Blaue Stunde

Gerüche aus der Kindheit, Düfte aus dem Urlaub - solche Erinnerungen bleiben ein Leben lang, aber vor allem im Deutschen hat sich nie eine ausreichende Kultur gebildet, sie wirklich beschreiben zu können. Wie beim Wein hangeln wir uns an Krücken von Vergleichen entlang, selten wagen wir uns an Metaphern. Und genau da rebelliert in mir die Synästhesistin - ich möchte Texte so gern duften lassen können...

Gestern habe ich eine Duftzeitreise veranstaltet. Die Ballets Russes, 1909 gegründet, waren bekanntlich ein Gesamtkunstwerk. Anders als in vielen modernen Opernhäusern wurde hier dem Publikum ein Vollrausch geboten: Musik, Tanz, bildende Kunst, Kostüme, Farben - all das forderte in bisher unerhörter Weise alle Sinne heraus. Aber nicht nur das - für die Ballets Russes und von ihnen inspiriert schufen die angesagten Modeschöpfer eine neue orientalisierte Mode, die es den Frauen ermöglichte, die Korsetts der Belle Epoque wegzulegen und sogar bequeme Haremshosen à la Nijinsky zu tragen. Und was man heute kaum noch weiß: Die Ballets Russes inspirierten die besten Parfumeure Frankreichs; neue Düfte entstanden parallel zu den Ballettpremieren.

Ich hatte gestern mein neues Buchprojekt im Kopf, das ich für mich BLAU nenne. Weil es so klingt, sich so anfühlt, so riecht, wie ein ganz bestimmtes Blau, das man aus einem reinen Ultramarin und Benois-Blau bekommt. Es müsste doch ein ähnlicher Duft auch in der Welt zu finden sein? Ich stellte mir das märchenhaft vor: einfach das passende Parfum auftragen und schon würden die Ideen in die Tastatur fließen. Manchmal muss man so herumspinnen, wenn die Muse Urlaub hat. Und natürlich fiel mir mein eigener Text über Nijinsky ein, da hatte ich ja all die parallel geschöpften Parfums beschrieben, von denen es noch heute einige gibt. War da nicht auch irgendetwas Blaues gewesen?

Natürlich. Einer der ganz großen Parfumeure (und dazu zählt die Firma noch heute), Guerlain, brachte 1912 ein Parfum auf den Markt, das laut Firmenmythos angeblich auf die Werke der Impressionisten zurückgeht. Der avantgardistisch-orientalische Duft kam in den Verkauf, nachdem Nijinsky den "Blauen Gott" getanzt hatte und schon längst zum Star geworden war, als alle Welt den orientalistischen Balletten der russischen Emigranten zujubelte und Modeschöpfer wie Juweliere in - Blau - schwelgten. Hatte ich da meinen Duft in L'Heure Bleue (die blaue Stunde), das noch in dem Flakon präsentiert wird, der von den Bühnen der Ballets Russes stammen könnte? Nicht jeder Duft, der blau heißt, riecht ja auch blau...

Dumm ist, dass man solche uralten wertvollen Düfte in fast keiner Drogerie mehr testen kann. Ketten, die auch bei Büchern hauptsächlich auf Schnelldreher setzen, verfahren mit Parfums ähnlich: Kurzlebiger Trend erschlägt irgendwann Qualität. In Deutschland sind die Trends wieder ganz andere als in Frankreich. Nur in manchen Edelkaufhäusern von Hauptstädten steht auch seltenere Ware. Also musste ich mich erst einmal über Worte annähern - und die versagen bekanntlich schnell, wenn es ums Riechen geht. So wurde meine Reise durch die Beschreibungen von L'Heure Bleue zu einer Entdeckungsreise menschlichen Riechverhaltens.

Schon bei so einfachen Dingen wie der Einordnung von Kopf-, Herz- und Basisnote (mehr dazu in "Das Buch der Rose") divergieren die Beschreibungen enorm. Laut Guerlain sind als Kopfnote Bergamotte und Anis zu riechen. Durchforstet man Erlebnisberichte im Internet, duften da jedoch je nach Gusto auch schon mal "alte Apotheken", manche wollen Estragon und Salbei riechen (verwandte Stoffe im Anisöl), andere haben Pralinen und Bonbons vor sich, wieder andere sind angeekelt von "Desinfektionsmittel". Weil letzteres vor allem Amerikanern passiert, steht die Vermutung nahe, alte Desinfektionsmittel dort seien vielleicht mit Anisöl parfumiert gewesen- und dann ruft ein Duft eine Assoziationskette ab. Wie aber beschreibt man einem Fremden zuverlässig einen Duft, den der eine als Bonbon und der andere als Apotheke wahrnimmt?

Wenn schon die einfachen Dufteinordnungen nicht mehr funktionieren, greifen manche Menschen gern zu Assoziationen und Vergleichen. Vordergründig werden diese von perfekten Werbetextern der Parfumbranche initiiert. Eine Parfumwerbung funktioniert dann, wenn sich möglichst viele Menschen mit diesem Mythos, diesem Image identifizieren können. Kein Wunder, dass sich so viele in die blaue Abenddämmerung versetzt fühlen, impressionistische Bilder von Wasser und womöglich noch Monets Seerosen sehen, das alles will der Firmenmythos so, der jedem Parfum einen ersten Bilderreigen zuordnet und manchmal auch nach neuen Moden verändert.

Aber dann gibt es wiederum Vergleiche von Laien, die sichtbar sensibel auf Düfte reagieren und Dinge "sehen", die sie gar nicht wissen können. Jemand schrieb, das Parfum dufte so, wie die Musik von Reynaldo Hahn klinge. Sicher wusste er um den Zeitgenossen dieser Schöpfung von 1912. Aber wusste er auch, dass eben dieser Reynaldo Hahn die Musik zu Nijinskys Ballett Le Dieu Bleu geschrieben hatte, nach dessen Premiere das Parfum L'Heure Bleue diesen Erfolg hatte?

Jemand anderes wollte den Bruch gerochen haben, zwischen der Avantgarde und der Belle Epoque - und viele Männer entdecken den Duft heute wieder für sich. Da las ich, was auch ich noch nicht wusste: Während sich heute vor allem Frauen an Männerdüften bedienen und die Industrie deshalb immer mehr Unisex-Produkte auf den Markt bringt, war das um die Jahrhundertwende genau andersherum. Viele dieser heute als "Frauendüfte" legendären ersten Aldehydparfums wurden damals auch von Männern getragen. Frauen wollten so zunächst nicht duften, zu hart schien die orientalisierte Moderne gegen die "erlaubten" reinen Blumenparfums. Und in einer Zeit, in der Nijinsky mit seiner legendären Androgynität Männern wie Frauen den Kopf verdrehte, waren Männer zudem mutiger als heute, was Düfte betraf.

Dann beschreibt eine Künstlerin das Parfum, wie sie es auftrug, wie es sie inspirierte und doch mit einer Art melancholischer Sehnsucht erfüllte. Sie verglich es mit Citizen Kanes "rosebud", diesem Symbol für die unerfüllte Suche nach etwas, das man nicht genau greifen kann. Da sprang in mir etwas an. Hatte ich nicht eben dieses rosebud in einem meiner Bücher verwendet und untersucht? Ich brauchte ziemlich lang, um mich zu erinnern, in welchem (Das Buch der Rose). Denn eigentlich habe ich ja schon wieder eine Rosenknospe vor mir, die ihr Inneres noch vor mir versteckt, die noch nicht duften will und von der ich nur eine Ahnung habe, wie sie vollerblüht schön sein könnte. Diesmal war ich auf der Suche nach Blau...

Ich fürchte, ich werde allenfalls in Straßburg fündig werden, um an L'Heure Bleue zu schnuppern - ein Parfum auf Verdacht zu kaufen, kann nämlich böse ins Auge gehen. Vor allem diese alten, sehr reinen Kompositionen verbinden sich mit Haut und Schweiß zu völlig individuellen Düften, die sogar je nach persönlicher Verfassung von Tag zu Tag wechseln können. Mancher kennt das vielleicht - so schön ein Parfum aus der Flasche oder auf Papier duftet, man selbst fühlt sich plötzlich in verbrannte Zwiebeln oder abgestandenen Urin gehüllt. Dann muss man entweder die Haut wechseln oder das Parfum.

Aber neugierig auf den blauen Duft von 1912 bin ich schon, Bergamotte und Anis, später Nelken, Rosen, Veilchen und Tuberrosen und schließlich Iriswurzel, Vanille und Benzoeharz... Der Duft spielt mit kalt und warm, mit berauscht und melancholisch, mit männlich und weiblich, mit scharf und pudrig. Gegensätze, wie sie Nijinsky vereinte, lebte, tanzte. Und dieses Parfum hatte er dabei in der Nase - denn es war damals der letzte Schrei in Paris. Die Zeitmaschine ist also längst erfunden - und der Zugang führt durch die Nase.

Kommentare:

  1. In welchen armen Zeiten wir doch heute Leben.

    Ich las nur den ersten Teil des heutigen Eintrages bis mich Russland, Gedanken an meiner, in Moskva geborene, Grosstante und die Sehnsucht nach einer Zigarre und deren Duft mich auf den Balkon trieb.

    Doch bin ich in geistig in der falschen Epoche - ich bin vor der Revolution. Und wenn ich hier im Elsass mein Leben lebe, muss ich unweigerlich immer an Oblomov denken - warum sich anstrengen?

    Es ist vielliecht auch die Jahreszeit, die Zeit in der die kuenstlichen Dufte staerker in den Vordergrund treten.

    Die Sehnsucht ist allerdings immer vorhanden - Muetterchen Russland.

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  2. Hmmm... sind wir nicht immer vor oder nach irgendeiner Revolution? Und welches Russland? Das von ganz oben rechts im Denkregal, das aus der Klischeeschublade oder das von unterm Teppich?

    Der gute alte Jean Cocteau, der damals noch blutjung war, meinte in späteren Jahren, er habe gar nicht gemerkt, dass er es mit Russen zu tun gehabt hatte, Strawinsky, Bakst, Diaghilew und all die anderen seien ihm so urfranzösisch vorgekommen. Und die wiederum hatten ja genau deshalb den Riesenerfolg, weil sie dem Westen kein echtes Russland verkauften, sondern eine riesige Traum- und Schaumfabrik für westliche Sehnsüchtler. Erwartungs-Russland sozusagen.

    Kulturreichtum und neue Kunst brodeln auch heute (wie schon immer) an den Schnittstellen der Emigration, wo Menschen sich mit Fremdsein (alienation) und Entfremdung auseinandersetzen müssen. Heute kommen diese Befruchtungen vielleicht eher aus dem türkischen und arabischen Raum - wir müssen nur hinhören und hinschauen.

    Ich empfehle nachträglich zum Nachlesen den Türkei-Schwerpunkt bei SWR2 (laufen vielleicht sogar noch Sendungen) oder das überbordende, von Migranten befruchtete Kunst- und Kulturleben in Strasbourg. Und wenn Ihnen nach Russland von heute zumute ist, haben Sie es nach Baden-Baden nicht weit, da lebt es in all seinen Extremen. Vielleicht nicht grade mehr ein Mütterchen ... obwohl - bei der Dichte an Luxusaltenheimen...

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  3. Ach ja, von Baden-Baden ab gibt es konkurrenzlos billige Billigflüge nach Sankt Petersburg. Und Künstler von dort erleben Sie reichlich beim nächsten Musikfestival in ihrer Wahlheimatstadt - alle Jahre wieder im Sommer.

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  4. Die Option von Baden-Baden nach St. Petersburg liegt mir irgendwie naeher als "Onkel Valdimir" am Leopoldplatz aufzusuchen, obwohl dieses die guenstigere Option erstmal ist. Vielleicht leistet man sich mal den Eintritt zum Fabergé-Museum.

    Tja, welches Russland - kann man das nicht von jeder Region sagen? Frankreich bietet auch eine gewaltige Illusionsmaschine, zumindest fuer die Englaender.

    Und die Irish Pubs ueberall sind so Irisch wie ich ein Russe bin.

    Also, ab nach Strasbourg! Liegt ja auf dem Weg nach Timbuktu oder?

    Seufz!

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  5. Nach Timbuktu kommen Sie über den Faubourg National ;-)

    Das mit den schillernden Facetten muss ich leider immer wieder betonen, weil ich der Kürze halber in meinem wilden Sammelsurium schnell Landesbezeichnungen herauspfeffere und mir das dann von außen gern als Pauschalisierung ausgelegt wird von Leuten, die mich nicht kennen. Da muss ich dann besser dreimal sagen, DAS Russland, DIE Franzosen gibt es nicht, sonst habe ich irgendwann all die an der Backe, die so etwas und Schlimmeres behaupten.

    Außerdem - gebe ich zu - machte es mir an dieser Stelle Spaß, Sie ein wenig zu provozieren. Wenn Sie nämlich vom Outre Foret reden, in dem ich ja auch wohne, dann scheint das ein völlig anderes Land zu sein als das, in dem ich lebe. Und das macht mich wieder staunen über jenes Land, das so viele Kostüme anlegen kann wie eine Operndiva.

    Sie wissen ja, bei meinem Elsassbuch war das die große Frage: Welches dieser Länder dieses Landes wollen die Leser eigentlich haben? Welches kann ich vermitteln? Der Verlag hat für seine gesamte Serie nicht umsonst ausschließlich Autoren genommen, die als Ausländer in dem Land wirklich leben oder immer wieder dort leben. Das beeinflusst die Perspektive - und doch ist es nur eine von vielen.

    Deshalb heißt mein neues Buch "Eine Annäherung..." Ich bin viel zu weit weg von den Ballets Russes, war noch nie in Russland und in Paris nur als Touristin, habe keine Zeitmaschine. Also kann ich mich nur annähern, indem ich versuche, all die Welten miteinander zu vergleichen, die die anderen Beteiligten darüber im Kopf hatten - um jede sofort wieder zu relativieren.
    Denn gerade um Mythen ranken wieder Mythen...

    Cocteau war auch ein Dauerselbstdarsteller, ein unheimlich charmanter zwar, der aber auch nicht gemerkt haben will, dass Picasso ein Spanier war. Sagt er damit etwas über sein Gegenüber aus oder über sich selbst? Und was spielt er in dem Moment?

    Dann gilt es, alle möglichen Propagandageschichten von allen Seiten abzuschälen, denn immer und immer wieder werden solche Geschichten auf Nationen verkürzt und missbraucht. Und schließlich muss man an den Fassaden kratzen, an der persönlichen Propaganda, die in all den subjektiven Biografien von Zeitgenossen - oft unbewusst - erfunden wurde.

    Eigentlich sollte man solche Themen auch mal grenzüberschreitend bearbeiten (Traum). Das passiert zum Glück in der Kunstgeschichte auf Ausstellungsebene, aber mehr scheitert wohl leider an der Sprache.

    Und da bin ich wieder bei der Europa-Arbeit, wo ich immer wieder staune, welch unüberwindbare Berge selbst zwischen angeblich befreundeten Nachbarn eingerissen werden müssen - und welche Kraftakte an Diplomatie das erfordert.

    Wie kommen wir eigentlich von schönen Düften auf solche harschen Themen?

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