Auf der Suche nach einem gewissen Zauber

Märchenhafte Filme

In den letzten Tagen war ich froh, mir doch wieder einen kleinen Fernseher zugelegt zu haben (ich habe experimentell monatelang ohne Fernsehen gelebt). Ab und zu findet man noch Perlen. Und so haben mich zwei Filme besonders beeindruckt, zu denen leider wenig gutes Material auf Deutsch zu finden ist. Da war einmal der russische Film von Anna Melikian "Rusalka", "Die Meerjungfrau", der bei der Berlinale 2008 lief und beim Sundance Festival den Preis für die beste Regie bekam. Eine Adaption von Hans Christian Andersens gleichnamigem Märchen, die im heutigen Moskau spielt. Und gestern gab es - ebenfalls auf 3sat - den polnischen Film "Mistrz", "Der Meister" von Piotr Trzaskalski über einen versoffenen Messerwerfer, der allerlei gescheiterte Existenzen rettet und selbst mit der Liebe nicht zurecht kommt.

Beiden Filmen gemeinsam ist ein eigenartiger Zauber, den das typische Dreiakterkino à la Hollywood oft längst verloren hat. Beide Filme sind existentiell hochtragisch, streckenweise bitter-süß melancholisch - und kommen trotzdem mit einer heiteren und märchenhaften Leichtigkeit daher, dass sich jemand, der Geschichten erfindet, fragen muss: Wie machen die das? Und zu allem Überfluss schaffen es beide Filmemacher, eben kein Happy-End zu servieren, sondern einen Schluss, der einem auch noch am nächsten Tag im Gebein sitzt, weil man ihn erst deuten muss in seiner Uneindeutigkeit. Die eigentümliche Kraft der Filme kommt zudem aus diesem Denkprozess, bei dem man dann wiederum über die eigene Kulturprägung nachzudenken beginnt: Was ist eigentlich ein Happy End? Was gibt eigentlich die wirkliche Kraft? Rosa Zuckerwatte am Schluss oder eine tiefe Erkenntnis über das Leben?

Großes Erzählen

Nun lese ich ja auch für die Rezensionen dieses Blogs (und für mich) schwerpunktmäßig neuere osteuropäische Literatur. Derzeit steht ein tschechisches Buch aus dem Residenz-Verlag an, der öfter osteuropäische Literatur übersetzt: Markéta Pilátová - "Wir müssen uns irgendwie ähnlich sein". In diesem wie in den anderen, die ich bereits rezensiert habe, begegnet mir eine erzählerische Parallele zu den oben genannten Filmen. Ganz stark ist das im Buch "Die Engelspuppe" des Russen Eduard Kotschergin und in den Büchern der Polin Olga Tokarczuk oder in "Neunprozentiger Haushaltsessig" von der Ukrainerin Tanja Maljartschuk zu spüren. Ein eigenartiger Zauber, den ich zunächst kaum beschreiben kann. Wirkliches ERZÄHLEN.

Als Schriftstellerin seziere ich die Innereien solcher Werke, weil ich wissen will, wie der Zauber gewoben wurde, warum diese Bücher so anders sind. Ich bin nämlich fest davon überzeugt, dass Autoren wie Tokarczuk und Kotschergin eine Literatur entwickeln, die bereits in der Zukunft angekommen ist - mit ihrer fragmentierten Reihung, der tiefen Respektlosigkeit vor der Einheit der Form, dem fast schon virtuellen Atemduktus, der anspruchsvolle Literatur im Prinzip längst handytauglich macht. Dazu kommt eine unbändige Freude am Erzählen, ein fast überschwappender Reichtum an außergewöhnlichen, skurrilen, oft sogar verqueren Charakteren - und ein unauffälliges Gleiten zwischen Realität und Fantasie, brutaler Wirklichkeit und Märchenzauber.

Literatur der Brüche

Anders gesagt: Solche Bücher würde ein deutscher Verlag keinem deutschsprachigen Autor abkaufen, weil sie so ziemlich jede Norm brechen, die ein junger Lektor verinnerlicht hat. Die Amerikaner sind da wieder ein Stückchen voraus und werden - der Buchmarkt ist manchmal pervers - dann wieder von den risikoscheuen Verlagen übersetzt und eingekauft. Dort gibt es junge Literaten, die bereits seit langen Jahren aus der jiddischen Erzählkultur schöpfen - und der osteuropäischen dazu. Amerikaner, die ähnlich erzählen. Spontan fallen mir Jonathan Safran Foer und Aleksandar Hemon ein (Interview mit Hemon / Rezension zu Hemon).

Keiner von diesen Autoren schert sich vordergründig um den reinen Dreiakter, der inzwischen so austauschbar gestrickt wird, dass man beim Film wie beim Buch genau die Zeit bis zur nächsten Pinkelpause abstoppen kann. Die meisten dieser Autorinnen und Autoren scheinen nie etwas von Cliffhangers gehört zu haben und machen Figuren zu "Helden", die jeder im Westen moderne Schreibratgeber in die nächste Mülltonne verdammen würde. Sie sind aber auch weit entfernt von einer Sprache, wie sie in Leipzig trainiert wird, weit entfernt von der in deutscher Hochliteratur allzu beliebten mikroskopischen Nabelschau. Sie schauen lieber in die Abgründe des Lebens und Überlebens und erfinden manchmal sogar eine Poesie des Schreckens, der gescheiterten Existenz in einer unübersichtlichen, heißgelaufenen Welt.

Noch bin ich dem Geheimnis dieses Zaubers nicht restlos auf die Spur gekommen. Aber ich kann jedem nur empfehlen, die Lese- und Schreibgewohnheiten öfter einmal aufzubrechen, sich auf "Anderes" einzulassen. Und vielleicht machen die Links in diesem Beitrag auf das ein oder andere Buch oder einen Film neugierig?

Kommentare:

  1. Liebe Petra,
    mit diesem Artikel haben Sie für mein Empfinden 'so richtig Gas gegeben'. Ich bin noch ganz atemlos, da ich die von Ihnen angebrachten Kennzeichnungen an den Abzweigungen des Labyrinths teilweise übersehe und viele Gänge mehrfach renne. (Ich bin immer noch als Laborratte unterwegs.) ;)

    Noch bin ich dem Geheimnis dieses Zaubers nicht restlos auf die Spur gekommen.

    Ich folge Ihrer Spur, verliere sie manchmal aus dem Auge und lande dann in (m)einer Sackgasse.

    Und vielleicht machen die Links in diesem Beitrag auf das ein oder andere Buch oder einen Film neugierig?

    Ganz bestimmt! Wobei mich interessieren würde, ob Sie zum Beispiel Olga Tokarczuk: Unrast auf Polnisch gelesen haben, ob eine Übersetzung Zauber reduzieren kann und ob ich überhaupt in der Lage wäre, den Zauber wahrzunehmen. Aber meine Sinne sind nun schon besser geschärft - gut vorbereitet - auch wenn, oder gerade weil Sie die Rezension 'verweigern' ;)

    Danke!

    Gruß Heinrich

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  2. Hallo Heinrich,
    das freut mich immer, wenn ich jemanden auf schräge Bücher fernab der Kassenstapel neugierig machen kann!

    Tokarczuk lese ich auf Deutsch. Es ist leichter, in Polen fremdsprachige Bücher im Original zu kaufen als umgekehrt... (und ich müsste - etwas eingerostet - auch zu viele Wörter neu nachschlagen, um fließend lesen zu können.) Allerdings hat Olga Tokarczuk auch eine Webseite mit Textauszügen auf Polnisch: http://tokarczuk.wydawnictwoliterackie.pl/

    Ich kann also ahnen, dass die Übersetzerin wunderbare Arbeit leistet und ein Parallel-Kunstwerk schafft. Sie ist ganz nah dran an Tokarczuks Satzmelodie, an ihrer Art zu sehen. Gut ist, dass es immer diesselbe Übersetzerin ist, obwohl die Bücher unerklärlicherweise in drei verschiedenen deutschen Verlagen erscheinen.

    Wenn ich das jetzige Buch ausgelesen habe, werde ich sie hier noch einmal nennen und eine Rezension wagen. Ich kann aber jetzt schon sagen: "Unrast" hat mich bisher am meisten gepackt! Gerade, weil es so treffend über unsere Zeit spricht.

    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Falls jemand auf russische Literatur neugierig ist, empfehle ich auf ARTE unter www.arte.tv zum Onlinefernsehen zu gehen und dort folgende Sendung zu wählen:
    Lesehorizonte vom 26.4. um 23 Uhr
    Leider gibt es keinen Direktlink.

    Ist eine Sendung über die neue russische Literatur mit Rückblick auf ein paar alte Größen. Kulturell völlig exotisch war die Hauptaussage am Schluss: Bücher spielen immer noch eine sehr große Rolle, es wird sehr viel gelesen, Schriftsteller sind geachtet. Aus Tradition - weil man Büchern mehr trauen kann als den Medien und Politikern.

    Von so einem Planeten kann man doch hier nur träumen ;-)

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  4. Hallo Petra,
    vielen Dank für Ihre zusätzlichen Informationen! Gerade die Passage über die Übersetzerin treibt mich dazu, eine Lobeshymne für ÜbersetzerInnen anzustimmen. Ihr Wort 'Parallel-Kunstwerk drückt genau das aus, was mir durch den Kopf ging. Es ist eine unbeschreibliche Leistung, wenn die Parallelen geringen Abstand haben, oder sich gar berühren.
    Ich erlebe auch bei SyncronsprecherInnen ähnliche Kunst, die in einigen Fällen sogar das Original übertrifft.
    Auch dort ist ein Wechsel nur schwer zu ertragen.

    Gruß Heinrich

    P.S. Mein Dank gilt auch den GhostwriterInnen und allen, die die Künstler hinter der Bühne unterstützen!

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