der vielleicht nicht allgemeinverständlich reden und schreiben kann und auch nicht über seinen Fachbereich hinausschaut.

    Wie gesagt, nur die wichtigsten Facetten aus dem Nachrichtenjournalismus, bewusst sehr plakativ ausgewählt - das wird natürlich der Sache nicht gerecht.

    Wir erleben im Moment einen Umbruch im Journalismus (wie schon so oft!), wie jedes Mal wird der Journalismus von einigen Extremdenkern totgesagt - und wie jedes Mal wird guter Journalismus überleben und sich verändern, wie er sich seit der Französischen Revolution immer wieder verändert hat. Wir werden künftig sogar Qualitätsjournalismus brauchen wie selten zuvor - und zwar *gerade*, um Zusammenhänge und Hintergründe aufzeigen zu können, die dauersurfende Menschen langsam aus den Augen verlieren. Journalismus ist Orientierung.

    Wirklich guter Journalismus ist jedoch nicht ohne Ausbildung, Manpower und Bezahlung zu haben. Ich sehe selbst die schmerzlichen Grenzen an diesem Blog: Wirklich echte Recherche, wie ich sie als Journalistin erstrebe, ist kostenlos und als Hobby nicht drin. Genauso wenig wie umfangreiche Telefonate, Interviews etc. Deshalb halte ich dieses Blog z.B. bewusst sehr persönlich, also subjektiv im Ton und wähle schlaglichtartig Kleinstausschnitte. Und ohne die Vorarbeit vieler Journalisten würde ich auf manches Thema hier gar nicht kommen - ich lese nämlich Zeitung.

    Echter, objektiver Qualitätsjournalismus bietet genau hier sehr viel mehr.
    Und da möchte ich mal die Lanze brechen für die vielen wirklich guten, engagierten Journalisten mit Ethik und brillantem Können im Leibe, die es auch heute noch gibt und die beharrlich ihre Arbeit weitermachen, obwohl man mittlerweile auf jeder Party für diesen Beruf dumm angemacht wird.
    Dass viele Medien in Verruf geraten, liegt vor allem daran, dass sie eben nach dem Motto "wozu noch Journalisten" Billig-Content mit der Generation Praktikum schaffen.

    Aber wie schon gesagt, Nachrichten brauche ich nicht, um neue Ideen oder Paradigmenwechsel zu finden ... dazu würde ich eher ein angeregtes Gepräch mit Fachjournalisten führen.

    In meiner Blogroll und der Rubrik "Statt Zeitung" verstecken sich übrigens einige Journalisten, André Marty halte ich z.B. für einen brillanten Nahostkenner. Rein journalistische Veranstaltungen sind außerdem Carta oder Brigitte Jäger-Dabeks Polenmagazin. Hineinschnüffeln empfohlen!

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  7. Wer des Englischen mächtig ist, sollte Frank Peters Blog anschauen, dort fragt er, ob man noch Journalisten bräuchte - was ich leider erst jetzt entdeckt habe:
    http://thebusinesspick.blogspot.com/
    (Oder in Blogroll Pick Blog anklicken)

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  8. Absolut Klasse!! Haben wir vielleicht die Vorlage fuer den Schulunterricht fuer morgen?

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  9. Wenn ich nicht unterrichten muss ;-)

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