Blutige Pläne und ein Geständnis

Ich gestehe ein heimliches Laster: Mein bis vor einiger Zeit noch exzessiver Genuss von gedruckten wie verfilmten Krimis muss eine seltsame, bis dahin unbeachtete Hirnregion stimuliert haben. Im Scanner leuchtet sie inzwischen sonnenuntergangsorange bis blutrot, auf dem Bildschirm des Arztes blinkt ein Warnsignal: "Verarbeitungszentrum für absurde Literatur". Seither bin ich nicht mehr diesselbe. Im Satireland Polen mit seinen herrlichen Zynismen ist es schlimmer geworden. Und wenn es mir schlecht geht, bekomme ich regelrecht Attacken.

Der Arzt riet mir zur Ventiltherapie und schickte mich in die Klinik von Lübbe. Dort entstand das schweinchenrosa Machwerk "TrennKost", mit dem ich der Welt ein für allemal klarmachen durfte, wie man eine Beziehung erfolgreich an die Wand fährt, selbst wenn man noch gar keine hat. Und weil während des Schreibens einer meiner Lieblingshunde verstarb, war ich schlecht genug drauf, absurd und satirisch schreiben zu können. Aber leider war es in Reihe geplant und nicht ganz so frei, wie sich mein seltsames Hirnareal das gewünscht hätte.

Zum Glück gab es ein Undercover-Double meiner selbst, das sich heimlich unter falschem Namen in zwielichtigen Kaschemmen herumtrieb und Dinger ausheckte, über die der Kaschemmenwirt einmal sagte: "Ich weiß nicht, was es ist, aber wenn ich diese Texte lese, habe ich den Eindruck, mit meinen Synapsen passiert was Komisches." Der Wirt wusste, wovon er redete, hatte er doch selbst einen Brüller geschrieben. Ich konnte bei den Miniaturen selbst nicht lachen, das kann ich nie. Meine Idee war aus dem Nachrichtenjournalismus entstanden: Beiträge, die 1:30 Minuten nicht überschritten, wenn man sie denn sendete. Wir wollen ja alle hoch hinaus in dieser schnellllllebigen Welt.

Im wahren Leben jedoch musste ich seriös, gebildet und vertrauenserweckend erscheinen. Nie hätte man mir sonst Kulturgeschichte, Geschichte und andere Intelligenzausbrüche abgenommen - zumal ich eine Frau war. Und so erfuhr auch keiner der Lektoren, die mich als zu intelligentes Weib ablehnten, dass mein Alter Ego als Mann unterwegs war, mit Trash, absolutem Trash. Spätestens hier ahnt der aufmerksame Leser: das kann auf Dauer nicht gut gehen. Mein Animus lehnte sich auf. Mein Areal aus Absurdistan blubberte spontan und ungefragt in den ernsthaftesten Situationen hoch.

Ich habe alles versucht. Bin in eine Autorenselbsthilfegruppe und wusste nicht, mit welchem Namen ich mich vorstellen sollte. Jemand riet mir, mich mit James N. Frey zu befreien und endlich einen verdammt guten Roman zu schreiben. Ein anderer fragte, ob ich mir die Beine rasieren würde. Mir fiel dazu nur ein, dass ich Angst vor Schneidwerkzeugen hätte, weil ich dann immer abbe Beine, Arme und Finger vor mir sehe. Und einer beging den Fehler und sagte: Du, Krimis sind Trend!

Mein armer Agent hat dann erfahren müssen, wie das ist, wenn eine Autorin sich nicht gern mit Rasierklingen die Zehen abschnippelt, aber bei kuddelfressenden Kommissaren und Leichen auf dem Komposthaufen kein Pardon kennt. 160 Seiten lang hat er eine Serienidee ertragen müssen, die ihn offensichtlich genügend zum Schmunzeln anregte, dass er sie in diesem Rohstadium schon anbot. Tja, was soll ich sagen. Es kam, was kommen musste. Gut fanden sie das schon, die Lektorinnen, aber nicht verkäuflich. Wer will um Himmels willen bei einem Krimi lachen? Wer hat schon Spaß an skurrilen Gestalten in ländlich abartigen Gegenden? Der Barnaby, der darf das, aber das ist Fernsehen. Englisches Fernsehen. Wir sind Buch. Mehr Blut bitte, Madame!

Madame zog das Ding zurück, bevor es womöglich noch einen interessieren konnte. Weil es wieder im Hirn blubberte. Die Lektorinnen hatten allesamt recht, das war alles noch nicht krank und abartig genug. Jetzt war die Zeit fürs ganz große Verbrechen gekommen. In einem Alter, in dem Frauen auch noch der Damenbart sprießt, ließ sie den Kaschemmentyp vollends von der Leine. Seit gestern zeigt der Kerl den Weibern wieder, wo's langgeht. Seit gestern ermitteln wieder unfähige, gestörte oder sonstwie depperte Kommissarinnen und überführen sich manchmal selbst.

Und dann ist es passiert. Großmeister Hitchcock, von mir lebenslänglich hoch verehrt, derzeit überall in Retrospektive, hat es klingeln lassen. Und dieser üble Hund und Möchtegernschreiber, garantiert nicht verkäuflich mit verlagsseitigem Prüfsiegel, hat die Idee, seine dunkle Seite nun öffentlich auszuleben. Noch vertieft sich der Hund in die modernen technischen Möglichkeiten, 1:30er nicht verfilmen zu müssen oder doch (wer meldet sich freiwillig als Darsteller?). Und das könnte üble Folgen haben: Bei Anruf Mord.

Die gesittete Dame in mir bedankt sich bei dem, der von Anfang an an das mordende Schwein geglaubt hat, mit einem Knicks: beim Kaschemmenwirt. Lang hat's gedauert, bis der Werwolf sich entpuppte, neun Jahre lang. Manche Männer kommen eben langsam, aber heftig...

update:
Ein Link zu "Trennkost" bei Lübbe ist unmöglich. Zuest wunderte ich mich nur, dass es in der Suchmaschine des Verlags nicht auftaucht. Dann recherchierte ich und fand das Buch plötzlich überall zum Ramschpreis. Von einer Verramschung bin ich nie informiert worden (ad Verwünschungen), obwohl das Usus ist. Mir war nur durch Medienberichte bekannt, dass der Verlag zu seinem alten Heftchennamen "bastei-lübbe" zurückkehrt und das Verlagsprogramm passend dazu umstellen will.
Damit ist meine Weltbild-Glosse besonders süffisant geworden, ich bin sicher, man bekommt mich dort auch für einen Euro!
Kauft lieber "Das Buch der Rose" und "Elsass", da hab ich selbst etwas davon und die jeweiligen Verlage pflegen sowohl Autoren wie Bücher!

Kommentare:

  1. Liebe Petra,
    ich hatte mich einfach nur gefreut, Ihr Blog gefunden zu haben. Auf der Suche nach gebildeten und niveauvollen Menschen mit eigenem Blog, war ich begeistert, dass Sie zu den SchriftstellerInnen gehören, die ein Blog nicht nur zu Werbezwecken betreiben.
    Sie geben sehr viel von sich selbst, Ihren Werken und Ihren Erfahrungen preis. Ich konnte in Ihrem Blog schon sehr viel lernen!

    Aber nun verschlägt es mir die Sprache! Das ist hier nicht nur Ihr Autorenlaboratorium, sondern auch ein Hinterzimmer einer Schriftstellerkaschemme, in dem der harte Kern tagt, aber auch Sympathisanten hochbrisante Einblicke in interne Planungen und Strategien bekommen .

    Schon die Offenbarung Ihrer Verwünschungsstrategie, die die planvolle Gedankenlosigkeit und fokussierte Gleichgültigkeit fremdgeldgesteuerter, persönlicher Assistentinnen und Behörden als Munition für Ihre Kreativwaffe nutzt, ließ erahnen, welch explosive Kraft sich hier sammelt. In Verbindung mit den blutigen Undercover-Plänen, die nun gezielt, offensichtlich therapeutisch und digital zum Einsatz kommen, entwickelt sich das Ganze zu einem komplexen, globalen Kreativwaffensystem, das mindestens eine Literatur- wenn nicht sogar eine Kulturrevolution auslösen wird.

    Das ich das noch miterleben durfte!

    Gruß Heinrich ;)

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  2. Lieber Heinrich,
    Das mit der Selbstpreisgabe ist so eine Sache, es heißt ja, sobald ein Schriftsteller heimlich ins Tagebuch schreibe, inszeniere er sich bereits selbst. ;-)

    Aber wenn Sie so weitermachen und die gesamte Verschwörung hier aufdecken, dann wird dieses Blog demnächst von CIA, NSA, FBI, ABC, XYZ und allen anderen Buchstaben des Alphabets strengstens überwacht werden. Passen Sie auf, was Sie in Zukunft sagen! ;-)

    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Liebe Petra,
    da haben Sie völlig Recht!
    Ersetzen Sie bitte den ersten Begriff durch 'Eingeweihte' und den zweiten durch 'Fans'.
    Ich bin immer noch (oder schon wieder) etwas naiv. ;)

    Schönen Tag der Arbeit und weiterhin täglich Erfolg und Freude mit Ihrer Arbeit,

    wünscht Heinrich

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