Verlagspost

Ich hätte das Ganze für einen Aprilscherz gehalten, wenn der Brief nicht gestern nachmittag schon im Kasten gelandet wäre. Denn mir steht immer noch der Mund weit offen vor Staunen. Da schreibt mir also der - nennen wir ihn - Musterverlag zu einem Projekt, das mein Agent schon vor etwa einem Jahr zurückgezogen hatte, weil ich bereits damals keine gesteigerte Lust verspürte, mich umbiegen zu lassen. Lang hat's gebraucht, aber wir sind die schnellen Entscheidungsfreudigkeiten deutscher Verlage ja gewohnt.

Ich verrate es ganz frech: Als leidenschaftliche Krimileserin versuchte ich mich ebenfalls in einem. 260 Seiten standen bereits, humorvoll, ironisch und absichtlich skurril und schräg statt voller Blut. Schon nach zwei Absagen erkannte ich: Splatter und Serienkiller waren gefragt. Also habe ich das Ding in die Tonne der Memorabilia getreten und stattdessen literarisch Ballettfüße gemartert. Es war zu verschmerzen, weil ich inzwischen selbst kaum noch Krimis lese. Wenn ich rohes Fleisch in Stücken brauche, gehe ich in die Metzgerei.

Nun kommt da also eine dieser berühmten Halbabsagen für ein Manuskript, das bereits wie Aas stinkt. "Halbabsage" deshalb, weil der Text wie so oft besagt: "So können wir das nicht kaufen, aber wenn du das umschreibst, reden wir drüber." Oft sorgen solche Briefe, die eigentlich als Mails kommen und vor allem schneller, bei mir für Erheiterung. Der Musterverlag arbeitet mit etwas Ladehemmung noch auf Papier und - wie gesagt - ich hielt das für einen Aprilscherz von gestern. Die Absage ist aber so herrlich, das ich sie öffentlich machen will. Die fantasiereiche Lektorin möge mir verzeihen!

"... haben mit Interesse ... blablabla ..., rasant, sauber geplottet, blabla, Überraschungseffekte, bla ... Möchte ich Sie fragen, ob Sie sich in einigen Bereichen eine Zuspitzung blabla Dramatisierung bla Anschaulichkeit blablabla pralles Leben ... vorstellen könnten. (Achtung jetzt kommt's!). Die Idee mit dem toten Russen unterm Weihnachtsbaum in der Lichtenthaler Allee hat zwar ein starkes emotionales Element, das die Träume unserer Leserinnen anregen wird, ist aber insgesamt zu alltäglich. Wagen Sie mehr! Unsere Leserinnen wollen fest angepackt und aus ihrer heilen Welt herausgerissen werden, bevor sie nach der rasanten Aufklärung des Falles beruhigt einschlafen können.

Unser Vorschlag: Können Sie sich vorstellen, die Leiche in kleine Stückchen zerschnitten in Folienpakete an den Weihnachtsbaum zu hängen? Passanten auf dem Weg in die Christmette könnten bemerken, wie aus den Päckchen Blut tropft. Dann könnten wir das ganze Parallelverweisen auf Dostojewskij weglassen, das unsere Leserinnen nur aus dem Sog der Geschichte reißen würde. Man könnte vielleicht eine dramatische Nebenhandlung einbauen, in der die russische Mafia mit irgendeiner anderen Gruppe um die Geschenkfolie gekämpft hat, die eigentlich aus irgendeinem sehr wertvollen Stoff besteht, vielleicht einem seltenen Metall, das ausgewalzt wurde. Und nun kommt keiner an die Pakete, weil die Polizei sie beschlagnahmt.

Könnten Sie sich vorstellen, das Manuskript in dieser Richtung zu überarbeiten? Unsere Leserinnen begeistern sich für Serienmörder, blutiges Gemetzel, Wahnsinn und alles, was am Küchentisch ein wenig mehr gruselt als ein blutiges Steak. ... blablabla ... würden gern mit Ihnen im Gespräch bleiben."

Da steh ich nun, ich armer Tor. Und wollte an Ostern eigentlich nur den Osterhasen in die Pfanne hauen. Soll ich stattdessen Leichenteile in Weihnachtspäckchen verpacken? Beinahe, aber nur beinahe, wäre ich ja versucht... Ich würde dann aber aus dem Russen eine Lektorin machen.

APRIL APRIL!!!

Kommentare:

  1. bäh. da macht man sich doch Gedanken über die Psyche des Briefschreibers.

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  2. Och, das rot in den Schnee tropfende Blut hat irgendwie was, mich erinnerte es an Schneewittchen, oder waren es Aschenputtels Schwestern? ;-)

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  3. Mich erinnert die Idee gewaltig an Fred Vargas. Zu ihrem Kommisar Adamsberg oder den drei durchgeknallten Historikern, die auch manchmal ermitteln helfen dürfen, würde das passen.

    Mein Eindruck nach der Lektüre mancher Krimis, dass da vermehrt geklaut wird.

    Das Witzige ist, dass eine Bekannte, die nur die Filme im Fernsehn gesehen hat, beim Lesen des Klappentextes meinte, das höre sich ja....

    Keine akademisch gebildete Viel- und Schlauleserin, die Frau, "nur" jemand mit gesunder Wahrnehmung und ebensolchem Menschenverstand!

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  4. Jaaa.. das könnte man dann kurz gesagt so schreiben: Schwiegermutter umbringen, in Scheiben schneiden und einfrieren, mit jedem unappetitlichen Detail natürlich ...

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  5. Im Elsass hat mal einer seine Frau in Scheiben verheizt. Das ging so lange gut, bis die Mairie eine neue Umweltbestimmung für das Verbrennen von "Hausmüll" in Holzöfen erließ. Kein Aprilscherz.
    Der wird oben in einem neuen Beitrag gelüftet. ;-)

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