Langweilige Vorrede

Gleich ist es so weit - Interview-Premiere im Blog.

Nach 26 Jahren Journalismus fühle ich mich wieder wie ein kleiner Volontär. Mein Medium brachte mich nämlich an Lerngrenzen. Eigentlich wollte ich nur ein kurzes Interview bringen, dann antwortete der Interviewpartner aber derart interessant und aufschlussreich, dass ich beschloss, nur leicht zu kürzen. Da stand ich nun mit fünf Seiten, die jedes Blog sprengen. Nichts leichter als das: Wir basteln ein pdf!

Meinem Computerdoktor sei Dank - ich fand das Programm dazu auf der Festplatte. Aber wohin mit dem Ding? Blogger ist kostenlos und schluckt nicht jede Datei. Also schiebe ich das auf den eigenen Server und verlinke ganz schick. Dann wäre aber eine Lizenz angebracht. Wie praktiziere ich die ins pdf? Wo sie doch eigentlich auf eine Webseite gehört? Auch alte Hasen lernen immer wieder neu dazu. Und so bitte ich, etwaige Schönheitsfehler zu entschuldigen - etwa, dass man Links in meinem Billigprogramm ausschreiben muss und nicht einbetten kann.

Ach, und bevor ich jetzt wie in einer Redaktion mit Anfragen zugeschüttet werde nach dem Motto "Ich will auch interviewt werden!" - das schaffe ich mit Einzel-Womanpower nicht. Ich suche mir meine Interviewpartner sehr gezielt und thematisch selbst aus und spreche sie in der Regel selbst an. Im Hintergrund macht sich die Journalistin nämlich Gedanken um eine Kohärenz der Themen und plant weiter. Ich will hier nicht sagen: Das ist der Weg. Ich will unterschiedliche Wege vergleichen, damit sich die Leser eigene Gedanken machen können. Ich halte absolut nichts von Patentlösungen, schon gar nicht in der Buchbranche.

Was mir in diesem Blog immer wieder selbst am Herzen liegt, ist die Frage, wie man innerhalb der fortschreitenden, die literarische Vielfalt zerstörenden Marktkonzentration (wir haben diese Folgen in Frankreich schon hinter uns) nicht nur die "unsichtbaren" Bücher sichtbarer machen kann, sondern auch neue Strukturen entwickeln könnte, die längst überfällig sind. Denn die alten Strukturen versagen immer häufiger - wie ich auch in meiner Eigenschaft als ehemalige Feuilletonistin schmerzlich feststelle.

Ich halte überhaupt nichts von Medienguru-Rezepten und schnellen Patentlösungen. Und wenn etwas in schier religiösem Eifer gepriesen wird, ist mir das schon deshalb verdächtig und ich frage mich: Cui bono, wem nutzt es wirklich?
Ich beobachte aber, dass die unterschiedlichen Akteure im Buchmarkt, die sich bisher oft als gegensätzliche Kräfte erfahren haben, längst in einem Boot sitzen: Autoren, Verlage, Buchhändler - sofern sie sich noch nicht als reine Profitzentren begreifen.

Wir erleben im Moment eine Übergangszeit. Autoren, deren Bücher nicht in Stapeln bei Buchketten an der Kasse liegen, Verlage, die mit den Rabattforderungen von großen Händlern nicht mithalten können oder wollen, unabhängige Buchhandlungen, die sich gegen Riesen behaupten müssen - sie alle behaupten sich in einem System, das offline wie online immer stärker von einem Marketinggeschrei erfüllt ist, bei dem es immer seltener um Inhalte geht, sondern um Gewinnmargen.

Wie gesagt, ich lebe in einem Land, wo wir schon hinter uns haben, was im deutschsprachigen Raum entstehen könnte. Bei uns in Frankreich ist das Buchhandelsterben schon gelaufen. Wir müssen meilenweit fahren für überteuerte Bücher, in glitzernde Kettenpaläste mit immer der gleichen Ware. Wir können Bücher in jedem Supermarkt kaufen, neben der Wurst, dem Käse: immer die gleiche Billig-Abgreifware. Und natürlich hat Frankreich, als es eigentlich zu spät war, Hilfsprogramme für Literatur gestartet. Die sind teuer, kosten im Endeffekt Steuergelder. Nun werden unabhängige, inhabergeführte Buchhandlungen mit literarischer Vielfalt staatlich gefördert, mit Qualitätslabel und Steuererleichterungen. Aber sie haben es schwer. Im Vakuum dazwischen haben die Menschen das Lesen aufgegeben, sich anderen Medien zugewandt.
Ich würde mir wünschen, dass es im deutschsprachigen Raum gar nicht erst zu einem solchen Vakuum kommt.

Kommentare:

  1. Hierzu sollte man unbedingt das Interview mit dem Schweizer Verleger Egon Ammann lesen, der sich nun nach 30 Jahren aus dem Verlagsgeschäft zurückzieht. Man merkt, man spürt es, dass sich das Büchermachen über die Jahre und Jahrzehnte zum Negativen verändert hat. Während Ammann noch die Maxime vertritt, dass ein Verleger dem Autor dienen muss, wird in den großen Konzernen der umgekehrte Weg propagiert: der Autor hat dem Verlag, hat der Profitmaximierung zu dienen.

    "Heute ist etwas wichtiger als alles andere – Marketing. Marketing nimmt überhand. Sie können das Schlechteste mit Marketing gut anbringen und verkaufen. Aber dafür fehlt mir die Fantasie. Die Sache selbst steht längst nicht mehr im Zentrum. Marketing ist wie eine Geißel, die jetzt über der ganzen Branche liegt."

    http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/556114

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  2. Da steckt des Pudels Kern. Aber das Problem haben wir leider mittlerweile in allen Lebensbereichen.

    In Kunst und Kultur schlagen die Folgen besonders übel durch, weil hier nicht das gleiche Geld versammelt ist wie bei Banken oder in der Industrie - und kein Staat käme auf die Idee, dass man die drittgrößte Branche genauso fördern könnte wie die Autoindustrie.

    Denen mit der kleineren Kapitaldecke geht die Luft aus. Ammann war nur einer, der sein Scheitern öffentlich gemacht hat und berühmt genug war, um für Aufsehen zu sorgen. In den vergangenen beiden Jahren sind einige wunderbare Verlage eingegangen. Viele literarische Verlage stehen an ihrem Limit und ohne Sponsoren oder Mäzene läuft bei Nicht-Konzernen manchmal nichts mehr. Ich fürchte, das ist erst der Anfang, wenn sich die Strukturen nicht bald ändern.

    Und das passiert nicht etwa, weil die ihre Arbeit nicht gut machen würden oder keine Unternehmer sind - sie werden einfach erdrückt. Fatal an der Sache ist, dass die Leserinnen und Leser diesen Prozess beschleunigen. Das Fernsehen hat vorgemacht, wo das endet.

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