Wider das Vergessen

Manchmal bildet man sich nach zwölfjährigem Autorenleben ein, doch so ziemlich alle interessanten Verlage wenigstens beim Namen zu kennen, zumindest diejenigen, die das eigene Leseinteresse abdecken. Aber vor wenigen Wochen habe ich mit Entsetzen festgestellt, wie auch ich, trotz all meiner Kritik daran, von dem, was im Buchhandel ausliegt, beeinflusst werde. Es hat mich erschreckt, wie viele "unsichtbare Bücher" und manchmal auch viel zu wenig sichtbare Verlage es gibt. Und es werden durch die Marktkonzentration immer mehr. Doppelt erschreckt hat es mich insofern, als ich der Meinung bin, wir deutschsprachigen Autoren (und Leser) kranken ohnehin an einem noch ganz anderen schwarzen Loch, was Literatur betrifft: den zuerst verbotenen, dann verbrannten und schließlich vergessenen Büchern.

Wenn wir heute staunend oder auch neidisch auf die Innovationsfreudigkeit oder Erzählkunst anderer Länder schauen, spüren wir noch etwas von der Wunde, die sich die Deutschen mit der versuchten Ausrottung der jüdischen Literatur geschlagen haben. Wer es damals geschafft hatte zu emigrieren, nahm Erzählkunst und Traditionen des Schreibens mit, verband diese mit der neuen Kultur. Die nachfolgenden Generationen, vor allem in den USA, bauten nahtlos auf diesen europäischen Traditionen ihre moderne Literatur auf.

Auch heute ist es nicht einfach, viele der damals prägenden und wichtigen, ja oft weltbekannten Autoren in deutscher Sprache zu lesen - sie werden oft gar nicht bewusst nicht mehr verlegt, sondern schlicht vergessen. In einer Zeit, wo alles nur noch dem nächsten neuen Hype hinterherhechelt, verschwinden diese Bücher im Dunst der Vergangenheit. Gleichzeitig verschwinden immer mehr reichhaltige Facetten von Literatur, erzählerische Herausforderungen und besondere Bücher aus den Buchläden - und damit irgendwann aus unseren Köpfen. Was der Kunde nicht sofort greifen, nicht anschauen kann, existiert für ihn nicht mehr. Profitdenken führt zu einer neuen Beseitigung von Büchern, die sich sanft anfühlt und eines Tages kulturell bitter rächen wird.

Wenn es nicht immer wieder Idealisten gäbe, die sich gegen die allgemein verordneten Moden stemmen würden! Die sich engagieren, weil sie von ihrer Sache überzeugt sind. Eine von ihnen, die Verlegerin Lisette Buchholz, macht das seit 1983 mit Erfolg - und dass es ihre damalige Gründung, den persona verlag in Mannheim, immer noch gibt, ist in heutigen Zeiten etwas ganz besonderes. Wie sie selbst schreibt, wollte sie vergessene und verschollene Exilliteratur aus den Jahren 1933 bis 1945 wieder zugänglich machen. Im Lauf der Jahre kam israelische, nordeuropäische und russische Literatur dazu - und auch der Kriegs- und Nachkriegszeit in Europa widmet sie einen Schwerpunkt.

Die Erzählungen der Brecht-Freundin Ruth Berlau "Jedes Tier kann es" wurden zum Bestseller, bekannt wurden Anna Gmeyners "Manja" und Lili Körbers "Die Ehe der Ruth Gompertz". Lisette Buchholz hat in ihrem persona verlag Namen herausgebracht wie Pierre Assouline, Alexander Sacher-Masoch oder Clara Grunwald. Und dabei scheint sie alles anders zu machen, als "man" das so macht: Das Geschäft mit dem Buch hat sie sich selbst beigebracht, mutig ist sie nach vorn gestürmt - hat sich aber auch beschränkt, auf die eigene Arbeitskraft und die Bücher. Die stehen nach wie vor - auch nach bald dreißig Jahren - in der Backlist. Das heißt, keines dieser Bücher wurde je verramscht oder aufgegeben, jedes einzelne ist nach wie vor bestellbar - und das ist in heutigen Zeiten schon fast ein kleines Wunder, dass ein Verlag seine Backlist derart liebevoll pflegt.

2001 erhielt der persona verlag den baden-württembergischen Landespreis für literarisch ambitionierte kleinere Verlage. Sein Programm verdient noch mehr Leserinnen und Leser, die sich wie ich an den Kopf schlagen: "wie konnte ich diese Bücher bisher übersehen" - und beim nächsten Besuch in der Buchhandlung explizit danach fragen werden. Nicht ganz zufällig habe ich diesen Verlag entdeckt, denn morgen werde ich die neueste Perle aus seinem Programm besprechen.

Und wer in Berlin wohnt, kann übermorgen die Verlegerin Lisette Buchholz zusammen mit dem russischen Autor und Theatermann Eduard Kotschergin nebst seinen drei Übersetzern persönlich kennenlernen.

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