Zahlensalat für SchriftstellerInnen

Aus der eben genannten Studie noch etwas Zahlensalat für Schriftsteller und Schriftstellerinnen, wobei hier ausschließlich die selbstständigen gemeint sind - also jene, die offiziell mit dem Schreiben ihr Leben fristen und inoffiziell diesen Beruf durch allerlei andere Brot- und Butterfahrten querfinanzieren müssen. Deren Anteil steigt nicht so üppig wie beim Film, aber er steigt. Auch für Verlage dürften die Zahlen interessant sein.
  • 2003 schrieben noch 5035 selbstständige SchriftstellerInnen für 2553 Buchverlage. Das macht pi mal Daumen etwa zwei Vollberuf-Schriftsteller, die sich ein deutscher Verlag im Durchschnitt leistete.
  • Für das vergangene Jahr schätzt man 6474 SchriftstellerInnen auf 2723 Verlage. Inzwischen können also 2,4 SchriftstellerInnen pro Verlag von ihrem Beruf leben.
Natürlich sind solche Rechenspiele aus Statistiken mit Vorsicht zu genießen, zumal hier ein Durchschnitt aus Kleinst- und Großverlagen gebildet wird. Es gibt dennoch zu denken, wie wenige der SchöpferInnen und UrheberInnen von ihrer Arbeit überhaupt leben können. Und es gibt zu denken, wenn man sich die Umsatzzahlen dazu anschaut:

2003 betrug der Jahresumsatz aller SchriftstellerInnen 384 Millionen Euro, 2008 etwa 464 Mio E. Die Verlage erwirtschafteten 2003 9697 Mio E und im vergangenen Jahr ca. 10.824 E. Das sind Summen, die man schlecht vergleichen kann, zumal man auf die Anzahl umrechnen müsste. Aber die Diskrepanz zwischen der Überlebensfähigkeit selbstständiger AutorInnen und dem, was durch Bücher erwirtschaftet wird, liegt in den Gesamtaufstellungen der Studie auf der Hand.

Differenzierter wird das Bild, wenn man sich außerdem den Umsatz-Anteil der Buchverlage an der gesamten Kreativ- und Kulturbranche anschaut, den die Studie für 2006 erarbeitet hat. Demnach stellen den Löwenanteil die Kleinstunternehmen mit einem Umsatz unter 2 Mio E dar, Großunternehmen befinden sich in der absoluten Minderheit. Die Diversivität von Büchern wird also in der Hauptsache immer noch von all den Verlagen garantiert, die bei den großen Buchhandelsketten aufgrund ihrer Größe ausgemustert werden!

Die Großverlage (ab 50 Mio E) machen 34 Unternehmen von insgesamt 7723 Verlagen aus. Sie erwirtschaften 55% des Umsatzes der Verlagsbranche. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, das sei der festgeschriebene Triumph des Massenprodukts Buch, die große Zukunft. Schaut man genauer hin, stemmen jedoch gerade die kleinen Unternehmen enorme Anstrengungen mit Erfolg. Die Verlagsgröße sagt also zunächst einmal nichts darüber aus, wie viel Qualität, welch breites Spektrum mit doch gutem wirtschaftlichen Erfolg gerade von Kleineren erwirtschaftet wird:

Die Kleinstunternehmen unter den Verlagen liegen beim Anteil am Umsatz der Branche nämlich fast gleich (16,7%) mit den mittleren Unternehmen (17,2%)! Am schwersten tun sich eigenartigerweise nicht die Kleinstunternehmen, sondern die kleinen Unternehmen (bis 10 Mio Umsatz) - sie tragen aber immerhin 11% des Buchmarktes. An der Anzahl der Unternehmen selbst kann es nicht liegen, wie ein Blick in die Studie zeigt.
Sie beweist damit auch deutlich, wie gefährlich es für die Zukunft des Buchs ist, wenn Kleinstunternehmen vom Buchhandel, dem Feuilleton und anderen Medien nicht mehr ausreichend wahrgenommen werden!

Und was verdienten selbstständige SchriftstellerInnen 2006?

Das Bild gleicht dem aller anderen schöpferischen Berufe in den Künsten. 0,5% aller selbstständigen SchriftstellerInnen verdienten über eine Million Euro brutto im Jahr. Das sind 27 Personen in Deutschland.
0,5-1 Mio Euro verdienten 43 SchriftstellerInnen
250.000-500.000 verdienten 177 Schriftstellerinnen
100.000-250.000 verdienten 772 ShriftstellerInnen
50.000-100.000 verdienten 1419 SchriftstellerInnen
17.500-50.000 verdienten 3477 Schriftstellerinnen.

Das Gros der selbstständigen SchriftstellerInnen verfügt also über ein Brutto-Montseinkommen von 1458 - 4167 E im Monat. Wie die Studie zeigt, machen die Selbstständigen jedoch den geringsten Anteil unter den SchriftstellerInnen aus! Das bedeutet nach Adam Riese, dass der Großteil deutscher AutorInnen mit sehr viel weniger als 1458 Euro Brutto im Monat überleben muss.

Und noch ein Vorurteil wurde von der Studie aufgeräumt: Es gibt immer noch mehr Schriftsteller als Schriftstellerinnen. Der Anteil der Frauen hat sich seit 2000 kaum merklich erhöht. Die Studie verweist außerdem darauf, dass der Anteil der Frauen - ähnlich wie in anderen Wirtschaftszweigen - im unteren Lohnsegment am höchsten ist und Schriftstellerinnen im Schnitt weniger verdienen als Schriftsteller.

Mögliche Rechenfehler bitte ich zu entschuldigen - die Studie ist ja für jeden einsehbar.

Kommentare:

  1. Albtraumfördernd. Danke ;)

    Übrigens, laut meinem netten (wirklich, er ist nett) Verdi-Anwalt, der mir gerade bei Textklauereien hilft, wird derzeit das durchschnittliche Einkommen von Autoren und Journalisten im Mittel auf 1200 Euro geschätzt, wobei er nach meinem Einspruch zugab, dass man davon ausgehe, dass das Gros wohl nicht mehr als 600-800 Euro derzeit im Monat verdient.
    Stimmt.
    Hatte diese Woche zB einen Riesentanz mit einem Verlag, der DREI Bücher mit mir machen wollte, nein, er will noch. Ich will aber nicht mehr. Kein Vorschuss und nur 8% nach Abzug der Verlagskosten incl. Grossistenrabatte und WErbekosten und 2% für Grafiker und ... ach was, ich hab abgelehnt und baue auf den Trend Hörbuch/eBook. Er wird den Verlagen Ähnliches bescheren, wie es dereinst der Musikindustrie geschah. Diese Ungläubigen!!!
    Ha!
    Dieses Mal bin ICH schneller ...

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  2. Ohne öffentlich in Details gehen zu wollen - ich staune derzeit ebenfalls, welche unmöglichen, ja unverschämten Konditionen KollegInnen klaglos schlucken, nur um überhaupt zu veröffentlichen! (Weil sie leider glauben, man sei weg vom Fenster, wenn man unlautere Angebote ausschlage oder Verträge verhandle).
    Dabei gibt es ja inzwischen diesen "Mindestvertrag", zu dem sich die meisten größeren Verlage bereit erklärt haben und der die Mindesthonorare angibt. (Findet sich bei Mediafon, ich habe den Namen vergessen).

    Ich mache übrigens ähnliche Erfahrungen: Kleinere Verlage sind schneller, innovativer und mutiger als viele der Riesen. Müssen sie allerdings auch sein, denn mit Massenware und Dauerkonferenzen würden sie gleich untergehen.

    Was mir Sorgen macht, ist die Entwertung von Text überhaupt. All die Nebenjobs, mit denen sich ein Schreibender über Wasser hält, sind ja auch immer mieser bezahlt.
    Beliebter Spruch bei PR: "Ach, na machese so'n Artikele, wo was lobt? Ich glaub, des kann mei Sekretährin au. Die wo ich sowieso zahl."

    Oder Übersetzungen: "Ja nee, des macht Arbeit? Do wolle se Geld pro Wort? Wissese, mei Tante Erna kann Elsässisch, des isch fascht wie Deutsch, die macht des und dann könne se doch drübergucke, mir trinke dann au en Kaffee zamme, gell!"

    Ich möchte meinen Bäcker oder die Stromversorger sehen, wenn ich mit einem schönen heißen Kaffee zahle!

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  3. Kurzer Hinweis: Eigentlich ist es noch deprimierender, was die Einnahmezahlen angeht, denn die Prozentzahlen der Verdienste beziehen sich lediglich auf freie Schriftsteller, die über 17.500 Euro verdienen. Das heißt, nicht 0,5% aller freien Schriftsteller verdienen über 1 Millionen Euro, sondern 0,5% der freien Schriftsteller, die sowieso über 17.500 Euro verdienen.
    Wenn ich das richtig verstanden habe, sind die 6.000+ freie Schriftsteller aber alle, die als solche registriert sind, sprich, auch Leute, die unter den jährlichen 17.500 Euro bleiben. Zumindest habe ich das so aus der Studie herausgelesen.

    Und die Daten sind zudem auch vor Steuern, oder (auch wieder: das habe ich so verstanden, ich habe das jetzt auch nicht 100%ig genau gelesen)?

    Vielleicht irre ich mich da auch. So oder so sind die Zahlen nicht gerade Anlass für Freudensprünge.

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  4. @Elena
    Ich habe diesen Kommentar leider erst jetzt entdeckt: ja, die Rechnung stimmt, die Zahlen sind natürlich vor Steuer und Abgaben.

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