Das Unikum hinter der Sprache

Als Autorin dachte ich immer, man könne sich in einem Buch so herrlich selbst verstecken. Leser nehmen ja grundsätzlich immer das Falsche für bare Münze. Wer einmal einen Roman in der Ich-Perspektive geschrieben hat, wird das kennen: Keiner glaubt einem, dass ein fiktives Ich eine Erzählfigur ist und nicht identisch mit dem Autor. Ich hatte in Lesungen dann immer den Kalauer drauf: "Wenn ich das wirklich alles selbst erlebt hätte, säße ich jetzt nicht vor Ihnen, sondern im Sanatorium." Und als mir ein lieber Fachkenner beim Testlesen einmal in ein Sachbuch ein "wir" einkorrigieren wollte, fragte ich ihn "Meinst du mich und dich oder nehmen wir noch jemanden mit?"

Kurzum: Man gibt zwar jede Menge Seelenschmalz und Eigenkämpfe in ein Buch, aber Kommissar Wampinger ist nicht sein spindeldürrer Autor - und Autorinnen von Vampirromanen trinken in seltensten Fällen ihre Freunde aus. Dass natürlich keiner einen Vampirroman schreibt, der solche lächerlich findet, ist klar - und schon blüht die Küchenpsychologie wieder - es wird über Knutschflecken und womöglich Unappetitliches räsonniert. Wie gut, dass viele Autoren so naiv sind wie ich, dass sie sich geschützt glauben durch das biss-chen Druckerschwärze!

Als Übersetzerin bin ich nämlich jetzt so weit, dass ich das Gefühl habe, "meinem" Autor unangenehm nah ans Innenleben zu rücken. Ich will das alles gar nicht sehen und gar nicht wissen, ich will eigentlich nur ein Buch möglichst gut übersetzen. Aber dazu gehört eben auch, seine ganz eigene Art von Humor zu verstehen und zu erfühlen; abzuwägen, warum er in einer bestimmten Situation ein Wort verwendet, obwohl ein anderes folgerichtiger wäre. Die Hüllen fallen. Sprache ist um so viel verräterischer als Inhalt! Vor allem, wenn man jeden Tag derart intensiv damit umgeht.

Inzwischen kenne ich seine Lieblingswörter, mit denen er immer dann kämpft, wenn er unsicher wird. Seine Satzlängen und grammatikalischen Konstruktionen ändern sich kaum merklich, wenn er über ein Thema nicht ganz so gut Bescheid weiß oder nicht ganz so überzeugt hinter seiner Aussage steht. Ein Wort verwendet er grundsätzlich falsch - und es gibt in Frankreich einen ganz bestimmten Typus, der dieses Wort so benutzt. Will er dazugehören? Gehört er dazu? Und wenn er dann wieder seinen Punkt eben an dieser Stelle setzt und nicht woanders, dann weiß ich: Aha, jetzt freut er sich wieder, dieser eine Punkt, der feixt ihm förmlich aus dem Gesicht. Wenn bei einer Lesung genau da die Leute klatschen würden, der Mann wäre überglücklich.

Wenn man tagtäglich über Stunden der Sprache eines Menschen (plus einem von ihm geliebten Thema) derart auf die Pelle rückt, fängt man natürlich an, zu abstrahieren. Und so wird der Autor fast selbst zu einer Romanfigur vor meinen Augen. Ich weiß, was er über Frauen denkt und glaube zu wissen, wie er sich ihnen gegenüber verhalten würde. Ich ahne, wie er sich im Café benimmt, welche Zoten er auf Partys reißt, bei was für Menschen er kleinlaut würde, von wem er gern zum Mittagessen eingeladen würde. Ich denke, ich kann hören, was ihm in Kunstausstellungen durch den Kopf ginge, ich kann sehen, wie er Musik hört und ein achtgängiges Menu verdrückt. Ich sehe aber auch vor mir, wo er nur eine Fassade gäbe und spielte, ich sehe, was er vielleicht hintenherum denkt, wann er grinsen könnte.

Ich bin mir bewusst, dass ich mir nur ein Bild mache, ein Bild meiner Fantasie. Aber ich ziehe es aus seinen Ausdrücken, seinem Sprachniveau, der Sprachschicht, seiner ganz persönlichen Art, die Norm zu beugen. Millionen Menschen benutzen ein Adjektiv, aber die Art, es an unvermuteter Stelle im Satzgefüge ausgerechnet so und nicht anders zu verwenden - die ist recht individuell. Vor allem im Französischen, wo ein Wort auch einmal sehr entgegengesetzte Bedeutungen haben kann, ist es spannend zu sehen, warum er ausgerechnet zu dem einen greift - und das meist unbewusst. In einer Sprache, die sich wie in konzentrischen Ringen auf ein Etwas hinzubewegt, um ihm seinen Sinn zu geben, ist es spannend zu sehen, wie sich einer anschleicht, von welchen Seiten er kommt, wie viele Kreise er braucht.

Womöglich tue ich dem Autor mit meinem Bild von ihm im Kopf genauso Unrecht, wie das Leser tun, die Autoren mit ihren Inhalten identifizieren. Aber das, was allein aus der Sprache entsteht, ist um so viel plastischer und lebensechter als jede Romanfigur. Als Autorin macht es mir richtig Angst. Ich glaube, wir haben unseren Übersetzern nicht nur das stillschweigende Ausbessern von Fehlern zu verdanken, die auch das Lektorat übersehen hat. Wir müssen ihnen wahrscheinlich noch danken, dass sie den Mund halten über unsere Marotten und Unschärfen, kleinen Angebereien und heimlichen Lüstchen, die uns mit jedem Wort unbewusst aufs Papier fallen. (Bei den Wortfeilern und Manieristen lassen sich solche Dinge noch leichter herauslesen.)

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