Welttag des Buches

Es gibt so viele Welttage der UNESCO, dass man sich manchmal fragt, wann der Welttag des Maikäfers oder der des abgestandenen Biers gefeiert wird. Heute ist also der Welttag des Buches. Und keiner weiß so richtig, was er damit machen soll, denn die ursprüngliche Forderung, an diesem Tag doch endlich mal wieder zu lesen, dürfte für eingefleischte Buchmenschen unvorstellbar sein: Gibt es Menschen, die ein ganzes Jahr lang kein Buch in die Hand nehmen, aber ausgerechnet dann schmökern? Das Literaturcafé erklärt, was der Tag soll und was da so gemacht wird.

Passend dazu hat der BVjA einen offenen Brief im Börsenblatt veröffentlicht, in dem die jungen Autoren die Rückkehr zu Buch und Inhalt fordern - und eine Abkehr von "Kommerzialisierung" und Skandalgeschäft. Vor allem die Literatur junger AutorInnen sollte wieder stärker gefördert werden.

Mich als Autorin lässt der Brief etwas ratlos zurück. Auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten, Stipendien und Buchpreisen wurde ich von der Realität heftig belehrt, dass es im deutschsprachigen Raum eine sehr breite Literaturförderung gibt - die allerdings meist nur den Jungen vorbehalten ist. Wäre ich noch einmal holde 25, könnte ich Stipendienhopping betreiben, anstatt im Brotjob zu malochen wie die meisten KollegInnen. Und mit "unliterarischen" Werken - Sachbücher eingeschlossen - hat man sowieso keine Chance, dann ist man angeblich auf der Sonnenseite des Auflagenlebens.

So löblich es ist, mediengemachte Hypes anzuprangern, von denen inzwischen auch das bildungsbürgerliche Feuilleton lebt, so überholt erscheint mir persönlich die Definition von künstlichen Kampffronten - kombiniert mit dem Schlachtruf nach einem Zurück. Es gibt kein Zurück. Wir leben längst mit einem Buchmarkt, der sich einerseits immer stärker fragmentiert und anderseits tief gespalten ist: In die Produktion von Lesefutter und in die Sorte Bücher, die in Buchketten nicht in Stapeln an die Kasse gelegt werden. In Verlagskonzerne, in denen der Controller machmal mehr zu sagen hat als der Lektor - und in engagierte verlegergeführte Verlage.

Diese Polarisierung ist per se nicht schlecht. Überflüssig sind die Streitereien, auf welcher der beiden Seiten nun das "gute Buch" verlegt und verkauft werde, das "wertvolle Buch". Für LeserInnen ist immer das gerade gut, was sie sich wünschen und was ihnen besonders gefällt. Gut ist, wenn LeserInnen diese ganz Vielfalt haben können, die als Buch denkbar ist. Warum nicht am Nachmittag das philosophische Essay durcharbeiten und am Abend mit Vampiren ins Nachtreich schweben? Warum nicht mit hochwertiger Literatur genauso gut Geld verdienen wie mit Trendklonen?

Das System hakt ganz woanders. Risikobereitschaft, Rückgrat und Innovationsfreude werden zu selten belohnt, weil Profit die einzige Messlatte scheint. Sie werden selten belohnt bei AutorInnen, die Glattgebügeltes einfach schneller verkaufen. Sie werden innerhalb von Großverlagen nicht belohnt, weil die Spitzentitel alles andere überschreien. Sie werden im Feuilleton nicht mehr belohnt, weil man auch da lieber schreit, im Rausch der Skandale und Hypes - bis keine Seite mehr frei ist für andere Neuerscheinungen. Sie werden im Buchhandel schon gar nicht belohnt, denn da herrschen inzwischen raue Sitten, da wird mit Rabattforderungen stranguliert; und wie man in diesem Jahr lesen konnte, sollen Verleger sogar Rolltreppen mitfinanzieren.

Wer auf die freie Wirtschaft blickt, dort, wo es wirklich oft nicht mehr um Inhalte geht, sondern um reine "Produkte", der wird schnell erkennen, dass solches Unternehmertum nicht krisenfest ist, sich irgendwann rächt. Man kann eine Weile auf alte Züge aufspringen, bei ausreichender Finanzkraft geht das lange gut - aber irgendwann fährt auch die letzte Dampflok ab. Lesefutter ist gut und schön. Wie aber soll man seine Kunden noch zu Wertigkeit erziehen, wenn solche Bücher in Nullkommanichts für zwei, drei Euro herausgehauen werden? Gewiss, AutorInnen wird es immer genug geben, die nur um des Veröffentlichen willens für sinkende Vorschüsse und schlechtere Lektorate schreiben. Aber wie lange noch wird es LeserInnen geben, die sich neben den Wühltischen dann noch Hardcover leisten mögen?

Es müssen - längst überfällig - neue Strukturen der "Buchvermittlung" her, die den Kleinen, den finanziell schwächeren, ebenso eine Stimme geben. Das fängt im Vertrieb und Buchhandel an und hört bei der Werbung auf - denn auch Kleinverlage müssen kommerziell arbeiten, sprich Geld verdienen. Auch AutorInnen sind keine Sozialinstitute und müssen von ihrer Arbeit Lohn leben.

In den herkömmlichen Medien und im Ketten- und Onlinebuchhandel hören wir nur noch das Geschrei der Lautesten. Warum also für "alte" Zustände kämpfen und wertvolle Energien verpuffen? Warum nicht vorwärts in die Zukunft schauen? Lasst dem Lesefutter seinen Platz. Aber schafft neue Plätze für das "Andere", für Bücher, die nicht primär als Ware oder Profitlieferant abzuschätzen sind.
Im Internet klingt jede Stimme gleich laut, der billige Jakob wie der sensible Schüchterne.
Wo sind die Plattformen der Independents, die Communities fürs "Feine"? Wo sind die innovativen Ideen fürs Aufsprengen der Vertriebsbedingungen, für gemeinsame Aktionen im Handel, für Buchdarstellung nicht nur am Welttag des Buches?

Ich bin absolut blutige Laiin, was den Buchmarkt betrifft (deshalb darf ich blauäugig vielleicht Unmögliches fordern). Aber mein kleiner Finger sagt mir, dass die Zeiten für Nische und Qualität noch nie so gut waren wie jetzt. Das hungrige Publikum ist da. Wagemutige Verleger gibt es. Nur müssten jetzt einige Gruppen dafür sorgen, dass diese beiden Gruppen auch tatsächlich langfristig zusammenkommen!
Vielleicht sollten wir im deutschsprachigen Raum mehr Innovationspreise statt Stipendien vergeben?

Kommentare:

  1. Frauke Ehlers23/4/10 15:08

    Liebe PvC

    so langsam reichen mir die 140 Zeichen nicht mehr für die Kommentierung Ihrer Statements. Ich glaube, Sie haben vollkommen recht, daß die Zeiten nie so günstig waren, neue Allianzen zu bilden, die Neues, Innovatives schaffen könn(t)en. Und die Transparenz, die uns das Internet und das Social Web bietet, hat es einer auch noch nie so leicht gemacht, mit den anderen Playern in Kontakt zu kommen. Andererseits werden die Ideen noch nicht gut an einer Stelle gemakelt und koordiniert, sondern das findet an massig aus dem Boden wie Pilzen schiessenden Plattformen statt, die kaum sinnvoll zu verfolgen sind. Und vor lauter Verfolgen, kommt frau dann kann nicht mehr dazu, das Originäre, Eigene zu denken. Es gibt Ansätze, das für den Buchbereich zu bündeln, wie LW Initiative "Ich mach was mit Büchern" oder jetzt dann auch das Buchcamp vom Forum Zukunft des Börsenvereins. Aber das und all das andere ist alles noch nicht so, in meiner Wahrnehmung, das mit neuen Geschäftsmodelle Brot verdient werden kann. Und das ist dann auch der Spagat, in dem frau sich befindet, das "Alte" noch zu bedienen, weil da, immer noch, wenn auch weniger verdient wird, und die neuen Chancen trotzdem nicht zu verpassen.

    Kollegiale grüße nach F.
    Frauke Ehlers (twitter/buecherfrauen)

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  2. Liebe Frau Ehlers,

    so ein Kommentar von jemandem, die sich mit Buchhandel wie Controlling auskennt (über das wir Autoren ja gern mal schimpfen), das freut mich ganz besonders!

    Ich habe ja mal spaßhalber zusammen mit Leuten aus der Werbung und einer Filmproduktion (Bücherfernsehen wäre so schön gewesen) die Rechnung aufgemacht, was solch eine Edelplattform für Bücherperlen an Vorkosten verschlingen würde, selbst wenn sich jeder aufopfert. Das geht offensichtlich nur mit richtig starken Partnern im Rücken - oder indem die Mitgliedschaft richtig tüchtig Geld kostet... Ich hoffe heimlich, dass mir irgendwann jemand diese Idee stiehlt, der genug Power dafür hat.

    Ich denke aber, dass jeder im Kleinen bewusster handeln könnte, in der Überlegung, ob man das System stützen will oder den Unabhängigen helfen. Das beginnt beim Buchkauf als Leser: wen unterstütze ich da eigentlich? Das beginnt bei der hochpolitischen Entscheidung von Autoren, ob sie ihre Bücher auf der Webseite beim Multi anbieten oder den unabhängigen Buchhandel empfehlen.

    Die meisten sind so froh, irgendeinen Vertrag unterschreiben zu können, dass sie sich um solche Sachen gar keine Gedanken machen - das finde ich schade.

    Schöne Grüße aus dem Elsass (das bereits durch die Giganten literaturbereinigt ist)

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  3. Liebe Frau Cronenburg,
    ratlos ließ mich der Brief des BVjA nicht, er skizziert an prominenter Stelle für die richtigen Adressaten was bekannt ist. Sicher läßt er manches aus, so etwa, daß noch vor einer guten Dekade Literaturagenten unfertige Manuskripte junger Autoren zu Höchstpreisen absetzen konnten. Dieser Hype ist vorbei. Jetzt wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Er läßt auch aus, daß das Feuilleton längst zu einer eigenen hermetischen Kunstform geworden ist, die sich nur noch partiell mit der künstlerischen Wirklichkeit befaßt, dagegen sehr intensiv mit sich selbst.
    Das Geschäft der Buchhandelsketten bedient zudem einen ganz eigenen Markt, früher war dies das Geschäft der Kolportagehändler. Kritisch wird es, wenn die mittleren Buchläden verschwinden, die eigene Programme und Profile pflegten und so zu einer literarischen Vielfalt beitrugen. Die Internet-Buchhandlung mit der von Libri oder einem anderen Grossisten eingespeisten Homepage ist hierfür kein Ersatz. Andererseits entstehen neue differenzierte Strukturen, die Hoffnung belassen. Ja, die große Gleichmacherei im Handel und bei den Verlagen schafft auch wiederum Raum für Innovationen, die in Nischen gut gedeihen. Hier dürfte es spannend wie ehedem bleiben. Ein großes Rad wird mit diesen Angeboten gewiß nicht gedreht werden. Dafür entstehen neue Verknüpfungen und Angebote; schließlich wird die Zahl der Leser, die dem Zeitgeschmack nicht folgen wollen, sondern „nebenraus“ und am Trend vorbei lesen, eine feste Größe bleiben.
    Herzlichen Gruß
    Matthias Mala

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  4. Lieber Herr Mala,

    ich bin mir sicher, dass man das Rad größer drehen könnte, wenn all die facettierten, fragmentierten "Alternativen" sichtbar und prominent ein eigenes Sprachrohr hätten. Wenn man dafür eine alternative Finanzierungform finden könnte - denn die betreffenden Verlage haben nicht dieselbe Finanzkraft für Werbung und PR wie ein Konzern. Wenn eben nicht jeder nur vor sich "hinwurschteln" würde.

    In anderen Ländern geht das doch auch. Spontan fällt mir das französische Projekt mit dem Qualitätslabel für unabhängige Buchhandlungen ein, die eine gewisse Breite an Angebot führen *müssen*, um anerkannt zu werden. Das ergibt nicht nur Werbung, sondern geht mit Steuererleichterungen einher. (Leider kommt es fast zu spät.)

    Mir fällt eine Plattform in Frankreich ein, wo ich wie bei jedem Onlinebuchhändler stattdessen bei jedem noch so winzigen Bouquinisten des Landes einkaufen kann, vom verlassenen Kaff an der bretonischen Küste bis in die Pyrenäen - und das mit einem Bezahlsystem, das den winzigen Händlern kein Kreditkarten-Handling abverlangt.
    Als "Online-Edelladen" in D. fällt mir Tubuk ein (unter meinen Links).

    In den USA gibt es inzwischen Plattformen, wo Künstler Sponsorengelder sammeln können, um ein Werk zu schaffen - ein einziger deutscher Verlag testet das jetzt aus, um ein Buch so zu finanzieren, dass das Ebook verschenkt werden kann. Und dann fällt mir in D. der Hanser Verlag ein, der beweist, dass hochwertige Literatur nicht auf verstaubte Kanäle angewiesen ist - mit intensiver Arbeit in den Social Media und eigenem youtube-Kanal.

    Ich denke, es bewegt sich etwas, aber noch ist das alles punktuell und kaum einer blickt über den eigenen Zaun.

    Und soll ich mal ganz provokativ etwas Schreckliches sagen: Der leider für Deutschland sehr typische Grabenkrieg zwischen Hochliteratur und Unterhaltung - den es woanders so nicht gibt - ist ein ganz wichtiges Hemmnis. Ich habe den Eindruck, statt zu handeln, diskutiert man oft lieber darüber, was Literatur sein darf und was nicht...
    Ich erinnere nur daran, wie lange es gedauert hat, bis das "Schmuddel-Genre" Krimi in die Feuilletons durfte. Die literarischen Krimi kaufte man dann eben aus dem Ausland ein.
    Gibt noch viel zu tun!

    Herzliche Grüße,
    Petra van Cronenburg

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