Nachttischgeflüster (1b)

In der sehr losen Reihe "Nachttischgeflüster" richte ich die Kamera auf verborgene Lektürehaufen in meinem Schlafzimmer, die ich kurz vorstelle. Und natürlich gibt es dazu - ebenfalls in loser Abfolge, die Ergebnisse, wie mir denn die Lektüre gefallen hat. Hier kann man sich den Haufen noch einmal mit der Vorstellung der Bücher anschauen. Was ich davon hielt:

Michail Bulgakow. Hundeherz
Lesen, lesen, lesen! Ich bin so hin und weg, dass ich mir all seine leider wenigen Bücher ausleihen werde. Durch eine Fernsehdokumentation erfuhr ich, dass das Buch so parabelhaft und fiktiv gar nicht ist. Tatsächlich hat Bulgakow miterlebt, wie stalinistische Wissenschaftler davon träumten, eine neue "Arbeitsrasse" zu züchten, indem man Frauen mit Affenmännchen und Äffinnen mit Männern paarte. Die Versuche hat es genauso gegeben wie Versuche, eines Tages durch Transplantation mit Tierteilen führenden Kommunisten die Jugend zurückzugeben (die Versuche wurden natürlich an politisch nicht Linientreuen bis zum Tod unternommen). Doch dieses hochpolitische Buch ist zeitlos - man kann durchaus modernen Jugendwahn im Auftrag für eine effektive Gesellschaft und vieles mehr herauslesen. Meisterhaft erzählt!

Truman Capote: Kaltblütig
Ich hatte bereits seinen Roman "Die Grasharfe" empfohlen, was ich hiermit bekräftigen möchte, eine Perle der Weltliteratur, absolut zeitlos. Die Zeit ist leider seinem Roman "Kaltblütig" zum Verhängnis geworden: der Skandal darum ist für heutige Menschen kaum noch nachvollziehbar - aus zwei Gründen. Zum einen dürfte der moderne Krimileser inzwischen reichlich abgestumpft sein, was brutale Serienmorde anbelangt. Selbst ich als leidenschaftliche Krimileserin, die sich zunehmend den hippen Blutpartys in Buchform und perversen Hausfrauenschockern verweigert, bin durch Realität und Fernsehen so abgebrüht, dass ich Capote erfrischend zahm finde. Zum anderen hat ihn die Realität überholt: das für Capote und seine Leser noch völlig undenkbare Ereignis Ende der 1950er ist nicht nur in den USA fast zum Alltag geworden, breitgetreten von den Medien.

Und genau deshalb lohnt sich das Buch trotzdem. Weil es kein Krimi ist, sondern ein Tatsachenroman, ein Gesellschaftsroman. Weil hier einer einen akribischen, damals fast selbstzerstörerischen Journalismus betreibt, den es so heute nicht mehr gibt. Capote hat mit den Mördern wie mit den Betroffenen gesprochen, ging lange in den Todeszellen aus und ein, versuchte, eine Objektivität zu wahren, bei der man spürt - das geht auch ihm an eine Schmerzgrenze. Der Roman liest sich vielleicht nicht mehr so spannend wie einst, vor allem kaum noch skandalös. Aber er fördert einen neuen Skandal zutage, den Capote vielleicht sogar ahnte: Wie wenig wir seither gelernt haben. Und wie nahe die einst empörte und entsetzte Gesellschaft mit ihrer modernen Lust an der Gewalt der Perversion solcher Mörder gekommen ist. Emotionale Abstumpfung finden wir heute auch außerhalb von Todeszellen. Sogar bei Krimilesern.

Paul Auster: Mr Vertigo
Ich weiß nicht, woran es liegt, ich werde mit Paul Auster immer nur halb warm, obwohl ich ihn ganz gern lese. Irgendwann katapultiert es mich aus der rasant gelesenen Geschichte: weil ich die Machart erkenne. Das mag eine Berufskrankheit sein, der normale Leser zum Glück entgehen. Ich auch, wenn mich ein Buch packt. Aber Paul Auster komme ich immer auf den gewissen Trick. Diese Geschichte verlangt dem Leser ab, dass er sich in einem sich als real und fantasyfern gebenden Roman mit der größten Umöglichkeit abfindet: dass der Mensch das Levitieren lernen kann. Damit kann ich leben, also wurde es zu einem Schmöker, den ich nicht mehr aus der Hand legte.

Ungefähr bis zum letzten Drittel, bei dem Austers Trickserei sich selbst erstickt: Er hat nämlich erfolgreich so gut wie alle Sympathieträger und tragenden Gestalten des Romans umgebracht. Als große Tragödie hätte mir der Roman mit einem Schluss an dieser Stelle gefallen. Aber es muss halt leider noch das große amerikanische Happy End sein, also fährt Auster die größten Rundumschläge und Zaubertricks auf, damit es noch einmal richtig dramatisch und dann süß wird. Es gelingt ihm nicht, denn die Persönlichkeitsveränderung der überlebenden Hauptfigur nehme ich dieser nicht ab, nicht nach diesen zwei Dritteln. Und das Feuerwerk ist mir dann einfach zu grell. Solche Happy Ends tun mir weh und verderben nachträglich das ganze Buch.

Barbara Krause: Camille Claudel. Ein Leben in Stein
Wem historische Romane um echte Figuren zuwenig sind und wer kein Sachbuch lesen lag, ist hier genau richtig - es handelt sich um eine "Romanbiografie" in einem erfreulich nüchternen sachlichen Stil, der allerdings auch schon einmal zu knapp gehackt im Klang daherkommt und dann wieder in Gefühlsbeschreibungen davonbraust. Theorien um Camille Claudel, eine der Partnerinnen von Rodin, gibt es viele. Barbara Krause zeigt einen Rodin, der einfach nur weich und unfähig und bequem war, zeigt eine beiderseitige Verstrickung und die Familie Camilles als die eigentlichen Übeltäter, die eine ungeliebte Tochter als angeblich geisteskrank schlicht loswerden wollten. Vor allem der Schriftsteller Claudel, ihr Bruder, kommt nicht gut weg dabei.

Da es sich um einen Roman handelt, bleiben der Autorin natürlich alle Freiheiten und da der Roman 2007 in der anscheinend 14. Auflage erschien, hat ihr das offensichtlich auch niemand übelgenommen. Trotzdem warf spätestens 1989 der Nachlass Rodins ein völlig neues Licht auch auf Camille - und das hätte man sich in einem Buch von 1990 beachtet gewünscht. Leider hatte ich selbst gerade für die Ballets Russes auch Originalzeugnisse zu Rodin recherchiert, sogar Texte von ihm selbst - und fand nun im Roman einen völlig anderen Mann vor. Nicht nur deshalb habe ich das Buch nach der Hälfte weggelegt: Für eine Künstlerbiografie brauche ich persönlich nicht allerhand Liebesleiden und ermüdende Seiten voller Frauenpsychologie - ich besorge mir dann doch lieber die harten Fakten aus Sachbüchern. Über die kann man dann immer noch vortrefflich, aber fundiert streiten.

Colum McCann: Der Himmel unter der Stadt
Wer mich kennt, weiß, dass ich McCann-Fan bin, also jenseits aller Objektivität. Obwohl ich durchaus seine brillanten und weniger brillanten Texte zu unterscheiden weiß. Dieser Roman ist mit "Der Tänzer" das Berührendste, was ich je von ihm gelesen habe. Und auch wenn einem die manchmal etwas zu offensichtliche Symbolik zwischen oben und unten stören könnte - das bemerkt man bei diesem Sog und dieser Sprache überhaupt nicht. Lang nicht mehr dagewesen: Schon das erste Bild (das später eine Rolle spielt) hat mir Gänsehaut verschafft, den Atem genommen und geht nicht mehr aus meinem Kopf. So ging es mir ständig - und das in einer uns so völlig fremden Welt, die man gar nicht mehr verlassen möchte. So fühlt sich Literatur an, die berührt, erschreckt, nachwirkt, sehr lange nachwirkt - und in einer glänzenden Sprache und Gesamtkomposition so leichtfüßig scheinend daherkommt, als habe der Autor sie "einfach nur" erzählt. Worum es geht? Um das LEBEN. In Großbuchstaben.

Sämtliche Bücher sind in der Stadtbibliothek Baden-Baden auszuleihen und sicher auch anderswo.

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