Ich bin kein Berliner

Kollegin Christa S. Lotz beschäftigt sich in ihrem Blog mit dem Thema, ob man besser nur über das schreiben solle, was man kenne. Als ich von dieser These las, musste ich spontan lachen, denn mir kam ein gewisses Erlebnis mit einer Verlegerin in den Sinn.

Eines Tages saß sie zufällig an meinem Tisch; wir kannten uns bereits flüchtig, weil sie die Lizenz eines meiner Bücher herausgebracht  und mich bei einer Lesung erlebt hatte. Irgendwann im Laufe des Abends fragte sie mich, ob ich mir vorstellen könne, über einen Russen zu schreiben, einen Russen zwischen Petersburg und Paris.

Nun ja, warum eigentlich nicht? Schließlich sind Russen Menschen wie unsereins und ich war selbst Ausländerin in Frankreich.

Ob ich mir vorstellen könne, über Ballett zu schreiben?

An dieser Stelle verschluckte sich die Autorin womöglich. Über Ballett? Aha. Ich war schon öfter in einem gewesen, als Zuschauerin, hatte es entweder unsäglich oder überwältigend gefunden. Ich wusste, dass es ein Bolschoi-Theater gab und ein Marijnsky-Theater, aber von letzterem beherrsche ich bis heute noch nicht einmal die neue deutsche Schreibweise: Mariinsky. Ich wusste, wie das aussieht, was Balletteleven an dieser komischen Stange machen - da hatten wir es schon: Ich wusste nicht, wie man diese Stange nennt. Ich wusste auch nicht, wie all die Beinhaltungen hießen, wann so eine Bewegung in der Luft beginnt und wann es schon die nächste ist. Das sagte ich der Verlegerin offen und ehrlich.

Das lässt sich alles lernen, meinte sie. Es gehe darum, ob ich bereit sei, während all dieser Zeit in und mit dem Ballett zu leben. Ob ich mich begeistern könne.

Ich wollte wissen, ob es noch ein paar solcher Haken gäbe, aller guten Dinge sind schließlich drei.

Dieser russische Balletttänzer sei psychisch krank gewesen. Ich müsste mich mit Schizophrenie auseinandersetzen. Mit Psychiatrie.

Aha. Nun habe ich zwar schon einmal Menschen in einer psychosomatischen Klinik besucht, aber die sah aus wie ein Kurhotel. In jenem besonderen Fall würde ich es mit Psychiatern zu tun haben, die ihre Patienten mit künstlichem Insulinkoma behandelten oder völlig von der Außenwelt und allen Sinneserlebnissen isolierten. Und ich würde es mit einem Tagebuch zu tun haben, in dem ein Mensch - angeblich tief im Wahn - sein Innerstes zeigt.

Drei Dinge, von denen ich obiger Theorie zufolge sofort die Finger hätte lassen sollen. Immerhin konnte ich auf einen rudimentären Russischkurs in der Schulzeit zurückblicken, den wir als freiwillige AG durchgedrückt hatten, weil wir zu viel James-Bond-Filme ansahen. Aus Baden-Baden kamen nämlich in den 1970ern ab und zu exotische, äußerst schwer von KGB-Leuten bewachte Männer in unsere Stadt zum Einkaufen. Sie stiegen aus fremdartigen Limousinen mit sowjetischen Fähnchen aus, durften niemanden anschauen, niemanden grüßen. Wir wussten damals nicht, dass es sich um eine Militärbotschaft Russlands handelte, anscheinend die einzige im Westen. Wir versponnenen Teenager wussten nur, wir würden sofort einen von denen "befreien" und verstecken , wenn er abhauen wollte. Und dazu - das hatten wir auch aus James-Bond-Filmen gelernt - mussten wir eben etwas Russisch können. Aber reicht das als Vorbildung für ein Buch?

Ich glaube mich zu erinnern, dass ich erst einmal einen Schluck Wein nahm, um fürchterlich nachzudenken über dieses verrückte, schräge, ausgefallene Projekt, das mir ziemlich unversehens über den Weg lief (damals wollte ich noch über Erdölgeschichte schreiben - und da kenne ich mich wirklich aus, auch wenn mir das keiner ansieht). Ich wollte womöglich noch einen Schluck Wein nehmen und noch mehr nachdenken, fragte aber stattdessen: Um wen geht es denn eigentlich?

Nijinsky. Die Ballets Russes.

Irgendetwas in mir erklang. Ein trauriges Gefühl. Ich hatte schon einmal irgendwo mit anderen in einer fremden Sprache über ihn geweint. Warum nur war dieses Gefühl so groß? - Es sollte lange und einige Recherchen dauern, bis ich mich an den Anlass wieder erinnerte. Es war 1993 in Warschau gewesen, als die Todesnachricht von Nurejew noch sehr frisch war und ein regelrechtes Nurejew-Nijinsky-Revival begonnen hatte. Nur war ich noch so neu in Polen, dass ich fast nichts verstand und viel zusammenreimte. Wir gingen damals ins Kino, den amerikanischen Film über den anderen Gott des Tanzes anschauen, über Nijinsky. Und da flossen dann die Tränen hemmungslos - denn Nijinsky war in Warschau getauft worden, im Wielki Teatr regelrecht aufgewachsen - wo seine Eltern getanzt hatten. Auch wenn es während seiner Kindheit und Jugend kein Polen gab (das war aufgeteilt), ist er doch dort einer der künstlerischen Nationalhelden. Ich hatte damals kaum die Hälfte verstanden und so waren Nurejew und Nijinsky irgendwie in mir verschmolzen, als eine Erinnerung an Tragik und Größe und umwerfendes Ballett.

Ich bin heute noch froh, dass mir im Lebtag nie die Überlegung durch den Kopf gegeistert wäre, man könne nur über das richtig schreiben, was man kenne. Meine Gedanken waren ganz andere. Dieses Thema lag so weit außerhalb alles bisher von mir Gedachten, war eine derart große Herausforderung und faszinierend, dass ich Ja sagte, bevor ich auch nur nachdenken konnte.

Heute lese ich die langen, englischsprachigen Passagen Bronja Nijinskas, in denen sie die Tanzschritte ihres Bruders bei der Aufführung mit allen Fachbezeichnungen wiedergibt - und sehe einen Film vor mir. Ich habe sämtliche öffentlich erreichbaren Fotos von Nijinsky derart intensiv studiert, dass ich einmal mit Erschrecken las, es habe nie Filmmaterial über ihn gegeben. Aber ich hatte diesen Schwarzweißfilm doch gesehen! Mit Erstaunen stellte ich fest, dass es diesen Film nur in meinem Kopf gibt. Ich selbst hatte ihn gedreht, als ich über L'Après-midi d'un faune schrieb.

Und jetzt, beim nächsten Projekt, bin ich zufällig wieder bei Russen und Emigranten gelandet und ich war immer noch nicht in Petersburg. Diesmal wird es noch schwieriger (das Hirn wächst an seinen Aufgaben, schrieb jemand kürzlich im Kommentar). Die Materiallage ist kläglich und keine Schrift kann unhinterfragt gelesen werden - die meisten strotzen vor sowjetischer oder amerikanischer Propaganda. Vielleicht kommt diesmal zu Paris und Petersburg auch noch Berlin hinzu. Aber darf man über Dinge schreiben, die man nicht kennt? Ich war noch nie in Berlin. Berlin ist für mich eine fremde Stadt mit einer fremden Mentalität - mir so fremd wie Petersburg. Ich bin im Gegensatz zu Kennedy kein Berliner.

Aber zum Glück bin ich Schriftstellerin. Und die machen das wie der Kleine Prinz mit dem Fuchs...

Und vielleicht verkaufe ich eines Tages mit meinen schrägen Themen wenigstens so viele Bücher, dass ich mir den Billigflieger leisten kann, der von Baden-Baden abfliegt, in Berlin zwischenlandet und in Petersburg ankommt. Meinen Schulkurs könnte ich in der Zwischenzeit wieder auffrischen.

Kommentare:

  1. Wenn man nur über das schreiben darf, das man kennt, wären beispielsweise die meisten Biografen arbeitslos und viele Biografien gäbe es erst gar nicht.

    Das Gleiche gilt natürlich auch für die Geschichtsschreiber. Die waren ja alle nicht an der Schlacht von XYZ dabei, also kennen sie diese Schlacht gar nicht.

    Bei Orten stellen ich mir die Frage, ob man über sie objektiv schreiben kann, wenn man sie kennt oder wäre das Bild nicht objektiver, wenn man sie nicht kennt?

    Alles in allem, also egal ob Personen, Ereignisse oder Orte, kommt es wohl immer darauf an, ob man Emotionen für die fragliche Sache ausdrücken oder das Ganze relativ emotionslos niederschreibt will.

    Auch eine Biografie, von einer nahestehenden Person geschrieben, kann sehr emotionsgeladen sein. Das gilt im gleichen Sinne für jemanden, der Teil eines Ereignisses ist.

    Somit: Ja, man kann, sofern nicht der Anspruch besteht, emotionsgeprägt zu schreiben. Letzteres ist nur möglich, wenn man «die Sache» (Person, Ereignis, Ort, Gefühl) persönlich kennt. Dann ist sie aber höchstwahrscheinlich nicht mehr objektiv.

    Übrigens, kann ein Arzt einen Beinbruch behandeln, obschon er selber noch nie ein Bein gebrochen hatte? :-)

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  2. Unter der Prämisse hätte ich nie mehr als eine Handvoll kleiner Geschichtchen geschrieben.
    Zudem: Schreiben wäre schrecklich langweilig, was nicht heißt, dass in die meisten Texte/Romane biografische bzw. selbsterlebte Fitzelchen mit einfließen. Das sind aber nur, wie gesagt, "Fitzelchen"

    Liebe Grüße
    Elke,
    nach langerlanger Arbeitsphase wieder mal online

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  3. Elke, dich gibt's noch, das ist schön! Ich denke mal, wenn in dem Thema nicht mindestens ein Fitzelchen von mir zu finden wäre, wäre ich nicht drauf angesprungen...

    Titus, du stellst eine interessante Frage, was die Orte betrifft. Da komme ich sofort zum Schreiben in der Emigration, wenn ich weiterdenke. Ich glaube, das Thema hebe ich mir mal für später auf!

    Ich frage mich gerade, was ein emotionsgeprägtes Schreiben sein könnte? Es geht ja nicht darum, dass ich als Autor in Gefühlen triefe, sondern dass ich im Leser bestimmte Gefühle hervorrufe - so jedenfalls verstehe ich das. Dazu brauche ich eine fast paradoxe Haltung: Ich muss einerseits die nötige *Distanz* für die Dramaturgie haben, andererseits aber selbst auch auf Knopfdruck "Erinnerungen" an Emotionen in mir abrufen können. Jeder macht das anders, ich arbeite da fast ein wenig wie bei Stanislawskis Theater.

    Und da hast du das wieder (dein Arztbeispiel): Man muss nicht gemordet haben, um über einen Mörder schreiben zu können, jedes Urgefühl ist zumindest in Ansätzen im ganz normalen Leben schon dagewesen, von da lässt sich extrapolieren.

    Ich kann überhaupt nicht beurteilen, wie mein Nijinsky wirken wird (das kann man selbst nie so recht). Aber ich stelle fest, dass ich an den wirklich tragischen Stellen, bei deren Recherche und Umsetzung ich selbst gelitten habe, meine Sprache ganz zurückgenommen wird, sehr nüchtern, sehr kurz. Also genau das Gegenteil, als wenn ich eine Schmonzette schreiben müsste ;-)

    Ich denke, gerade für solche Emotionen muss ich etwas nicht kennen, ich muss die Emotion in mir kennen. Eine völlige Distanz gibt es wahrscheinlich auch bei fremden Menschen oder erfundenen Figuren nicht. Man baut da sehr innige Beziehungen auf...

    Übrigens, ich will sie mal hier besprechen, die neue Biografie von Else Lasker-Schüler ist ein Beispiel für eine wissenschaftlich betrachtet umfassende, möglichst objektive Arbeit, aber sie liest sich mit Emotionen. Gerade weil die Autorin eine - ich nenn das mal "liebende" - Beziehung zu ihrer Figur aufgebaut hat. Da wären wir wahrscheinlich wieder beim Kleinen Prinz?

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