Życie jest piękne

...oder wie der Franzose sagt: La vie est belle, das Leben ist schön.
Als ich mich in meinen ersten Monaten in Polen wunderte, dass man sich dort unter wildfremden Leuten nach zehn Minuten Kennenlernen um den Hals fallen darf, wenn man sich sympathisch findet, erklärte mir ein polnischer Freund das so: Der Mensch, sofern noch nicht verbogen, erkennt sehr schnell, ob er einen anderen Menschen mag. Warum also Zeit damit vergeuden, eine kalte Fassade aufrechtzuerhalten? Zeit und Geduld brauche man noch genug, wenn das Leben die Freunde sonstwohin verschlage. Das war aus Erfahrung gesprochen, denn kaum eine Familie hat das nicht erlebt oder träumt davon: Emigration.

Wenn man dann aber plötzlich zufällig nach New York reise und den seit zwanzig Jahren vermissten Freund entdecke, dann würde man auch nicht die Zeit mit all dem Höflichkeitsbrimbamborium der steifen Deutschen verplempern. Dann stünde der eine eben vor der Tür und man feiere drei Tage, tüchtig und freudig, denn wer weiß, wie lang das Wiedersehen bis zum nächsten Mal halten muss.

Mir lag das sehr, vielleicht, weil meine Familie auch ein wildes Sammelsurium aller möglichen Emigrationen ist (und ich offensichtlich die Tradition fortführe). Und ich weiß, dass man manchmal um die halbe Welt reisen kann und plötzlich Menschen begegnet... Wie diesen Leuten damals in Warschau. Wochen trug ich eine Telefonnummer von wildfremden Menschen mit mir herum. Falls wir Starthilfe in Polen bräuchten. Doch die wohlerzogenen Westler trauten sich nicht, wildfremde Menschen anzurufen. Bis ich beim Faschingsfest meines Polnischkurses neben einem saß, der mir Sachen erzählte, die mir bekannt vorkamen. Bis ich fragte, ob ich etwa seit Wochen eben diese seine Telefonnummer mit mir herumschleppte.

Dann hat uns das Leben wie üblich hierhin und dahin verschleppt, zwischen die Freundschaft geriet Schweigen, manchmal das Leben. Und plötzlich klingelte das Telefon. Plötzlich war alles wieder da und nun freue ich mich auf das Treffen. Mit den Leuten, die mir die Telefonnummer gaben und denen, die das Telefon dazu hatten. Aber nicht genug. Noch ein Polen und die Ukraine haben auch wieder angeklopft, nein angerufen. Noch ein Fest. Alle wieder da irgendwie, und man muss sich kaum entschuldigen für die Fehlzeiten, das Leben eben, aber das Leben ist schön, la vie est belle, Życie jest piękne und das müssen wir nun gehörig feiern. Wenn es sein muss, drei Tage lang! Und noch viel länger und öfter, denn das Leben hat uns alle zusammen in einen Umkreis von hundert Kilometern verschlagen. Europa eben.

Kommentare:

  1. Ich denke auch, ich weiß recht schnell, ob ich jemanden leiden mag, ob es eine Wellenlänge gibt, aber : ich bin vorsichtig uns eher schüchtern. Formalitäten wie Höflichkeiten schützen einen : vor dem (unbekannten) Fremden. Denn auch ein lang nicht gesehener Freund kann fremd geworden sein. Allerdings - ohne jetzt auf die Deutschen verallgemeinern zu wollen - ist es auch eine Frage des eigenen Selbstbewußtseins, denn sicherlich hat jemand, der meint, mit allem fertig werden zu können, die Möglichkeit, auf vorbeugende Schutzmechanismen weitgehend zu verzichten... LG tinius aka @bibliophag

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  2. Jetzt freu ich mich erst mal, dass es den "Bibliophag" noch gibt, willkommen!
    Ich kann dem allem nur zustimmen, auch wenn ich schriftlich nicht so klingen mag, ich bin ebenfalls eher schüchtern... Und ich weiß genauso Landstriche zu schätzen, wo einen Menschen erst Jahre prüfen, dann aber fürs Leben ins Herz schließen - oder gar nicht. Was ich beschrieben habe, betrifft ja eher entspannte, privatere Situationen - wenn sich Geschäftsleute beim Empfang treffen, ist das ganz was anderes.

    Nicht, dass ich jetzt irgendwelche Pauschalmentalitäten festmachen möchte (es gibt überall solche und solche), aber ich stelle fest, dass jedes Land seine eigenen "Kälte/Distanzgrade" gerade in den ihm eigenen Höflichkeitsformalitäten auch festlegt oder von Kindheit einübt. Und dazu gehört einfach auch, dass man sich in Deutschland unter fremden Leuten nicht einfach anfasst - während es im Mittelmeerraum z.B. völlig normal ist, dass Menschen sich beim Gehen im Arm halten, die keine Liebesleute sind.

    Nach 20 Jahren Frankreich muss ich immer höllisch aufpassen, Deutsche zur Begrüßung nicht abzuküssen - auf der anderen Seite empinde ich bei der Küsserei nicht mehr das, wonach das anfangs mal für mich als Neuankömmling aussah - es gibt nämlich eiskalte, völlig distanzierte "bisous" und es gibt freundschaftliche.

    Ich denke, genauso gibt es kulturell unterschiedliche Freundschaftskonzepte, wobei ich das nicht an Landesgrenzen festmachen möchte. Schutzmechanismen... vielleicht entstehen solche Konzepte dadurch: Wie viel Schutz brauche ich oder meine ich zu brauchen?

    Interessantes Thema heutzutage, wo sich jeder Dahergelaufene bei Facebook "Freund" nennt. ;-)

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  3. Es gibt ja auch in D die "Bussi - Gesellschaft", und nichts scheint mir widerlicher. Ich will jetzt nicht evolutionsbiologisch argumentieren, aber es ist im Menschen, denke ich, schon eine Sicherheits - und Fluchtdistanz angelegt, denn Berührungen sind - im wörtlichsten Sinne - "Angriffe". Jemand, den ich überhaupt nicht kenne, den ich also nicht einzuschätzen weiß, darf mich nicht berühren, ohne sofort eine innere Habachtstellung und nicht eben freundliche Gedanken auszulösen. Telefon und Internet z.B. sind aber schon dazu geeignet, gewisse Distanzen im Vorfeld persönlicher Begegnungen abzubauen, auch wenn die dadurch entwickelte Nähe - Vermutung ein gedanklich - emotionales Konstrukt ist. Die Freundesinflation in sozialen Netzwerken ist fast beängstigend, aber in einigen Fällen entwickeln sich zumindest wirkliche und möglicherweise tragfähige Sympathien. Die Erfahrung aber ist : verschwindet man aus einem sozialen Netzwerk, sind die meisten Kontakte schnell, manchmal unmittelbar perdu. - Das Untergehakt - Gehen scheint mir in D noch andere Ursachen zu haben : mir will scheinen, man scheue hier auch die Andeutung des Ostentativen, sodaß selbst Paare bald öffentlich den Körperkontakt eher meiden...

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  4. Ich kann da wahrscheinlich gar nicht mitreden, weil ich denke, der Umgang mit Nähe und Distanz ist persönlich völlig unterschiedlich (nachdem die kulturellen Präliminarien abgehakt / eingehalten sind), das spürt man ja auch oft.

    Aber zum Stichwort "Evolution" fallen mir meine Huskies ein. Ich lebte etwa 20 Jahre in einem Rudel mit fünf Hunden, davon sollen zwei einen Wolfsgroßvater gehabt haben, die waren auch scheuer als die anderen. So ein Leben in der Meute gehorcht archaischem Wolfsverhalten (der Mensch muss mitspielen), also Sozialverhalten. Mit allem, was dazu gehört, von der inneren Hierarchie der Meute bis zur Distanzierung nach außen.

    Und was passierte, wenn fremde Menschen ins Haus kamen? Nach den ersten wolfskulturellen Höflichkeitsfloskeln hatte der schüchterndste und blockierteste Rührmichnichtan den scheuesten Hund an der Backe. Im wahrsten Sinn des Wortes. Der Mensch war nämlich nicht mehr wiederzuerkennen und fleißig am Schmusen.

    Kam dagegen ein typischer Alphamacker, der auch im Beruf alle kuschen ließ und vorgab, der Allerdollste zu sein, dann ging der meist als das traurig kleine Häufchen, das er wirklich war. Weil ihm meine Alphamacker zeigten, dass Rudelführung auf anderen Qualitäten beruht als auf Macht- und Distanzspielchen. Kurzum - meine Hunde veränderten das Distanzverhalten der Menschen gehörig. So wie das Wölfe auch haben: Je nach Bedarf, Situation und Tagesgefühl verändert sich das, was ich immer die Intimzone nannte, ständig.

    Wie relativ Distanzen sein können, wie individuell errichtet oder aufgeblasen, wie schwankend, kann man auch schön in Theaterkursen lernen. Ich erinnere mich an eine Übung, in der die Gruppe in unterschiedlichen Geschwindigkeiten kreuz und quer durch den Raum schreitet, der in vier Grundgefühle aufgeteilt ist, Wut, Trauer, Glück, Verliebtsein.

    Auf ein Zeichen steht man mit seinem Gegenüber da und spielt ihn mit dem Grundgefühl, in dem man sich befindet, in der Geschwindigkeit des vorherigen Laufens aufgebaut, an. Menschen, die man vor dieser Stunde noch nie gesehen hat. Zumindest mir ging es so: Nach so einem Kurs kloppt man alles, was man über sich selbst zu wissen glaubte, Distanz und Nähe betreffend, in die Tonne... Lernt aber auch, wie man das künstlich auf Knopfruck "abrufen" kann.

    Soziale Netzwerke: Kann ich auch wieder nur für mich sprechen - viele dieser Sympathien sind Illusionen und haltbar wird das meist, wenn man's "hinüber" ins Leben nimmt. Echte Freundschaft bewährt sich doch auch erst in der Not. Es ist wie das Reden im Zug oder im Beichtstuhl: die Distanz erleichtert es.

    Ich reagiere oft betreten, wenn mir wildfremde Menschen aus dem Internet eine Mail schreiben und mir gleich ihr ganzes Leben inklusive Eheprobleme schildern, nur, weil sie im Internet gesehen haben, dass ich dies und das gesagt habe. Selten passt das Wort Fremdschämen so. Ich will die Innereien von Fremden nicht sehen. Die sollen gefälligst erst mal Guten Tag sagen, bevor sie sich ausziehen.

    Umgekehrt habe ich aber auch durchs Internet Freunde kennengelernt. Das lief dann aber nach ganz altmodischem Muster: Gegenüber wahrnehmen und respektieren, sich langsam kennenlernen, irgendwann mal telefonieren und sich - wenn es die räumliche Distanz erlaubt - treffen. Und IMMER hat der Kontakt mit mehr als nur Virtuellem (und wenn es nur die Stimme war) dem Virtuellen eine völlig neue Qualität beschert.

    Da sind wir wieder beim Schauspielkurs: Als soziales Wesen ist der Mensch unwahrscheinlich stark vom direkten Erfühlen und Wahrnehmen abhängig. Nichts kann so wunderbar täuschen wie Worte... (sonst würden Buchwelten nicht funktionieren).

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