Innenleben

So, jetzt haben wir also die eierlegende Wollmilchsau von morgen kennengelernt, nach den rasenden Reportern des 20. Jahrhunderts kommen die Autoren auf Speed. Kippen morgens mit ihrem Technikcoach einen Espresso mit doppelter Dosis Koffein und telefonieren dabei mit Journalisten, die ihnen PR-Artikelchen ins Blatt hieven sollen. Irgendwann spät abends nach ihrer Werbetour fürs selbstgemachte Buch und den Besprechungen mit Grafiker und Layouter treffen sie ihren Zen-Coach, der ihnen nach dem vollkommen dreißigsekündigen Nichts einprägt, sie müssten doch endlich mal wieder ein wenig Text...

Ich kann mir das gut vorstellen, ich kann das sogar selbst. Weil ich zu dumm für alle möglichen ordentlichen Berufe war und nichts anderes als Schreiben plus Nebenkram gelernt habe, weiß ich, wie das geht, wenn man zwei Stunden durch den Schnee fährt und sechs Stunden in der Konferenz den Kopf rauchen lässt. All das, was der Autor von morgen angeblich selbst in die Hand nehmen muss, erledige ich nämlich für andere. Ich organisiere mal für einen Kunden eine niedliche Pressekonferenz, texte und übersetze für andere, stelle Leute und ihre Arbeit ins richtige Licht, übersetze und arbeite mit anderen an Kulturprojekten oder bin eines der vielen grauen Mäuschen, die keiner wahrnimmt und die einem den Urlaub verbessern. Und weil der Tag bekanntlich vierundzwanzig Stunden hat, sitze ich noch mindestens drei bis vier davon an einer Buchübersetzung und lerne da auch noch ständig dazu.

Nicht selten fluche ich ganz laut. Weil sich mit solch einem Arbeitspensum, vor allem nach kreativer Hochleistung, oft nicht mehr an eigenen Buchprojekten arbeiten lässt. Weil sich aus dieser Welt so oft nicht umschalten lässt in diese Kopfwelten, die stillen, die so viel Schutz brauchen. Ich atme dann tief durch und sage mir: Gewöhn dich dran (das sage ich nun schon bald 25 Jahre). Du hast halt nichts Besseres gelernt. Und ein im Sterben liegender reicher Erbonkel oder ein Privatsponsor sind auch nicht in Sicht. Also weitermachen. Dafür muss ich im Winter nicht mehr frieren und habe genug im Kühlschrank. Bücher schreiben ist leider Luxus geworden, obwohl es dafür eine Garantiesumme gibt, wenn es zum Vertrag kommt. Aber die reicht eben nicht nicht über so lange Zeit, wie sie meine Projekte brauchen. Also schreibe ich Texte über Splitterholz oder Kunstgalerien, über Tagebau und Revolutionskriege.

Jetzt stelle ich mir vor, ich müsste all diese Arbeit nicht für andere, sondern für mich selbst tun. Ich kann das ja. Ich könnte auch für mich Kontakte knüpfen, Pressekonferenzen organisieren, Leaflets entwerfen und und und. Ich hätte einen wahrscheinlich anstrengenderen Tagesablauf als für Kunden - denn sich selbst anzupreisen ist schließlich das Schwerste im Metier. Da greifen die üblichen Mechanismen nicht mehr. Man will ja nicht als Billiger Jakob erscheinen und muss sich trotzdem ständig im Gespräch halten. Das wäre also alles noch denkbar. Aber.

Es gibt immer dieses dicke, ekelhafte Aber: die Autorin ist ein armer Schlucker. Die verdient zwar an ihren Büchern etwas, Garantiesummen pro Stück und inzwischen auch Tantiemen (dazu müssen ja erst die Garantiesummen "hereingeholt" sein). Aber es reicht nicht, um die PR-Frau in ihr zu bezahlen. Es reicht vielleicht gerade mal, der Journalistin in ihr etwas zuzustecken. Es reicht nicht, die Planung und Herstellung von Leaflets bei dieser PvC zu bezahlen. Kurzum: die PR-PvC, die Texterin PvC und all die Zulieferer-PvCs müssten für die Buchautorin PvC auf ihren gerechten Lohn verzichten, nur damit diese von verkauften Büchern und Umsätzen träumen kann. Die Sache ist klar - das ist ganz eindeutig Ausbeutung. Dadurch, dass es sich um Selbstausbeutung handelt, wird die Sache nicht gesünder. Autorin PvC würde nämlich wieder frieren, öfter nichts im Kühlschrank haben und sich in ihren restlichen Persönlichkeitsanteilen krumm schuften, ohne Rente versteht sich. Und wenn der Traum nicht Wirklichkeit wird? Sicher ist nur eins - frierend und hungernd hat der Mensch nicht mehr viel Kraft zur Kreativität.

Dieses Horrorszenario hole ich mir gern vor Augen, wenn mich mein Brotberuf wieder einmal schmerzhaft vom Bücherschreiben abhält. Ein Horroszenario wäre es außerdem, weil ich mich als Unternehmerin in einem Beruf aufopferte, den ich selbst nicht für besonders wirtschaftlich erachte. Ich habe schon einmal in Polen eine GmbH aufgebaut und wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, ausgerechnet in Bücher zu investieren! Nein, ich will keine Firma "PvC-Förderung" aufbauen, schon der Businessplan dafür wäre mir zuwider. Ich will auch nicht andere dafür bezahlen müssen.

Ich will meine Textarbeiten für andere machen, um bezahlt zu werden, um leben zu können. Und das nimmt mir eine ungeheure Last von den Schultern. Ich muss für meine Bücher nicht noch herumflippen. Ich könnte es. Wenn ich wollte. Natürlich mache ich auch Werbung dafür, natürlich freue ich mich an Büchertischen. Ich steuere auch mal Adressen und Ideen bei. Aber im Grunde habe ich immer meine Verlage im Rücken. Die verkaufen tatsächlich meine Bücher auch dann, wenn ich selbst gar nichts in Sachen Marketing tue. Wenn ich nur das ausübe, was die eigentliche Bestimmung einer Autorin ist: das Schreiben.

Durch diese Konstellation passiert etwas, was mir kein Coach und kein Koffein geben können: Ich kann tief durchatmen. Und finde in diesem Freiberuflerwahnsinn mit Überstunden und Wochenendarbeit entspannte Zeitlöcher. Dadurch, dass ich nicht mehr darüber nachdenken muss, wie ich mich vermarkte oder wieder mal hip gestylt irgendwo im Internet auftreten sollte, gelingt mir Innenleben. Kunst und Schreiben brauchen Rückzug, Stille, Gegenwelten, Selbstbesinnung. Kunst und Marketing funktionieren nicht miteinander (deshalb gibt's für sowas Fachleute von außen). Kreatives muss absolut marktfrei entstehen und wachsen können. Das Marketing bekommen Bücher dann noch früh genug aufgedrückt - aber zu früh ist es tödlich. Es sind zwei Denkwelten, die nicht miteinander vereinbar sind - nicht im kreativen Prozess.

Ich liebe diese gestohlenen stillen Stunden, diese Freiheit von all dem Profitgewäsch und Auflagensteigerungsgedöns. Ich liebe diese Gegenwelten der zu erzählenden Geschichten, wenn ich unverfroren die verrücktesten Ideen haben darf, Figuren durch meinen Kopf jage, wild herumrecherchiere. Ich liebe es, diese verrückten Ideen mit Leuten aus der Branche zu besprechen, vielleicht sogar gemeinsam daran herumzuspinnen - oder andre verrückte Ideen aufprallen zu lassen. In dieser mitternachtsblauen Stille keimt ein Lebewesen, das von allen Seiten Nahrung aufnimmt, sich dehnt  und manchmal zu völlig überraschenden Formen wächst. Manchmal geht es auch schon erste Schritte in einem Verlag, manchmal wird es überbehütet.

Ich bin langsamer geworden beim Bücherschreiben. Ich hätte die Zeit nicht wie andere Kollegen, nur wenige Monate für einen dicken Schmöker zu brauchen. Aber ich habe das ungeheure Privileg, zwischen zwei anregenden Berufswelten hin- und herschalten zu können, in denen es eben nicht nur immer um mich geht. Es reicht mir, im Schreibprozess in mir gefangen zu sein. Ich möchte nicht auch noch im Brotberuf immer nur mich sehen, mich auch noch auf ein Podest hochpreisen müssen, nur weil der moderne Autor das so zu machen hat. Hat er das? Müssen Autoren irgendwas? Müssen sie nicht. Künstler haben einen der letzten Berufe, in denen man sich verweigern kann. Dieses Recht sollte man sich nicht nehmen lassen.

Ich bin froh, dass mir andere diese Arbeiten abnehmen. Ich kann über meine Bücher reden, aber ich will sie nicht verkaufen müssen. Ich kann an Rezensionen leiden, aber ich will sie nicht auch noch in Auftrag gegeben haben. Ich kann mich auf der Bühne verbeugen, aber ich will nicht irgendwo auf den Knien rutschen müssen. Ich kann mich darstellen, aber ich will nicht zum Selbstdarsteller werden. Wenn mich jemand fragt, was ich mir am meisten wünsche, was ich wirklich will, dann gibt es nur eine Antwort: Schreiben.

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