Nachts heimlich reisen

Die Autorin hat heute winzige Augen und muss sich nachher zur Hundewanderung regelrecht zwingen. Nach stundenlangem Übersetzen, Post erledigen und mehrmaligem Schneeschippen war ich eigentlich abends reif fürs Nichtstun. Also köchelte ich mir ein feines Menu und freute mich, dass der Computer endlich aus war. Vielleicht lag es daran, dass mir ein wenig zu viel Dill an den Lachs geriet. Irgendetwas muss im Essen gewesen sein. Ich kam auf komische Gedanken.

Mir fiel die kleine knubbelige "apfelgroße" Dame (s. letzter Beitrag) wieder ein, von der ich im Internet ein vergilbtes Uraltfoto fand - schließlich will man bei solchen Übersetzungen sicher gehen. Während also meine Sinne freudig Essen und schönen Wein einsogen, fiel mir außerdem ein, dass sich die Schreibweise des Namens dieser Frau im Lauf der Zeit verändert hatte. Normale Menschen kauen dann genüsslich weiter; selbst mein Name kursiert ja in den verrücktesten Verschreiber-Variationen.

Aber nein, Madame schnüffelte am Dill und dachte daran, wie blödsinnig der Wandel von Umschriften kyrillischer Buchstaben ist, so dass man manche Menschen gar nicht mehr wiedererkennt. Es gibt ja sogar Leute, die neuerdings Tschechow mit einem tschechischen "C" mit Dächlein in Bauchlage schreiben. Was habe ich geflucht bei der Recherche zu den Ballets Russes! Diaghilew, im englischen Sprachraum Diaghilev, schrieb sich zu Lebzeiten in Paris Diaghileff, obwohl das lautlich nun am wenigsten passt. Aber bringt das mal einer einer Suchmaschine bei! Die ist, wenn sie noch keine Ohren hat, schlicht einseitig. Schlimmer als Rechtschreibreform. Manchmal muss man wirklich Russisch lesen können, um jemanden zu finden.

Wäre dies jetzt ein Comic, könnte man eine Autorin mit dicken Backen sehen, der Hund schläft daneben mit einem "chrrrr" in der Sprechblase. Und über dem Kopf der Autorin erscheint leuchtend gelb Thomas Alpha Edisons Ur-Glühbirne - in solchen Fällen wollen wir ja keine Energie sparen! Was im Kopf der Autorin passiert, kann man zum Glück nicht sehen. Die nämlich legt sich bereits einen Suchplan zurecht, einen Suchmaschinenherausforderungsplan.

Irgendwie war ich mit meinem neuen Buchprojekt, das ich bei mir BLAU nenne, nicht weitergekommen. Die Idee klang verführerisch, es gab ein paar spannende Typen, um die es womöglich ging. Aber es entglitt mir immer wieder. Es gab Tage, da konnte ich mich erinnern, dieses wunderbare Heureka-Gefühl gehabt zu haben, aber es ließ sich nicht reproduzieren. Plötzlich war alles weg, die Idee löste sich auf. Wieder eine Totgeburt, so wie man für jedes Buch zig Totgeburten an Ideen als Kompost verwendet?

Da war es wieder. Diese irre Hoffnung: Vielleicht war ich nur deshalb nicht weitergekommen, weil ich mich verschrieben hatte? Vielleicht musste ich nur ein wenig mit Buchstaben jonglieren und sehen, was herauskommt? Ja, klar habe ich mitten in der Nacht wieder das Internet angeworfen (kann man ein Internet anwerfen?). Es fühlte sich an wie in den ersten Zeiten dieser Technik, als ich ausprobieren wollte, ob man bis auf ferne Inseln käme und völlig fertig war, weil ein Kontakt mit Papua-Neuguinea zustande kam. Was ist das Internet heute unspektakulär dagegen...

Ich verschrieb mich. Ich radebrechte Russisch auf Lateinisch. Und probierte. Und irgendwie wechselte Gugl endlich die Sprachen und sah ganz neu und anders aus.
Kürzen wir ab: nach Papua kam ich diesmal nicht. Aber auf eine Webseite, die noch ganz genauso aussah, wie das Internet Ende der Neunziger wirkte, als Wissenschaftler graue Seiten in Endlostexten beschrieben und mit blau-roten Links versahen, von denen die Hälfte nicht funktionierte. Diese sah so aus, funktionierte aber besser, man hatte sogar die meisten Texte auf Englisch übersetzt - welch Segen! Denn ich befand mich irgendwo in tartarischen Landen, sozusagen in der Pampa, in einem Forschungsinstitut, von dem Texte sogar beim amerikanischen MIT zu finden waren.

Goldgräbergejodel. Indianertanz. Pioniersgefühl. Und dann das Fieber der Rechercheurin, die längst ins Bett gehörte. Also ging das ganz automatisch - Texte auf Stick ziehen, Stick in den Laptop und Laptop ins Bett. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich gelesen habe (Lesen am Bildschirm ist wirklich eine Katastrophe!). Ich kann mich nur daran erinnern, wie anstrengend es war, die Lider obenzuhalten. Aber auf den nächsten Tag warten konnte ich nicht. Was ich las, erfüllte meine kühnsten Träume. Es gab dieses Material über eine meiner Figuren und sie hat noch mehr getan, als ich je vermutete. Es gab dieses Material nur nicht dort, wo der depperte Westler, einseitig geworden wie Gugl, immer zuerst sucht!

Irgendwann, wenn ich mal wieder ausgeschlafen bin und etwas freie Zeit finde, steht eine Rundreise auf russischen Seiten an. Und zum Glück sprechen die beiden Fachleute für die Sache Englisch und haben Email. Zum Glück gibt es sogar Emigrantennachfahren in Frankreich. Die Welt ist ein Dorf. Und mein Projekt steht jetzt endlich auf festen Füßen, ist herrlich schräg und unwahrscheinlich spannend. Und das klaut mir so schnell keine Lektorin (ja, sowas gibt's in unserer Branche), die nur des Deutschen mächtig ist.

Aber - auch das gehört zum Beruf: Zuerst ist Disziplin angesagt. Heute und morgen wieder die große Runde Übersetzen, ab Montag Großkampf beim Europaprojekt, zwischendurch wieder einmal schlafen - und schmökern und denken und träumen. Das wäre eigentlich auch ein schöner Beruf: Büchererfinder. Dann müsste man sich nachher mit der schnöden und harten Arbeit nicht abquälen, die den glücklichen Pionier ganz schnell auf den Wüstenboden stellt und sagt: Nun mach mal, finde Wasser!

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